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Ulrich Schäfer-Newiger: Dem Luther heute aufs Maul gesehen

KIOSK/antimon/LPM > Lyrikpreis München 2021
Ulrich Schäfer-Newiger

„Denn wir haben Deutsch. Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung.“ Herausgegeben von Marie Luise Knott, Thomas Brovot und Ulrich Blumenbach. Mit Beiträgen von Marcel Beyer, Anne Birkenhauer, Christian Hansen, Martina Kempter, Susanne Lange, Sibylle Lewitscharoff, Karl-Heinz Ott, Eveline Passet, Monika Rinck, Philipp Schönthaler, Kathrin Schmidt, Ulf Stolterfoht, Jan Wagner, Peter Waterhouse und Josef Winiger. Berlin (Matthes & Seitz) 2015. 334 Seiten. 24,90 Euro.

Dem Luther heute aufs Maul gesehen


„Er schrieb das unsterbliche Werk ein bißchen á la diable,
wobei es zu Pannen im Sprachstil und in der Erfindung kam.
Er wandte seine Skrupel und durchwachten Nächte daran,
in einer fremden Sprache ein schon vorhandenes Buch zu wiederholen.“
Jorge Luis Borges, Pierre Menard, Autor des Quijote

„Er lieferte die heiligen Bücher an jedermann aus-
damit gerieten sie endlich in die Hände der Philologen,
d.h. der Vernichter jeden Glaubens, der auf Büchern ruht“.
Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 358


I

Das Deutsch, das heute überwiegend gesprochen und vor allem geschrieben wird, gäbe es – an dieser Stelle und für den hiesigen Zweck sehr vereinfacht formuliert - ohne Martin Luther nicht. Seine im Dezember 1521 auf der Wartburg begonnene Bibelübersetzung, besonders aber deren drucktechnisch massenhafte Verbreitung im 16. Jahrhundert, noch zu seinen Lebzeiten, bilden eine wesentliche Grundlage des Neuhochdeutschen, wie wir es kennen. Zwar hat Luther, wie neuere Forschungen belegen (vergl. z.B. (N. R. Wolf:) Martin Luther und die deutsche Sprache – damals und heute, Heidelberg 2017), die neuhochdeutsche Schriftsprache nicht erschaffen, aber das Bibeldeutsch Luthers ist ein wichtiger „Steuerungsfaktor für die Ausbildung der deutschen Schriftsprache“ (Werner Besch: Luther und die deutsche Sprache, Berlin 2014, S. 9). Entscheidend war, dass erst mit Luthers Bibelübersetzung eine zuvor nicht vorhandene Vereinheitlichung der deutschen Sprache begann, weil seine Übersetzung, sein Deutsch, letztlich alle sprachgeographischen Barrieren überwand. (Besch, S. 130). Alleine die politische Relevanz (neben der sprachgeschichtlichen und theologischen) dieser Vereinheitlichung der deutschen Sprache durch Luther kann für eine wie auch immer geartete heutige Lutherrezeption nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Heute schreibt und spricht niemand so, wie Luther gesprochen und geschrieben hat. Und auch zu seinen Lebzeiten war sein Bibeldeutsch nicht die Alltagssprache, zumal er eben nicht einfach dem „Volk“ nach dem Mund geredet hat, sondern bei seiner Sprach- und Wortwahl, bei seiner Sprachgewalt, stets seine für richtig gehaltene theologische Überzeugung im Hinterkopf hatte. „Wortwahl, Form und Klang aber sind zur Vermittlung des Glaubens aus Glauben geboren und in schöpferischer Sorgfalt um Angemessenheit und innere Stimmigkeit hergerichtet, ein unabspaltbarer Teil der reformatorischen Botschaft“ (Hans-Jürgen Schrader: Zwischen verbaler Aura und Umgangsdeutsch. Zur Sprachgestalt der Luther-Bibel und zur Problematik ihrer Revision, in: Dahlgrün, Haustein [Hrsg.]: Anmut und Sprachgewalt. Zur Zukunft der Lutherbibel, Deutsche Bibelgesellschaft 2013, S. 180) Ein Beispiel aus der 1545iger Bibelausgabe (die letzte von Luther selbst noch bearbeitete Fassung) macht die Alltagsferne seiner Sprache (vor allem für heutige Verhältnisse) deutlich:  „ DAS Amptschiltlin soltu machen nach der kunst / wie den Leibrock / von gold / geler seiden / scharlacken / rosinrot vnd gezwirnter weisser seiden. Vier ecket sol es sein vnd zwifach / eine hand breit sol seine lenge sein / vnd eine handbreit seine breite. Vnd solts füllen mit vier rigen vol Stein …“ (II. Buch Mose, XXVIII, Vers 15,16, 17). Luthers Sprache war zu seiner Zeit modern, aber die Zeitgenossen, die diese Sprache erst noch lernen mussten, hatten damit sogar größere Schwierigkeiten zu überwinden als wir heute (Schrader, a.a.O.). Luther selbst hat diese Schwierigkeiten des Verständnisses gesehen und zu mildern versucht durch Vorreden, Anmerkungen, Marginalien usw. Drucker in der Schweiz z.B. setzten zunächst eigenhändig Glossare hinzu, damit die dort unbekannten Wörter Luthers verstanden würden.

