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vjw (aka Tom Bresemann): wer unter uns hatte auch nur eine ahnung, dass der feind direkt neben ihm stand

Rezensionen/Verlage

Kristian Kühn

vjw oder von jeglichem wort das durch den mund der menschen vernewet (aka Tom Bresemann): wer unter uns hatte auch nur eine ahnung, dass der feind direkt neben ihm stand. 9 tracks – 56 Minuten. Berlin. Download in mp3. Freie Wahl zwischen kostenlos und selbstbestimmbarer Preisspende. Zu beziehen über den Online-Musikdienst bandcamp (auch zum Abhören der 9 Titel):
https://vonjeglichemwort.bandcamp.com/album/wer-unter-uns-hatte-auch-nur-eine-ahnung-dass-der-feind-direkt-neben-ihm-stand

Der unheimlich stille Tom Bresemann


Die Musik minimal, Klangteppich wie bei einem Adventuregame, wenn man sich bewegt oder an richtiger Stelle eine Tür knackt, dann schwillt sie an, oder an falscher, flackert sie auch mal streamend auf, wird instabil und dekonstruiert sich selbst – dann kommt der neue tag, vielleicht eine Brandung, die in einen Schneidbrenner übergeht und dann in das majestätische Grummeln aus irgendeiner Roboterwerkstatt, die sich selbst erbaut mit neuen Druckern, die sich hin und her selbst drucken. Zumindest schon mal in unserer Vorstellung. Dann stabilisiert sie sich wieder zu ein paar Düsen mit Orgelgrummeln. Immer aber saugend mit einem Hang zur sakralen Feierlichkeit.

Es gab ja ab den ausklingenden Sechzigern diesen Mike Oldfield mit seinen Tubular Bells und diesen Terry Riley, der letztes Jahr seinen 80. feierte, mit dieser legendären und wunderbar wackeligen Orgelplatte auf einem sich kaum variierenden Ton – plus gelegentlich einsetzendem elektronischen Zwitschern: A Rainbow in Curved Air, zwei Seiten lang ein sich steigerndes anschwellendes Tonritual. Ach ja, ich Achtundsechziger. Oder Lou Reed: Metal Machine Music, ein Doppelalbum ganz ohne Rhythmen, oder Melodien, oder Gesang – nur ein sich langsam aber stetig steigernder Gitarrenton und Rückkoppelungen später dazu. Wikipedia sagt: Mittlerweile gilt das Album jedoch als stilbildend für die Genres Noise und Industrial.

Terry Riley
Tom Bresemann
Oh ja, die gute alte Zeit, ich Achtundsechziger, wo alles noch nach Freiheit roch. Doch Ende der Siebziger spätestens wandelte sich das, und ich verstehe auch gut, wenn niemand heute mehr davon hören will. Und deshalb erwähne ich nun die Mitneunziger, das damals neue Windows 95, die ersten optischen PC-Adventures, die die Zeit der Sprachtafeln und Textadventures hinter sich ließen – Zork zum Beispiel, die Reihe und ihr immer kraftvolles Narrativ. Und nun Zork Nemesis, das 11. Spiel der Reihe, das im „Great Underground Empire“ spielte, das in einer Sakristei ihren Ausgangspunkt hatte, in der vier ehemalige Alchemisten aufgebahrt lagen und man spielend durch Try and Error herausfinden musste, in welchen Universen sie gelebt hatten und warum sie aus der Welt geschafft wurden. Fast wäre man am Ende auf ihre intriganten Verführungen hereingefallen. Die Musik variierte thematisch je nach Welt, die wir besuchten. Düster und erhaben. Immer aber ist sie – selbst bei Bresemann heute noch – eine Simulation großer Filmmusik, die sich aber weniger bewegt und nur kulminiert, wenn man sich einem Hotspot der Bedrohung nähert.

