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Schreibheft No. 98 (2022)

Zeitschrift des Monats

Michael Braun

Zeitschrift des Monats

„APRIL IST DER GRAUSAMSTE MONAT  -  
100 JAHRE >THE WASTE LAND<“

Schreibheft, Nr. 98 (2022)


„Wer Strophen liebt, der liebt auch Katastrophen“, hat Gottfried Benn einmal spöttisch notiert. Als der große „Sterbesturm“ des Ersten Weltkriegs durch Europa fegte und die alte Welt aus den Angeln hob, reagierte auch die Dichtung mit poetischer Mobilmachung. Aber auch nach den blutigen Ernüchterungen der Generation Verdun haben die Dichter der Moderne im Zeitalter der Extreme so manche politische Kehrtwende durchlaufen, mitunter auch contre coeur. Der rumänische Dichter Gellu Naum (1915-2001) war 1938 nach Paris gekommen und hatte dort den Erz-Surrealisten André Breton kennengelernt. Mit Begeisterung bekannte er sich 1938 zur pazifistischen Erklärung der französischen Surrealisten Weder euer Krieg noch euer Frieden, in der Hitler und Stalin gleichermaßen als Verhängnis apostrophiert wurden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Kriegserklärung Frankreichs an Nazideutschland am 3. Dezember 1939 wurde Naum wie alle rumänischen Staatsbürger des Landes verwiesen. Zurück in Rumänien, wurde er zum Militär eingezogen und durchlief eine Offiziersausbildung, um gleich nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 als Teil des rumänischen Heeres in den Krieg zu müssen. Als Kavallerist der rumänischen Armee war er danach an dem Angriff auf die Ukraine beteiligt: „Stell dir doch mal vor, wie das ist, du kommst aus dem Pariser Künstlermilieu zurück nach Bukarest, wirst notdürftig militärisch ausgebildet, na klar, Akade-miker, Unteroffizier und so, und dann sitzt du in voller Montur auf dem Rücken eines armen Pferdes und reitest in die Ukraine hinein.“
        Gellu Naum, der erklärte Gegner aller mörderischen Kriegstreiber, der als Surrealist alle konventionellen Vorstellungen von Politik und Ästhetik, Schönheit und Kunst aufgekündigt hatte, konnte sich der Gewalt des Krieges nicht entziehen. Ein Dilemma, ein Auseinanderklaffen von Wort und Tat, das viele Dichter:innen der (Spät)Moderne einholt, nicht nur, wenn wieder ein Kriegstreiber in die Ukraine einfällt.  
      Zwei Jahre nach der erzwungenen Kriegsbeteiligung gründete Naum gemeinsam mit Gherasim Luca, Virgil Teodorescu, Paul Pãun und D. Trost die Bukarester Surrealistengruppe, von der nun einige Gemeinschaftsarbeiten im aktuellen Schreibheft (Nr. 98) vorgestellt werden, kommentiert von Ernest Wichner. Ende 1947 wurde das ästhetisch subversive Treiben der Bukarester Surrealisten von den neuen kommunistischen Machthabern verboten, bis 1968 litt Naum unter dem Berufsverbot. Erst gegen Ende seines Lebens wurde Naum wiederentdeckt, posthum erschien 2006 bei Urs Engeler ein fantastisch opulenter Band mit „Sämtlichen Gedichten“, kongenial übersetzt von Oskar Pastior. Im Schreibheft sind nun aus dem Nachlass Virgil Teodorescus einige putzig-serielle Theaterstücke der Gruppe zu besichtigen, die mit dem „Prinzip Obszön“ (Peter Gorsen) kokettieren. Sie beziehen ihren Reiz aus der grotesken Konstellierung erotischer oder pornografischer Effekte: „Frau Medium steckt ihre Hand von unten her ins Hosenbein des Mannes, während die Prostituierte aus dem Traum sie ihm aufknöpft; die aus dem Hosenschlitz ragende Hand von Frau Medium wird von der Prostituierten aus dem Traum geküßt und geleckt.“
       Das neue Schreibheft hat neben dem Dossier zu den rumänischen Surrealisten noch zwei weitere aufregende Kapitel aus der Literaturgeschichte der poetischen Avantgarden zu bieten. Der Literaturwissenschaftler Maximilian Gilleßen hat eine völlig unbekannte Splittergruppe aus dem Umfeld des Surrealismus ausgegraben, die Bruderschaft der sogenannten „Simplisten“, deren bizarre Aktivitäten mitunter mehr auf eine halluzinatorische Entgrenzung des Bewusstseins zielten als auf dessen poetische Wiedererweckung. Wie Gilleßen in seinem instruktiven Kommentar erläutert, handelt es sich bei den „Simplisten“ um einen fast sektenhaften Bund junger Männer, die mit Somnambulismus, Hypnose, Strychnin, Russischem Roulette und Opium experimentierten, um zum ganz großen metaphysischen Abenteuer vorzustoßen. Ihr Anführer war der Schriftsteller und Alpinist René Daumal (1908-1944), von dem etliche Traktate präsentiert werden. Daumal war ein Liebhaber der Negation („NEIN ist mein Name“), die die körperliche Selbstruinierung einschließt. Er starb im Mai 1944 im Alter von 36 Jahren an Tuberkulose.

