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Jayne-Ann Igel: Umtriebe

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Dirk Uwe Hansen

zwischen zwei sprechern



Dass im Frankfurter Gutleut Verlag gute Bücher erscheinen, ist eine bekannte Tatsache. Dass wir von der 1954 in Leipzig geborenen Autorin Jayne-Ann Igel interessante Texte erwarten dürfen, auch. Der nun erschienene Band "Umtriebe" ist in dieser Hinsicht keine Überraschung. Mit diesem Hinweis könnte es sein Bewenden haben. Aber Begeisterung macht geschwätzig und will sich Luft machen:

Denn dieses Buch ist ein Glücksfall. Ein Glücksfall wohlgemerkt für uns Leser, denn für das Gelingen solcher Texte ist sicher mehr als Glück nötig. 31 Prosatexte hat Igel in dem schmalen Band versammelt, "reminiszenzen, ausgelöst durch träume oder einen gedankengang" nennt die Autorin sie selbst, kurze Texte, meist nur eine oder zwei Seiten lang (ein hübsches Detail dabei sind die am Ende der ungeraden Seiten gesetzten Reklamanten in längeren Texten). Wie häufig bei solchen Prosaminiaturen ist die Gattung schwer zu bestimmen: Narrative Passagen wechseln mit lyrischem Sprechen, die konsequente Kleinschreibung (außer am Satzanfang) verleitet einmal mehr, die Texte (auch) als Gedichte zu lesen. Immer wieder werden die Texte auch in Zeit und Raum verortet (die sechziger, siebziger, achtziger Jahre werden erwähnt, Städte, Straßennamen) und verführen dazu, Autobiographisches darin zu sehen.

Doch niemals belässt es Igel dabei, autobiographisches Erleben und Beobachten nur zu behaupten. Zu der Stimme des "Zeitgenossen", die uns — wie in einem Tagebucheintrag — ein Geschehen vor Augen stellt ("Unter den baldachinen der platanen eingangs der karl-liebknecht-straße in l" oder „Ich erinnere mich, wie wir abkopierten, von der landkarte") gesellt sich immer noch eine zweite, spätere, die das im "steinbruch des tagebuchs" gefundene Material verarbeitet, weitertreibt und (man erlaube mir das Paradoxon) zugleich auffächert und verdichtet, wie etwa zu der Metamorphose des Schaffners im Nachtzug nach r. (Radebeul?) in "Nachtfahrten".


Dabei lösen die beiden Stimmen sich nicht nur ab, sie umkreisen einander, verflechten sich immer wieder, fließen bisweilen ineinander, ohne dabei je ihre Individualität zu verlieren. Etwa in "Zwischen Nadelarbeiten und Nadelwäldern":


"Das Kind hat an die nadelarbeiten in der unterstufe denken müssen — Mit dickem faden, rot, blau, grün, gelb ... strickte es mäandernde bänder, drang es mit der nadel durch das dickicht einer geschichte, deren erklärung erst jahre später folgen sollte, bemächtigte es sich ihrer zeichen, stickte sie ein in das linnen, das grau war und von grober struktur ...".


Sprache ist eines der großen Themen dieses Bandes, das noch sprachlose Staunen (eines Kindes) über Redensarten als Anfang der Arbeit an der Sprache:

"Nein, nicht einmal mit dem gedanken daran, eine frage zu formulieren, tastete sich das ich durch die zeit der redensarten, der ver oder beleumdungen — Der mund der straße schien niemals stillzustehen..." (in "Zeit der Redensarten"). Wie im Dazwischen zwischen zwei Sprechern halten die Texte auch hier mit Leichtigkeit die Balance zwischen Sprachforschung und Sprachspiel, zwischen Staunen und Wissen:

"‘Jedes Wort birgt einen widersinn in sich' notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tieres vor augen hatte ..."


Kurz vorher findet sich zu Beginn von "In den Sack gehauen ..." diese schöne Passage:

"Wieder so ein tag, für die tonne, nicht die dionysisch irre, das faß, in dem jener genüßlich, der zweimal geborene, mit viel lärm ... ich weiß nicht, wie oft ich wiedergeboren worden bin, ohne es überhaupt wahrzunehmen ...

Ein tag für die tonne, und regen, seit gestern, der sich allmählich verstärkt, regen und keine worte — da endet immer alles, und man ist versackt, abgewrackt in einem sack, in dem nichts ordentlich abgepackt — der sack ist was fürs pauschale, für kraut und rüben beispielsweise ...
".


Sprache ist nicht nur Thema in diesen Texten, sie ist auch das Material, mit dem Igel souverän umzugehen weiß. Auch in den narrativen Passagen formuliert sie stets knapp und ist dabei gelassen genug, auch vermeintlich unfertige Sätze stehen zu lassen, sobald sie von selbst stehen können. So finde ich mich als Leser immer wieder in der lustvoll verwirrenden Lage (etwa bei der Lektüre des vorletzten Stückes "Kessellicht", dem längsten Text des Bandes), dass ich den Text einerseits wie eine Erzählung lesen will ("Kessellicht" erweist sich dabei als eine Art von Entwicklungsroman auf neun Seiten), dann aber immer wieder umkehre, einzelne Formulierungen erneut lese, noch einmal laut lese, um sie mir anzueignen wie ein Gedicht.


Mit "Umtriebe" ist Jayne-Ann Igel ein Buch gelungen, das uns Lebenswirklichkeiten vor Augen führt, ohne sie nur plakativ zu benennen, das mit Leichtigkeit die Tiefen der Sprache auslotet und Kunstfertigkeit beweist (ja, sie uns in der Werkstatt der Dichterin vor Augen führt), ohne sie herauszuschreien; man wird es immer wieder zur Hand nehmen, oder noch besser, es einige Zeit lang mit sich herumtragen wollen, um sich immer wieder und immer wieder neu mit den Texten zu konfrontieren.


Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, das Buch kaufen zu müssen, lese diesen großartigen Text:


Zu hause, wenn ich allein, der lautsprecher des plattenspielers aufgestellt war, auf dem tisch zettel und stift, der blick jedoch ins freie gerichtet, aus dem fenster, ins freie, das eingezäunt, umfriedet war, und jenseits die nebel licht ...


Wie viele male diese platte, tschaikowskis winterträume, die den eltern gehörte, die, so schien es dem kind, schon längst zu träumen aufgehört, und das kind entdeckte, was von den träumen übriggeblieben, in den schränken, schubkästen, dinge, die rätselhaft, deren herkunft in einem zeitraum, der nicht ihm gehörte — Wieviele male diese platte, begleitet vom elterlichen schweigen; nichts vermochte zu durchbrechen diese hülle ... das kind folgte den tönen satz für satz, ohne die augen zu schließen ..."



Jayne-Ann Igel: Umtriebe. Frankfurt/M (Gutleut Verlag) 2013, 60 Seiten, 11 Euro.

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