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Sabine Scho: Tiere in Architektur

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

wrapped ballads


Was ist das für ein Buch, das Sabine Scho hier vorlegt, und das Tiere in Architektur heißt?

Ein Hybridband, so scheint es, der sich an überlieferte Zuschreibungen nicht zu halten gedenkt. Lyrik? Prosa? Essay? Dennoch sind viele der Texte Gedichte. Gedichte, die sich zuweilen als Prosa tarnen, sich bei der Lektüre aber offenbaren, ihren Reim zeigen und zuweilen ihre balladeske Form. Als Beispiel hier ein Auszug (Absatz) aus dem Text: Otter im Eimer

Erst Tropfen, dann Rinnsal, anschwellende Schauer, gurgelnde Urstromkehlen strudeln die Wasser hinab bis ans Kap der guten Hoffnung. Zu viele endeten hier als Wrack, vor den Küsten ebenso wie in der Stadt. The Town, a Ship, a Drunken Boat, Schwarzbrenner und Rednecks to reload.


Wrapped ballads.
Andere Texte bekennen sich offen zu ihrem Gedichtsein, ganz grafisch:


dem leben auf wänden
wir werden nicht aufhören
von künstlichen felsen zu senden
den aufrechten gang in den lenden
so beginnen metropole legenden


Gewissermaßen als Gimmick liegt dem Band eine Karte bei, eine Pappscheibe, die man mit Hilfe eines Gummis so in Drehung versetzen kann, dass der auf der einen Seite abgebildete Batman sich unversehens in einem Käfig wieder-findet.

Oder wir finden ihn in einem Käfig wieder, denn es handelt sich um eine optische Täuschung, basierend auf der Trägheit unserer Sinneswahrnehmungen. (Würde das einem Flughund oder einer Fledermaus auch so gehen?) Besser als mit dieser Scheibe kann man das Buch eigentlich nicht beschreiben.

Irgendwo im Band findet sich von Uexküll zitiert, dessen Untersuchungen zur Ökologie zeigen, dass unterschiedliche Wahrnehmungsweisen eine Basis für das Funktionieren der Nahrungsketten sind, an deren Ende wir uns wähnen. Allerdings wähnen wir uns auch am Ende der Erkenntnisketten. Ein Fehler?
Das Vorliegende ist in seiner Doppelbödigkeit ein Weg zur Selbsterkenntnis. Wir sehen uns, wenn wir durch Gitterstäbe oder Scheiben in die Gehege blicken, als Tiere. Und es hat sich einiges getan seit Rilke, was die Imitation betrifft. Der Tiger ruht auf Wiesen und schreitet nicht mehr an den Gitterstäben auf und ab.

Der zweite Teil des Bandes besteht aus Fotos. (Es lebe Andreas Töpfer, der Gestalter, auf wundersame Weise wird das Grün des Covers aufgenommen und ins Schwarz-Weiß der Fotos implantiert.) Auf Seite 74 in Grünweiß dann die Abbildung eines Flamingos vor einem künstlichen Felsen, aus dem heraus die Nachbildung einer Götter- oder Geisterfigur blickt. Nachbildung? Wohl auch nicht. Wie der Zoo nur die Anmutung von Natur zeigt, sind in ihm auch nur die Anmutungen vergangener oder untergegangener Kulturen aus Gips und Beton nachgebildet. In dem Essay, der dem Buch vorangestellt ist, heißt es: Doch selbst die noch so perfekte Natursimulation kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass zoologische Gärten – ungeachtet ihrer Arterhaltungs- und Aufklärungssanliegen – Unterhaltungsarchitekturen hervorgebracht haben, die neben dem wechselseitigen Schutz von Tieren und Publikum optimale Sicht und Nähe einfordern.

Schos schmaler Band wiegt auf seine Weise eine Menge staubiger Studien auf und gibt der Erkenntnis etwas zurück, was sie im akademischen Aufklärungs- und Postaufklärungsbetrieb verloren hat: Ihre sinnliche und witzige Komponente, ohne dass dadurch ihr ernstes Anliegen gestört würde, vielmehr wird es dadurch in seiner Ernsthaftigkeit noch bestärkt. Wollen wir von einem Wunder sprechen? Warum nicht.



Sabine Scho: Tiere in Architektur. Texte und Fotos. Berlin (kookbooks) 2013. 128 Seiten. 19,90 Euro.

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