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Nachsommer der Dichter 2014

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Wie jedes Jahr leitete den Literaturherbst Münchens auch diesmal der „Nachsommer der Dichter“ ein. Und da es sich dabei um eine Gemeinschaftsveranstaltung des Lyrik Kabinetts mit dem Istituto Italiano di Cultura und dem Generalkonsulat der Schweiz und dem Forum Italia e.V. handelt, kam die Lyrik auch diesmal aus drei Ländern.

Um mit Trivia zu beginnen, Albert Ostermaier hört beim Schreiben Musik, weil er dann Bilder sieht, wie Filme. Die Sprache des Gesangs nimmt er dabei nicht wahr, nur Melodie und Rhythmus. Bei Franz Dodel ist es während des Schreibens ganz still, er ist dann mit seiner eigenen Stimme genug beschäftigt. Vivian Lamarque hört auch keine Musik beim Schreiben, aber auch nicht die Stille, das liegt an der mehrspurigen Straße in Mailand vor ihrer Wohnung.

Von links nach rechts:

Albert Ostermaier,
Franz Dodel,
Vivian Lamarque


Als Moderator fungierte Antonio Pellegrino vom Hörfunk des BR, der zunächst Albert Ostermaier vorstellte, und zwar als „Tausendsassa“. Ostermaier las Gedichte (invisibile, accademia, campo ghetto nuovo) aus seinem neuen Band „Außer mir“, die unter anderem Venedig zum Gegenstand haben, nach Fotografien von Christopher Thomas, der Aufnahmen gemacht hat, die die Stadt als Unsichtbare zeigen, Zwischenräume ohne Personen – Ostermaiers Intention dabei: eine Schule der Wahrnehmung:

invisibile

ich steig ans land erinner ich
nicht ohne furcht und zagen
platen brodsky goethe proust
die kanäle zitternde zeilen
worte wie die letzten luftblasen
von ertrinkenden ertrunken
an der schönheit die lippen
unter der flirrenden wasser
oberfläche flüstern sie weiter

Warum Venedig, warum Italien, wollte Pellegrino als Moderator wissen. Dies sei Teil seiner Variabilität, Teil der Poesie an sich, antwortete Ostermaier, im Dialog mit den Klassikern zu bleiben. Zeitgemäß zu sein, heiße auch, gleichzeitig verschiedene Strömungen und Zeiten zu berücksichtigen.
Franz Dodel, aufgefordert, darauf zu antworten, sagte, er selber wäre schnell wieder weg gewesen aus Venedig, weil er die Eindrücke immer nur assoziativ zuhause fortsetzen und vertiefen würde. Auch er habe keine Schwellenangst vor der Tradition. Vivian Lamarque beteuerte, sich – jetzt in München – Spitzweg anzusehen in der Neuen Pinakothek, und zwar eine der Fassungen vom armen Poeten.
Ostermaier las gleich weiter, weil er vorzeitig fortmusste (vielleicht, weil das Fernsehen ab viertel vor Neun ein Champions-League-Spiel Bayern Münchens übertrug?), und zwar aus dem neuen Band „giardini pubblici“ („ich bin schreibfaul stendhal / sitzt im pavillon mit bleiernen fingerknöcheln der wind will / ihm das leere blatt aus den / händen reissen und treibt / seine wellen über das papier / …“)  und „biennale d’arte moderna“ und als Zugabe ein Fußballgedicht, für die FAZ zur Weltmeisterschaft geschrieben. Dann verabschiedete er sich.

Es ging weiter mit Vivian Lamarque, die außer Lyrik auch Märchen schreibt und freiberuflich als Journalistin in Mailand tätig ist, auch lange als Lehrerin dort gearbeitet hat. Auf Deutsch sagte sie: „Ich schreibe, weil ich nicht sprechen will.
Sie las über ihre erste Liebe, deutete eine nicht so glückliche Kindheit an, forderte Applaus heraus, und Antonio Pellegrino hob das plötzlich Abgründige in ihrer märchenhaften Poesie hervor:

O wären auch wir eines jemanden Mond!
Als Betrachtende betrachtet zu werden
zu glänzen. Zu erscheinen – von weitem -
wie der reinweiße Mond, der wir nicht sind.

Franz Dodel hat als Vierzigjähriger noch studiert, zuvor war er Lehrer, danach Bibliothekar in Bern – seit 2002 schreibt er streng in dem 5-7-5-Silbenschema der Haiku, aber keine Dreizeiler, sondern endlos fortlaufende Sequenzen in einer Reihe, die er „Nicht bei Trost“ nennt. Eine sperrige Form, wie er sagt, weil sie im Deutschen keinen guten Rhythmus ergibt, weil sie beim Sprechen bremst. Das gerade interessiere ihn, wie ein Mönch „auf der Sprache herumzukauen“.

Was geschieht mit einem Text, den man nicht abbrechen lässt? Dodel, von der Idee gepackt, sitzt täglich an dieser „Textilarbeit“ – reflektiert eine Art Lebensteppich. So gibt es von ihm auch zwölfstündige Lesungen mit 24 Leuten, die sich das Lesen teilen, aber auch Lesungen, in denen er 5-6 Zeilen vorträgt, dann ganz woanders weiterliest, irgendwo aufgeschlagen. Auch gibt es Ausstellungen mit seinem Text, oder Kompositionen, denn Musiker fasziniere dieses ständig sich Fortsetzende. Jeder Text, auch der kürzeste, sei eine Suche nach dem Rest, eine Suche nach dem Sinn:

jeder Text auch noch
der kürzeste ist eine
Suche nach dem Rest
nach dem was übrig bleibt wenn
alles gesagt ist
das heißt die Wörter die hier
Zeile um Zeile
aneinander sich reihen
sind nur Brennstoff und
ad vivum comburium
und da ihnen nichts
kein Plan auch keine Idee
zugrunde liegt wird
schließlich nur noch besagter
Rest da sein von dem
nichts Näheres bekannt ist
nur dass auch er der
Verwitterung ausgesetzt
lange braucht bis er
leicht genug ist zum Aufbruch
(wobei der Zugknick
ostwärts irgendwo über
Mauretanien
für uns geheimnisvoll bleibt)
jede Wissenschaft
müsste beginnen mit der
Beobachtung der
Atmosphäre des darin
schwebenden Wassers
also der Wolken wie das
Formlose Form wird
sich auflöst im Nebel den
nur der Aeronaut
überschaut: ein Plateau in
fulminantem Weiß
eine Schneedecke voll Licht

KK

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