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Hypochonder Rockstein

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Hypochonder Rockstein

Markus Hallinger hat in seinem  Essay "Das Rauschen im Ohr Snowdens", das er gekonnt mit einem Gedicht abgerundet hat, eine wesentliche Position der modernen Lyrik zu den Feinheiten der algorithmisierten Kommunikation neu untersucht und hinterfragt. Dazu ein Kommentar:


Reaktion der Lyrik auf formalisierte Kommunikations-Organisation?

Gedichte durchdringen Psychiatriemauern. Kann ein Algorithmus das auch? Na klar doch.

Ein Algorithmus ist sowas wie ein Rezept, dessen Programmierer sowas wie ein Koch.
(Ein einigermaßen aktueller Algorithmen-Überblick von Handelsalgorithmen, Mustererkennung über Tiefensuche, Ranking und Klassifikation bis Sort befindet sich hier.)

Der Desktopmanager http://fvwm.org hat übrigens auch mehrere "Rezepte", receipts.

"Ein Gedicht!" sagen Menschen, die gute Speisen loben. Sind Programmierer vielleicht Dichter, die Code kochen? Die Speise wird je nach Heuristik und Information Retrieval (http://sensiblochamaeleon.blogspot.de/.../echte...) als Datensalat, mal als Datenmüll eingespeist.

Bei Markus Hallinger taucht nun wieder die Tendenz auf, Algorithmen zu personifizieren. Das hat Tradition, und nicht nur in Miriam Meckel's Roman NEXT.

Algorithmen sind meistenfalls keine autonomen Akteure, obwohl sie weiterlaufen, während ihre Programmierer etwas anderes machen. Trotzdem werden Algorithmen gerne als handelnde Personen dargestellt.
Darum fordert Jo Reichertz für die Soziologie mit seiner Kritik des ‚verdünnten’ Handlungsbegriffs in einigen Bereichen der qualitativen Sozialforschung die Hinwendung zum Coder und die Abwendung vom Code. So wird der Mystifikation vorgebeugt, etwas unpersönlich-Maschinelles würde die soziale Dynamik beherrschen und der Blick wird zurück auf die Interessen der Algorithmen-Schreiber gelenkt.

Wohlgemerkt, Algorithmen (genauer: deren Entwickler) verfassen mittlerweile Zeitungsartikel: http://networkedblogs.com/wVuE9

Daß Algorithmen selber herausfordernd gut dichten, ist nicht erst seit Enzenberger's Einladung zu einem Poesie-Automaten und dem poetron klar.

Gespräche mit Chatbots wie alicebot oder chatwithigod vor einigen Jahren hatten in bestimmten Fällen eine Qualität, die so manches nerviges MenschenSPAMgequatsche nicht unbedingt aufweisen konnte, obwohl es vielleicht lebendiger war, mehr zwischen den Zeilen vermittelte und nonverbale Zwischentöne und Frequenzen enthielt.

Dicht gepackter (Hypertext Markup Sprach)code wurde vor einiger Zeit in manchen (cavalry) Skripten des fb-sourcecodes noch ungeschönt verdichtet.

Das Verhältnis der Lyrik zur Informatik wird auch an Strukturmerkmalen deutlich. Computerprogramme, Computerlinguistik, Spracherkennung, Fuzzylogic, KI, theoretische Informatik, formale Sprachen formalisieren den Sprachgebrauch zu bestimmten Zwecken. Pseudocode befindet sich im Übergangsbereich des für Unkundige Lesbaren.

Der Autor will auf das Wirken der Akteure an den Schalthebeln der elektronischen Medien angemessen reagieren. Er will den Medienrealitäts-strukturierenden Vorgaben der  Informatiker, der Softwareentwickler, der PHP-, C++-, ruby-, assembler-, cobol-, pearl- python-, pascal-, algol-, fortran-, java-Programmierer, der Rechnerarchitekturgestalter, Platinenrouting-oder OS- Entwickler auf seine Weise begegnen. Wo schon von heutigen Journalisten Grundkenntnisse des Programmierens verlangt werden, verbreitet der Poet seine Inhalte ebenso rechnergestützt auf vielfältigen Kanälen.

Ein Kabarettist absolviert auf der Bühne das von ihm selber gestaltete Programm.

Was macht nun die besondere Qualität eines Gedichts mit oder ohne Metrik und Versfuß verglichen mit Codezeilen aus. Es hängt von den Absichten ab. Oder können Programme mit Lyrik gleichgesetzt werden? Beide können und wollen mehr als die Wirklichkeit abbilden.

