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Moritz Franz Beichl: Die Abschaffung der Wochentage

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Stefan Hölscher
Moritz Franz Beichl: Die Abschaffung der Wochentage. Roman. Salzburg, Wien (Residenz Verlag) 2022. 176 Seiten. 22,00 Euro.

Der Verlust des Geliebten und die ewige Depression


Autofiktionale Romane sind heutzutage gleichermaßen beliebt wie verbreitet. Den Lesenden geben sie das gute Gefühl, es nicht einfach nur mit freier Erfindung zu tun zu bekommen, sondern im Kern mit real Erlebtem, also damit, was unsere Zeit so wie kaum etwas anderes zu schätzen und einzufordern pflegt: Authentizität als quasi verbriefte Echtheitsanmutung. Für die Schreibenden bietet das Verweben von Autobiographischem mit Fiktivem dabei ebenfalls Vorteile: Statt mühsam Material für Geschichten, Charaktere und deren inhärente Stimmigkeit entwickeln zu müssen, ist das Material qua eigener Erfahrung schon vorhanden. Man/frau kann also aus dem Vollen schöpfen. Gleichzeitig lässt sich das Erfahrungsmaterial zum Beispiel im Sinne von Dramaturgie und Spannung aber auch beliebig anreichern oder verändern, sodass zwischen lebensgeschichtlich Realem und Erdachtem immer eine nicht eindeutig auflösbare Differenz verbleibt, aus der heraus es illegitim wäre, die persönliche Geschichte der Autor*innen einfach mit der Geschichte der Protagonist*innen der Story zu identifizieren. So ist es kein Zufall, dass nicht wenige auch der queeren Romane, die in den letzten Jahren die Gemüter bewegt haben, autofiktionaler Natur sind, wie etwa „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong, „Das Ende von Eddy“ von Edouard Louis und „Hör auf zu lügen“ von Philippe Besson.

So häufig nun allerdings der aktuelle Roman als Autofiktion daherkommt, so selten tut er dies als Ein-Personen-Monolog. Genau dies beides verbindet sich nun aber in Moritz Franz Beichls Romandebüt „Die Abschaffung der Wochentage“. Beichl, von Haus aus Theaterregisseur hat einen Roman verfasst, der den Lesenden als autobiographisch verankertes Ein-Personen-Stück begegnet. Der Text des Romans besteht dabei ausschließlich aus Nachrichten, die Lukas, der Protago-nist, an Lukas – das ist nicht abermals er selbst, sondern sein namensgleicher Geliebter, der ihn verlassen hat – schreibt:

Ich schreibe dir nicht mehr.
Nie wieder.
Ab jetzt.

Dies sind die ersten Sätze des Romans, und schon sie legen nah, dass das hier sprechende bzw. schreibende Ich nicht aufhören wird, dem angesprochenen Du Nachrichten zu schreiben. Und genau das passiert dann auch. Lukas schreibt Lukas auf über 200 Seiten eine Nachricht nach der anderen, ohne je irgendeine Antwort zu bekommen oder auch nur zu erwarten. Er schreibt sich quasi die Seele aus dem Leib. Was dabei wechselt, ist die Situation, in der der Schreibende sich befindet und das von ihm genutzte Nachrichtenmedium. So können die Leser*innen Lukas‘ erst in WhatsApp Messages, dann in klassischen Briefen, dann in E-Mails und zuletzt in SMS ausgebreitetes Innenleben über einen Zeitraum von ca. 10 Jahren verfolgen: beginnend direkt nach der Trennung von seinem Geliebten über Monate in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien, in dem sich Lukas nach einem Selbstmordversuch befindet, bis zu einer neuen, 10 Jahre dauernden Lebensphase in Paris, zusammen mit einem neuen Partner (Jaques) und am Ende wieder in einer psychiatrischen Klinik, derselben wie der nach dem Suizidversuch 10 Jahre zuvor.

„Die Abschaffung der Wochentage“ ist ein Buch über Depression, und wenn man es diagnostisch noch etwas genauer sagen möchte: Depression mit manischen Anteilen (bipolar), Borderlinezügen und einer, wie es im ICD, der International Statistical Classification of Deseases, also dem Klassifikationssystem psychischer Störungen heißt, generalisierten Angststörung. Von all dem kommt der schreibende Lukas nicht los bzw. er fällt nach Phasen, in denen es ihm deutlich besser geht, immer wieder in das zurück, was, wie er sagt, das „D-Wort“ beinhaltet.

