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Goethe über seinen "West-östlichen Divan" - Teil 6

Diskurs/Poetik/Essay > Poeterey


Johann Wolfgang von Goethe


Noten und Abhandlungen
zu besserem Verständnis
des West-östlichen Divans


(Teil 6)


Nähere Hilfsmittel


Wenn uns die heiligen Schriften uranfängliche Zustände und die allmähliche Entwicklung einer bedeutenden Nation vergegenwärtigen, Männer aber, wie Michaelis, Eichhorn, Paulus, Heeren, noch mehr Natur und Unmittelbarkeit in jenen Überlieferungen aufweisen, als wir selbst hätten entdecken können, so ziehen wir, was die neuere und neuste Zeit angeht, die größten Vorteile aus Reisebeschreibungen und andern dergleichen Dokumenten, die uns mehrere nach Osten vordrängende Westländer nicht ohne Mühseligkeit, Genuss und Gefahr nach Hause gebracht und zu herrlicher Belehrung mitgeteilt haben. Hievon berühren wir nur einige Männer, durch deren Augen wir jene weit entfernten, höchst fremdartigen Gegenstände zu betrachten seit vielen Jahren beschäftigt gewesen.


Wallfahrten und Kreuzzüge


Deren zahllose Beschreibungen belehren zwar auch in ihrer Art; doch verwirren sie über den eigentlichsten Zustand des Orients mehr unsere Einbildungskraft, als dass sie ihr zur Hilfe kämen. Die Einseitigkeit der christlich-feindlichen Ansicht beschränkt uns durch ihre Beschränkung, die sich in der neuern Zeit nur einigermaßen erweitert, als wir nunmehr jene Kriegsereignisse durch orientalische Schriftsteller nach und nach kennen lernen. Indessen bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände schuldig geworden.


Marco Polo


Dieser vorzügliche Mann steht allerdings obenan. Seine Reise fällt in die zweite Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts; er gelangt bis in den fernsten Osten, führt uns in die fremdartigsten Verhältnisse, worüber wir, da sie beinahe fabelhaft aussehen, in Verwunderung, in Erstaunen geraten. Gelangen wir aber auch nicht sogleich über das einzelne zur Deutlichkeit, so ist doch der gedrängte Vortrag dieses weit ausgreifenden Wanderers höchst geschickt, das Gefühl des Unendlichen, Ungeheuren in uns aufzuregen. Wir befinden uns an den Hof des Kublai Chan, der als Nachfolger von Dschengis grenzenlose Landstrecken beherrschte. Denn was soll man von einem Reiche und dessen Ausdehnung halten, wo es unter andern heißt: „Persien ist eine große Provinz, die aus neun Königreichen besteht“; und nach einem solchen Maßstab wird alles Übrige gemessen. So die Residenz, im Norden von China, unübersehbar; das Schloss des Chans, eine Stadt in der Stadt; daselbst aufgehäufte Schätze und Waffen; Beamte, Soldaten und Hofleute, unzählbar; zu wiederholten Festmahlen jeder mit seiner Gattin berufen. Ebenso ein Landaufenthalt! Einrichtung zu allem Vergnügen, besonders ein Heer von Jägern, und eine Jagdlust in der größten Ausbreitung. Gezähmte Leoparden, abgerichtete Falken, die tätigsten Gehilfen der Jagenden, zahllose Beute gehäuft. Dabei das ganze Jahr Geschenke ausgespendet und empfangen. Gold und Silber, Juwelen, Perlen, alle Arten von Kostbarkeiten im Besitz des Fürsten und seiner Begünstigten; indessen sich die übrigen Millionen von Untertanen wechselseitig mit einer Scheinmünze abzufinden haben.

Begeben wir uns aus der Hauptstadt auf die Reise, so wissen wir vor lauter Vorstädten nicht, wo die Stadt aufhört. Wir finden sofort Wohnung an Wohnungen, Dorf an Dörfern, und den herrlichen Fluss hinab eine Reihe von Lustorten. Alles nach Tagesreisen gerechnet und nicht wenigen.

Nun zieht, vom Kaiser beauftragt, der Reisende nach andern Gegenden; er führt uns durch unübersehbare Wüsten, dann zu herdenreichen Gauen, Bergreihen hinan, zu Menschen von wunderbaren Gestalten und Sitten und lässt uns zuletzt über Eis und Schnee nach der ewigen Nacht des Poles hinschauen. Dann auf einmal trägt er uns wie auf einem Zaubermantel über die Halbinsel Indiens hinab. Wir sehen Cylon unter uns liegen, Madagaskar, Java; unser Blick irrt auf wunderlich benannte Inseln, und doch lässt er uns überall von Menschengestalten und Sitten, von Landschaft, Bäumen, Pflanzen und Tieren so manche Besonderheit erkennen, die für die Wahrheit seiner Anschauung bürgt, wenn gleich vieles märchenhaft erscheinen möchte. Nur der wohl unterrichtete Geograph könnte dies alles ordnen und bewähren. Wir mussten uns mit dem allgemeinen Eindruck begnügen; denn unsern ersten Studien kamen keine Noten und Bemerkungen zu Hilfe.


