The schönste Architektier of Lengevitch - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

The schönste Architektier of Lengevitch

Veranstaltungen / antimon





Dämon der Selbstüberraschung



Die Lesung im Lyrik Kabinett am 23.01.2014 stand unter dem Motto „Der doppelte Horizont“, unter dessen zwiefach gespanntem Dach die renommierten Autorinnen Sabine Scho und Uljana Wolf ihre neuen Gedichtbände vorstellten, auf ihrer Lesereise von Stuttgart aus. In München moderierte die hiesige wortgewandte, sachkundige Lyrikerin Karin Fellner.¹

Wie sich herausstellte, war der Titel, der die beiden Bücher vereinen sollte (The schönste Architektier of Lengevitch), eine Idee des Kabinetts, zu der die Dichterinnen sich nicht äußerten.

Uljana Wolf begann aus „Meine schönste Lengevitch“ (Rezension von Jan Kuhlbrodt) mit Gedichten von „Bricklebrit², dem ersten Kapitel des Bandes, zum Beispiel:

 

doppelgeherrede


ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln. an der garderobe bekam jede eine zweitsprache mit identischen klamotten, leicht gemoppeltes doppel. Die spiegel aber zeigten nur eine von uns, ich schluckte: kalte spucke, spuk. hinten hoppelten wortkaninchen aus ashberys hut. (…)

Karin Fellner sprach von Wortmagie, Unruhe in der Sprache, faltendem Schwanken. Manches, u.a. die „rede mit aufgepicktem wort“, Friederike Mayröcker gewidmet, ließ immanent Verzauberung erkennen, jenseits der Worte und des Inhalts:

 

bricklebrit steht ohne reiter da, ruckt sich nicht, ein ungelöstes riddle. sieh genau hin: die glider rideren im! spuren im schnee, formen mit schartigen rändern, irgendwie gabeln – die naturmagische kolonne deutend darüber gebeugt. Zupft hier und da nebelschwaden hinzu, doch ob die weiterhelfen, (…)


Sabine Schos
Tiere in Architektur“ (Rezension: Jan Kuhlbrodt) ist zu einem guten Drittel ein Bildband mit Fotografien, die die Dichterin in diversen Zoos und Gehegen gemacht hat - von Tieren, Mauerwerk, Zwängen und Zwangslagen, mit und ohne Perspektive, von Abbruchstellen. Für die Tiere, übertragen für die conditio humana. Auch die Lesung wurde mit einer Fotoshow auf Leinwand begleitet, wobei sich kaum Redundanzen ergaben und Schos Gedichte den Horizont des Ausgangsbildes mit poetischem Gedankengarn ausschmückten - Karin Fellner hob den Vergleich von Textarchitekturen zu den begrenzenden Raumabbildungen hervor:

 

Ortet mit Gesichtssinn, nicht mit Biosonar. Noch
näher krieg ich ihn nicht rangezoomt.

                                 (Aus: Flughund)

 
 
 
 


Verhalten gelesen, z.B der Anfang von:

Otter im Eimer

Diese Fellchen kann kein Weber wirken, Haar um Haar vertäute Garne, die sich zippergleich verzahnen. Kein zweiter Pelz so dicht und heute kaum mehr zu bezahlen. Hier in den Speisekübel verladen. Oder einfach zwei Otter, die sich nun eingefunden haben zu einem stillen Komplott und dann zusammen eingeschlafen waren über den Plänen von regennasseren Tagen, einer Idee von Spülung, Unterhöhlung, Strömung und fortgetragen werden.



Zwei kookbooks-Poetinnen, zarte Gewebe umschreibend, sei es die Überlebenskraft der Sprachen, sei es die der Lebewesen, teilweise fast kindlich, mit viel Feingefühl und leisem Humor auch, introspektiv in ihren Einkreisungen der Texturschichten.

Zum Schluss das Gespräch um die Absichten: Michael Braun
¹ habe eine Analogie zwischen Sprache und Tier heraufbeschworen, begann Karin Fellner, ob da was dran sei für die Überlegungen der beiden beim Schreiben? Und dann, weil so viel Fremdsprache in den Gedichten vorkomme, sozusagen als Zeichen für eine Bereitschaft zur Kontaktaufnahme?


 
 
 
 
 
 
 

v.l.n.r.: Sabine Scho, Uljana Wolf, Karin Fellner

 

Viel Kontakt war nicht vorhanden. Es gab im Grunde auch keine Antworten. Eher Nachdenklichkeit. Scho sprach dann aber von diesem „Dämon der Selbstüberraschung“. Und das muss es gewesen sein: Denn obwohl ich ihn an diesem Abend nicht erlebte, so lugt er doch aus den beiden Büchern heraus, sobald man sie öffnet und selber liest. Vielleicht verflüchtigte er sich beim Vorlesen, vielleicht handelt es sich auch um Lesegedichte, und das Überraschende mag dann sein, dass die eigene Phantasie sich beim Lesen aufgerufen fühlt, poetische Reisen in Zoos und Sprachen selber anzutreten oder durch die Wirkkraft des Selberlesens mitzuerleben.


KK

¹  In Stuttgart und Freiburg zuvor war es Michael Braun, dessen Äußerungen immer wieder angesprochen wurden.

² Wort aus dem Grimms Märchen "Goldesel": "'Er speit Gold,' antwortete der Müller, 'wenn du ihn auf ein Tuch stellst und sprichst Bricklebrit, so speit dir das gute Tier Goldstücke aus, hinten und vorn.'“

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü