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Günter Plessow: LOVE IS NOT ALL - ein Gedicht in ein Gedicht übersetzen, Teil 2

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Love is not all ––

ein Gedicht in ein Gedicht übersetzen


Einblicke in den Arbeitsprozeß von Günter Plessow


Teil 2


Interlineares Übersetzen

So viel zur formalen und materialen Analyse der gebundenen Sprache, die das Original  spricht.

Meine Übersetzungsversuche beginnen damit, daß ich mich zunächst der Semantik, der Aussage, interlinear annähere, indem ich dem Text Wort für Wort und Zeile für Zeile folge, ohne auf Rhythmus und Reim zu achten.


Ich stelle dem Original eine Interlinearversion gegenüber und übernehme vor allem alle Wortwiederholungen. Gelegentlich, wenn auch nur selten, besteht die Möglichkeit, den englischen Wortstamm deutsch zu imitieren, so wird nagged zu zernagt.


Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.

Liebe ist nicht alles :  sie ist nicht Speise noch Trank
noch Schlummer noch ein Dach wider den Regen ;
noch weniger ein treibender Sparren für Menschen, die sinken
und auftauchen und sinken und auftauchen und wieder sinken ;
Liebe kann die erstickende Lunge nicht mit Atem füllen,
noch das Blut reinigen, noch den gebrochenen Knochen richten ;
doch mancher Mensch schließt Freundschaft mit dem Tod
eben jetzt, indes ich spreche, allein um Liebesverlustes willen.
Es mag wohl sein, daß in schwieriger Stunde,
niedergedrückt von Schmerz und klagend um Entlastung
oder zernagt von Mangel über die Entschlußkraft hinaus,
ich gedrängt sein mag, deine Liebe um Frieden zu verkaufen

oder zu verhandeln die Erinnerung an diese Nacht um Nahrung.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde [es tun].

Liebe ist nicht alles :  sie ist nicht Speise noch Trank
noch Schlummer noch ein Dach wider den Regen ;
noch weniger ein treibender Sparren für Menschen, die sinken
und auftauchen und sinken und auftauchen und wieder sinken ;
Liebe kann die erstickende Lunge nicht mit Atem füllen,
noch das Blut reinigen, noch den gebrochenen Knochen richten  ;
doch mancher Mensch schließt Freundschaft mit dem Tod
eben jetzt, indes ich spreche, allein um Liebesverlustes willen.
Es mag wohl sein, daß in schwieriger Stunde,
niedergedrückt von Schmerz und klagend um Entlastung
oder zernagt von Mangel über die Entschlußkraft hinaus,
ich gedrängt sein mag, deine Liebe um Frieden zu verkaufen
oder zu verhandeln die Erinnerung an diese Nacht um Nahrung.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde [es tun].


Das Ergebnis ist kaum mehr als eine Materialsammlung und wäre selbst als reine Prosa unbefriedigend. Bedauerlich, daß die Zeilen deutlich länger ausfallen als im Original, daß der Text also Dichte und Tempo verloren hat.

Die Fäden eines Gewebes liegen aufgetrennt nebeneinander und warten darauf, im Medium der Zielsprache neu verknüpft zu werden. Syntax und Semantik des Originals geben Anhaltspunkte, aber nicht mehr. Alliterationen wie
for lack of love alone beispielsweise sind nur partiell nachzubilden.

Die semantische Aura einzelner Wörter und Wendungen, die im Klang mitschwingt, ist in beiden Sprachen nur selten äquivalent. Deshalb müssen neue Satzfiguren gebildet, neue Reimpaare gefunden werden. Imitierbar ist nur der Rhythmus des Originals; er muß die Aussage ordnen und tragen, ihr Tempo bestimmen.




Blankverse als Interim

Um Form und Fassung des Gedichts wieder zu gewinnen, muß ich zumindest einmal die Raumnot –– das Zuviel an Silben –– beheben und dem Rhythmus, dem Pentameter, seine beherrschende Rolle zu-rückgeben.

Ich verwandle Prosazeilen in Blankverse, achte also noch nicht auf den Reim. Damit stelle ich mir vor Augen und Ohren, welche Text-Portion ich anzupeilen habe.

Inhaltliche Einbußen nehme ich einstweilen in Kauf und muß sie in späteren Übersetzungsphasen durch Umformun-gen wieder wettmachen.