Johannes von Montevilla


Dessen Reise beginnt im Jahre 1320, und ist uns die Beschreibung derselben als Volksbuch, aber leider sehr ungestaltet, zugekommen. Man gesteht dem Verfasser zu, dass er große Reisen gemacht, vieles gesehen und gut gesehen, auch richtig beschrieben. Nun beliebt es ihm aber, nicht nur mit fremdem Kalbe zu pflügen, sondern auch alte und neue Fabeln einzuschalten, wodurch denn das Wahre selbst seine Glaubwürdigkeit verliert. Aus der lateinischen Ursprache erst ins Niederdeutsche, sodann ins Oberdeutsche gebracht, erleidet das Büchlein neue Verfälschung der Namen. Auch der Übersetzer erlaubt sich, auszulassen und einzuschalten, wie unser Görres in seiner verdienstlichen Schrift über die deutschen Volksbücher anzeigt, auf welche Weise Genuss und Nutzen an diesem bedeutenden Werke verkümmert worden.


Pietro della Valle


Aus einem uralten römischen Geschlechte, das seinen Stammbaum bis auf die edlen Familien der Republik zurückführen durfte, ward Pietro della Valle geboren, im Jahre 1586, zu einer Zeit, da die sämtlichen Reiche Europas sich einer hohen geistigen Bildung erfreuten. In Italien lebte Tasso noch, obgleich in traurigem Zustande; doch wirkten seine Gedichte auf alle vorzüglichen Geister. Die Verskunst hatte sich so weit verbreitet, dass schon Improvisatoren hervortraten und kein junger Mann von freiern Gesinnungen des Talents entbehren durfte, sich reimweis auszudrücken. Sprachstudium, Grammatik, Red- und Stilkunst wurden gründlich behandelt, und so wuchs in allen diesen Vorzügen unser Jüngling sorgfältig gebildet heran.

Waffenübungen zu Fuß und zu Ross, die edle Fecht- und Reitkunst dienten ihm zu täglicher Entwicklung körperlicher Kräfte und der damit innig verbundenen Charakterstärke. Das wüste Treiben früherer Kreuzzüge hatte sich nun zur Kriegskunst und zu ritterlichem Wesen herangebildet, auch die Galanterie in sich aufgenommen. Wir sehen den Jüngling, wie er mehreren Schönen, besonders in Gedichten, den Hof macht, zuletzt aber höchst unglücklich wird, als ihn die eine, die er sich anzueignen, mit der er sich ernstlich zu verbinden gedenkt, hintansetzt und einem Unwürdigen sich hingibt. Sein Schmerz ist grenzenlos, und um sich Luft zu machen, beschließt er, im Pilgerkleid nach dem Heiligen Land zu wallen.

Im Jahre 1614 gelangt er nach Konstantinopel, wo sein adeliges, einnehmendes Wesen die beste Aufnahme gewinnt. Nach Art seiner früheren Studien wirft er sich gleich auf die orientalischen Sprachen, verschafft sich zuerst eine Übersicht der türkischen Literatur, Landesart und Sitten und begibt sich sodann, nicht ohne Bedauern seiner neu erworbenen Freunde, nach Ägypten. Seinen dortigen Aufenthalt nutzt er ebenfalls, um die altertümliche Welt und ihre Spuren in der neueren auf das ernstlichste zu suchen und zu verfolgen; von Kairo zieht er auf den Berg Sinai, das Grab der heiligen Katharina zu verehren, und kehrt, wie von einer Lustreise, zur Hauptstadt Ägyptens zurück; gelangt, von da zum zweiten Male abreisend, in sechzehn Tagen nach Jerusalem, wodurch das wahre Maß der Entfernung beider Städte sich unserer Einbildungskraft aufdrängt. Dort, das heilige Grab verehrend, erbittet er sich vom Erlöser, wie früher schon von der heiligen Katharina, Befreiung von seiner Leidenschaft; und wie Schuppen fällt es ihm von den Augen, dass er ein Tor gewesen, die bisher Angebetete für die einzige zu halten, die eine solche Huldigung verdiene; seine Abneigung gegen das übrige weibliche Geschlecht ist verschwunden, er sieht sich nach einer Gemahlin um und schreibt seinen Freunden, zu denen er bald zurückzukehren hofft, ihm eine würdige auszusuchen.

