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Sinn und Form, Heft 4/2022

Zeitschrift des Monats

Michael Braun

Zeitschrift des Monats

Sinn und Form, Heft 4/2022

Günter Eich: »Wer macht sich die Mühe, mein Feind zu sein?«




In einem enthusiastischen Filmporträt des Dichters Günter Eich, das 1971, in seinem letzten Lebensjahr entstand, sieht man in den Schluss-Sequenzen, wie Eich gemeinsam mit seinem Sohn Clemens durch einige Seitenstraßen und Gassen Zürichs streift. Verblüffend ist hierbei zu beobachten, wie der damals 17jährige Clemens barfuß und mit wilder Haarpracht, ganz im libertären Hippie-Style, den Vater durch die engen Straßen und an Schaufenstern vorbei lotst, als sei er der Scout und der Vater der navigationsbedürftige Fremde in der City. Es war die Zeit, als Clemens Eich gerade beschlossen hatte, selbst eine Künstlerexistenz zu führen, und einen Platz an der Schauspielschule in Zürich erobern konnte. Wie grenzt man sich als Sohn berühmter Eltern künstlerisch ab? Ilse Aichinger und Günter Eich waren 1971/72 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms angelangt, wobei Eich bereits mit seiner ästhetisch querulatorischen „Maulwürfe“-Dichtung (1968) seinen Rückzug aus dem Literaturbetrieb eingeleitet hatte. Wie schwierig und zugleich bewundernswert eigensinnig der künstlerische Lebensweg von Clemens Eich verlief, hat nun der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner in einem sehr empathischen Essay in der neuen Ausgabe von „Sinn und Form“ (Nr. 4/2022) beschrieben. Was tun, wenn man durch die schöpferische Kraft der eigenen Eltern eingekreist wird? Clemens Eich vermochte schon früh, sein poetisches Talent zu demonstrieren, lange bevor 1980 sein Lyrikdebüt mit dem Band „Aufstehn und gehn“ erschien. Bereits von dem Dreizehnjährigen sind „sechs Gedichte“ an den Vater überliefert. Wie tief der Riss war, der durch das Leben des jungen Schauspielschülers ging, als Günter Eich im Dezember 1972 starb, verdeutlicht ein Gedicht wie „Ten Years After“, das 1982 entstand: „Ich seh dich kommen durchs Milchglasfenster/ den Arm, / Dezemberluft deines Sterbens, / Februarwind deiner Geburt,/ die Musik ist so schön laut,/ daß ich dich nicht hören will.“ - „Poor boy, they call me poor boy“: Der Welthit Elvis Presleys, der 1972, im Todesjahr Günter Eichs, von der Bluesrock-Formation Chicken Shack genialisch adaptiert wurde, liefert hier den melancholischen Sound für das Clemens Eich-Gedicht. Zuerst versucht das lyrische Ich des Sohnes, Widerstand zu leisten gegen die Präsenz des Vaters – aber immer stärker ergreift die Erinnerung von ihm Besitz. Rüdiger Görner verweist in seinem Essay auf die „vielfach erfahrene Sohnesbürde“ und auf die Aufzeichnungen Clemens Eichs zu seiner Georgien-Reise, die – so Görner - „belegen, wie sehr Clemens unter der Beschwernis litt, >der Sohn< zu sein“. Nach dem Debütband und einem Band mit Erzählungen war 1995 der Roman „Das steinerne Meer“ erschienen, der im Dorf Muna spielt, einem Ort im Schatten des gewaltigen Gebirgszugs auf der Grenze zwischen Bayern und dem Salzburger Land. Görner entdeckt schließlich in dem 1989 verfassten Gedicht „Kettenbrückengasse“ eine Vorahnung von Clemens Eichs Tod: „Wie still ist es eigentlich,/ wenn es stillsteht? Die Lunge, das Herz,/ auch beides.“ Im Februar 1998 starb Clemens Eich, als er zur Wiener U-Bahn-Station Kettenbrückengasse unterwegs war.
