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Zwiesprachen IX: Marion Poschmann über Catharina von Greiffenberg

KIOSK/antimon/LPM > Veranstaltungen



Katharina Kohm


Zwiesprachen IX
Marion Poschmann & Catharina Regina von Greiffenberg




Das doppelte Interesse, das die Reihe Zwiesprachen im Lyrik Kabinett weckt, resultiert daraus, dass man einerseits etwas über zwei Autoren erfährt, und zum anderen erlebt, in welcher Art eine Auseinandersetzung mit der Vorlage stattfindet. Zwiesprache wird an sich von einer gegenwärtigen Position in Richtung der früheren gehalten. Es liegt also am Vortrag, wie sie sich ausgestaltet und auch an welchen Stellen Verbindungen, Brückenschläge erfolgen. Durch dieses Brennglas begegnet das Publikum beiden Personen.  

Sich in Beziehung zu einem Werk zu setzen und diesen Prozess in einen Vortrag zu überführen, der nachvollziehbar ist, erscheint eine Aufgabe, mit der die Autorinnen und Autoren ganz unterschiedlich umgehen. Häufig sind biografische, meist aber motivische und metaphorische Verbindungen entstanden wie beispielsweise beim Vortrag von Mirko Bonné zu John Keats oder Katharina Schultens zu Marina Zwetajewa.
Waren diese Vorträge motivisch und biografisch geleitet und dadurch das Werk beider Dichter ineinander verschlungen, sodass sich Korrespondenzen und Resonanzräume ergaben, so hat Marion Poschmann für ihren Vortrag eine sachliche Distanz gewählt.


Ihre Veranstaltung ähnelte einem Seminar, eröffnete dem Publikum eine Bildungsreise in das Werk der Barockdichterin Catharina Regina von Greiffenberg, die heute wenig gelesen wird. Als Aufklärungsarbeit und Bildungsauftrag ist es darum zu verstehen, dass sich Marion Poschmann selbst aus dem Vortrag über Greiffenberg entschieden und konsequent ausklammerte. Dies scheint auch dem Inhalt geschuldet, da sich eine Auseinandersetzung mit Barocklyrik ohne Distanz der Gefahr aussetzt, artifiziell und kitschig zu wirken, und dies beinahe unmöglich machen würde, authentisch zu bleiben, ohne ein seltsames, schiefes Gebilde aus Wortgirlanden zu hinterlassen. Allerdings wäre es auch eine spannende Herausforderung gewesen, an solchen Stellen Brücken zum eigenen Werk zu schlagen.

Doch war Poschmanns durchstrukturierter Vortrag durchaus authentisch, da ihre Vorgehensweise stark mit dem eigenen Werk korrelierte, klar bezeichnete Lehrgedichte zu verfassen, bspw. in dem jüngst erschienenen Band Geliehene Landschaften (Suhrkamp 2016), wo verschiedene Betrachtungsmodi des Gartenbaus vorgestellt werden. Der Band ist zugleich ein ästhetischer Spaziergang durch die globalen Kulturtraditionen.  

Auf der inhaltlichen Ebene war die Veranstaltung also einem besonderen Aufklärungsstreben geschuldet, durch die Zeitgeschichte Vergessene oder wenig Gelesene zu aktualisieren und wieder in Erinnerung zu rufen, was eine wichtige und nötige, ja längst überfällige Arbeit ist, die zu vertiefen, aktuell aber mancherorts auch geleistet wird. Um diese fast vergessene Dichterin des Barock zu vergegenwärtigen, erhielt der Vortrag als visuelle Komponente zunächst ein Portrait.

Greiffenbergs Werk ist mit christlichen Topoi strukturiert und gerahmt, was in der Lyrik des Barock durchaus üblich war. Interessant dabei, dass sich die Dichterin ihr Leben lang in einem religiösen Spannungsfeld befand. Als Protestantin lebte sie zur Zeit der Gegenreformation in Österreich und versuchte sogar mehrfach, in dieser ohnehin schon schwierigen Situation, den Kaiser in Wien zum Protestantismus zu bekehren. Bis zu ihrem Tod lebte sie dann ab 1679 im Exil in Nürnberg.

Bewundernswert erscheint daher, wie sich Greiffenberg mit ihrer Dichtung ein beinahe unantastbares Selbstbewusstsein aufbaute, gerade auch in ihrem Exil in Nürnberg – sie war davon überzeugt, mit der Stimme Gottes zu sprechen, vom Heiligen Geist beseelt, durch ihre Dichtung Mittlerin zwischen Gott und den Menschen zu fungieren. Auf den zweiten Blick erscheinen so ihre mystischen Gedichte als ein Zeugnis nicht einer manierierten, sondern einer radikalen Haltung, die sich teilweise in einer geradezu modern anmutenden Wahl der Redemittel niederschlägt, den zeitbedingten Konventionen widersprechend.

Dieses Selbstverständnis gründet und legitimiert sich laut Poschmann in einem individuellen und religiösen Erweckungserlebnis, einer Lichterfahrung, die auch Greiffenbergs Dichtung bestimmt. Im Vergleich zu Gryphius etwa bleiben ihre Gedichte dem Ewigen zugetan und sprechen sich diesem einerseits zu, wollen das Lichthafte andererseits aber auch beschreiben und vermitteln.

Doch der Anspruch einer Vermittlung dieses unbegreiflichen, unantastbaren Lichthaften provozierte immer wieder Sprachkrisen, das innerlich Erlebte nicht adäquat ausdrücken und widerspiegeln zu können, was wiederum stark an die Sprachkrise der Moderne erinnert.

