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Odysseas Elytis: Aller Anfang ist Poesie

Rezensionen/Verlage


Kristian Kühn

Odysseas Elytis: Aller Anfang ist Poesie. Essays zur Kultur und Lyrik. Erstmals ins Deutsche übersetzt von Giorgis Fotopoulos. München (Aphaia Verlag) 2019. 119 Seiten. 14,90 Euro.

Der dritte Zustand


Odysseas Elytis, 1916 auf Kreta geboren, 1996 in Athen gestorben, war vor allem dem Surrealismus freundschaftlich zugewandt – Bréton, Èluard, Char – aber auch Picasso, Giacometti, er arbeitete nach dem zweiten Weltkrieg (in dem er am griechischen Widerstandskampf teilnahm) an seiner hymnischen Dichtung To áxion esti („Gepriesen sei“), seinem Hauptwerk, für das er 1979 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Antike und Moderne in einem sind Inhalt der Elytischen Werke: Eine Symbiose aus altgriechischer Philosophie und Dichtung mit der deutschen Romantik und dem französischen Surrealismus. Immer wieder kreisen seine Überlegungen um die Sonne, sie ist auch in seinen Essays die Beherrschende, sowohl im physischen als auch im geistigen Sinn das Prinzip des Lebens – auf beiden Ebenen.

Der Münchner Aphaia Verlag hat nun ausgewählte Essays von Elytis zur Kultur und Lyrik veröffentlicht, die zwischen 1935 und 1990 entstanden sind und allesamt um die Erwartungen an Dichtung kreisen, erstmals ins Deutsche übertragen und mit einem Nachwort versehen von Giorgis Fotopoulos, der erklärt:

„Als ‚Gepriesen sei‘ 1959 erscheint, stößt es zuerst auf Unverständnis. Erst die Aufführung der teilweisen Vertonung durch Mikis Theodorakis im Jahr 1964 begründet die allmähliche Anerkennung dieses Werkes, das sich von da an bis heute als das nationale Poem etabliert.“

Unter anderem geht es Elytis in seinen Essays um die Einfachheit des Stils, und er vergleicht diesen Versuch, einfach zu schreiben, mit den Texten der Antike und will nicht auf diese allein verwiesen werden, denn damals waren ihre Hände „der Falte noch nicht begegnet, das bedeutet, für sie bestand keine Notwendigkeit, diese zu entfernen.“

„In heutigen Texten, in denen sogar vereinzelt die berühmte Einfachheit in einem zufriedenstellenden Maß erreicht ist, bemerkt man leider bald, dass dies auch dort zu Lasten einer Fülle anderer Ingredienzien geschieht – dem Fieber des Einfallsreichtums, der Freude an Unversehrtheit, dem Lebensfeuer – die unsere Theoretiker bereitwillig, das Bittere versüßend, als unbrauchbar verkünden, die jedoch für jeden aufgeklärten Leser, glaube ich, ebenso notwendig und erforderlich sind wie die Würze des Lebens.“

Stattdessen werde heutzutage auf massenhafte Weise versucht, „die Dinge von der Ebene vollendeter Einfachheit auf die Ebene vereinfachten Handelns herunterzubrechen.“
    Das führe dazu, dass man nicht mehr über die griechische Antike schreiben dürfe, weil man dann als Lokalpatriot gelte, und auch sich nicht um die eigene Sprache sorgen dürfe, weil man dann nicht dem Zeitgeist folge und als Zurückgebliebener gelte. Vor allem aber gelte man, wolle man Beständiges erschaffen, als Ästhet und Formalist.

Insgesamt beklagt Elytis sich über „die Abwesenheit der Fantasie, die den Menschen in einen Realitätsinvaliden verwandelt.“
    Demnach seien heutzutage zwiefache Analphabeten bis in den Tod hinein unterwegs, die a) ohne Fantasie gelebt und b) das Leben nie besungen haben.
     Elytis wendet sich in diesem Zusammenhang primär gegen den Intellektualismus unserer Zeit:

„Leider erwerben die Menschen allzu leicht hohe Bildung und zeichnen sich bei allem aus, bei dem allein das Gehirn erforderlich ist. Ist aber die Beteiligung des Empfindens erforderlich, dösen sie weg. Ihre Empfindsamkeit vermag es im Zustand dauerhafter Unterkühlung nicht, den Ursprung des Reizes in ein Ebenbild zu verwandeln, das sich wesensgleich im Geiste widerspiegelt.“

Stattdessen aber gäbe es von dem Was ist zu dem Was sein kann eine Brücke, „die dich ohne weiteres von der Hölle ins Paradies führt. Und das Wundersamste ist: dieses Paradies ist aus genau demselben Material gebaut wie jene Hölle. Es ist einzig und allein das Gewahren der Anordnung des Materials, das den Unterschied ausmacht …“
   Hilfreich dafür ist der dichterische Zustand – ganz wie bei Rimbaud oder später im Surrealismus – als ein dritter Zustand, der nicht den Widersprüchlichkeiten und Unterschied-lichkeiten des Alltags unterworfen sei.

„Er ist eine Art Notation, die mit Wörtern geschrieben wird, jedoch in der Seele als Erschütterungen gedeutet wird, deren Auswirkungen sehr weit reichen, manchmal (da sie ihrem höheren Ziel näher sind) etwas erreichen, was keine Beziehung zum ursprünglichen Sinn der Wörter hat.“

Ein Buch für alle, die sich damit beschäftigen, wie die literarische Tradition mit der Jetztzeit in Verbindung gebracht werden kann.

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