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Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs

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(c) Zuß, 20.11.2021 Werkherrschaft (Berlin)
Konstantin Ames:

Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs


Es ist eine Zahl, die mich zuerst darauf brachte – und Zahlen achten wir doch alle über alles; es ist die Zahl 600: Das ist die Zahl der Einsendungen zum Jahrbuch der Lyrik 2021; sie findet sich im Schutzumschlag dieser „bedeutendsten jährlichen Sammlung neuester (!) deutschsprachiger Gedichte“. – Aus Hochachtung vor den Kollegen Bonné, Kraus und Callies tat ich etwas, das ich mir geschworen hatte, nicht mehr zu tun. Ich schickte Poeme zum Lyrikjahrbuch; ein performatives Gedicht (2019), ein Fakesonett (2020) und eine semantische Übersetzung (2021). Alle drei Dingelchen kamen nicht auf den „Nein-Stapel“ (Chr. Buchwald), sondern wurden abgedruckt. Als ich ein Jahrzehnt zuvor in zwei Jahrbüchern (2008f.) vertreten sein durfte – und deshalb brachte mich die Zahl 600 ins Grübeln – las man in den Nachworten von Uljana Wolf und Ulf Stolterfoht von einer jeweils vierstelligen Zahl an Einsendungen … 9000 …  8000 … Ein Jahrzehnt später haben wir es mit einem Gutteil Einsendungen weniger zu tun. Selbst wenn alle Einsender die maximale Zahl von zehn Gedichteinsendungen ausgereizt haben sollten, wären zum amtierenden Jahrbuch nicht mehr als 6000 Einsendungen eingegangen.

Für die folgenden Fingerzeige verwende ich aus Gründen der Sprachökonomie und -ästhetik das generische Maskulinum; jede* und jeder* sind von Herzen gemeint.

Das JbdL wird an eine Institution übergeben, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Auslese zu betreiben. Ich meine nicht den Akt des Auswählens, ich meine gezielte Elitebildung, und die dazu passende Attitüde mit allen Unerfreulichkeiten für  a l l e  Beteiligten. Diejenigen, die nicht ganz so frisch dabei sind, werden sich wahrscheinlich erinnern: Anfang der 2010er war aufs Jahr gerechnet von höchstens etwas mehr als einem Dutzend Neuerscheinungen an Gedichtbänden die Rede. Der so sprach, Thomas Wohlfahrt, wurde aufs schönste beschieden von Michael Gratz. Eine kurze Zeit nach dieser Affäre wurden die Neuerscheinungen tatsächlich alljährlich dokumentiert; in der Zeitschrift Gegenstrophe. Es gibt sie nicht mehr. Es gibt stattdessen eine Liste mit Adelspatenten, die Lyrik-Empfehlungen. Es hätte geben sollen ein Zentrum für Poesie. Es nennt sich dieses Zentrum „i. Gr.“ mittlerweile: Haus für Poesie; was m.E. nichts anderes ist als die griffige Kurzform für: Haus für Freunde des Hauses für Poesie.

Das Lyrikjahrbuch wird ab Ausgabe 2022 vom einzigen umgänglichen und patenten HfP-Mitarbeiter, von Matthias Kniep, und – für die genannte Ausgabe – von Nadja Küchenmeister, Schöffling-Autorin, editorisch bzw. co-editorisch betreut. Auch die zuvor genannten, durchweg schätzenswerten, Kollegen Bonné und Callies sind bei diesem Verlag. Der bis vor kurzem im Vergabegremium des Literaturfonds sitzende Verleger Klaus Schöffling profitierte demnach selbst davon, von ebendiesem Fonds gefördert zu werden. Natürlich deckte das nur die Kosten. Klar. Ein kräftiges Gschmäckle hatte diese mühelose Beschaffung von kulturellem Kapital (Bourdieu) für mich gleichwohl. Pro domo war früher (nicht lange her) richtig unsäglich. – Wo blieb der Aufschrei der Nepotismus-Watch, der 2013 so prompt erfolgte, als die Generation Sunnyboy in diesem Forum kritisch beguckt wurde?

