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Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium (2)

Rezensionen / Verlage


Marie Isabel Matthews-Schlinzig

Thure Erik Lund: Das Grabenereignismysterium. Aus dem Norwegischen übersetzt sowie mit Anmerkungen und einem Glossar versehen von Matthias Friedrich. Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2019. 296 Seiten. 23,00 Euro.


Am Anfang von Thure Erik Lunds Roman Das Grabenereignismysterium überkommt Tomas Olsen Myrbråten, den Protagonisten, ein „Schmerz” und er überlegt: „Ob es nur noch einmal möglich sei, erneut ins Leben zu treten und alles so, als wäre es das erste Mal, erneut zu sehen.” Tomas weiß, dass dies ein „unmöglicher Wunsch” ist und dennoch durchdringt dieser fortan sein Leben ebenso wie das Denken und Schreiben darüber. Das darauf unvermeidlich folgende, immer wieder erlebte Scheitern zieht sich durch das Buch wie ein Leitmotiv. Damit eng verknüpft ist der in Tomas Gestalt annehmende Konflikt des Einzelnen mit dem Kollektiv. Letzteren hebt die Verlagsvorstellung als „ur-norwegisches Thema” hervor, vertraut ist er allerdings auch Lesern in vielen anderen Ländern und Sprachen.

Die Auseinandersetzung Myrbråtens mit Norwegen und den Norwegern vollzieht sich auf drei Ebenen, die jeweils für einen der drei Abschnitte des Romans strukturgebend sind: Nationalkultur und Stadtexistenz, Landleben und zwischenmenschliche Beziehungen, sowie die für das skandinavische Land so identitätsstiftende Natur – spezifisch der Wald. Verbindend dabei u.a. ist Myrbråtens, im Laufe des Erzählens immer existenzieller werdende, soziale Ausgrenzung, die sowohl fremd- wie selbstverursacht ist. Ein Prozess, der im Protagonisten sowohl kreative wie destruktive Kräfte freilegt.

Diese entladen sich einerseits in seinem Handeln, etwa in Akten psychischer und physischer (v.a. sexueller) Gewalt gegen andere (und sich selbst) oder seinen im weitesten Sinne kultur- und zivilisationskritischen Bemerkungen, in denen er u.a. die Zurichtung norwegischer Kulturdenkmäler und -identität für den internationalen Tourismusmarkt aufs Korn nimmt. Dabei entsteht ein Bild Norwegens, das dem des in jüngerer Zeit häufiger beschworenen ‘glücklichsten Landes der Welt’ ein heikleres, dunkleres Negativ entgegensetzen.

Während der gewalttätige Myrbråten wechselweise tragikomisch und abstoßend wirkt, fasziniert, andererseits, seine eigenwillige, schöpferische Sprechweise und die darin geschilderte Weltsicht. Augenfällig sind die zahlreichen Neo-logismen, Dialektwörter und ungewöhnlichen Wendungen, deren sich der Protagonist bedient, wie „Geistesmenschen-geräuschhervorbringung”, „Schnüss“ (Mund, Maul), „huma-nistoid” oder „Weltmaschine”. Dabei dehnt Myrbråten nicht nur die lexikalischen sondern auch die grammatischen wie stilistischen Strukturen von Sprache teilweise fast bis zum Bersten – und damit auch deren Sinnhaftigkeit. Während einige dieser Passagen in Aporien und Unverständliches abgleiten, scheint in anderen ein präzise gebauter, teils enorm bissiger Humor auf, der sowohl die Erzählstimme wie die Welt, die sie beschreibt, satirisiert.

So etwa, wenn der ursprünglich vom Land stammende und von der Stadt gewissermaßen zum zweiten Mal sozialisierte Protagonist seinen Umgang mit altem wie neuem Lebensumfeld beschreibt: „Also, nach einigen Jahren ging ich von meinem Dasein als gleichmäßig arbeitender, in erster Linie jedoch zurückhaltender Kerl, der allem Neuen gegenüber mit Skepsis begegnete, zu einem Dasein als sogenannt Lebensbejahender, Gewalttätiger, Allesfresser über, der ab und zu ins Dorf zurückkehrte, die Dorfstimmung mit postmodernem Dope beschmierte, alte Bekannte grüßte und die grünen Talgegenden der Kindheit betrachtete, nur um mir eine Art Wirklichkeitsstoff zu ergaunern, den ich bei der Rückkehr in die Stadt mystisch und anekdotisch in stetigen ironischen Spiralen aufbrauchen konnte, um mich mit all dem naturdurchtränkten Rohstoff zu mästen und ihn dort in der Stadt in diversen Gesprächssituationen in geläuterter und abgeklärter Form hervortreten zu lassen.”

Man kann Tomas‘ Entwurf einer eigenen Sprache und ‚Philosophie’ als Reaktion auf eine Gesellschaft lesen, die das Vertrauen des Individuums verloren hat, und der es deswegen eine andere, nicht manipulierte Artikulation entgegensetzt. Andererseits wird im Verlauf des Buchs schnell klar, dass Myrbråten ein im mehrfachen Sinne unzuverlässiger Erzähler ist, der Manches bewusst verschweigt, übertüncht oder sich in einem seiner regelmäßigen Anflüge von Größenwahn schön redet. Dadurch bleibt er, selbst als sich körperlich wie geistig immer mehr der Landschaft anverwandelnder „Waldläufer“, letztlich bis zum Ende Teil jenes Systems von Welt – und Sprache! –, die er mit Spott und Hohn überzieht aber auch fürchtet und im Grunde nur bedingt durchschaut. Dabei wirkt es in Momenten besonderer Ratlosigkeit manchmal fast so, als entwickle das fiktive ‚Ich‘ ein Bewusstsein für sein eigenes ‚Sprache-Sein’, als spreche es den Leser über die Grenzen der Welt des Romans hinaus direkt an. Das weist auf die ebenso banale wie im Roman doch zentral und mehrfach thematisierte Erkenntnis hin, dass auch die Erzählstimme Myrbråten eben nur eine Erscheinungsform von vielem ist, was Sprache annimmt. Letztere wird dabei als in ihrer Lebendigkeit, Ursprünglichkeit und Machtfülle letztlich allem vorgeschaltet gedacht — Protagonist, Leser wie Autor eingeschlossen.

