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verdecktes gelände

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Innere graue Flut



Kein Platz ist leer geblieben im Münchner Lyrikkabinett, das Publikum wirkt erwartungsvoll gespannt auf Nico Bleutge. Michael Braun, heute Moderator, ebnet ihm feinfühlig den Weg ins Gespräch. Eine erste Anspannung verfliegt schnell, dann betritt Bleutge sicheres Terrain, seine Sprache. Er formuliert präzise, ohne eine regionale Färbung, in klarem Hochdeutsch. Kommen mehrere Fragen auf einmal, muss er sich zur Wehr setzen, für einen kurzen Moment wirkt er überfordert, dann fasst er sich schnell und diszipliniert, antwortet flüssig und mit höchster Genauigkeit, was viel sprachliches Trainieren verrät. Und hier zeigt sich schon sein Muster, der Wunsch, Sprache zu beherrschen, Essenzen aus dem Diffusen herauszuarbeiten. Wenn es um Dämmerungen geht, Lichtwechsel, Schattenspiele, fluide Zonen des Tages, ist er in seinem Element. Zu seinen liebsten Gedichten gehört Daniel Casper von Lohensteins (1635 – 1683) „Hermiones Augen“, das seine Faszination für das Sehen deutlich macht: „Augen spiegeln, bündeln Lichtstrahlen, erzeugen einen punktgenauen Strahl.“ Wenn Nico Bleutge Landschaft betrachtet, wünscht er zu bündeln – um Intensität und atmosphärische Dichte bemüht, will er doch das Unfassbare mit Worten greifen, sagen, was sich nicht sagen lässt.

In seiner Lyrik vermischen sich Schichten von Materie, Naturstoff und Sprache. Michael Braun extrahiert drei Zeilen aus dem neuen Gedichtband „Verdecktes Gelände“, Schlüsselsätze, die Bleutges Werk erfassen sollen. Er nennt sie die drei Skizzen des Bauplans:



„jetzt / ist alles im übergang, ...“                                 (verdecktes Gelände 1, S. 48)
„die schichten vermischen sich langsam ...“               (a.a.O.)
„und es tauchen erscheinungen auf / im gelände“*    (a.a.O.)

Nico Bleutge im Lyrik Kabinett


Hermiones Augen

Ihr Sterne, darf ich euch auch wohl noch Sterne nennen,
Wenn jetzt ein Nebel euch umwölket Flamm' und Licht,
Da Hermione doch am himmlischen Gesicht
Keinmal nicht minder läßt, als zwei Gestirne, brennen?

Du güldne Sternenburg, du, Himmel, mußt's bekennen,
Dein blaugewölbtes Dach weiß von zwei Sonnen nicht,
Da, wenn die Morgenröth' auf ihrem Mund' anbricht,
Zwei Sonnen ihr allzeit der Stirne Thron umbrennen.

Jedoch du magst dich noch mit hundert Sonnen schmücken,
Die in die grüne See keinmal zu Bette gehn,
Ich würde doch zur Noth wohl solche Gluth ausstehn;

Mir aber, mir kann nicht vor Hermione's Blicken
Schnee, Schatten, Höhle, Nacht Behülf' und Aufhalt sein;
Denn ihre Liebe dringt durch Eis und Eisen ein.