Da jede Sprache (selbstverständlich auch das Deutsche) nicht starr, sondern ständig in Bewegung ist, Veränderungen, Ergänzungen, Bereicherungen, Verlusten und Umdeutungen jeder Art unterliegt, ist die Zahl der Revisionen und Anpassungen der Luther-Bibel an die vermeintlich oder tatsächlich jeweils aktuelle Sprache Legion. Einen guten Überblick alleine zu der Anzahl dieser Revisionen findet der Leser hier. Die letzte Revision erfolgte 2017 anlässlich des fünfhundertsten Reformationsjubiläums. Auch sie wurde von Philologen und Theologen erarbeitet und war, wie alle Revisionen zuvor, heftiger Kritik ausgesetzt, vgl. hier oder hier. Muss oder sollte Luthers Deutsch also erneut übersetzt werden, nämlich in unser heutiges Alltagsdeutsch? George Steiner hat in seinem großen Essay „Nach Babel. Aspekte der Sprache und des Übersetzens“ geäußert, dass wir immer, wenn wir „irgendeine Aussage der Vergangenheit lesen oder hören …. „übersetzen“, ob wir wollen oder nicht.  Die Schranke, die in diesem Falle der Übersetzer (also auch: der Leser eines alten Textes) im Rahmen derselben Sprache zu überwinden habe, sei eben die Zeit.


II

Im Zusammenhang mit der für 2017 für erforderlich gehaltenen und vorgenommenen erneuten Revision der Bibel hatte die Evangelische Kirche in Deutschland ein Experiment gewagt. In einem Workshop von Literaturübersetzern und Mitgliedern des für die Revision zuständigen Ausschusses der Evangelischen Kirche wurde der Frage nachgegangen, ob Literaturübersetzer denn anders auf Luthers Sprache blicken, als Sprachwissenschaftler und praktische Theologen. Und: Wie unterscheiden sich ihre Herangehensweisen? Daraus wurde dann ein auch vom Deutschen Übersetzerfonds unterstütztes Buchprojekt, eben der hier zu besprechende Band, in dem acht Literaturübersetzer und sieben Schriftsteller (wobei der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Peter Waterhouse hier als Übersetzer gezählt wird) „aus unserer Zeit heraus, die sinnliche Kraft von Luthers Sprache“ befragen und sich von „ihr mitreißen“ lassen, wie die Herausgeber es formulieren.

Die Frage, die an den Sammelband zu richten ist, lautet demnach: Ist dabei nun etwas anderes, neueres, aktuelleres im Sinne auch einer kritischen Betrachtung der Luthersprache herausgekommen, als bei den bisherigen, unzähligen sprachwissenschaftlichen Studien und religionswissenschaftlichen Deutungen, und als bei den bisherigen Revisionen? Gibt es neue Erkenntnisse, weil man bei der Arbeit zum Bibeldeutsch Luthers nun dem Umstand  verstärkt Rechnung trägt, dass Luther sich als ‚Dolmetscher‘ sah, der die hebräischen, griechischen und lateinischen Fassungen der Bibel oder von Bibelteilen in das „richtige Deutsch“ übertrug und dabei Sprachgrenzen überwand und Gefühl und Denken in eine neue Einheit bringen wollte?