Nachdem er nun alle heiligen Orte betreten und gebetet, wozu ihm die Empfehlung seiner Freunde von Konstantinopel, am meisten aber ein ihm zur Begleitung mitgegebener Capighi die besten Dienste tun, reist er mit dem vollständigsten Begriff dieser Zustände weiter, erreicht Damaskus, sodann Aleppo, woselbst er sich in syrische Kleidung hüllt und seinen Bart wachsen lässt. Hier nun begegnet ihm ein bedeutendes, Schicksal bestimmendes Abenteuer. Ein Reisender gesellt sich zu ihm, der von der Schönheit und Liebenswürdigkeit einer jungen georgischen Christin, die sich mit den Ihrigen zu Bagdad aufhält, nicht genug zu erzählen weiß, und Valle verliebt sich, nach echt orientalischer Weise, in ein Wortbild, dem er begierig entgegenreist. Ihre Gegenwart vermehrt Neigung und verlangen, er weiß die Mutter zu gewinnen, der Vater wird beredet; doch geben beide seiner ungestümen Leidenschaft nur ungerne nach: ihre geliebte anmutige Tochter von sich zu lassen, scheint ein allzu großes Opfer. Endlich wird sie seine Gattin, und er gewinnt dadurch für Leben und Reise den größten Schatz. Denn ob er gleich mit adeligem Wissen und Kenntnis mancher Art ausgestattet die wallfahrt angetreten und in Beobachtung dessen, was sich unmittelbar auf den Menschen bezieht, so aufmerksam als glücklich und im Betragen gegen jedermann in allen Fällen musterhaft gewesen, so fehlt es ihm doch an Kenntnis der Natur, deren Wissenschaft sich damals nur noch in dem engen Kreise ernster und bedächtiger Forscher bewegte. Daher kann er die Aufträge seiner Freunde, die von Pflanzen und Hölzern, von Gewürzen und Arzneien Nachricht verlangen, nur unvollkommen befriedigen; die schöne Maani aber, als ein liebenswürdiger Hausarzt, weiß von Wurzeln, Kräutern und Blumen, wie sie wachsen, von Harzen, Balsamen, Ölen, Samen und Hölzern, wie sie der Handel bringt, genugsame Rechenschaft zu geben und ihres Gatten Beobachtung, der Landesart gemäß, zu bereichern.

Wichtiger aber ist diese Verbindung für Lebens- und Reisetätigkeit. Maani, zwar vollkommen weiblich, zeigt sich von resolutem, allen Ereignissen gewachsenem Charakter; sie fürchtet keine Gefahr, ja sucht sie eher auf und beträgt sich überall edel und ruhig; sie besteigt auf Mannsweise das Pferd, weiß es zu bezähmen und anzutreiben, und so bleibt sie eine muntere, aufregende Gefährtin. Ebenso wichtig ist es, dass sie unterwegs mit dem sämtlichen Frauen in Berührung kommt und ihre Gatte daher von den Männern gut aufgenommen, bewirtet und unterhalten wird, indem sie sich auf Frauenweise mit den Gattinnen zu betun und zu beschäftigen weiß.

Nun genießt aber erst das junge Paar eines bei den bisherigen Wanderungen im türkischen Reiche unbekannten Glücks. Sie betreten Persien im dreißigsten Jahre der Regierung Abbas’ des Zweiten, der sich, wie Peter und Friedrich, den Namen des Großen verdiente. Nach einer gefahrvollen, bänglichen Jugend wird er sogleich beim Antritt seiner Regierung aufs deutlichste gewahr, wie er, um sein Reich zu beschützen, die Grenzen erweitern müsse, und was für Mittel es gebe, auch innerliche Herrschaft zu sichern; zugleich geht Sinnen und Trachten dahin, das entvölkerte Reich durch Fremdlinge wiederherzustellen und den Verkehr der Seinigen durch öffentliche Wege- und Gastanstalten zu beleben und zu erleichtern. Die größten Einkünfte und Begünstigungen verwendet er zu grenzenlosen Bauten. Ispahan zur Hauptstadt gewürdigt, mit Palästen und Gärten, Karawansereien und Häusern für königliche Gäste übersäet; eine Vorstadt für die Armenier erbaut, die sich dankbar zu beweisen ununterbrochen Gelegenheit finden, indem sie, für eigene und für königliche Rechnung handelnd, Profit und Tribut dem Fürsten zu gleicher Zeit abzutragen klug genug sind. Eine Vorstadt für Georgier eine andere für Nachfahren der Feueranbeter erweitern abermals die Stadt, die zuletzt so grenzenlos als einer unserer neuen Reichsmittelpunkte sich erstreckt. Römisch-katholische Geistliche, besonders Karmeliten, sind wohl aufgenommen und beschützt; weniger die griechische Religion, die, unter dem Schutz der Türken stehend, dem allgemeinen Feinde Europas und Asiens anzugehören scheint.

Über ein Jahr hatte sich della Valle in Ispahan aufgehalten und seine Zeit ununterbrochen tätig benutzt, um von allen Zuständen und Verhältnissen genau Nachricht einzuziehen. Wie lebendig sind daher seine Darstellungen! Wie genau seine Nachrichten! Endlich, nachdem er alles ausgekostet, fehlt ihm noch der Gipfel des ganzen Zustandes: Die persönliche Bekanntschaft des von ihm so hoch bewunderten Kaisers, der Begriff, wie es bei Hof, im Gefecht, bei der Armee zugehe.