         Das neue „Sinn und Form“-Heft, das diesmal randvoll ist mit überaus lesenswerten Essays, Erinnerungen und Gedichten (überwältigend gut: die Sonette von Wilhelm Bartsch und Thomas Rosenlöchers Abschiedspoem „Mäandertal“), lässt sich als kleine Reminiszenz an die Dichterfamilie Aichinger/Eich lesen. Denn neben dem Clemens Eich-Porträt werden noch zwei weitere aufregende Entdeckungen aus der Dichterfamilie publiziert. Zum einen ein bislang unpublizierter Aufsatz Ilse Aichingers zum Tagebuch-Werk Felix Hartlaubs und ein spätes Hörstück Günter Eichs, sein wohl letztes Werk, das er nach einem Krankenhausaufenthalt im April 1972 fertigstellte. Ilse Aichingers Versuch über Felix Hartlaub ist schon daher aufregend, weil hier eine einst als „Halbjüdin“ verfolgte Schriftstellerin über einen Autor schreibt, der im innersten Kern des NS-Regimes gelebt hat. Felix Hartlaub, der 1913 geborene Sohn eines von den Nazis geschassten Kunsthistorikers aus Mannheim, wurde 1939 nach seiner historischen Promotion in die Wehrmacht eingezogen und gehörte ab 1942 dem Bearbeiterstab des Kriegstagebuchs beim Oberkommando der Wehrmacht an. Bis zum Untergang des NS-Regimes berichtete er aus dem Führerhauptquartier, das er als „tote Mitte des Taifuns“ beschrieb. Ilse Aichinger findet anerkennende Worte zu Hartlaubs Aufzeichnungen: „Die eigentlichen Morde und die eigentlichen Mörder dürfen nicht erwähnt werden, aber aus diesem Zwang ergibt sich eine unnachahmliche Darstellung der Randfiguren des Bösen, der Übergänge, in denen die Morde beginnen: das Benehmen einer Sekretärin in der Kantine, einer anderen beim Sonnenbad auf der Waldlichtung, das Geschwätz eines Kurieroffiziers im fahrenden Zug.“
          Ein zweiter großartiger Fund ist ein ziemlich finsteres Hörstück Günter Eichs, das sich in seinem Titel – „Alte Wolfsfährte“ - eng an eine „Formel“ Eichs aus dem Band „Zu den Akten“ (1964) anlehnt: „Hoffnung, alte Wolfsfährte“. Das Hörstück, das auch als Kurzdrama gelesen werden kann, zeigt eine kleine Familie – Vater, Mutter und Sohn – in einem Haus, ihre Lebenswelt wird gerade endgültig abgeräumt. Ein Landvermesser taucht auf, dessen einzige Aufgabe es ist, nicht nur das Haus, sondern auch dessen Bewohner zum Verschwinden zu bringen. In einem überaus instruktiven Kommentar erläutert der Literaturwissenschaftler Roland Berbig, dass sich Günter Eich in seinen späten Jahren von jedem literaturbetrieblichen Gewese diskret verabschiedet hatte. „Auf dem Löschblatt sind noch Briefe zu lesen, Scheckunterschriften, Liebe, Gedichtzeilen, alles gegen mich“, heißt es dann im Gedicht „Altern“, und weiter: „Wer macht sich die Mühe, mein Feind zu sein?“ Auf dem Sterbebett soll Eich nur noch wenige Wünsche geäußert haben, der zentrale war: „Ich will gar nichts mehr, ich will anfangen zu spielen.“ Roland Berbig weist nun auf das letzte Wort hin, das Eich am 21. August 1972 notierte: „Omimi“. So hieß Eichs Mutter in der Familiensprache.


Sinn und Form, Heft 4/2022; Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin. 140 S., 11 Euro.


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