Der Buchtitel knüpft an Martin Luthers Sendbrief vom Dolmetschen an, in dem er für ihn geltende Übersetzungsgrundsätze, eingebettet in ein Pamphlet gegen alle seine wirklichen und vermeintlichen Gegner, beschreibt und in dem es u.a. heißt: „… denn ich habe deutsch, nicht lateinisch noch griechisch reden wollen“. Das „Wir“ im Titel des Sammelbandes soll das gemeinsame Ringen aller Beteiligten mit der Sprache Luthers verdeutlichen. Von Vorteil für das Verständnis der im Buch versammelten Abhandlungen ist es, wenn man beim Lesen gewisse Vorkenntnisse über Luthers Tätigkeit als Bibelübersetzer hätte.

III

Das Buch ist in drei Teile eingeteilt. Der erste mit dem Untertitel Dem Luther aufs Maul geschaut, widmet sich Luthers Sprachgewalt, der zweite Teil, betitelt mit Und haltet mir meinen Groove, beschäftigt sich mit dem von Luther geschaffenen Sprachklang und der dritte, überschrieben mit Wie eine Rohrdommel in der Wüsten soll den Blick auf Stilmittel bei den Psalmenliedern und die „Sprachgestalt“ des Buches Hiob erweitern.

Was können die Lesenden nun von den Literaturübersetzern, den eigentlichen Dolmetsch-Spezialisten also, erfahren? (Wobei gleich zur Begriffsklärung angemerkt sei, dass Luther das Wort „dolmetschen“ dafür verwendete, was wir heute mit „übersetzen“ meinen. ‚Übersetzen‘ mit der Betonung auf ‚über‘ hatte zu Luthers Zeiten überwiegend noch die mittelalterliche Bedeutung von ‚einem auf den Kopf hauen‘, ‚eins überstülpen‘ u. ä.).

Einige Beiträge im Buch seien als mögliche Antwortversuche beispielhaft herausgegriffen:

Der Übersetzer Josef Winiger beschreibt und betont in seinem Beitrag das tatsächlich Revolutionärste an Luthers Übersetzungsleistung: Luther nahm nicht mehr, wie die Übersetzer vor ihm, die Blickrichtung vom Originaltext her ein und fragte sich nicht gebannt, wie er diesen Originaltext richtig Wort für Wort in die zu übersetzende Sprache übertragen könne. Diese traditionelle Haltung gegenüber dem Ausgangstext (der Bibel als heiliges Buch) war eine sakrosankte, weil es sich eben um einen heiligen Text handelt, eine Offenbarung (auch wenn die lateinische Vulgata der Bibel nichts anderes war als eine keineswegs nur wortgetreue Übersetzung des Hieronymus aus dem Griechischen und Hebräischen).

Zu diesem religiös begründeten Übersetzungsdogma berichtet George Steiner in seinem erwähnten Essay vom deutschen Chassidismus, gemäß dem das Wort mit seiner verborgenen Bedeutung und Unantastbarkeit entscheidend sei. Ein einziges Wort in der Thora zu verstümmeln, könne zur Folge haben, dass die hauchdünnen Bande zwischen dem gefallenen Menschen und der göttlichen Gegenwart in Gefahr gerieten. Nach dem Talmud könne die Auslassung oder Hinzufügung eines einzigen Buchstabens die Zerstörung der ganzen Welt bedeuten. Im besprochenen Buch wird dieser Sachverhalt von der Übersetzerin Anne Birkenauer, die aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt, bestätigt. Auf deren Beitrag wird noch zurückzukommen sein. Dieser Tradition war sich Luther mit Sicherheit bewusst.