In dem Lande Mazenderan, der südlichen Küste des Kaspischen Meers, in einer freilich sumpfigen, ungesunden Gegend, legte sich der tätige unruhige Fürst abermals eine große Stadt an. Ferhabad benannt, und bevölkerte sie mit beorderten Bürgern; sogleich in der Nähe erbaut er sich manchen Bergsitz auf den Höhen des amphitheatralischen Kessels, nicht allzu weit von seinen Gegnern, den Russen und Türken, in einer durch Bergrücken geschützten Lage. Dort residiert er gewöhnlich, und della Valle sucht ihn auf. Mit Maani kommt er an, wird wohl empfangen, nach einem orientalisch klugen, vorsichtigen Zaudern dem Könige vorgestellt, gewinnt dessen Gunst und wird zu Tafel und Trinkgelagen zugelassen, wo er vorzüglich von europäischer Verfassung, Sitte, Religion dem schon wohl unterrichteten, wissensbegierigen Fürsten Rechenschaft zu geben hat.

Im Orient überhaupt, besonders aber in Persien, findet sich eine gewisse Naivität und Unschuld des Betragens durch alle Stände bis zur Nähe des Throns. Zwar zeigt sich auf der obern Stufe eine entschiedene Förmlichkeit, bei Audienzen, Tafeln und sonst; bald aber entsteht in des Kaisers Umgebung eine Art von Karnevalsfreiheit, die sich höchst scherzhaft ausnimmt. Erlustigt sich der Kaiser in Gärten und Kiosken, so darf niemand in Stiefeln auf die Teppiche treten, worauf der Hof sich befindet. Ein tartarischer Fürst kömmt an, man zieht ihm den Stiefel aus; aber er, nicht geübt auf einem Beine zu stehen, fängt an zu wanken; der Kaiser selbst tritt nun hinzu und hält ihn, bis die Operation vorüber ist. Gegen Abend steht der Kaiser in einem Hofzirkel, in welchem goldene, Wein gefüllte Schalen herumkreisen; mehrere von mäßigem Gewicht, einige aber durch einen verstärkten Boden so schwer, dass der ununterrichtete Gast den Wein verschüttet, wo nicht gar den Becher zu höchster Belustigung des Herrn und der Eingeweihten fallen lässt. Und so trinkt man im Kreise herum, bis einer, unfähig länger sich auf den Füßen zu halten, weggeführt wird oder zur rechten Zeit hinweg schleicht. Beim Abschied wird dem Kaiser keine Ehrerbietung erzeigt, einer verliert sich nach dem andern, bis zuletzt der Herrscher allein bleibt, einer melancholischen Musik noch eine Zeitlang zuhört und sich endlich auch zur Ruhe begibt. Noch seltsamere Geschichten werden aus dem Harem erzählt, wo die Frauen ihren Beherrscher kitzeln, sich mit ihm balgen, ihn auf den Teppich zu bringen suchen, wobei er sich unter großem Gelächter nur mit Schimpfreden zu helfen und zu rächen sucht.

Indem wir nun dergleichen lustige Dinge von den innern Unterhaltungen des kaiserlichen Harems vernehmen, so dürfen wir nicht denken, dass der Fürst und sein Staatsdivan müßig oder nachlässig geblieben. Nicht der tätig-unruhige Geist Abbas’ des Großen allein war es, der ihn antrieb, eine zweite Hauptstadt am Kaspischen Meer zu erbauen; Ferhabad lag zwar höchst günstig zu Jagd- und Hoflust, aber auch, von einer Bergkette geschützt, nahe genug an der Grenze, dass der Kaiser jede Bewegung der Russen und Türken, seiner Erbfeinde, zeitig vernehmen und Gegenanstalten treffen konnte. Von den Russen war gegenwärtig nichts zu fürchten, das innere Reich, durch Usurpatoren und Trugfürsten zerrüttet, genügte sich selbst nicht; die Türken hingegen hatte der Kaiser schon vor zwölf Jahren in der glücklichsten Feldschlacht dergestalt überwunden, dass er in der Folge von dorther nichts mehr zu befahren hatte, vielmehr noch große Landstrecken ihnen abgewann. Eigentlicher Friede jedoch konnte zwischen solchen Nachbarn sich nimmer befestigen, einzelne Neckereien, öffentliche Demonstrationen weckten beide Parteien zu fortwährender Aufmerksamkeit.

Gegenwärtig aber sieht sich Abbas zu ernsteren Kriegsrüstungen genötigt. Völlig im urältesten Stil ruft er sein ganzes Heeresvolk in die Flächen von Aderbijan zusammen, es drängt sich in allen seinen Abteilungen zu Ross und Fuß, mit den mannigfaltigsten Waffen herbei; zugleich ein unendlicher Tross. Denn jeder nimmt, wie bei einer Auswanderung, Weiber, Kinder und Gepäcke mit. Auch della Valle führt seine schöne Maani und ihre Frauen zu Pferd und Sänfte dem Heer und Hofe nach, weshalb ihn der Kaiser belobt, weil er sich hierdurch als einen angesehenen Mann beweist.