Im Zentrum des neuen Schreibhefts steht eine emphatische Reminiszenz an das Jahrhundert-gedicht The Waste Land des großen Dichters, Dramatikers und Bankangestellten T. S. Eliot, der mit der Veröffentlichung seines Gedichts im Oktober 1922 in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Criterion die Welt der Poesie veränderte. Allein die Editionsgeschichte des Langgedichts ist bemerkenswert: Eliots Weggefährte und Freund Ezra Pound, dem der Dichter The Waste Land zum Lektorat überlassen hatte, handelte ziemlich rabiat und kürzte das Manuskript von 54 auf 19 Seiten zusammen. Wir verdanken es also dem poetischen Sensorium Pounds, dass The Waste Land mit der berühmten Zeile beginnt: „April ist the cruellest month…“. 1926 wetteiferten der Romanist Ernst Robert Curtius und der deutsch-rumänische Literaturvermittler Alfred Margul-Sperber um die angemessene Übersetzung von Eliots Gedicht; später folgten Eva Hesse (1972) und Norbert Hummelt (2008) mit so eigensinnigen wie konsequenten Übertragungen. Das Schreibheft publiziert nun erstmals den Briefwechsel Eliots mit seinen Übersetzern Curtius und Margul-Sperber. Außerdem wird – was in der Eliot-Forschung bisher selten geschah – die Rolle von Eliots erster Ehefrau Vivien gewürdigt, die bislang meist als Nervensäge mit einer „history of illness and nerves“ (Stephen Spender) disqualifiziert wurde. Das Schreibheft druckt – erstmals auf deutsch - einige Beiträge von Vivien Eliot für die Zeitschrift Criterion. Und im Blick auf den ersten Teil von The Waste Land wird ein aufschlussreiches Übersetzer-Exerzitium veranstaltet: Sechs Autor:innen, unter ihnen Anja Utler, Esther Kinsky und Yevgeniy Breyger, versuchen sich an einer Neuübertragung von The Burial of he Dead. In freien Formen oder in strenger Nachbildung von Eliots Metrik und Rhythmik, bei gleichzeitiger Freiheit im Semantischen, wie es etwa der Literaturwissenschaftler Johannes Ungelenk versucht: „Frühling ist die schlimmste Zeit, brütet/ Flieder aus auf dem Todland, tröpfelt/ Erinnern in Verlangen, kitzelt/ Stumpfwurzeln mit Aprilregen.“ Nach der Lektüre dieser durchweg lesenswerten, anregenden Übertragungen kehrt man aber wieder zur beglückenden Erstübersetzung von Ernst Robert Curtius zurück: „April ist der grausamste Monat, er treibt/ Flieder aus toter Erde, er mischt/ Erinnern und Begehren, er weckt/ Dumpfe Wurzeln mit Lenzregen.“


Schreibheft Nr. 98 (2022); Rigodon Verlag, Nieberdingstr. 18, 45147 Essen; 192 Seiten, 15 Euro.


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