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Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät. Roman. Übersetzt von Helga von Reuningen. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2019. 317 Seiten. 22,00 Euro.

Sog der eisigen Düsternis


„Die jüngste Autor*in, der erste Niederländer, die erste nicht-binäre Person: Marieke Lucas Rijneveld gewinnt den Man-Booker-Preis für den Debütroman „Was man sät“.“ So berichtet am 27.08.2020 die Berliner Zeitung¹, ähnlich wie der SPIEGEL und andere Medien auch. Das schon 2018 im Original und 2019 auch auf Deutsch in der Übersetzung von Helga von Beuningen bei Suhrkamp erschienene Buch hat durch die Auszeichnung mit dem hoch renommierten britischen Man-Booker-Preis einen neuen Schub medialer Aufmerksamkeit bekommen. Und das zu Recht, denn dem/der 1991 geborenen Rijneveld – aufgefallen bereits durch den 2015 erschienenen preisgekrönten Lyrikband "Kalfsvlies" –, ist ein Debutroman gelungen, der ebenso virtuos wie verstörend, ebenso sinnlich wie abgründig, ebenso bedrängend wie befreiend geschrieben ist.

Das, was die Handlung startet und auf über 300 Seiten geradezu magnetisch durchzieht, ist der Tod von Matthies. Matthies ist der Bruder der zwölfjährigen Jas, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Als Jas kurz vor Weihnachten bemerkt, dass ihr Vater ihr Lieblingskaninchen Dieuwertje mästet, betet sie zu Gott, dass er ihren Bruder anstelle des Kaninchens nehmen möge. Noch am selben Tag bricht Matthies im Eis ein und ertrinkt. Übrig bleiben Vater, Mutter, der größere Sohn Obbe, Jas und ihre kleinere Schwester Hanna. Das Leben der strenggläubig calvinistischen Bauernfamilie erstarrt angesichts des verlorenen Sohns.

Während der Vater sich nur noch um seine Kühe kümmert, die er später, als die Maul-und-Klauenseuche auch seinen Hof heimsucht, allesamt opfern muss, stellt die Mutter das Essen fast ebenso ein wie den Kontakt zu ihren Kindern, die sich selbst überlassen immer tiefer in einer Welt aus ohnmächtig hilfesuchenden, aggressiven und selbstdestruktiven Phantasie-inszenierungen versinken. Über Matthies und seinen Tod darf dabei unter keinen Umständen gesprochen werden:   

Kein einziges Mal sprachen wir über das, was zu Hause passiert war. Es gab keine Worte, die die Angst köpften, so wie die Messer des Mähdreschers es beim Raps machten, damit nur das übrig blieb, was brauchbar war.

Jeder Versuch der Kinder über Matthies, dessen Stuhl am Küchentisch wie ein Heiligtum ebenso bleibt wie sein Kleiderbügel und –haken an der Garderobe, wird von den Eltern mit Wut, Strafe, Schweigen oder vollständigem Ignorieren beantwortet. Ständig zum Ausdruck gebracht werden von ihnen stattdessen ermahnende und zumeist mit Drohung verbundene Glaubenssprüche aus der Bibel. In der Familie schwelt die Schuld: Jas fühlt sich wie auch ihre Eltern schuldig am Tod von Matthies. Die Mutter fühlt sich als „schlechte Mutter“ schuldig ihren Kindern gegenüber, denen sie aber zugleich permanent den Vorwurf entgegenbringt, sie zu quälen. Auch der Vater erhebt Vorwürfe gegen seine sich übel verhaltenden Kinder, während er sich zugleich von seiner ihm den Dienst verweigernden Frau zurückzieht, so wie diese sich auch von ihm zurückzieht. Es gibt keinerlei Berührungen mehr zwischen den Eltern oder von den Eltern zu den Kindern.
    Jas ist zerrissen zwischen dem Wunsch von ihren Eltern berührt oder überhaupt einmal wahrgenommen zu werden, der Sorge um das Leben ihrer Eltern und zugleich dem Wunsch, ihnen zu entrinnen, auf „die andere Seite der Brücke“ zu kommen, dorthin, wo das Leben glücklich sein soll.  In der klaustrophobischen Welt des Hofes ist aber kein Entrinnen möglich; kein Ausweg, der lebbar wäre:

Mutter taucht einen Kümmelkäse in der Salzlake unter, diese Phase dauert zwei bis fünf Tage. Neben ihr auf dem Boden stehen zwei große Säcke Speisesalz. Von Zeit zu Zeit schippt sie einen ordentlichen Löffel davon ins Wasser, damit der Käse seinen Geschmack behält. Manchmal frage ich mich, ob es helfen würde, wenn wir Vater und Mutter kopfunter in die Lake drücken, wenn wir sie neu taufen »im Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen Geistes«, damit sie eine festere Form bekommen und länger haltbar sind. Mir fällt auch erst jetzt auf, dass die Haut um Mutters Augen gelblich und stumpf ist. Als ob sie immer mehr Ähnlichkeit mit der Glühbirne über dem Esstisch bekommt, die Blumenschürze um ihre Taille ist der Lampenschirm, und genau wie der Schalter schaltet sie ständig von Hell zu Dunkel um: Wir dürfen nicht unfreundlich zu ihr sein, nicht schweigen und schon gar nicht weinen. Manchmal denke ich, es wäre ruhiger, wenn sie eine Zeitlang unter Wasser wären, aber ich will nicht, dass Obbe dann für uns sorgt, dann wird noch weniger aus uns, und wir sind schon so wenig.