Allerdings bleibt unklar, wie es um die geistige Verfassung Myrbråtens bestellt ist (also ob man seine ‚Bewusstwerdung‘ beispielsweise auch als Depersonalisation verstehen könnte), wie bewusst er seinen Selbstbericht manipuliert, und inwiefern er sich und seine Zustände – sowie die anderer Menschen – selbst versteht. Wie überhaupt Vieles in diesem Roman ambivalent bleibt, rätselhaft, seinen Charakter nie ganz offenlegt – was natürlich wiederum nicht frei ist von Ironie in einer Erzählung, deren Protagonist u.a. Faktenwissen ablehnt. Im Zeitalter von Fake News und Filterblasen, in dem auch der Rückzug in eigene, radikale Denkwelten und Lebensweisen ein immer häufiger zu beobachtendes Phänomen ist, erscheint (neben anderen) vor allem dieser Aspekt des Buchs enorm weitsichtig – denn immerhin ist das Original schon 1999 erschienen.

Tatsächlich ist Thure Erik Lund, dies sollte nicht unerwähnt bleiben, ein in Norwegen bereits lange bekannter und mehrfach mit Preisen bedachter Autor, dessen Werk in Deutschland (wie im übrigen auch anderen Ländern) weithin noch zu entdeckenden ist. Das Grabenereignismysterium bildet den ersten Teil einer Tetralogie – den nach dem Protagonisten auch des vorliegenden Bandes benannten MyrbråtenfortellingeneMyrbråten-Erzählungen.

Schließlich kann – und sollte – frau über dieses Buch nicht schreiben, ohne dem Übersetzer, Matthias Friedrich, einen Tribut zu zollen. Hat er sich doch der Aufgabe gestellt, den Text eines Autors zu übertragen, den u.a. dessen bekannter Kollege Karl Ove Knausgaard für ‚unübersetzbar’ hält. Entsprechend äußert sich Friedrich in einem kurzen Nachwort zu den Schwierigkeiten, mit denen er während seiner Arbeit konfrontiert wurde. Dazu gehören neben erfundenen Toponymen (die Friedrich dankenswerterweise in einem dem Buch anhängten Glossar eingehend erläutert) und „kulturell bedingt […] nicht bis ins Letzte” ins Deutsche übertragbaren Passagen u.a. Wörter eines kaum noch gesprochenen Dialekts der Kommune Modum, aus der Lund selber stammt. Nach längerem Überlegen entschloss sich Friedrich, für diese Wörter, die kontinuierlich und auf durchaus irritierende Weise im Erzählfluss auftauchen, das Rheinischen Wörterbuch heranzuziehen und damit Begriffe aus Eifeler Dialekten, die er – wie er auf Nachfrage erklärte – aus seiner Kindheit kennt. Diese Wahl wird nicht jeden überzeugen. Doch stellt eben diese Übertragung des für den Text wichtigen, Herkunft markierenden Dialekts von der Sprache einer Kindheit in die einer anderen auch eine in mehrfacher Hinsicht poetische Verbindung her zwischen Autor, fiktivem Protagonisten und Übersetzer, die einen besonderen Reiz besitzt.

Matthias Friedrich selbst fasst seine Spracharbeit im Deutschen mit Blick auf die des Originals wie folgt: „Ich denke, dass meine Übersetzung etwas völlig anderes ist als das Original – sie ist unbeweglicher, nicht ganz so flatterhaft und liederlich wie das Norwegische. Ich habe einen Steinblock mit ein paar Ecken und Kanten aus dem Felsen geschlagen, während Lund den Monolithen zerschlagen und die Brocken in einem undurchdringlichen Muster zusammengefügt hat.”

Lunds Buch eröffnet – das sollte am Ende noch einmal betont werden – einen großen Interpretationsraum. Es überrascht daher nicht, dass – wie anderen Kritiken zu entnehmen war – das Buch sein Publikum spaltet. Die Rezensentin war im Laufe der Lektüre hin- und hergerissen zwischen teils widerstreitenden Reaktionen, die von Genuss über Amüsement bis hin zu Verwirrung und Abneigung reichten. Letztlich fordert Das Grabenereignismysterium die Leser auf sehr intensive Weise zu einer eigenen Deutung heraus und dazu sich selbst in die sprachliche Welt Tomas Olsen Myrbråtens hinein- und wieder hinauszudenken. Diese Leserin jedenfalls möchte v.a. eine Lektüreerfahrung nicht missen, die sie Lund verdankt: das komplexe Nachdenken über Menschsein, Sprache und Natur, welches sie mittlerweile u.a. auf mehr als einem Waldspaziergang begleitet hat. Es ist zu hoffen, dass der Literaturverlag Droschl Thure Erik Lund und seinem Übersetzer Matthias Friedrich treu bleibt, damit weitere Werke dieses vielleicht nicht einfachen aber ganz sicher nachhaltig beeindruckenden Autors ihren Weg ins Deutsche finden.

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