Dieser Bauplan entfaltet sich sogleich, wenn Nico Bleutge zu lesen beginnt. Nach Michael Brauns Einführung ist eine spürbare Spannung entstanden, der das Gedicht „Dämmerungen, Schwanken“ aber standhält. Es ist gut gewählt als Einführungsgedicht im Band und für die Lesung, denn es verzaubert sogleich mit seinen geschliffenen Worten, geheimnisvoll und kühl. Wo ist der Dichter, wo lagern seine Emotionen? Es kann nicht nur um eine Kollektion sinnlicher Eindrücke gehen!
Nico Bleutge scheint sich im halbwachen Zustand in seinen Landschaften zu bewegen, als würde er sie immer wieder mit neuen Augen sehen. „Wenn das Wirkliche zu vertraut wird, kann es seine Intensität verlieren“ erklärt Michael Braun.
Der Dichter und der Moderator bilden einen harmonischen Zweiklang auf dem Podium. Längst sind die Zuhörer auf das verdeckte Begriffsgelände eingestimmt, als Nico Bleutge weiterliest. Er braucht nicht um Geduld zu bitten für sein Langgedicht „verdecktes gelände“. Beim Vorlesen bleibt ihm alle Aufmerksamkeit erhalten, denn mit dem Enjambement gleich in der ersten Zeile: „ich / bin hier lange nicht / gewesen“ kontrastiert er wirkungsvoll das sonst spröde Element in seinen Worten. Es klingt entfremdet, abgenabelt. Der weitere Abend könnte in den Kontext der Selbstsuche gestellt werden, da sich scheinbar ein Fenster zur Seele des Dichters öffnen will. Aus der Landschaft wird eine Seelenlandschaft, das Gelände wird aufgedeckt. Wer mit ihm sieht, kann ihn fühlen. Die Zuhörer suchen ihn in und zwischen den Zeilen, doch stellen sie fest, dass er ebenso schwer fassbar ist, wie das, was er zu fassen sucht, geraten selber in einen Schwebezustand. Das fasziniert, und hier erklärt sich auch die starke Resonanz auf sein Werk seit über sieben Jahren, in denen er zu einer dichterischen Größe in Deutschland aufstieg.
Versteckt er sich hinter seinen Landschaften, seinen Rollen-Ichs, denn er fügt Zitate seiner Lieblingsdichter ein? Er bleibt sehr distanziert, doch die Art, wie er rhythmisiert, verrät seinen Zustand, das Klangliche kommt ihm zu Hilfe.
Er verausgabt sich nicht, denn er hat keine Eile, er geht langsam vor, damit ihm nichts ent-geht. Atemlos wird er doch, muss zwischen den Kapiteln tief Luft holen, damit ihm die Konzentration nicht abhandenkommt, wie seine Hörer, die in den kurzen Gedichtpausen sich leise umlagern, dann wieder lauschen, etwas Innensichtliches suchen.
Seine „innere graue Flut“: Das Gelände diffusiert, aber den einzelnen Objekten verleiht Bleutge klare Konturen, den Erscheinungen gibt er Namen. Michael Braun nennt ihn einen Phänomenologen, der von sich selbst absieht. Wie heißt das Ding an sich? Bleutge bedient sich dafür aus dem reichen Schatz der Sprachen, der Fachsprache, der Werbesprache. In langen Umkreisungen sucht er die jeweilige exakte Begrifflichkeit, um dann „fest zu zurren“. So entsteht ein Landschaftsgemälde aus fast exakter Sprache, sodass man sich etwas fremd fühlt in der Synthetik von Natur, Technik und Kultur, ein wenig wie in einer geklonten Welt. Natürlich, die Romantik ist lange vorbei.
Ein zeitgenössisches Naturgedicht kann wohl so klingen. Neu daran ist, dass es nach langer Pause wieder vorgetragen und gehört werden kann. Unsere Welt, arm an großen Gefühlen, braucht Trägerstoffe. Begreiflich, dass die Ursymbole der Natur und ihre Mystik wieder aus den Rissen auftauchen, aber auch ein Zeichen dafür, wie entfremdet wir von ihr schon sind. Für Nico Bleutge ist Natur kein Rückzugsgebiet, im Gegenteil. Er exponiert sich mit ihren Bildern, und wer gute innere Ohren hat, kann sein Herz schlagen hören.
Melancholie kennt der Dichter gut, aber er meidet sie, wenn er schreibt, sie ist ihm zu schwer, sagt er mir später. Er arbeite in einem Zustand konzentrierter Euphorie, erklärt er, als ich ihn nach seinem Grundgefühl frage. Es sei ganzkörperlich, ergänzt er.

Martina Kerl


* Max Ernst: Geschichte einer Naturgeschichte:
„Botticelli liebte die Landschaftsmalerei nicht. Er fand, dass es nur „eine Art nichtssagender und mittelmäßiger Nachahmung“ sei. Er sagt mit Verachtung, dass „wenn man einen Schwamm, der mit verschiedenen Farben vollgetränkt sei, gegen eine Wand werfe, man einen Fleck verursacht, aus dem man eine wunderschöne Landschaft ersehen könne“. Diese Feststellung brachte ihm eine strenge Ermahnung seines Kollegen Leonardo da Vinci ein: „Er (Botticelli) hat recht; in solch einem Klecks kann man gewiss bizarre Dinge finden. Ich möchte sagen, dass derjenige, der die Anlage dazu in sich trägt, aus diesem Klecks zu lesen, darin einige menschliche Köpfe entdecken kann, verschiedene Tiere, eine Schlacht, einige Felsen, das Meer, Wolken, Wälder, und tausend andere Dinge – es ist wie Glockenläuten, aus dem man das heraushört, was man als Vorstellung in sich trägt. Wenn auch dieser Farbklecks dazu dient, einem Ideen einzusuggerieren, so lehrt er einen doch keineswegs, wie man irgendeinen Teil der Malerei vollenden kann. Und der obenerwähnte Maler malt sehr schlechte Landschaften. Um universal zu sein und um verschiedene Neigungen zu befriedigen, ist es notwendig, dass in ein und derselben Komposition einige sehr dunkle Stellen und andere von zartem lichtem Halbdunkel gefunden werden können. Meiner Meinung nach ist es nicht zu verachten, wenn einer, der den Klecks an der Wand, die Kohlen auf dem Rost, die Wolken, den fließenden Strom genau angestarrt hat, sich dann wieder an ihre Aspekte erinnert. Wenn Du sie sorgsam betrachtest, wirst Du einige wunderbare Erfindungen machen. (…) In solch verworrenen Dingen wird der Genius neuer Erfindungen gewahr, aber notwendig ist, alle Teile, die man ignoriert, genau zu beherrschen (d.h. man muss sie zeichnen können), seien es die Details von Tieren, die Aspekte von Landschaften, Felsen und Vegetationen.“
Am zehnten August 1925 brachte mich eine unerträgliche visuelle Heimsuchung dazu, die technischen Mittel zu entdecken, die eine klare Verwirklichung der Lektion von Leonardo mit sich brachten. Es begann mit einer Erinnerung aus der Kindheit. Es hatte eine Vertäfelung aus nachgemachtem Mahagoniholz, das sich gegenüber von meinem Bett befand, die Rolle des optischen ‚provocateur‘ übernommen, eine Vision im Halbschlaf hervorzuzaubern.“
Auszug aus Max Ernst: Beyond Painting. New York 1948. Das Leonardo-Zitat aus dem Traktat der Malerei.







                                                         Michael Braun                     Fotos: M. Kerl

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