Ich verwandle also Prosazeilen in Blankverse, probeweise, stelle beide Versionen nebeneinander und kennzeichne, welche Abweichungen sich dadurch ergeben haben. Diese Zwischenlösung lautet:

Liebe ist nicht alles :  sie ist nicht Speise noch Trank
noch Schlummer noch ein Dach wider den Regen ;
noch weniger ein treibender Sparren für
Menschen, die sinken
und auftauchen und sinken und auftauchen und wieder sinken ;
Liebe kann die erstickende Lunge nicht mit Atem füllen,
noch das Blut reinigen, noch den gebrochenen Knochen richten ;
doch mancher Mensch schließt Freundschaft mit dem Tod
eben jetzt, indes ich spreche,
allein um Liebesverlustes willen.
Es mag wohl sein, daß in schwieriger Stunde,
niedergedrückt von Schmerz und klagend um Entlastung
oder zernagt von Mangel über die Entschlußkraft hinaus,
ich
gedrängt sein mag, deine Liebe um Frieden zu verkaufen
oder zu verhandeln die Erinnerung an diese Nacht um Nahrung.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde [es tun].

Die Liebe ist nicht alles :  ist nicht Fleisch
noch
Trank noch Schlaf noch Dach über dem Kopf ;
noch weniger ein Treibholz
dem, der sinkt
und auftaucht, sinkt und auftaucht, wieder sinkt ;
sie kann die Lunge nicht mit Atem füllen,
das Blut nicht reinigen, den Knochen richten ;
und doch schließt mancher Freundschaft mit dem Tod
jetzt, wo ichs sag,
um Liebe, die ihm fehlt.
Es mag wohl sein, daß ich in schwerer Stunde,
erpreßt von Schmerz u. nach Erlösung schmachtend,
von Not zernagt, die über meine Kraft geht,
gedrängt bin, deine Liebe zu verkaufen/verhökern
um Frieden, diese Nacht um ein Stück Brot.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde.


Die Gegenüberstellung mit dem Original bestätigt, was auf der Strecke blieb, ge-opfert, verlagert, umformuliert werden mußte:


Trank
in die zweite Zeile verschoben, Singular statt Plural (für men that sink steht dem, der sinkt), lack of love verbalisiert zu Liebe, die ihm fehlt, alone und memory entfallen, I might be driven wird Indikativ gedrängt bin, to sell u. to trade zu verkaufen verkürzt:

Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet a floating spar to
men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak,
for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.

Die Liebe ist nicht alles :  ist nicht Fleisch
noch
Trank noch Schlaf noch Dach über dem Kopf ;
noch weniger ein Treibholz
dem, der sinkt
und auftaucht, sinkt und auftaucht, wieder sinkt ;
sie kann die Lunge nicht mit Atem füllen,
das Blut nicht reinigen, den Knochen richten ;
und doch schließt mancher Freundschaft mit dem Tod
jetzt, wo ichs sag, um
Liebe, die ihm fehlt.
Es mag wohl sein, daß ich in schwerer Stunde,
erpreßt von Schmerz u. nach Erlösung schmachtend,
von Not zernagt, die über meine Kraft geht,
gedrängt bin, deine Liebe zu verkaufen/verhökern
um Frieden, diese Nacht um ein Stück Brot.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde.


Das Zwischenergebnis ist unbefriedigend, solange der Zusammenhang, den das Metrum stiftet, äußerlich bleibt. Welches Textmaterial weiterverwendbar ist, wird sich erweisen. Ich markiere zwei Stellen auf Verdacht:


Love is not all :  it is not meat nor drink
Nor slumber nor a roof against the rain ;
Nor yet
a floating spar to men that sink
And rise and sink and rise and sink again ;
Love can not fill the thickened lung with breath,
Nor clean the blood, nor set the fractured bone ;
Yet many a man is making friends with death
Even as I speak, for lack of love alone.
It well may be that in a difficult hour,
Pinned down by pain and moaning for release,
Or nagged by want past resolution’s power,
I might be driven to sell your love for peace,
Or trade the memory of this night for food.
It well may be.  I do not think I would.

Die Liebe ist nicht alles :  ist nicht Fleisch
noch Trank noch Schlaf noch Dach über dem Kopf ;
noch weniger
ein Treibholz dem, der sinkt
und auftaucht, sinkt und auftaucht, wieder sinkt ;
sie kann die Lunge nicht mit Atem füllen,
das Blut nicht reinigen, den Knochen richten ;
u. doch schließt mancher Freundschaft mit d. Tod
jetzt, wo ichs sag, um Liebe, die ihm fehlt.
Es mag wohl sein, daß ich in schwerer Stunde,
erpreßt von Schmerz u. nach Erlösung schmachtend,
von Not zernagt, die über meine Kraft geht,
gedrängt bin, deine Liebe zu verkaufen/verhökern
um Frieden, diese Nacht um ein Stück Brot.
Es mag wohl sein. Ich denke nicht, ich würde.

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