Lyrik ist ein family business geworden. Die Zuständigkeit dafür liegt nicht bei der BKM, wirklich nicht, sondern beim Wirtschaftsministerium – Abteilung Mittelstandsförderung. Auch von daher nimmt das Interesse an der Sparte Lyrik beim kunstsinnigen Teil der Republik ab: Freunde stellen Freunde vor, nichts sonst. Wer will wissen, wer warum wen wie sehr mit welchen Mitteln mag? Es wird solche Zentralisierungsversuche weiterhin geben, aber nie ein Zentrum. Großmannssüchte enden mit zuverlässiger Publikumsverödung. Poesie heute krankt daran, dass institutionalisierte Elitelangweiler eine ganze Sparte in Verruf bringen. Und nicht selten versuchen die institutionalisierten Häuser die freien Szenen zu nützlichen Handlangern zu machen. Als säße man im selben Boot …

Brisant wird diese Beobachtung nun erst recht in Verknüpfung mit der Frage: Warum päppelt ein demokratisch verfasstes Gemeinwesen überhaupt so etwas wie eine Königsdisziplin – finanziert also im Grunde verkappte Demokratieverachtung? Spitzenlyrik in Deutschland ist weiß und bürgerlich, eben homogen hochdeutsch und allzeit karrierebereit. Cliquistische Identitätspolitik („wehrhafte Poesie“) scheint auch diese Aspekte aus den Augen zu verlieren.

Mir kann es mit dem Ableben der Lyrik gar nicht schnell genug gehen. Leider werden immer neue Lebenserhaltungsmaßnahmen eingeleitet. Schwieriglyrik, Tierlyrik, Hörlyrik. Ob das nun klimatisch oder antiklimatisch ist, sei jedem selbst anheimgestellt. Die drei eben genannten Peaks sind jedenfalls unter dem Rubrum „Interessantismus“ unterzubringen. So lässt sich Förderkohle auf scheinbar ganz natürlichem Weg herbeischreiben. Vielleicht ist das auch eine Art Nature-Writing …

Man wohnt einer Farce bei. Alle Beteiligten wissen, dass es kein nennenswertes Publikum für Lyrik mehr gibt. Von daher ist der schelmisch-rhetorische Aufwand zu erklären, mit dem Kritiker des lyrischen Einerlei von vornherein ins kommunikative Abseits gedrängt werden sollen:
    „Ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?“ – Ein klasse Lehrbeispiel in Sachen Normalismus. Selbstgenügsamer ist hierzulande nur das Filmförderwesen.

Um einige heroisierte Beuysʼ and Girls ist eine Entourage entstanden. Eine Legitimation dafür kann aber nicht durch Gunstbezeugungen und die ständige Förderung derselben vier, fünf Nasen geschaffen werden; einfach weil das System Kunst nicht nach sympathisch/unsympathisch codiert ist, sondern nach neu/kitschig. Alles andere ist ein Rückfall in die Zustände der Gruppe 47, oder waren sie nie vorbei? Warum bringt der Dlf am 6. Mai 2021, den sich die Dichter Christian Morgenstern, Franz Mon und Erich Fried als (runde) Geburtstage teilen, zwei Beiträge zu Fried, aber jeweils 0 („null“) zu Mon und Morgenstern? Ist Sehereiauskunftei unbedingt wichtiger als überbordende Kreativität und poetischer Humor?