Wie sich die Welt Tom Bresemanns darstellt in seiner Rolle hinter der brand „von jeglichem wort“, in jedem Fall ist vjw mehr als eine Marke für klangliche Stimmungsbrandungen* – die über Bandcamp auf einer veränderbaren Microsite mit den Alben verbunden ist, die man dort einsehen und laden kann, mit der Möglichkeit, durch eine Spende das Gewissen zu erleichtern.
    Diese Welt ist ein alternatives Marketing Konzept mit social media accounts, mit Bildern (meist aus der Zeit der französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängig-keitserklärung – im Augenblick zum Beispiel Füßli, der mit Blake Jakobiner in London war zu dieser Zeit. Aber den Verdacht, dass, wenn ich etwas auf den Seiten suche und nicht wiederfinde, dieses Absicht des Konzepts ist, werde ich nicht los. Die Seiten scheinen fluid zu gleiten. Und auch warum die Bedeutung der Sprache – trotz oder gerade wegen jeglicher Wörter – mit diesem Konzept fast zur Sprachlosigkeit, zur Sprachstille schrumpft, sehe ich nicht ganz ein.) – ein Narrativ, das auftaucht und wieder verschwindet, sobald man tiefer eindringen will, ein bisschen, als verfolge es einen und nicht man es. Und doch, wie gesagt, entzieht es sich zugleich wie eine Chimäre. Wie ein nicht zu Ende geträumter Traum. Flackert auf. Soll wohl beunruhigen, damit wir uns in unserem Konstrukt nicht zu wohl fühlen und kein wellness-Bedürfnis an Kultur entwickeln, welcher „Lobby“ oder Richtung der Poesie wir auch angehören. Das Aufflackern des Gewissens in Form von Bresemann bleibt so lange, bis man es von sich abschüttelt.

wir treten noch in ein zwei stuben
unter allen häusern flüstert und bebt es

Dabei lässt sich nicht verhehlen, dass etwas durch und durch Berliner Protestantisches bei Bresemann mitschwingt. Wie alles Evangelikale auf eine neue reingewaschene Weltordnung hin Orientierte – bei den Gläubigen des Bible Belts ist es die magische Kraft des „The old rugged cross“, auf dem Berg (den wir ja jetzt erklimmen werden) das stabile altmodische Kreuz – es ist wirklich ähnlich spannend mit Bresemann, aber nur wenn man infiziert wird und sich selbst dorthin bewegt, wo er uns hinlockt, wie zu einem Hotspot des Gewissens eben, einer Schwelle, die uns zieht und einsaugt. Das Kreuz als Durchgang. Ein Durchgang – die Protestanten sprechen von dem Wort, nur dem Wort, allein das Wort, das Wort - und Bresemann hat es scheinbar – zumindest als Simulation – durch und durch aufgegriffen: Von jeglichem Wort. Da irgendwo, wenn auch politisch konnotiert, liegt seine Wirkkraft, das Genuine, von dem er spricht, ein Urzustand des Reinen, ohne Ursünde. Als würde er jetzt mit seinem Konzept einen Emulator anbieten, ein Softwareprogramm, (von lateinisch aemulari – nachahmen), auf dem man dann diesen Urzustand üben könnte, wie auf dem ursprünglichen Original des zu emulierenden Systems. In einem solchen Fall könnte mein geliebtes Zork Nemesis auch auf Windows 10 gespielt werden. Und die brand vjs ins Paradies führen. Aber die bisherigen Emulatoren sind meistens instabil – denn sie simulieren ja nur Bewusstseinsinhalte - und Medieninhalte und Bewusstsein sind trotz aller Technologie noch nicht ganz identisch. Noch einmal der Vergleich mit dem unauffällig robusten Kreuz – das Gewissen mahnt, aber kommt man über die Schwelle mit eigener Kraft? Ohne Großindustrie? Wie viele sind da groß enttäuscht, wenn’s nicht gleich klappt mit dem Ins Licht Treten? Wie viele geben sich hin und versteinern dann, verbittern – auch politische Bewegungen sind voll von diesen Gestalten.

es gibt keine innere Leere mehr für den Menschen
Unsere Erfahrung ist das beste Zeugnis dafür
ob das neue, das große, das freudige Zeitalter jetzt dämmert
Wir können zu dieser Frage schweigen, denn sie ist unpassend gestellt
und es wird unpassend gestellt insofern es sich um eine Frage handelt
du musst nicht fragen du musst wollen
Wir müssen es so weit wie möglich versuchen