Luther aber fragte entgegen dieser Tradition, ja entgegen dem theologischen Dogma: Ist meine Übersetzung die wirkliche und lebendige deutsche Sprache, wird sie von jedem verstanden? Er nahm also die Blickrichtung der Sprache ein, in die er übersetzen wollte. Das Ergebnis dieser „Umkehrung“ der Blickrichtung ist ein Deutsch, das – wenn auch nicht gleich – von fast allen verstanden wurde. Radikal machte Luther die ‚Zielsprache Deutsch‘ zum Maßstab und Prüfstein seiner Übersetzung und unterschied sich damit von all seinen Vorgängern, die sklavisch am Wortlaut der Ausgangsprachen Latein, Griechisch oder Hebräisch klebten. (Es gab vor der Luther‘schen Übersetzung schon mindestens 72 Übertragungen oder Teilübertragungen der Bibel ins Deutsche!) Das sprachliche Ergebnis dieses Blickrichtungswechsels macht Winiger an einigen interessanten Vergleichen älterer Übersetzungen mit der Luther’schen greifbar. Dabei hebt er vor allem den Erzählmodus der Luther’schen Fassung hervor, die in früheren Übersetzungen gänzlich fehlt. Zu den verglichenen Textstellen gehört auch jene, nicht nur durch den „Sendbrief vom Dolmetschen“ berühmt gewordene, Stelle in Römer III, 28: „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das Wort „allein“ fehlt bekanntlich sowohl im griechischen Urtext als auch in der lateinischen Vulgata. Luther aber setzt es einfach ein.

Winiger weist nun nach, dass Luther eine Satzumstellung im Deutschen vorgenommen hat, für die „nicht die geringste übersetzerische Notwendigkeit“ bestanden habe, bei der man aber eben das Wörtchen „allein“ nicht hinwegdenken könne. Hier habe Luther nun „unzweifelhaft“ gegen das „Berufsethos des gewissenhaften Übersetzers“ verstoßen. Luthers Übersetzung sei, so urteilt Winiger, an dieser Stelle tendenziös. Allerdings endet hier die Erklärung. Der Literaturübersetzer verrät weder, welchen ‚Berufsethos der Übersetzer‘ es zur Lutherzeit gab (außer vielleicht dem theologischen Gebot der Wort-für-Wort-Übersetzung), noch, in welcher Weise und warum diese Stelle tendenziös sein soll. Denn dazu hätte er den theologischen Hintergrund dieses „allein“ erörtern müssen. Das aber gehört offenbar nicht mehr zu seinem Fach oder seiner Aufgabe. Dabei liegt gerade im theologischen Hintergrund dieser eigenmächtigen Hinzufügung das weit über die sprachliche Wirkung hinausgehende Revolutionäre.  

Die Grenzen einer rein philologisch-übersetzungstechnischen Beurteilung der lutherschen Übersetzung der Bibelsprache werden an diesem Beispiel offensichtlich.

Weil, wie der Autor ohne weitere Begründung erklärt, „bekanntlich beim Genre Lyrik“ dem Übersetzer „große Freiheit“ zugestanden werde, beschäftigt er sich noch mit dem Psalm 23 und dessen Übertragung durch Luther. Er erklärt an dem Vers DEr HERR ist mein Hirte / mir wird nichts mangeln im Einzelnen Luthers Vorgehensweise, sich nicht mit dem Wortsinn des zu übersetzenden Textes zu begnügen, sondern die Vorteile und Stärken des Deutschen zu nutzen. Übersetzungstechnisch revolutionär sei auch, hebt Winiger hervor, dass Luther nicht alleine, sondern zusammen mit Fachkundigen „aller Schattierungen“ ans Werk gegangen sei. Welche Konsequenzen dies alles für die anstehende Revision der Bibelübersetzung im Jahre 2017 hätte haben können, lässt der Autor offen.