Einer solchen ganzen Nation, die sich massenhaft in Bewegung setzt, darf es nun auch an gar nichts fehlen, was sie zu Hause allenfalls bedürfen Könnte; weshalb denn Kauf- und Handelsleute aller Art mitziehen, überall einen flüchtigen Basar aufschlagen, eines guten Absatzes gewärtig. Man vergleicht daher das Lager des Kaisers jederzeit einer Stadt, worin denn auch so gute Polizei und Ordnung gehandhabt wird, dass niemand, bei grausamer Strafe, weder fouragieren noch requirieren, viel weniger aber plündern darf, sondern von Großen und Kleinen alles bar bezahlt werden muss; weshalb denn nicht allein alle auf dem Wege liegenden Städte sich mit Vorräten reichlich versehen, sondern auch aus benachbarten und entfernteren Provinzen Lebensmittel und Bedürfnisse unversiegbar zufließen.

Was aber lassen sich für strategische, was für taktische Operationen von einer solchen organisierten Unordnung erwarten? Besonders wenn man erfährt, dass alle Volks-, Stamm- und Waffenabteilungen sich im Gefecht vermischen und, ohne bestimmten Vorder-, Neben- und Hintermann, wie es der Zufall gibt, durcheinander kämpfen; daher denn ein glücklich errungener Sieg so leicht umschlagen und eine einzige verlorene Schlacht auf viele Jahre hinaus das Schicksal eines Reiches bestimmen kann.

Diesmal aber kommt es zu keinem solchen furchtbaren Faust- und Waffengemenge. Zwar dringt man mit undenkbarer Beschwernis durchs Gebirge; aber man zaudert, weicht zurück, macht sogar Anstalten, die eigenen Städte zu zerstören, damit der Feind in verwüsteten Landstrecken umkomme. Panischer Alarm, leere Siegesbotschaften schwanken durcheinander; freventlich abgelehnte, stolz verweigerte Friedensbedingungen, verstellte Kampflust, hinterlistiges Zögern verspäten erst und begünstigen zuletzt den Frieden. Da zieht nun ein jeder, auf des Kaisers Befehl und Strafgebot, ohne weiter Not und Gefahr, als was er vom Weg und Gedränge gelitten, ungesäumt wieder nach Hause.

Auch della Valle finden wir zu Casbin in der Nähe des Hofes wieder, unzufrieden, dass der Feldzug gegen die Türken ein so baldiges Ende genommen. Denn wir haben ihn nicht bloß als einen neugierigen Reisenden, als einen vom Zufall hin und wider getriebenen Abenteurer zu betrachten; er hegt vielmehr seine Zwecke, die er unausgesetzt verfolgt. Persien war damals eigentlich ein Land für Fremde; Abbas’ vieljährige Liberalität zog manchen muntern Geist herbei; noch war es nicht die Zeit förmlicher Gesandtschaften; kühne, gewandte Reisende machen sich geltend. Schon hatte Sherley, ein Engländer, früher sich selbst beauftragt und spielte den Vermittler zwischen Osten und Westen; so auch della Valle, unabhängig, wohlhabend, vornehm, gebildet, empfohlen, findet Eingang bei Hofe und sucht gegen die Türken zu reizen. Ihn treibt eben dasselbe christliche Mitgefühl, das die ersten Kreuzfahrer aufregte; er hatte die Misshandlungen frommer Pilger am heiligen Grabe gesehen, zum Teil mit erduldet, und allen westlichen Nationen war daran gelegen, dass Konstantinopel von Osten her beunruhigt werde: Aber Abbas vertraut nicht den Christen, die, auf eignen Vorteil bedacht, ihm zur rechten Zeit niemals von ihrer Seite beigestanden. Nun hat er sich mit den Türken verglichen; della Valle lässt aber nicht nach und sucht eine Verbindung Persiens mit den Kosaken am Schwarzen Meer anzuknüpfen. Nun kehrt er nach Ispahan zurück, mit Absicht, sich anzusiedeln und die römisch-katholische Religion zu fördern. Erst die Verwandten seiner Frau, dann noch mehr Christen aus Georgien zieht er an sich, eine georgianische Waise nimmt er an Kindesstatt an, hält sich mit den Karmeliten und führt nichts weniger im Sinne, als vom Kaiser eine Landstrecke zu Gründung eines neuen Roms zu erhalten.

