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Poesie-Matinee

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Poesie-Matinee



Am 23. Februar 2014 begann um 11 Uhr in der Bibliothek des Literaturhauses die Lesung jener vier Lyriker, die abends vorher mit zur Finaljury des Lyrikpreises München gehörten.

Doch zuerst ein Überraschungsgast: Birgit Kreipe aus Berlin las ein paar Gedichte aus ihrem Zyklus „nachts rücken die scheunen zusammen und werden zahm“, mit dem sie gerade den Lyrikpreis München gewonnen hatte.


Birgit Kreipe


Wolfram Malte Fues
, Lyriker und Professor für Neuere Deutsche Literatur- sowie Medienwissenschaft aus Basel, folgte ihr ans Pult und trug einen Querschnitt aus seinen vier Gedichtbänden vor, zum Beispiel:

On Tour
(…)
Im Allerheiligsten
Gehen die Lichter an
werden gedimmt.
Der Barkeeper rückt die Fliege nach Art
des Herrn der Fliegen zurecht, streicht
ein Federchen Taubenverstand
von den Knöpfen der Clubjacke, sieht
ein letztes Mal nach
ob die Echtheitsstempel der elf
Preis steigernden Sorten Tequila
echt genug aussehen.

(Aus: dual digital. Gedichte. Passagen Verlag 2011)


Fues‘ Anspruch, was heutige Lyrik betrifft, erklärt sich am besten aus seinem Essay „Lyrik heute“: In der gegenwärtigen Gesellschaft dürfe sich ein Gedicht nicht einfach nur widersetzen, sondern es habe Sand im Getriebe zu sein, „durch Verschiebung Verdichtung Verbiegung (…) Verführung wie Verwirrung, Verführung zur Verirrung.“

Wolfram Malte Fues


Als nächster war Àxel Sanjosé an der Reihe, der katalanische Lyriker in München und Lehrbeauftragte am Institut für Komparatistik der LMU. Er las aus seinem dreiteiligen Band "Anaptyxis" das letzte Kapitel vor, unter anderem das Gedicht:

Am Gestade

Halbselbst
und nichts mehr trübt
die Außenheit
der ich, die ich
betäubt und unheilbar
selbstähnlich
niederkniet
blüht aus.

Lösch das Wasser in mir,
diese Unheit.

Die konzentrierte Poesie Sanjosés, der Forderung nach einer „Tropen- und Rätselsprache“ (Novalis) entsprechend, verwebt ihre Motive nach Art einer „orphischen Entfaltung“, wie sie schon Stéphane Mallarmé gefordert hatte – in "ausdrücklich gewolltem Dunkel das verschwiegene Ding beschwören mittels anspielender nie direkter Worte."

Àxel Sanjosé


Nach der Pause entführte Florian Voß, Lyriker und Herausgeber aus Berlin, mit seinem neuen Band „In Flip-Flops nach Armageddon“ das Publikum zu der Schwelle (wohl Berlin), wo Dante ihn in das Höllische einweist.

12. (Erstes Zwischenspiel in der Hölle)

Dann nahm mich Dante an die Hand
und grinste wie ein alterslahmer Wolf
(Rotkäppchen, süßes Schnäppchen
Kaufhausköter ist dir auf den Blutschwammfersen
es tappt der Kaufhausdetektiv ins Fettnäpfchen
das ist gefüllt mit Fieberzäpfchen)
Er rasselte mit seinen Schlüsseln
und führte mich hinab zum Tor der Hölle
da steckten rote Lichterketten dran
(O, Tannenbaum, du hast mich einst
im Wald erstochen mit deinen Nadeln
aus rostfreiem Offiziersstahl)
Und alles blinkte, orgelte und schrie
aus hochhaushohen Kenwood-Boxen
„Nur einen Euro in den Schlitz“, rief es
„und der Erlebnispark steht offen“

Gemäß der „Göttlichen Komödie“, wo es Vergil mit Dante tut, wird der Dichter hier von Dante geführt, diesmal durch ein endzeitliches IT-Szenario, der Apokalypse entlehnt und deren mittelalterlichen Bildern. Hendrik Jackson nennt in seiner Kritik den titelgebenden Zyklus „eins der schrillsten Lyrikkapitel der letzten Jahre.“ Allerdings, so Jackson, fast gemütlich durchgeknallt, „in Flipflops eben.

Jayne-Ann Igel schreibt in ihrer Rezension: „Für Voß scheint es überhaupt kein Problem, die künstlichen (virtuellen) und Kunststoffwelten, die mittlerweile unsere Wirklichkeit dominieren, zu poetisch erfahrbaren zu machen resp. sie in diese sprachliche Verdichtung einzubeziehen.


Florian Voß


Zuletzt kam Carl-Christian Elze zum Vortrag. Er las Gedichte aus „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“, seinem 2013 erschienenen Gedichtband, in dem sich auch die Texte befinden, mit denen er 2010 den ersten Lyrikpreis München (zusammen mit Lisa Elsässer) gewonnen hatte.

die kampfflieger über den klippen sind ein schönes paar
sie fliegen langsam, was nicht leicht ist, ihre bäuche blitzen.
ich habe mich schwindlig gerieben letzte nacht & schmutzig.
ich kann keine schwäne mehr sehen, diese köchinnenhälse.
ich liebe dich längst, weil mein kampfflieger abgestürzt ist.
er flog viel zu langsam am meer & die strömung riss ab.
man kann auch in den wellen seine knochen verlieren.
manchmal bin ich schön, wenn der mond blutig aufgeht.
in den taschen trag ich ausgestorbene tiere mit mir herum.
eines tages werde ich auferstehen mit der macht einer wolke.

Carl-Christian Elze

Fotos: Josef Rohrhofer


Schließlich öffnete Elze dem Publikum einen Blick in seine neueste Arbeit, einen Zyklus über den Tod eines Freundes, den mitzuerleben für den Dichter schwer zu verkraften war und dessen poetische Aufarbeitung noch nicht ganz abgeschlossen ist. Er las ihn vor Publikum zum ersten Mal – dennoch gelingt es Carl-Christian Elze immer wieder - trotz schmaler Gratwanderung zwischen Sujet und Pathos – Gefühle so zu verdichten, dass sie weder sentimental, noch trocken-kalt wirken, gelegentlich aber einen metaphysischen Raum spaltbreit öffnen.


KK


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