Es ist dem Schriftsteller Karl-Heinz Ott vorbehalten, in seinem sich anschließenden Beitrag mit dem Titel So will er’s haben, so und nicht anders darüber aufzuklären: Der Satz, in den das eben erwähnte „allein“ von Luther eingeschmuggelt wurde und von dem Luther hinterlistig behauptete, das Wörtchen sei nur der deutschen Sprachgewohnheit geschuldet, ist tatsächlich die Quintessenz seiner christlichen Glaubenslehre. Diese auch als ‚Rechtfertigungslehre‘ bezeichnete theologische Überzeugung Luthers besagt, dass jede menschliche Mitwirkung an der Heilsbotschaft (etwa durch Gesetzestreue und die Erbringung guter Werke) radikal abgelehnt wird.  Menschliche Werke können für Luther nicht die Voraussetzung für die Vergebung der Sünde sein, sondern nur ihre Folge. Allein der Glaube bewirke Gottes Gnade und die von ihm uns verliehene Gerechtigkeit. Ott betont in diesem Zusammenhang, dass für Luther Übersetzung und Exegese eins sind, und er fragt provokant: „Wozu philologische Präzision, wenn der Heilige Geist die Feder führt?“ Luther erdichte sich einen Gott, der nicht mit menschlichen Maßstäben messe, dessen Ratschlüsse so unerforschlich seien, dass den Menschen nur der Glaube an Gnadenwahl bleibe. Mit solchen Lehren habe Luther das Mittelalter gerade eben nicht hinter sich gelassen! Dafür spreche auch Luthers naiver und kindlicher Bibelglaube, wofür er zwei schöne Beispiele anführt (die Entstehung Evas aus Adams Rippe, an die Luther tatsächlich glaubte, und das Stillstehenlassen der Sonne durch Josua. Kopernikus gibt deswegen, nach Luthers Überzeugung, nur puren Unsinn von sich). Ott übernimmt Walter Benjamins These vom Ursprung der Trauer, Melancholie und des Trübsinns, angesichts einer durch Luthers Rechtfertigungslehre angeblich leer gewordenen Welt, und meint, politisch sei Luther damit untragbar. Das mache seine Größe in theatralischer Hinsicht aus; offenkundig nicht in sprachlicher Hinsicht.

Die Lutherfassung des 23. Psalm greift die oben schon erwähnte Übersetzerin Anne Birkenauer wieder auf, um in einem lehrreichen Beispiel die auch unterschwellig heute noch vorhandene Wirkmächtigkeit der Luthersprache zu demonstrieren. Sie hält Luthers 23. Psalm für einen Glücksfall für Übersetzung aus dem Hebräischen. Und belehrt zur Begründung die Leser darüber, dass das heutige Hebräisch zu „einem beachtlichen Anteil aus Wörtern und Wortformen des Tanach, der hebräischen Bibel also, besteht, deren Text selbst wiederum seit etwa dem 6. Jahrhundert v. Chr. nicht in auch nur einem Buchstaben verändert worden sei. Sie wurde nie revidiert oder späteren Sprachformen angeglichen, da sich Gott darin offenbart habe. Die Autorin bestätigt damit den von Steiner oben erwähnten Befund. Jahrhundertelang hatte das Hebräisch den Status einer (praktisch nicht gesprochenen) heiligen Sprache. Das heutige Hebräisch als Landessprache ist Ergebnis einer erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen, auch politisch motivierten Zuordnung, in der der Tanach durch sein „sprachliches Material“ aber noch präsent sei.  Die Autorin schildert anschaulich an einem Textbeispiel des 1896 geborenen, expressionistischen Dichters Uri Zwi Grinberg, wie die Bibelsprache Luthers, sein „biblischer Ton“, die adäquateste Sprachstruktur sei, um das säkularisierte Hebräisch (jedenfalls bei lyrischen Texten in vielen, nicht allen Fällen) ins Deutsche zu übertragen.  