Was wissen Gedichte mehr, was können Gedichte besser herausfinden über unser Leben als Algorithmen? Ein Algorithmus ist eine aus endlich vielen Schritten bestehende, eindeutige und ausführbare Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen.
Ein Gedicht, heutzutage hauptsächlich in Form von Songtexten unterwegs, regt vielleicht eher an, als daß es vorschreibt. Seine Tragweite und Gültigkeit gehen über strikt vorgegebene  Schaltzustände weit hinaus.

Nachdem der Verfasser es digitalisiert hat, macht es sich auf seinen Weg durch die Leiterbahnen und wird dort von elektronischen Handlungsvorschriften je nachdem ausgewertet, gebremst, multipliziert, analysiert, transportiert und mit affinen Inhalten im Netz assoziiert.

Ein guter Song wird zum Ohrwurm, ein markantes Gedicht läßt sich vielleicht traurigerweise zum Werbeslogan korrumpieren, in Zeiten wo elektronische Medien dazu verleiten, mit großen Reichweiten Unwahrheiten zu verbreiten.

Gibt es heute ein Leben ohne Geheimnisse?
Wie verhält sich Data Science zu Datenschutz, in der Politik dringend eingeforderte Transparenz zu Privatsphäre und Kriminologie? Das hängt vom medienkompetenten Umgang mit Techniken wie Crypto, Firewall, on/offline, mit/ohne phone unterwegs, Publizistik, bewußtem Veröffentlichen bzw. privat halten, usw. ab. In den mit Datenschutz und Abhörskandal garnierten postprivacy-Scheindebatten voller tracking-Ironie der vergangenen Monate kamen tiefergehende Fragen z.B. nach effektiver Vermißtensuche und Befreiung von Menschenhandelsopfern meist zu kurz. Das schwierige Verhältnis von Datenhandel zu gehirngewaschenen Memen wie "ich hab doch nix zu verbergen" läßt sich gleichfalls am Auftreten von Trends wie Stealthwear, Paranoidchic und anderen Verhüllungs-Elementen in der Mode analysieren:

Wir vertrauen in suboptimaler Mensch-Maschine-Interaktion je nach Qualität des Userinterface-Designs öfter oder seltener Maschinen, die außer Kontrolle geraten sind und sich undurchschaubar komplex verselbständigt haben, unsre Kommunikation und Beziehungsdaten an.

>"Partnervermittlungsalgorithmen" (siehe Facebook's Weiterentwicklung des mittlerweile abgeschafften Edgerank-Algorithmus, falls es eine solche gibt): so mußte das Onlinedatingprogramm dann schon gehackt werden, um den wirklich passenden Partner zu liefern (Amy Webb: How I hacked online dating).

>"Arbeit, in einen Text einzudringen" : Zeitersparnis in der Aufmerksamkeitsökonomie. Betrügerische SEO-Werber und andere unmoralische Socialmedia-Marketer wissen scheinbar persönliche Zuwendung bestens in traffic und Geld umzumünzen. Bleibt da noch Hoffnung, daß sich eines Tages dennoch Qualität gegen SPAM, gegen Aktualität und gegen Quantität durchsetzt?

>".... muss der Autor die eigenen Denkbahnen verlassen können und immer wieder ganz von vorne anfangen": Die Fähigkeit, die ihn als Menschen auszeichnet, soll er gerne anwenden, und er kann das mit seiner gesammelten Erfahrung tun. Die Maschine kann ihre eigene Struktur nicht verlassen.

>"Erinnern,..., da war doch was, ..., das Langzeitgedächnis geht verloren": Stimmt, genau so ist es.

Die echten Tauben und Spatzen unterscheiden sich im Orkus der Komplexität doch hoffentlich von den Attrappen-Schwänen aus Papier?

„Sprache als Brief:“  Es sendet ein Mensch oder ein Programm, das ein Mensch verfertigt hat. Wenn Sprache als lebendige Erweiterung der an gigantische Datennetze angeschlossenen Parabolantenne fungiert, wenig sendend und empfindlich viel empfangend, ist sie stets mit dem Sortieren beschäftigt. Sowohl Dichtkunst als auch EDV-Zentralen sammeln, strukturieren und rekombinieren. Hier setzt Markus Hallinger am Essentiellen an, indem er die Dichtung an Ihre ursprüngliche Unabhängigkeit von den technifizierten Kausalgeflechten erinnert. Das Gedicht reflektiert den Puls der Zeit schnell und direkt.

Wir sollten vielleicht aufhören, Mitgeschöpfe bis über ihr Aussterben hinaus zu digitalisieren, anstatt uns ihrer Anwesenheit IRL zu erfreuen und sie zu retten.
Vielleicht tragen wir digitalisierend durch puren Klicktivismus zur Verlängerung von Lists of extinct species bei, aber nicht zu deren Überleben oder sogar Regeneration?

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