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Mário de Sá-Carneiro: Manucure & Wahnsinn

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Jan Kuhlbrodt

Mário de Sá-Carneiro: Manucure – Supplement 1. Aus dem Portugiesischen von Frank Henseleit. Köln (Kupido Literaturverlag) 2022. 24 Seiten. 18,00 Euro.

Mário de Sá-Carneiro: Wahnsinn. Erzählungen. Aus dem Portugiesischen von Frank Henseleit. Köln (Kupido Literaturverlag) Wiederaufnahme von 2016 (Matthes & Seitz). 230 Seiten. 19,90 Euro.

Zur Veröffentlichung der Werke von Manuel de Sá-Carneiro im Kupido Verlag


Mario de Sá-Carneiro kam 1890 in Lissabon auf die Welt. Er war eng befreundet mit Fernando Pessoa. Der Briefwechsel der beiden Autoren, die etwa gleich alt waren (Pessoa war zwei Jahre älter) ist angekündigt und wird noch in diesem Jahr erschienenen. Bislang war die Rezeption seiner Werke im deutschsprachigen Raum noch recht rudimentär, im Gegensatz zu der Fernando Pessoas, die Ausgabe seiner Werke durch den Amman Verlag hatte sich als guter Motor erwiesen. Pessoa jedenfalls spricht hinsichtlich der literarischen Kraft seines Freundes Sá-Carneiro von Genialität.

Es gibt ein Gedicht des englischen Dichters Andrew Duncan, das in der deutschen Übersetzung* „Lusitanischer Engel“ heißt. Darin finden sich folgende Verse:

Stories seien besitzergreifende Geister, Nachrichten von einem Außen
Hinter der Persönlichkeit. Er war nicht Pessoa
Definitiv nicht. Gut. Vielleicht ein wenig.
Was auch immer die Druckmaschine auswirft
Es ist mehr als man ihr eintrichtern konnte.        

Diese Verse könnte man programmatisch ebenfalls auf Mario de Sá-Carneiro beziehen, auch wenn es scheint, dass er zum Beispiel in den Erzählungen, die in einem Band versammelt sind, der 2016 bei Matthes und Seitz erschienen ist, und der, wenn man so will, unter dem Radar der Öffentlichkeit hindurch tauchte, ein gewisses Selbstbild entwirft. Aber wir wissen, wie es ist mit den Selbsten in der portugiesischen Literatur, wie sich der Autor aufspaltet und wie sich zum Beispiel Pessoa nicht nur unter Heteronymen verbirgt, sondern ihnen zugleich alternative Biografien verleiht. Und auch im Falle Sá-Carneiros wäre es fatal, aus dem Zustand seiner Figuren auf die Identität des Autors zu schließen.

Die Ausgabe mit den Erzählungen** Sá-Carneiros ist vom relativ jungen Verlag Kupido übernommen worden und wird dort weiter vertrieben.

Die in ihr enthaltenen Erzählungen sind allesamt Variationen auf das Thema Selbsttötung, als ob sie das Schicksal des Autors, der im April 1916 durch Selbsttötung starb, vorwegnehmen wollten.

Literatur, Kunst überhaupt, ist aber immer auch ein Einspruch gegen Vergänglichkeit, gegen den Tod. Und auch wenn das Leben des Autors oder der Autorin notwendig (auf welche Weise auch immer) endet, bleibt das Mehr, das die Druckmaschine auswirft, jenes Mehr, das der Text birgt. Man kann diese Erzählungen also auch als Versuch einer Abwendung lesen, als Darstellung dessen, dem man entkommen will. Da ist zum Beispiel die Erzählung „João Jacinto. Biografie“, die den kurzen Lebensweg eines verarmten dandyhaften Außenseiters entwirft, der aufgrund seiner unerkannten Liebe zu einer österreichischen Diplomatengattin versucht, sich vor ein Auto zu werfen, was im recht verkehrsarmen Lissabon der ersten Dekade des vergangenen Jahrhunderts schon mit einem gewissen organisatorischen Aufwand verbunden ist, und was ihm auch erst im zweiten Anlauf gelingt. Eine Erzählung, die eben auch eine Portion melancholischen Humors enthält und die auf einen Text folgt, die den Weg eines Bildhauers durch manisch-depressive Schübe begleitetet. Der Zustand des Protagonisten wird hier letztlich auch zur tödlichen Gefahr für das persönliche Umfeld. Seine Frau entkommt mit Not und knapp einer Säureattacke seinerseits.