Die Übersetzerin Susanne Lange fragt, was heutige „Sprachwerker“ von Luther denn lernen können. Zur Beantwortung dieser Frage setzt sie zu einer intensiven philologischen Analyse von Rhythmus, Akzenten, Parallelkonstruktionen, des Chiasmus (einer kreuzweisen Stellung von Satzgliedern), der wandernden Wiederholung von Wörter, dem Malen und Gestalten mit Verben und schließlich dem Spiel von Satzgliedern in Luthers Sprache an. Luther könne man heute deswegen als „Kronzeugen“ anführen, damit wieder etwas ‚Bewegung‘ ins „sprachliche Gestalten“ komme, „sie ein wenig zu tanzen beginnt, sich entfesselt“. Wie eine solche Entfesselung heute, 500 Jahre nach Luther, konkret aussehen könnte, schildert sie freilich nicht. Sie schlägt nur allgemein vor, zu diesem Zweck dem Luther „aufs Maul zu schauen.“

Peter Waterhouse ist es, der in seinem Beitrag akribisch ein weiteres revolutionäres Element der Lutherübersetzung herausarbeitet, nämlich: „In Luthers Übersetzung geschieht, wovon gesprochen wird. Die Sprache wird zum Geschehen.“  Bei Luther erfahren Sprache und Sprechen einen Funktionswandel: Er berichtet nicht mehr einfach nur über ein Geschehen, sondern die Sprache selbst ist das Geschehen. Als ein Beispiel dient Waterhouse Hiob 2, 11: „DA aber die drey freund Hiob höreten alle das vnglück / das vber jn kommen war ….“ In englischer Übersetzung (die wörtlich dem Hebräischen gleicht), belehrt uns der Autor, heißt es: „Now when Job’s friends heard of all the evil..“ Bei Luther also hören die Freunde nicht vom Unglück Hiobs, sondern sie hören das Unglück selbst. Oder anders formuliert: Die Wörter sind bei Luther nicht mehr Zeichen für das Geschehene, also schon abwesende Unglück, sondern sie sind das Unglück selbst. Waterhouse führt die Bedeutung des dahinter sich verbergenden theologischen Sprachverständnisses Luthers zwar nicht weiter aus. Es wird aber deutlich: Bei Luther ist die Sprache der Bibel nicht philosophisches Merkmal einer abwesenden Sache, sondern theologische Zeichen und Merkmal einer anwesenden Sache.¹ Das sprachliche Zeichen ist hier also, entgegen dem üblichen, von u.a. de Soussure bestätigten Verständnis, die Sache selbst (so auch: von Lüpke: Sprachgebrauch und Norm, in: Dahlgrün/Haustein, a.a.O. S. 79).

Äußerst interessant wäre es, Spuren dieses theologischen Sprachverständnisses in unserer Gegenwart und außerhalb der christlichen Theologie aufzuspüren: Sollte ein solches Sprachverständnis der Präsenz nicht Grundlage der modernen Poetologie sein? Oder jedenfalls Gegenstand poetologischer Diskussion? Ist das Wort nicht (mehr bloß) das Zeichen der abwesenden Sache (z.B. gemäß dem Lamento von Mallarmé: Die Rose selbst ist abwesend, wenn das Wort ‚Rose‘ im Gedicht erscheint), sondern ist es die Sache, der Gegenstand selbst? Und entspricht ein solches Sprachverständnis nicht dem von einigen Philosophen bereits festgestellten Befund, dass sich die anthropozäne Welt u.a. gerade dadurch ändert, dass in ihr Zeichen (z.B. Algorithmen)  nicht mehr ausschließlich konstante Gegenstände repräsentieren (wie noch im Holozän), sondern mit anderen Zeichen und materiellen Prozessen unmittelbar interagieren? An die Stelle materiell  greifbarer Objekte treten Prozesse (vergl. z.B. Bernd Scherer: ‚Wir müssen lernen, die Welt neu zu sehen‘, FAZ vom 4.1.2020, Seite 9). Und war nicht Gott auch bei Luther ungreifbar, sondern begegnete dem Sünder allein in diesseitiger Zuwendung, durch das Wort?

Jedenfalls scheinen sich hier, denkt man die von Waterhouse gegebenen Anstöße weiter, verschiedene Felder eines Gegenwartsbezuges des Luther’schen Sprachverständnisses zu eröffnen.

