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Juliane Liebert: Hurensöhne!

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Juliane Liebert: Hurensöhne! Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens. Fürth (starfruit publications) 2020. 88 Seiten. 18,00 Euro.

Schimpf Funken freies Feuer


Drei Dinge haben mich, als ich den von Juliane Liebert im starfruit Verlag erschienenen Band „Hurensöhne“ in der Hand hielt und ein wenig durchgeblättert habe, angesprochen: Das im Untertitel genannte Thema: „Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens“, ein Thema, das gleich Assoziationen und Fragen zu psychologischen, ästhetischen, gesell-schaftlichen, politischen und anderen Facetten von Zorn, Verzweiflung, Wut, Schimpf und Schande … eröffnen kann. Zum zweiten die physisch extrem direkten und gleichzeitig artifiziell Distanz schaffenden Fotos von Erman Aksoy und schließlich das aggressiv leuchtende Orange, in das nicht nur das Cover, sondern auch alle Bilder in dem Band so sehr getaucht sind, dass es die Augen des Lesenden flutet.

Das Buch basiert, wie man in einer kurzen editorischen Anmerkung am Ende erfahren kann, auf einem gleichnamigen SWR2-Radioessay der Autorin vom Mai 2019. Und in der Tat: im Medium des Radios kann ich mir das Kaleidoskop der Gedankensplitter, Reflexionen und diversen Zitate, die die Autorin rund um ihr Schwerpunktthema „Schimpfen“ bringt, auch durchaus gut vorstellen. Gleichzeitig zeigt das Buch, dass nicht alles, was vielleicht ein gelungener Radiobeitrag ist, sich damit auch gleich als Buch eignet. Zwar bringt Liebert durchaus interessante Punkte und Impulse, sie macht aber nichts daraus. Aus der letzten Seite des Buches gehe ich als Leser ungefähr so raus, wie ich in die erste reingegangen bin, was man ja auch als Vorteil sehen könnte: Das Buch drängt die Lesenden zu nichts. Das aber deshalb, weil es letztlich eine Aneinanderreihung von Gedankenfetzen und Zitaten ist, die in Summe relativ belanglos bleibt.

Juliane Liebert bringt dabei durchaus knackige Thesen:

Der Mensch ist geboren, um unglücklich zu sein. Und weil er unglücklich ist, muss er schimpfen.

Die Hölle ist ein Ort, in dem man sich in mühseliger Kleinarbeit selbst ein Stück Himmel schaffen muss: also die Erde.

Das Schimpfen steht als Ausdruck einer entgrenzenden Emotion eigentlich quer zur formalisierten Sprache. Es braucht sie aber andererseits auch, um über gutturale Unmutslaute hinaus Gestalt anzunehmen. Wut ist so gesehen immer auch Hass auf die Kultur in dem Bewusstsein, dass man ihr nicht entkommen kann.

Ja! Und aus solchen geradezu aphoristisch zugespitzten Gedanken ließe sich doch einiges machen …
Erst recht aus einer höchst streitbaren These wie:

Das Schimpfen und die Liebe gehören zusammen, weil sie der ultimative Protest gegen soziale Kontrolle – oder positiv: der fundamentalste Ausdruck von Freiheit sind.

Hier könnte ein Denken über die existenziellen Funktionen und Verwobenheiten des Schimpfens beginnen, Fahrt aufnehmen und die Ebene aufgereihter Gedankenblüten und Zitate auf dem Weg zum Horizont der eigenen Schimpfphilosophie hinter sich lassen. Ein Anspruch, den ich in Lieberts Buch nicht als solchen entdeckt und schon gar nicht eingelöst gefunden habe.

So haben mir tatsächlich einige der von der Autorin ausgiebig zitierten Texte Anderer in dem Buch am besten gefallen. Liebert bezieht sich immer wieder auf Francois Villon, Louis-Ferdinand Céline, Emil Cioran, aber auch Georg Kreisler. Von ihnen bringt sie so jenseits aller politischen Korrektheit sich austobende schamlos-frech-frei-schimpfende Gedanken, Gedichte und Lieder, dass das Buch allein dadurch eine gute Portion poetischer Scharfmunitionierung in sich trägt. So etwa im Text von Kreisler, den man – obwohl er von dem jüdischen Autor natürlich als pechrabenschwarze satirische Provokation gegen die faschistoid Draufschlagenden gemeint ist – heute ja schon kaum noch als Zitat anzuführen sich trauen kann:

Wenn dich kleine Kinder stören, schlag sie tot,
auch wenn sie dir selbst gehören, schlag sie tot,
triffts du einen Judenbengel, spiele seinen Todesengel,
schlag ihn einfach mausetot.

Siehst du eine Negerfratze, schlag sie tot,
stört dich deines Nachbarn Glatze, schlag ihn tot, du musst dich
vor niemand schämen, musst dir nichts zu Herzen nehmen,
schlag sie einfach mausetot.      

Türken, Kurden Libanesen und auch Weiße,
unbrauchbare Lebewesen sind halt scheiße,
Kommunisten, Anarchisten und so weiter,
mach dir nicht das Leben schwer
Rechtsanwälte, Angestellte, Friedenstauben,
alle, die noch immer an das Gute glauben,
in den Müll, in den Dreck,
putz sie einfach weg…
            
In solchen von Liebert zitierten Texten lodert das wilde Feuer der Provokation. Ob das dann noch „Schimpfen“ oder schwärzester Humor, satirische Attacke oder sarkastische Resignation ist, wäre eine spannende Frage, der die Autorin nicht weiter nachgeht.  

Glaubhaft wird aus den Gedanken und Zitaten des Bandes, dass Juliane Liebert durch Texte wie die von Kreisler, Cioran, Céline und Villon stark inspiriert, fasziniert, desillusioniert und emotional affiziert wurde. Hier hätte so viel Potenzial für weiterführende eigene Ideen und Verknüpfungen gelegen! Und wenn schon nicht solche, die man klasse findet, dann zumindest solche, über die sich hinterher bestens wiederum schimpfen ließe. Dergleichen hätte ich mir von einem Buch wie „Hurensöhne“ viel mehr gewünscht. Ein Karussell von hübsch aufgereihten Gedanken und Zitaten ist mir für ein leidenschaftliches Schimpfbuch, das auch noch Substanz haben möchte, nicht genug.


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