Nun erscheint der Kaiser selbst wieder in Ispahan, Gesandte von allen Weltgegenden strömen herbei. Der Herrscher zu Pferd, auf dem größten Platz, in Gegenwart seiner Soldaten, der angesehensten Dienerschaft, bedeutender Fremden, deren vornehmste auch alle zu Pferd mit Gefolge sich einfinden, erteilt er launige Audienzen; Geschenke werden gebracht, großer Prunk damit getrieben, und doch werden sie bald hochfahrend verschmäht, bald darum jüdisch gemarktet, und so schwankt die Majestät immer zwischen dem Höchsten und Tiefsten. Sodann, bald geheimnisvoll verschlossen im Harem, bald vor aller Augen handelnd, sich in alles Öffentliche einmischend, zeigt sich der Kaiser in unermüdlicher, eigenwilliger Tätigkeit.

Durchaus auch bemerkt man einen besonderen Freisinn in Religionssachen. Nur keinen Mahometaner darf man zum Christentum bekehren; an Bekehrungen zum Islam, die er früher begünstigt, hat er selbst keine Freude mehr. Übrigens mag man glauben und vornehmen, was man will. So feiern z.B. die Armenier gerade das Fest der Kreuzestaufe, die sie in ihrer prächtigen Vorstadt, durch welche der Fluss Senderud läuft, feierlichst begehen. Dieser Funktion will der Kaiser nicht allein mit großem Gefolge beiwohnen, auch hier kann er das Befehlen, das Anordnen nicht lassen. Erst bespricht er sich mit den Pfaffen, was sie eigentlich vorhaben, dann sprengt er auf und ab, reitet hin und her und gebietet dem Zug Ordnung und Ruhe, mit Genauigkeit wie er seine Krieger behandelt hätte. Nach geendigter Feier sammelt er die Geistlichen und andere bedeutende Männer um sich her, bespricht sich mit ihnen über mancherlei Religionsmeinungen und Gebräuche. Doch diese Freiheit der Gesinnung gegen andere Glaubensgenossen ist noch bloß dem Kaiser persönlich, sie findet bei den Schiiten überhaupt statt. Diese, dem Ali anhängend, der erst vom Kalifate verdrängt und, als er endlich dazu gelangte, bald ermordet wurde, können in manchem Sinne als die unterdrückte mahometanische Religionspartei angesehen werden; ihr Hass wendet sich daher hauptsächlich gegen die Sunniten, welche die zwischen Mahomet und Ali eingeschobenen Kalifen mitzählen und verehren. Die Türken sind diesem Glauben zugetan, und eine sowohl politische als religiöse Spaltung trennt die beiden Völker; indem nun die Schiiten ihre eigenen verschieden denkenden Glaubensgenossen aufs äußerste hassen, sind sie gleichgültig gegen andere Bekenner und gewähren ihnen weit eher als ihren eigentlichen Gegnern eine geneigte Aufnahme.

Aber auch, schlimm genug! Diese Liberalität leidet unter den Einflüssen kaiserlicher Willkür. Ein Reich zu bevölkern oder zu entvölkern, ist dem despotischen Willen gleich gemäß. Abbas, verkleidet auf dem Lande herumschleichend, vernimmt die Missreden einiger armenischen Frauen und fühlt sich dergestalt beleidigt, dass er die grausamsten Strafen über die sämtlichen männlichen Einwohner des Dorfes verhängt. Schrecken und Bekümmernis verbreiten sich an den Ufern des Senderuds, und die Vorstadt Chalfa, erst durch die Teilnahme des Kaisers an ihrem Feste beglückt, versinkt in die tiefste Trauer.

Und so teilen wir immer die Gefühle großer, durch den Despotismus wechselweise erhöhten und erniedrigten Völker. Nun bewundern wir, auf welchen hohen Grad von Sicherheit und Wohlstand Abbas als Selbst- und Alleinherrscher das Reich erhoben und zugleich diesem Zustand eine solche Dauer verliehen, dass seiner Nachfahren Schwäche, Torheit, folgeloses Betragen erst nach neunzig Jahren das Reich völlig zugrunde richten konnten; dann aber müssen wir freilich die Kehrseite dieses imposanten Bildes hervorwenden.

