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Mario Cruz: Der Prinz

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Mario Cruz: Der Prinz. Roman. Übersetzt von JJ Schlegel. (Albino Verlag / Salzgeber Buchverlage) 2020. 128 Seiten. 18,00 Euro.

Ein Buch, das es nicht geben durfte
Ein wiederentdeckter Roman über das Erwachen von Selbstbewusstsein und Zärtlichkeit in einer Welt der Gewalt


Drei Dinge haben mich an dem gerade im Albino Verlag erschienenen Roman „Der Prinz“ neugierig gemacht: 1. seine Geschichte als – so die Worte von Florian Borchmeyer im Nachwort - „Schmuddelheft auf dem Gemüsemarkt“, also das zufällige Wiederentdecktwerden dieses vor 50 Jahren in Chile im Selbstverlag auf dem Schwarzmarkt verkauften Buches. 2. Die verheißungsvoll klingende Aussage auf dem Buchcover: „Mit seinem Roman „Der Prinz“ führt uns Mario Cruz in eine Welt der Hierarchien und Machtproben, deren Doppelbödigkeit er in knapper, schnörkelloser Sprache offenlegt: so unmoralisch wie naiv, so zart wie fatalistisch.“ Und 3. das, wie ich finde, in einem sinnlichen Rot gestaltete, durchaus (homo-)erotisierungsfähige Cover.

Die Handlung des gerade mal 90 Seiten umfassenden Buches ist dabei schnell wiedergegeben: Der junge Jaime muss, nachdem er betrunken seinen heimlich begehrten Freund, „den Zigeuner“, vor Eifersucht erstochen hat, in den Knast. Dort trifft er in seiner Gruppenzelle auf den von den anderen Knastinsassen gefürchteten „El Potro“, der sich Jaime als seinen neuen „Prinzen“ auswählt. Jaime steht fortan unter dem Schutz von El Potro, dem er dafür loyal und vor allem sexuell zu Diensten sein muss. In der Beziehung zu „El Potro“ erfährt Jaime zum ersten Mal in seinem Leben Zärtlichkeit. Zugleich beginnt er, sich seiner selbst, seines Körpers und seiner schwulen Männlichkeit mehr und mehr bewusst zu werden, was der Roman in einer Mixtur aus Rückblenden in die Vergangenheit von Jaime und gegenwärtigem Geschehen in der Gefangenensituation erzählt. Als es zum Kampf zwischen El Potro und einem Mitgefangenen kommt, der dessen Rolle als Anführer nicht länger anzuerkennen bereit ist, wendet sich die Geschichte ins Tragische.

Man kann in einem Buch bekanntlich verschiedene Dinge suchen. Geht es einem um eine schnell und sehr leicht lesbare Lektüre einer zwischen Aggressivität und Sexualität changierenden schwulen Knastwelt, wobei spätestens auf jeder zweiten Seite auch ‚was passiert‘, so wird man hier auf jeden Fall fündig. Geht es einem um einen queer-historisch interessierten Einblick in eine Welt, in der allein das Verfassen eines solchen Buches schon extrem ungewöhnlich und mutig war und sein offizielles Erscheinen ein absolutes No Go gewesen wäre, so ist die Lektüre der Geschichte, verbunden mit der im Nachwort sehr kundig und eloquent verfassten Geschichte der Geschichte, spannend und aufschlussreich: wir haben es hier mit einem Buch zu tun, das – in der bei Albino erschienenen und von J.J. Schlegel ins Deutsche übersetzten Fassung – zum allerersten Mal überhaupt in einem Verlagshaus veröffentlicht wurde.

Und wir haben es hier auch mit einem Buch zu tun, das über das Erleben von Eros und Gewalt zwischen den Protagonisten zugleich ein Licht auf eine Gesellschaft wirft, in der das Leben sozialer Underdogs nicht viel wert ist – erst recht nicht, wenn sie schwul sind. Geht es einem schließlich bei der Lektüre darum, von Literatur in einem tieferen Sinne dieses Wortes berührt zu werden, so wird man hier nach meinem Eindruck wohl eher leer ausgehen. Denn zwar ist die Sprache des Romans in der Tat „knapp“ und „schnörkellos“, allerdings ist sie literarisch nicht anders zu nennen als seicht:

Wenn ich jetzt im Knast landete, dann aus reiner Blödheit. Aber was hätte es gebracht abzuhauen? Alle hatten mitbekommen, wie ich dem Zigeuner* den Stich versetzt hatte. Ich bin am Arsch, dachte ich noch, während die Blutlache immer größer wurde.
 
    Das Urteil ließ auf sich warten. Insgesamt musste die Strafe aber mindestens fünf Jahre Haft betragen. Zu meinem Glück war ich auf einem Gang gelandet, der ruhig war. Bis zu einem gewissen Punkt. Anfangs hatte ich Befürchtungen. Der von El Potro Verstoßene betrachtete mich voller Hass. War es denn meine Schuld? Er konnte mir das Gesicht oder den Arsch eintreten. Oder beides. Oder mich gleich ganz kaltmachen. War alles schon passiert. Ein verbitterter Mann ist zu allem fähig.

Sätze wie diese zeigen, wofür man auch beliebige andere heranziehen könnte: Die Tugend des knappen und schnellen Erzählstils paart sich in diesem Fall darin, ziemlich frei von einer, wie auch immer gearteten, literarischen Besonderheit oder gar Raffinesse zu sein, wie sie etwa die Romane von Jean Genet, der für Cruz offenkundig eine Inspirationsquelle war, aufweisen. Die im Übrigen recht vorhersehbare Geschichte des „Prinzen“ ist in schlichten Worten erzählt. Das kann man mögen, wenn man sich von dem Sujet eines solchen Romans angezogen fühlt, ohne sich zugleich bei der Lektüre allzu sehr fordern zu wollen. Für literarisch ambitionierte Leser*innen dürfte „Der Prinz“ aber eher enttäuschend sein. Nichtsdestotrotz: das Buch mit seiner besonderen Historie des Entstehens, Verschwindens und Wiederentdecktwerdens ist es durchaus wert, betrachtet und gelesen zu werden. Sicher nicht als große Lesereise durch die kommenden herbstlichen Wochen, aber vielleicht als kleine phantasietreibende Exkursion, wenn man die denn unternehmen möchte: in eine durch die Untrennbarkeit von Gewalt und Eros geprägte archaisch anmutende, hermetische Männerwelt.

Interessant dürfte in diesem Fall für Liebhaber*innen queerer Kunst auch der Vergleich mit dem parallel erschienenen Film „Der Prinz“ von Sebastián Muñoz sein. Der erst am 19. November in deutschen Kinos anlaufende Film soll, wie kundige Zuschauer*innen der Queerfilmnacht, in der er vor Kurzem bereits gezeigt wurde, berichten, gut gespielt, intensiv, bedrückend und zärtlich zugleich sein. Möglicherweise haben wir es hier mit dem ja doch sehr seltenen Fall zu tun, dass der Film nicht nur vor der offiziellen Publikation des Buches fertiggestellt wurde, sondern obendrein auch noch kunstvoller ist als das Buch selbst. Warum nicht auch mal so rum. Gerade bei einem Buch, dessen Genese so viel Unalltäglichkeit aufweist.


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