Die Rede von einem Lyrik-Boom trifft durchaus zu, bloß: Lyrik hat in der beschriebenen soziokulturellen Konstellation nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern ist ein fast durchgängig verfilztes Kulturkapitalisierungsräderwerk. Lyrik hat aufgehört, eine präzise Gattungs-bezeichnung zu sein, sie selbst ist zum Problem geworden. In der Gleichsetzung von Lyrik mit Poesie ist im oben skizzierten Kontext das Wort Lyrik zu einem Schibboleth geworden. Wer es verwendet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er zur Kunstgentrifizierung bereitwillig beiträgt. Das ist opportun, aber – aus Sicht eines Kunstfreunds – so unappetitlich wie jene bräsige Wortmeldung, die „Lyrik“ und „Körperhygiene“ und „Benehmen“ und „perfekte Umgangs-formen“ in einen Satz drängte. Es handelt sich dabei um den bisher größten anzunehmenden klassistischen Ausrutscher.

Denis Scheck wusste sicher, was er tat (so sein claim), aber ich vertraue ihm und seinen Fließbandmeinungen nicht. Deswegen leide ich aber noch lange nicht – wie es ein Meme der Tempelwächter suggeriert – an einer „Aufmerksamkeitsstörung“. Dieses kleinkarierte gatekeeping-mindset tröpfelt allmählich in die unteren Ränge hinab: Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien verloren? Wer selbst zu 100 % von Förderungen abhängig ist, kann kein unabhängiges Urteil fällen, sondern wird seine Entscheidungen strategisch treffen (müssen). Das ist dann keine Kunstförderung mehr, sondern institutionalisierter Tribalismus. Ein feste Burg ist unser Kook! Keiner hasst wirklich Gedichte, aber  d i e s e  Lyrik ist ein Eliten-projekt für Claqueure und Adepten.

Wer nicht in der Lage ist, vier Jahre ohne Staatskohle weiterzumachen, ist kein Dichter. Wer drei Stipendien und einen Förderpreis braucht,  b e v o r  er debüthalber aus dem Knick kommt, soll nachhaltiger handeln lernen. Das steht schon im Biosupermarkt um die Ecke an der Kasse: „Mehr als genug ist zuviel“. Klare und faire Regeln braucht das Kunstspiel, sonst ist es kein Spiel, sondern nur das arme Lieschen Leben, das es sowieso schon gibt. Ich schneide Fotos der letzten unbelehrbaren Leichenanspitzer aus, klebe sie in den Neckermannkatalog, den es auch nicht mehr gibt.

Eine ganze Lyrik-Generation steht in den Startlöchern. Sie wird nichts zu sagen haben. Wie die Generation zuvor. Gebt diesen „einzigartigen“ Subjektivitäten (Darmstadtjury) Geld. Am meisten denen, die am gründlichsten schweigen; völlig rille, ob en plein air oder downtown. Und die wortbrüchigen Verdachtsmomente müssen blechen, aber so richtig.

Man wird noch träumen dürfen: Dringlichkeitssimulationen (aktuell: Anthropozän) werden als das behandelt, was sie sind, als Ausreden von Leuten mit Geltungsdrang, nicht therapierter Infamie und Drittmittelbedarf. Noch mehr trotziger Optimismus: Die ersten Dichter, die Preise ablehnen werden, sind schon geboren. Dann stirbt König Lyrik endgültig. Übernehmen wird das Volk der Poesien.

Nur ein Narzisst guckt vom Podium auf die Mitfinalisten herab, und strahlt oder heult fette Tränen in die Pressekameralinse, so gerührt ist er von sich selbst …  jeder halbwegs selbstkritische Mitmensch kommt im Fall des Bepreistwerdens ins Grübeln. Ich bin als Preisträger Teil des Problems, wenn ich auch nie die Dummdreistigkeit besaß, einen leer ausgegangenen Mitbewerber zu fragen: „Naaa, wie fühlst du dich jetzt?“ Umgekehrt sind mir diese und manche andere Kleinbürgerlichkeiten schon begegnet …

Preise sind als Mittel der Poesieförderung völlig ungeeignet. Es ist an der Zeit, Teil der Lösung zu werden; gerade angesichts des sich nur vermeintlich auflösenden Kulturstaus.


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