Da eine jede Alleinherrschaft allen Einfluss ablehnet und die Persönlichkeit des Regenten in größter Sicherheit zu bewahren hat, so folgt hieraus, dass der Despot immerfort Verrat argwöhnen, überall Gefahr ahnen, auch Gewalt von allen Seiten befürchten müsse, weil er ja selbst nur durch Gewalt seinen erhabenen Posten behauptet. Eifersüchtig ist er daher auf jeden, der außer ihm Ansehen und Vertrauen erweckt, glänzende Fertigkeiten zeigt, Schätze sammelt und an Tätigkeit mit ihm zu wetteifern scheint. Nun muss aber in jedem Sinn der Nachfolger am meisten Verdacht erregen. Schon zeugt es von einem großen Geist des königlichen Vaters, wenn er seinen Sohn ohne Neid betrachtet, dem die Natur in kurzem alle bisherigen Besitztümer und Erwerbnisse ohne die Zustimmung des mächtig Wollenden unwiderruflich übertragen wird. Anderseits wird vom Sohn verlangt, dass er, edelmütig, gebildet und geschmackvoll, seien Hoffnungen mäßige, seinen Wunsch verberge und dem väterlichen Schicksal auch nicht dem Scheine nach vorgreife. Und doch, wo ist die menschliche Natur so rein und groß, so gelassen abwartend, so unter notwendigen Bedingungen mit Freude tätig, dass in einer solchen Lage sich der Vater nicht über den Sohn, der Sohn nicht über den Vater beklage? Und wären sie beide engelrein, so werden sich Ohrenbläser zwischen sie stellen, die Unvorsichtigkeit wird zum Verbrechen, der Schein zum Beweis. Wie viele Beispiele liefert uns die Geschichte! Wovon wir nur des jammervollen Familienlabyrinths gedenken, in welchem wir den König Herodes befangen sehen. Nicht allein die Seinigen halten ihn immer in schwebender Gefahr, auch ein durch Weissagung merkwürdiges Kind erregt seine Sorgen und veranlasst eine allgemein verbreitete Grausamkeit, unmittelbar vor seinem Tode.

Also erging es auch Abbas dem Großen: Söhne und Enkel machte man verdächtig, und sie gaben Verdacht; einer ward unschuldig ermordet, der andere halbschuldig geblendet. Dieser sprach: „Mich hast du nicht des Lichts beraubt, aber das Reich.“

Zu diesen unglücklichen Gebrechen der Despotie fügt sich unvermeidlich ein anderes, wobei noch zufälliger und unvorgesehener sich Gewalttaten und Verbrechen entwickeln. Ein jeder Mensch wird von seinen Gewohnheiten regiert, nur wird er, durch äußere Bedingungen eingeschränkt, sich mäßig verhalten, und Mäßigung wird ihm zur Gewohnheit. Gerade das Entgegengesetzte findet sich bei dem Despoten; ein uneingeschränkter Wille steigert sich selbst und muss, von außen nicht gewarnt, nach dem völlig Grenzenlosen streben. Wir finden hierdurch das Rätsel gelöst, wie aus einem löblichen jungen Fürsten, dessen erste Regierungsjahre gesegnet wurden, sich nach und nach ein Tyrann entwickelt, der Welt zum Fluch und zum Untergang der Seinen, die auch deshalb öfters dieser Qual eine gewaltsame Heilung zu verschaffen genötigt sind.

Unglücklicherweise nun wird jenes, dem Menschen eingeborne, alle Tugenden befördernde Streben ins Unbedingte seiner Wirkung nach schrecklicher, wenn physische Reize sich dazu gesellen. Hieraus entsteht die höchste Steigerung, welche glücklicherweise zuletzt in völlige Betäubung sich auflöst. Wir meinen den übermäßigen Gebrauch des Weins, welcher die geringe Grenze einer besonnenen Gerechtigkeit und Billigkeit, die selbst der Tyrann als Mensch nicht ganz verneinen kann, augenblicklich durchbricht und ein grenzenloses Unheil anrichtet. Wende man das Gesagte auf Abbas den Großen an, der durch seine fünfzigjährige Regierung sich zum einzigen unbedingt Wollenden seines ausgebreiteten bevölkerten Reichs erhoben hatte; denke man sich ihn freimütiger Natur, gesellig und guter Laune, dann aber durch Verdacht, Verdruss und, was am schlimmsten ist, durch übel verstandene Gerechtigkeitsliebe irre geführt, durch heftiges Trinken aufgeregt und, dass wir das letzte sagen, durch ein schnödes, unheilbares körperliches Übel gepeinigt und zur Verzweiflung gebracht, so wird man gestehen: Dass diejenigen Verzeihung, wo nicht Lob verdienen, welche einer so schrecklichen Erscheinung auf Erden ein Ende machten. Selig preisen wir daher gebildete Völker, deren Monarch sich selbst durch ein edles sittliches Bewusstsein regiert; glücklich die gemäßigten, bedingten Regierungen, die ein Herrscher selbst zu lieben und zu fördern Ursache hat, weil sie ihn mancher Verantwortung überheben, ihm gar manche Reue ersparen.

Aber nicht allein der Fürst, sondern ein jeder, der durch Vertrauen, Gunst oder Anmaßung Teil an der höchsten Macht gewinnt, kommt in Gefahr, den Kreis zu überschreiten, welchen Gesetz und Sitte, Menschengefühl, Gewissen, Religion und Herkommen zu Glück und Beruhigung um das Menschengeschlecht gezogen haben. Und so mögen Minister und Günstlinge, Volksvertreter und Volk auf ihrer Hut sein, dass nicht auch sie, in den Strudel unbedingten Wollens hingerissen, sich und andere unwiederbringlich ins Verderben hinabziehen.

