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Zwei Gedichtbände von Elisabeth Wesuls

Rezensionen/Verlage > Rückschau


Siegfried Nucke

„Und im Kopf wuchern Wiesen“


Im „Poesiealbum 216“ erschienen 1985 Gedichte von Elisabeth Wesuls. Leise im Ton, bewegen sie sich zwischen Frühling und „Tagen wie Mondmilch“, zwischen Sommer und dem Dorf, in dem Sprache als „schillerndes Vieh auf dem Mist“ mit einem Hahnenschrei den Takt vorgibt.
      Zwischen dem vertrauter werdenden Mann und den „merkwürdigen Menschen /die alle hier wohnen“ weitet sich der Horizont, zögernd und mit vorsichtig gehaltenem Abstand. Der Leser taucht ein in ein Mietshaus, wo ein Kohleeimer über die Treppe schlurft und gewünscht wird, dass man sich einen Kachelofen über den Herbst borgen könne.

Elisabeth Wesuls: Poesiealbum 216.
Berlin (Verlag Neues Leben) 1985. 31 Seiten.
(Zurzeit u.a. 2,19 Euro).
Leicht ließen sich diese Bilder ins gegenwärtige Wohnen übertragen, vorausgesetzt freilich, dass man hinter isolierten Wohnungstüren das Draußen noch wahrnimmt. Das Spiel mit Rollen und Identitäten wird angestoßen, der Kindertraum schräg an die Wand gestellt. Und immer wieder Vögel: Sie wissen im August vom Herbst, sie legen die Flügel vor mir in den Staub, schwarz erscheinen sie manchmal und selten als gezähmte Adler.
       Elisabeth Wesuls findet rätselhaft klare Bilder, greifbar in den Wirklichkeiten zwischen schön gestielten grünen Gläsern und ganz üblichen Wohnungen: Küche, Bad, zwei Zimmer. Möchte sie 1985 Antworten auf die Unrast der Welt geben? Ich sehe die Antwort hier: „Ich kann / kein fremdes Tier auf meinem Kopf ertragen.“

Erst 2020 konnte die Lyrikerin Elisabeth Wesuls den Dialog mit dem Leser wieder aufnehmen. Zu danken ist es dem Verleger Hendrik Liersch und seiner Corvinus Presse, die ihr dreißigjähriges Bestehen feiern konnte.

Elisabeth Wesuls: Und im Kopf wuchern Wiesen. Berlin (Corvinus Presse) 2020.

Vorzugsausgabe (22 nummerierte Exemplare) mit 7 signierten Linolschnitten von Marcela Miranda. 72 Seiten. 300,00 Euro.

Volksausgabe (180 Exemplare) mit 3 nicht- signierten Linolschnitten von Marcela Miranda. 68 Seiten. 22,00 Euro.
Fein gedruckt, mit drei Linolschnitten von Marcela Miranda und mit japanischer Bindung, nimmt man das Buch mit seinen 48 Gedichten, zwischen 1979 und 2019 geschrieben, gern in die Hand.

„BESCHÄFTIGUNG“ leitet den Band ein – Ein verhüllter Sisyphos-Text, 1979 geschrieben, führt das erwartete Bild ad absurdum. Das lyrische Ich findet seine Aufgabe im Jagen von Fliegen. Größer sind die Aufgaben nicht, die dem Tätigen zugebilligt werden.
       Logisch das Eingeständnis im folgenden Text, welcher ein Ich zeigt, das gegen den Horizont wütet und Fragen stellt, die es umbringen könnte. So schreiten die Texte langsam in den Jahren voran, Vögel bebildern zuweilen noch die Landschaft, doch „Ach Hoffnung grünes/ Grab im Sommer“ und lähmende Unrast treiben das Ich von Ladentüren zu selbstvergessenen Uhrmachern und Märchenfiguren, die mit „Schneckengeschleim“ umgehen sollen.
      „Laßt uns genügsam! werden.“ – der Vers, kaum ausgesprochen, garantiert das Scheitern, ob in der Pförtnerloge oder in der „klein grau Fabreck“. Der Ton wird sarkastisch, die Sprachspiele bitter und bös.

Ein Dorf taucht auf, eine Stadt, Fabriken, „giftgrün sind hier die ersten/Blätter im Mai“, „UND IM KOPF WUCHERN WIESEN“, gurgeln S-Bahnen in Berlin vage etwas aus Zwischenzeiten. Nebel und Regen, Gras und Rauch - die Gedichte und Verse drängen darauf, „graubittre Mahnung“ ins Bild zu setzen.
    „MEIN ERSTES KIND GEBOREN“, kein unbeschwerter Jubel, aber ein vorsichtiger Lichtklang für das, was dem Ich lieb wurde. Mit „Mut-Willen“ hat man zu rechnen, „in einem Land, das keinen Spaß versteht“.
     „Wer langweilt/ sich hier nicht“ konstatiert ein Ich im Juni 1989, erwachen Bilder einer jagenden Füchsin und aus der Vorzeit eine Kindheit mit Mutter: „Fünf Kinder lang/ ist sie kaum bei Besinnung.“
       Ein ABENDLÄUTEN lang keimt fast so etwas wie verhaltenes Glück auf. Später Jasmin und Junigras und, ermutigend fast, „der Amsel überwältigende Zärtlichkeit“. Konterkariert von Vätern, die brave Kinder erziehen. Und Müttern, die sich verabschieden. „NACHBARN, FREUNDE, TOTE“, da ist es nicht weit zum „KLASSENTREFFEN“, als wäre ich dabei gewesen, denn „die anderen/ sind nicht da.“

HERKUNFT ist die Überschrift des abschließenden Textes. Die Auskünfte kristallklar, wie die Schlusszeilen „Liebster, wenn du nicht/ den Arm um mich legtest, / ich wüsste nicht, / wer ich bin.“

Die Dichterin Elisabeth Wesuls ist wieder zurück. Das macht Hoffnung.


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