Uber das unaussprechliche Heilige Geistes=Eingeben!

DV ungeseh'ner Blitz / du dunkel-helles Liecht /
du Herzerfüllte Krafft / doch unbegreifflichs Wesen
Es ist was Göttliches in meinem Geist gewesen /
daß mich bewegt und regt: Ich spür ein seltnes Liecht.
   Die Seel ist von sich selbst nicht also löblich liecht.
Es ist ein Wunder=Wind / ein Geist / ein webend Wesen /
die ewig' Athem=Krafft / das Erz=seyn selbst gewesen /
das ihm in mir entzünd diß Himmel=flammend Liecht.
   Du Farben=Spiegel=Blick / du wunderbundtes Glänzen!
du schimmerst hin und her / bist unbegreiflich klar
die Geistes Taubenflüg' in Warheits=Sonne glänzen.
   Der Gott=bewegte Teich / ist auch getrübet klar!
es will erst gegen ihr die Geistes=Sonn beglänzen
den Mond / dann dreht er sich / wird Erden=ab auch klar.


Die lichtreziproke Bewegung und das eigene Erweckungserlebnis, die Epiphanie, die sich in der Lichtmetaphorik ausdrücken, scheinen für Greiffenbergs Poetik zentral zu sein. Die sich in der Dichtung, aber auch in der Landschaft, wiederspiegelnde Teilhabe, eine sich an Glanz und Abglanz orientierende sprachreflexive Bewegung innerhalb des Gedichts, verweisen dabei auf die Sprache spätantiker, neuplatonischer Philosophen.

Das mystische oder, wenn man will, höhere Ziel der Dichtung sei, laut Poschmann, dadurch mit dem Höchsten oder dem unsagbar Einen eins zu werden, was ein ständiges Scheitern und nochmaliges Ansetzen zur Folge hat. Andererseits scheint der Ort, wo sich die durch das Licht legitimierte Stimme ihren Ausdruck verschafft, zugleich die Schwelle zu sein.

1662 erschien in Nürnberg Greiffenbergs Band Geistliche Sonette, Lieder und Gedichte. Diese Andachtstexte wurden zu ihren Lebzeiten mithilfe ihrer Freunde und Wegbegleiter Sigmund von Birken und Johann Wilhelm von Stubenberg herausgegeben. Alle drei gehörten einem poetischen Zirkel protestantischer Adeliger an, der Ister-Gesellschaft.

Der Band beginnt mit einem Kupferstich, der während des Vortrags neben anderen Beispielen gezeigt wurde, ebenso die erklärenden Zeilen von Greiffenberg dazu.



Erklärung des Kupfer Titels
»Den edlen Dichtergeist / schickt Gottes Geist herab.
der Kunst Klang und Gesang / ist hoch- und wolgebohren:
den Himmel hat er ihm zum Vatterland erkohren.
allda er Gottes Lob dem Engel Chor eingab.
des Himmels Gegenhall und Echo / sey die Erde:
sie lobe Gott mit dem / womit Er labet sie.
Der Thon / zu Gottes Thron sich schwinge spat und früh:
die Leyr / kommt Himmel-ab / und wieder himmlisch werde.
Diß zeigt uns dieses Buch. Der Andacht Himmelbild
spielt Gott zu Ehren auf / schickt Ihm die Flammen wieder /
die sie von Ihm empfieng / und dichtet Engel-Lieder.
Die Davids-harffe / hier Deboren Finger fühlt.
Hier singt Uranie / die vom Berg Sion steiget.
Weg mit dem Helikon! ihr andern Musen / schweiget!
doch lasset / wie ihr thut / in einen Felsenstein /
zu ewiglichem Ruhm / diß Werk geschrieben seyn.«


Die Methode, Kupferstiche mit Lehrgedichten zu verbinden, vom Visuellen hin zur poetischen Reflexion und Betrachtung, mag die Brücke zum eigenen aktuellen Band sein, aus dem Marion Poschmann zum Abschluss des Abends das Gedicht: Kindergarten Lichtenberg, ein Lehrgedicht vortrug. Diesem wurde ein Passus von Gottfried Wilhelm Leibniz vorangestellt:

»Ich erinnere mich, daß eine hohe Fürstin von feiner Geistigkeit eines Tages bei einem Spaziergang in ihrem Garten sagte, sie glaube nicht, daß es zwei vollkommen gleiche Blätter gäbe.«¹


Und in dem Gedicht Kindergarten Lichtenberg, ein Lehrgedicht heißt es:

»VII

Denke dich als den Traum eines Baums, jenes nichtigen
aus den Rissen im Putz, die sich weiter verzweigen.
Als ein gezähntes, sagen wir, hellblaues Blatt, das diffus
durch die Straßen trudelt, eventuell traurig, verschaukelt
zwischen Paradeseligkeit, Einheitsbrei. Du gehst im
Sportfell, sterilisiert die real existierenden
Paradiese des Stils, denk dich ein Alibi haben und
gleichzeitig keins. Erweise dich leichthin als beides, sei
Humus, gib aber auch harte Signale wie Marder, die Kabel
zerbeißen. Mit gleichem Nachdruck Betonkopf und Blatt
aus dem Garten des Volkseigentums, mit dem gleichen
Nachdruck, das heißt: sei der Traum und die Realität,
sei utopisches Potential, sei Gartengerät.«
²



¹  Gottfried Wilhelm Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Von den Ideen: Was Identität oder Verschiedenheit ist, zit. aus: Marion Poschmann: Geliehene Landschaften, S. 19

²  Marion Poschmann: Geliehene Landschaften, S. 27.

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