Jas kann und darf mit ihren Worten und Wünschen nicht aus sich heraus. So wie sich Schuld, kindliches Sehnen und Hoffnungslosigkeit in ihr stauen, staut es sich auch in ihrem Darm: Jas leidet an massiver Verstopfung, gegen die ihr Vater ihr, wenn es ihm allzu schlimm erscheint, größere Mengen „grüne Seife“ als bewährtes Hausmittel in ihr „Puploch“ einführt. Die Qualen in Darm und „Puploch“ gehören zu den immer wiederkehrenden Themen des Buches ebenso wie die mahnenden Bibelsprüche und die gequälten Tiere:
    In einer Mischung aus kindlichem Experimentieren, Umgehenwollen mit Sterben und Tod und dem Durchbruch sexuell-aggressiver Impulse bringen die Kinder Tiere zu Tode: Zunächst ist es der Hamster von Obbe, der im mit Wasser gefüllten Glas sein Leben lassen muss. Dann ist es ein Zwergkaninchenweibchen, auf das Obbe das viel zu große Kaninchenmännchen Dieuwertje, nachdem er ihm die Schnurrhaare abgeschnitten hat, um ihm die Orientierung zu nehmen, als ‚Begatter‘ loslässt. Gegen Ende des Buches wird es der dem Vater liebste, wunderbar bunte Hahn sein, der dieses Mal nicht als Folge eines Spiels, sondern als gezieltes Opfer dran glauben muss.
    Jas, die von allen nur „Jacke“ genannte wird, weil sie niemals ihre Jacke auszieht, in der sie alles Mögliche, zum Beispiel auch die abgeschnittenen Schnurrhaare des Kaninchens sammelt, spricht aber auch mit den Tieren, besonders mit den zwei Kröten, die sie als Hilfe bei einer Krötenwanderung eingesteckt und zu sich mit nach Hause genommen hat:

Der wichtigste Unterschied zwischen euch und mir ist aber vielleicht, dass ihr keinen Vater und keine Mutter mehr habt oder sie nicht mehr seht. Wie macht ihr das bloß? Haben sie eines Tages gesagt: ›Tschüs, Pausbackenkind, jetzt schaffst du es ohne uns, wir ziehen weiter.‹ War es so? Oder seid ihr eines schönen Sommertags im Juli planschen gegangen, und sie sind auf einem Seerosenblatt von euch abgetrieben, immer weiter, bis ihr sie nicht mehr gesehen habt? Hat es wehgetan? Tut es noch immer weh? Es klingt vielleicht verrückt, aber ich vermisse Vater und Mutter oft, obwohl ich sie jeden Tag sehe. Vielleicht ist es so wie bei den Dingen, die wir lernen wollen, weil wir sie noch nicht können: Wir vermissen alles, was wir nicht haben, Vater und Mutter sind zwar da, aber auch wieder nicht.«
    Was ich mich jetzt frage, Freunde, könnt ihr Kröten eigentlich heulen oder geht ihr einfach schwimmen, wenn ihr traurig seid? Wir haben Tränen in uns, aber ihr sucht sie vielleicht außerhalb von euch, um darin zu versinken.

Jas möchte „nicht zu Gott“, sondern zu sich selbst finden, aber die Momente, in denen sie sich spürt, sind nur Momente von Schmerz und Zerstörung:#

»Irgendwann möchte ich zu mir selbst«, sage ich leise und drücke die Heftzwecke durch das weiche Fleisch meines Nabels. Ich beiße mir auf die Lippe, um kein Geräusch zu machen, ein bisschen Blut rinnt in die Richtung meines Unterhosenbunds, versickert dort im Stoff. Ich traue mich nicht, die Heftzwecke herauszuziehen, aus Angst, dass das Blut dann in alle Richtungen spritzt und jeder im Haus weiß, dass ich nicht zu Gott, sondern zu mir selbst will.

Rijnevelds Buch entfaltet mit seiner bildlich-dunklen, treffsicheren und zugleich unendliche Verlorenheit ausdrückenden Sprache einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Zugleich hat das Beschriebene durchgängig und nicht erst im letzten, das Geschehen noch einmal dramatisch zuspitzenden Kapitel, eine kaum auszuhaltende Düsternis. Für mich waren besonders die Schilderungen der gequälten Tiere so grenzwertig, dass ich mehrfach den Impuls empfand, den Roman zur Seite zu legen. Das ging aber nicht. Dazu ist er zu großartig geschrieben.  Was das Buch so im Lesenden auslöst, ist also auch eine Art von Zerrissenheit, ähnlich wie sie Jas erlebt. Man braucht einen gewissen Abstand, um weiterlesen zu können und verliert ihn im Sog der Lektüre sogleich wieder.
    Erinnert hat mich das offenkundig stark autobiographisch geprägte Buch auch an den Roman von Ocean Vuong „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Nicht nur wegen der untrennbaren Verschränkungen von Liebessehnen und Destruktion, sondern vor allem auch wegen des Phänomens, dass aus einem Zustand der fast absoluten Sprachlosigkeit und Sprachverbotenheit eine Sprachmächtigkeit entstanden ist, die, obwohl sie durchgängig von Schmerz und Verwundung gekennzeichnet ist, eine ungeheure poetische Sprachkraft entfaltet.


¹ https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/man-booker-prize-2020-marieke-lucas-rijneveld-erhaelt-man-booker-price-2020-niederlande-amsterdam-brabant-niederlaendische-literatur-li.101308
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