Von den poetologischen Beiträgen in dem Band sei aus diesem Grunde derjenige von Ulf Stolterfoht hervorgehoben: Er ist mit einer Art Langgedicht im Kapitel „Und haltet mir meinen Groove zugute!“ mit dem Titel sola scriptura vertreten, das aus vier fünf-strophigen Texten besteht, in denen Luther zu einer Art Gangsta-Rapper² oder Poetry-Slammer wird. Der Text verrät eine intensive Auseinandersetzung mit Luther und beginnt so:

der gassenkluge doktor spricht (provocatio 11 : 26 ff.):
„wer den beat begräbt, den fluchen die leut. blessing
jenem, der ihn verbrät!“ was recht verstanden jeder
hood zum trost gereicht. yo! und jesusmäßig frommt.
weshalb der lord papisten disst, die uns den groove
verborgen halten. dig it? already? Usw. Usw.          

Kann oder könnte Luther heute so sprechen?  Sind hier denn die Wörter immer Zeichen für Abwesendes? Waterhouse hat in seinem Beitrag geschrieben, Luther übersetze nicht, er höre, und er höre nicht, sondern jubele. „Seine Übersetzungen jubeln. Sie spielen auf Psalter und Harfen, auf Saiten und Pfeifen und Zimbeln.“ Stolterfoht hat dieses lutherische Jubeln in die Sprache der Gegenwart versetzt, besser: übertragen, oder anders: umgedichtet. Dieser Luther-Rap ist auch in „Fachsprachen XXXVII-XLV“ von 2018 enthalten. Luthers Sprache unter ‚Fachsprachen‘ zu setzen, den Rappern zuzuschlagen und mit Wortmischmasch, Binnenreimen, Wortverdrehungen, Anglizismen und Neuwörtern usw. anzureichern, ist eine (vielleicht die einzige?) Möglichkeit, Luther heute sprechen zu lassen, um so einen Bezug seiner aus dem 16. Jahrhundert stammenden Sprache zur Gegenwart herzustellen.

Unbedingt aus dem gleichen Grund erwähnenswert ist weiterhin der Beitrag der Dichterin Kathrin Schmidt: Ein klassischer italienischer Sonettenkranz mit dem Titel „Das Boot setzt über“. Luther kommt darin direkt nicht vor, aber der Prozess des Übersetzens wird in seiner doppelten Bedeutung thematisiert. Der Gedichtzyklus ist auch in dem 2018 erschienen Gedichtband „Waschplatz der kühlen Dinge“ enthalten, freilich im Titel mit einem klärenden Zusatz, der im besprochenen Band fehlt: „das boot setzt über. (dem Hand- und Kopfwerk des Übersetzens)“.

Gekonnt verbindet die Autorin beide scheinbar völlig unterschiedlichen Sinnfelder des Übersetzens: „wer übersetzt, spricht nicht mehr miteinander, / wir sind so still wie feuersalamander, / fixiert auf grauen schleusenkammerwänden. // die worte mühen sich, uns zu entwischen / ins ungesagte. wie beim fliegenfischen: / ihr wechsel, ihre ungestalten enden.“ , heißt es im ersten Sonett. (Verwiesen sei an dieser Stelle auf folgende ausführlichere Rezension). Nicht nur die Flucht mit Booten übers Wasser ist Thema, sondern auch die Sprache: Im siebten Sonett heißt es beispielsweise: „metaphern fliehn und lassen deutlichkeiten / zurück“, im achten Sonett u.a.: „wo neozoenwörter miteinander / sehr heftig kungeln am belangexpander …“ womit an Hofmannsthals Äußerung (im sogenannten „Chandos-Brief“) erinnert wird, wonach Begriffe nur noch miteinander zu tun haben, das Persönliche des Denkens von deren Reigen aber ausgeschlossen sei. Ist bei Luthers sola fides und sola scriptura das Denken im Glauben nicht auch außen vor, jedenfalls ohne Bedeutung?