So weit wie möglich wollen, okay. Und jetzt neu, genau jetzt, neu ein Mini-Album:

 
alle augen sie sind offen. 1 Track – 13:51. Text: Kim Hyesoon.  
Übersetzung und Stimme: Simone Kornappel –

wenn du einen Flammenwerfer besitzt
oder eine Flutwelle,
schick sie mir so schnell wie möglich

– dann rückwärts nochmal
 


* Ursprünglich war „von jeglichem wort“ ein reines Textprojekt, das seit 2018 fortlaufend in verschiedenen Formaten angeboten wurde. Sprachlich speiste sich das Material zum Collagieren aus Quellen von knapp 500 Jahren Deutsch, „angefangen mit der Lutherübersetzung der Bibel, über Traktate, Reden, Korrespondenzen von Persönlichkeiten aus Politik und anderen Sachfeldern, bis hin zu Tagebucheinträgen und persönlichen schriftlichen Äußerungen von Privatpersonen und Akteuren öffentlicher Diskurse“ (O-Ton Bresemann). Ziel war zunächst, die Öffentlichkeit zu öffnen, offen zu machen für den vermeintlichen “Kulturkampf” des beginnenden 21. Jahrhunderts. Denn unter der Oberfläche des Sprechens luge der „civilist mit dem gewehr in der hand“ unverhohlen und aggressiv hervor, so Bresemann. Die Hauptfrage für ihn sei deshalb, ob hinter dem Sprechen noch ein genuiner menschlicher Kern zu finden oder alles Sprechen bereits kontaminiert sei:
Bresemann:
2018 erschien das Projekt hauptsächlich im Internet (instagram, tumblr, facebook) über MEMEs, Gifs, Statusposts etc. Social Media bildete hierbei nicht nur das Medium sondern auch die Grundlage für die nächste Phase, die seit Anfang 2019 läuft. 2019 erschien eine Serie von Chapbooks. Die verschiedenen Medien der Publikation des Projekts sind als Teil des Projekts selbst gedacht. Die Publikationsmodi sind genauso Teil des Projekts, wie die Texte selbst. Die Chapbooks waren nicht käuflich erhältlich und werden nicht öffentlich publiziert. Eine Gemeinde von Followern und Likern erhielt sie kostenfrei und konspirativ, via Postsendung oder bei persönlichen Treffen. Die Chapbooks sind nicht namentlich gekennzeichnet (der Autor taucht nicht auf). Sie sind nur über den hashtag #vonjeglichemwort verortbar. Einige der Chapbooks verweisen über QR Codes dann auch wieder ins Digitale. Neben der Entsprechung von Form und Inhalt lassen sich die Chapbooks auch als Auseinandersetzung mit dem Buchmarkt verstehen. Es werden bewusst Elemente wie Autorennamen, Verkauf, Öffentlichkeit eingeschränkt bzw. außer Kraft gesetzt. Die Serie will auch ausprobieren, was abseits der dem literarischen Markt und Betrieb eigenen Dynamik an Kommunikation möglich ist.
Ende 2019 erschien dann eine erste SPLIT 7inch (= Vinyl Single) mit Sounds und Stimmen, gemeinsam mit dem Soundpoeten, Autor und Musiker Cristian Forte, die hauptsächlich über Social Media verteilt wurde. Bei der 7inch waren Gestaltung und soziale Interaktion wieder miteinander verschränkt, jede Platte erschien mit eigenem Cover in individueller Gestaltung. Das Cover konnte jeweils über Social Media Interaktion von den Empfänger*innen ausgesucht werden.
2020 hat das Projekt eine weitere Form angenommen, weg vom Text und seiner Gestaltung, hin zu Soundpoetry und musikalischen Ausdrucksmitteln.

Hier schien es mir, als wäre es Hoffnung, hier wären neue Ideale
ein neues Verständnis, neue Aufgaben
denn jetzt soll in uns etwas passieren
jetzt sollte sich etwas an und in uns ändern
         

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