Lukas möchte, wie er immer wieder schreibt, aufhören sich selbst suchen zu müssen. Er möchte lernen, „sich im anderen zu verlieren“, anstatt sich „selbst zu finden“. Lukas möchte keine Gesellschaft, in der, wie er ebenfalls immer wieder betont, sich alles nur um „Produktivität“ drehe. Lukas möchte frei sein vom gefühlten Zwang zu funktionaler Zielorientierung, Effektivität und Nützlichkeit. Lukas will die Abschaffung der Wochentage, das heißt für ihn die Abschaffung der ewig gleichen Strukturen; er möchte, dass jeder Tag als einzigartige Erscheinung auch einen einzigartigen Namen bekommt. Lukas möchte den von ihm empfundenen inneren und äußeren Begrenzungen entfliehen. Er möchte „zum Mars reisen“, denn: „Am Mars gibt es keine Depressionen“, denen er hier – davon ist er überzeugt – niemals entkommen kann: „Ich werde diese Depression niemals überwinden, so viel steht fest. Ich werde immer wieder auf die Nase fallen, zum Glück ist meine Nase so groß.“

In einem Interview bei Ö1 heute¹ sagt Moritz Beichl, dass er depressive Gefühle gut kenne und den Menschen mit seinem Buch zeigen wolle, wie sie seien. Nun gibt es sicher mittlerweile keinen Mangel mehr an allen möglichen Büchern, die Depression auch aus der Sicht von Betroffenen in ihren quälenden Phänomenen und Symptomen intensiv beschreiben. Nichtsdestotrotz: jedes Erleben ist einzigartig und anders – und das gilt natürlich auch für das Erleben von Depressionen, Ängsten, Manien etc. Einen Roman, noch dazu einen in der so ungewöhnlichen Form des Monologs über depressives Selbst- und Welterleben zu schreiben, kann also sicher ebenso lohnend wie für die Lesenden horizonterweiternd und berührend sein – egal, wie viele andere Bücher es zu diesem Themenfeld schon gibt.

Als Leser hatte ich jedoch leider nicht das Gefühl, dass mir Beichls Buch irgendetwas mich Bereicherndes gibt, sondern mir eher etwas Wertvolles nimmt: nämlich meine Lebenszeit, die ich mit der Lektüre dieses Romans verbringe. “Die Abschaffung der Wochentage“ bewegt sich und die Lesenden in ewig wiederkehrenden Schleifen: Da ist die krude Eintönigkeit der von Lukas verfolgten (und ihn verfolgenden) extremen Annahmen und Entgegensetzungen (omnipräsenter Produktivitätszwang versus systematische Tätigkeitslosigkeit; lähmende Strukturgefangenheit versus verheißungsvolle Struktur-„Abschaffung“, permanentes Sich-selbst-Finden-Müssen versus – Vision des Sich-im-anderen-ultimativ-verlieren-Dürfens etc.). Da ist die obsessive Wiederholung dieser Prämissen und Dichotomisierungen – auf immerhin gut 200 Seiten Nachrichtentext. Und da ist eine Sprache, die, obwohl Beichl, wie er auch in dem Ö1 Interview sagt, ursprünglich von der Lyrik herkommt, nicht nur nicht schillernd oder in irgendeinem Sinne dieses Wortes gewitzt wäre, sondern die die ganze inhaltliche Redundanz höchst schlicht, um nicht zu sagen sprachlich simpel vor den Rezipient*innen ausbreitet. Natürlich könnte man sagen, dass all dies der psychischen Befindlichkeit des Protagonisten geschuldet und somit eine Art dramaturgische Notwendigkeit im Rahmen der durchgängigen Monolog-Struktur sei. Nur quälend ist das Ganze dann eben nicht nur für den armen Lukas, sondern auch die in dem Fall nicht reicheren Lesenden – ohne dass das nun zu irgendeiner tieferen Berührung mit der Innenperspektive von Menschen mit uni- oder bipolarer Depression führen würde.

Dass das auch ganz anders möglich ist, zeigen so wunderbare literarische Texte wie der Roman des ebenfalls queeren Autors Adam Haslett „Stellt euch vor, ich bin fort“² oder die ebenso kurze wie eindringlich-bös-virtuose Erzählung „Die depressive Person“ von David Foster Wallace. Diese Werke führen einen in die Abgründe tiefster uni- und bipolarer Depression, so wie es kein psychologisches Lehrbuch jemals könnte, und sie schaffen es gleichzeitig, die Lesenden geradezu atemlos von der ersten bis zur letzten Seite in ihren Bann zu ziehen. Beichls Buch schafft das leider nicht. Am Anfang des dritten Teils von „Die Abschaffung der Wochentage“ findet sich allerdings eine interessante Selbstreflexion: „Ich finde keine Sprache, die meine Gedanken, meinen Intellekt und meine Gefühle ausdrücken könnte. Kein Wort scheint richtig, sowohl im Gespräch mit Ärzt:innen als auch in meinem Schreiben. Deswegen schreibe ich einfach.“ Und „Lukas“ und vor allem jeder Mensch, der unter Depression, Angst, Manie, emotionaler Instabilität etc. leidet, darf genau das tun: „einfach schreiben“, wenn es für die persönliche Reflexion und vielleicht auch für die Bewältigung der eigenen Situation hilfreich ist. Oder auch einfach nur so. Von einem Romanautor, der sich mit dem Anspruch von Literatur an ein literarisches Publikum wendet, erwarte ich allerdings etwas anderes. Und das finde ich in Beichls Buch leider nicht.
 

¹ [https://oe1.orf.at/programm/20220821/687775/Man-muss-nicht-wissen-wer-man-ist]
² [https://www.amazon.de/Stellt-euch-vor-ich-fort/dp/3498030280/ref=tmm_hrd_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=]

Wir danken queer.de für die freundliche Erlaubnis der Zweitverwertung dieses Beitrags.


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