Nicht zuletzt sei auf den Beitrag von Sibylle Lewitscharoff verwiesen (‚Von der Wortgewalt‘), im Buch als erster abgedruckt. Wichtig ist ihr, hervorzuheben, dass Luther ein Judenhasser war und dass dieser Judenhass auch mit seinem Bibelverständnis und der daraus resultierenden Bibelübersetzung zu tun habe. Dieses katastrophale Verhältnis Luthers zu den Juden müsse bei jeder Auseinandersetzung mit ihm mitgedacht und mitberücksichtigt werden.  Luther wollte unbedingt im Alten Testament, also auch in der hebräischen, jüdischen Bibel, ein „engmaschiges Verweisungssystem“ (Lewitscharoff) auf Jesus Christus als Messias erkennen. Luther zog, so die Autorin salopp, „den Juden ihre Bibel gleichsam unterm Hintern weg, um sie zu christianisieren“. Luthers Bibelübersetzung habe also von vorneherein einen Pferdefuß, nämlich seinen Hass auf die Juden.  Lewitscharoffs Beitrag ist in dem Band der einzige, der den Judenhass in Zusammenhang mit Luthers Übersetzung ausdrücklich thematisiert, aber nicht im Einzelnen weiter begründet (vergl. zum Zusammenhang von Luthers Übersetzungshandeln und Judenhass besonders: Anja Lobenstein-Reichmann: ‚Wer Christum nicht erkennen will, den las man faren‘, Luthers Antijudaismus, in: Wolf, a.a.O. S 147- 166). Lewitscharoff betont weiter, dass Luthers Postulat von der Wirkungslosigkeit der guten Werke in Bezug auf Gottes Gnade und das Leben nach dem Tod, eine schwierige Hypothek für den Protestantismus geschaffen habe, der ihm bis heute nachhänge.

IV

Zusammenfassend lässt sich resümieren: Die Autoren des Bandes heben, z.T. an einzeln ausgewählten Beispielen und Vergleichen mit hebräischen und englischen Bibelstellen, Luthers sprachliche und auch dichterische Leistung, meist ausführlich begründet, positiv hervor.  Hinsichtlich einer Anpassung oder Revision seiner Bibelsprache an heutige Verhältnisse enthalten die Beiträge aber keine oder gar eindeutige Empfehlungen. Denn Luthers „Übersetzungsgeist“, aus dem sich das heutige Deutsch entwickelt haben mag, ist mehr als widersprüchlich. Luther ist einerseits theologisch zielgerichtet, daher auch von Judenfeindschaft geprägt, sprachlich durchaus dichterisch-kreativ und grenzüberschreitend. Aber er ist auch bibelfest, Höllen- und Hexengläubig, vom bevorstehenden Weltuntergang überzeugt, also traditionell dem mittelalterlichen Denken verhaftet.

Vergleiche aus theologischer oder philologischer Sicht werden nicht angestellt, eine Nachbemerkung dazu fehlt. Die poetologische ‚Herangehensweise‘ in dem Band ist nicht einheitlich. Sie reicht von Essays über Erzählungen (z.B. Philipp Schönthalers interessanter Erzählung Luthers Neffe) bis zu den erwähnten lyrischen Arbeiten und eröffnet durchaus neue Überlegungen zur Luthersprache. Die Übersetzungs-Beiträge hingegen bleiben nahe an der Sprache, orientieren sich an übersetzungstechnischen Problemen und Lösungen. Vorne im Buch selbst gestellte Fragen werden hinten nicht beantwortet; die Antworten bleiben den Lesenden überlassen.

Inwieweit Luthers theologisch-sprachliche Vorstellungen auf heutige, sich ständig ändernde semantische und poetologische Sachverhalte der Weltwahrnehmung übertragbar sind oder nutzbar gemacht werden können, wäre noch zu untersuchen. Anstöße dazu sind in diesem interessanten Sammelband auf alle Fälle zu finden.


¹ WAT 4; 666,8f (Nr. 5106, 5140]: „Signum philosophicum est nota absentis rei, signum theologicum est nota praesentis rei.“, zitiert nach Lüpke, a.a.O, Fn 58.
² Zum Begriff Gangster-Rapper bei Luther, vergl.: André Hatting, Wenn Luther zum Gangster-Rapper wird, Abgerufen am 13.1.2020.


 
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