Als Auftakt jedoch der auf mehrere Bände angelegten Edition, als Intro, erscheint nun Sá-Carneiros Langgedicht, die Ode Manucure, in einer Übersetzung Frank Henseleits zum ersten Mal auf Deutsch. Sá-Carneiro lebte von 1912 an bis zum Beginn des ersten Weltkriegs in Paris. Aufgrund der politischen Ereignisse wurde er von seinem Vater nach Portugal zurückbeordert, wo das Gedicht entstand, das einerseits das Pariser Leben besingt und andererseits sich der avantgardistischen Formensprachen bedient, die in der Welthauptstadt des neunzehnten Jahrhun-derts entstanden oder angebrandet waren.
       Die Ode setzt ein, wie ihr Titel schon nahelegt, mit der Pflege der Nägel. Das verleiht ihr und ihrem lyrischen Ich zunächst einen dandyhaften Gestus:

Und ich, gefesselt von der Empfindung, meine Fingernägel zu polieren,
Die ich mit einer parisierenden Firnis übermale,
Verzärtele mich immer mehr,
Bis ich Mich beweine …        

Das ist aber nur ein Auftakt. Das Gedicht spricht sich in Rage, es treibt aus der eher kontemplativen Situation heraus durch den Raum eines Pariser Cafés. Und wenn Marinetti oder auch Pessoas alter ego Alvaro de Campos die aufkommende Industrie, die Automobile, Eisenbahnen, Geschwindigkeit überhaupt besingen, besingt Mario Sá-Carneiro, vielleicht in einer ironischen Brechung, die chromblitzenden Oberflächen der Lokalität und den in Lichtstrahlen tanzenden Staub. Wobei ich mir, was die Ironie betrifft, nicht ganz sicher bin.

Ah ! Aber welch schrille, blendende Brechungen des Abgrunds,
Welch brutale Vertices, die auseinanderlaufen, die splittern,
Als schnitten Apachenmesser in kalte,
Harsche Tagesanbrüche …      

Und der Blick treibt dann auch über die Grenzen des Cafés hinaus, imaginiert die anschwemmenden Landschaften der Industrie und der Warenproduktion.

–  O futuristische Schönheit der Waren !

Der zweite Teil des Gedichtes ist mit „Apotheose“ betitelt, und als Auftakt beschreibt es das Erwachen des Ichs aus seinen Gedanken. Anlass ist das Fallenlassen eines bestückten Tabletts durch einen Kellner. Darauf beobachtet er einen Gast des Cafés beim Zeitungslesen. Hier treibt es den Text in das Virtuelle, und er legt zugleich die visuellen Reize des futuristischen Verfahrens frei.
       Sowohl sinnlich als auch poetologisch ist dies ein hochspannender Text. Die Erwartungen auf die weiteren Elemente des Projektes Sá-Carneiro im Kupido Verlag könnten für mich nicht größer sein.


* Enthalten (in anderer Übersetzung von mir) im 2015 in der Brueteruch Presse erschienenen Band Andrew Duncan: Radio Vortex. Gedichte, S. 25.
** Der Band enthält die Erzählungen Wahnsinn, João Jacinto. Biografie, Der Inzest, einen kurzen Text Pessoas sowie ein Nachwort des Übersetzers.


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