Kehren wir nun zu unserm Reisenden zurück, so finden wir ihn in einer unbequemen Lage. Bei aller seiner Vorliebe für den Orient muss della Valle doch endlich fühlen, dass er in einem Lande wohnt, wo an keine Folge zu denken ist, und wo mit dem reinsten Willen und größter Tätigkeit kein neues Rom zu erbauen wäre. Die Verwandten seiner Frau lassen sich nicht einmal durch Familienbande halten; nachdem sie eine Zeitlang zu Ispahan in dem vertraulichsten Kreise gelebt, finden sie es doch geratener, zurück an den Euphrat zu ziehen und ihre gewohnte Lebensweise dort fortzusetzen. Die übrigen Georgier zeigen wenig Eifer, ja die Karmeliten, denen das große Vorhaben vorzüglich am Herzen liegen musste, können von Rom her weder Anteil noch Beistand erfahren.

Della Valles Eifer ermüdet, und er entschließt sich, nach Europa zurückzukehren, leider gerade zur ungünstigsten Zeit. Durch die Wüste zu ziehen, scheint ihm unleidlich, er beschließt, über Indien zu gehen; aber jetzt eben entspinnen sich Kriegshändel zwischen Portugiesen, Spaniern und Engländern wegen Ormus, dem bedeutendsten Handelsplatz, und Abbas findet seinem Vorteil gemäß, teil daran zu nehmen. Der Kaiser beschließt, die unbequemen portugiesischen Nachbarn zu bekämpfen, zu entfernen und die hilfreichen Engländer zuletzt, vielleicht durch List und Verzögerung, um ihre Absichten zu bringen und alle Vorteile sich zuzueignen.

In solchen bedenklichen Zeitläufen überrascht nun unsern Reisenden das wunderbare Gefühl eigner Art, das den Menschen mit sich selbst in den größten Zwiespalt setzt, das Gefühl der weiten Entfernung vom Vaterland, im Augenblick, wo wir, unbehaglich in der Fremde, nach Hause zurückzuwandern, ja schon dort angelangt zu sein wünschten. Fast unmöglich ist es, in solchem Fall sich der Ungeduld zu erwehren; auch unser Freund wird davon ergriffen, sein lebhafter Charakter, sein edles, tüchtiges Selbstvertrauen täuschen ihn über die Schwierigkeiten, die im Wege stehen. Seiner zu Wagnissen aufgelegten Kühnheit ist es bisher gelungen, alle Hindernisse zu besiegen, alle Pläne durchzusetzen, er schmeichelt sich fernerhin mit gleichem Glück und entschließt sich, da eine Rückkehr ihm durch die Wüste unerträglich scheint, zu dem Weg über Indien, in Gesellschaft seiner schönen Maani und ihrer Pflegetochter Mariuccia.

Manches angenehme Ereignis tritt ein, als Vorbedeutung künftiger Gefahr; doch zieht er über Persepolis und Schiras, wie immer aufmerkend, Gegenstände, Sitten und Landesart genau bezeichnend und aufzeichnend. So gelangt er an den Persischen Meerbusen, dort aber findet er, wie vorauszusehen gewesen, die sämtlichen Häfen geschlossen, alle Schiffe nach Kriegsgebrauch in Beschlag genommen. Dort am Ufer, in einer höchst ungesunden Gegend, trifft er Engländer gelagert, deren Karawane, gleichfalls aufgehalten, einen günstigen Augenblick erpassen möchte. Freundlich aufgenommen, schließt er sich an sie an, errichtet seine Gezelte nächst den ihrigen und eine Palmhütte zu besserer Bequemlichkeit. Hier scheint ihm ein freundlicher Stern zu leuchten! Seien Ehe war bisher kinderlos, und zu größter Freude beider Gatten erklärt sich Maani guter Hoffnung; aber ihn ergreift eine Krankheit, schlechte Kost und böse Luft zeigen den schlimmsten Einfluss auf ihn und leider auch auf Maani, sie kommt zu früh nieder, und das Fieber verlässt sie nicht. Ihr standhafter Charakter, auch ohne ärztliche Hilfe, erhält sie noch eine Zeitlang, sodann aber fühlt sie ihr Ende herannahen, ergibt sich in frommer Gelassenheit, verlangt, aus der Palmenhütte unter die Zelte gebracht zu sein, woselbst sie, indem Mariuccia die geweihte Kerze hält und della Valle die herkömmlichen Gebete verrichtet, in seinen Armen verscheidet. Sie hatte das dreiundzwanzigste Jahr erreicht.

Einem solchen ungeheuren Verlust zu schmeicheln, beschließt er fest und unwiderruflich, den Leichnam in sein Erbbegräbnis mit nach Rom zu nehmen. An Harzen, Balsamen und kostbaren Spezereien fehlt es ihm; glücklicherweise findet er eine Ladung des besten Kampfers, welcher, kunstreich durch erfahrne Personen angewendet, den Körper erhalten soll.

Hierdurch aber übernimmt er die größte Beschwerde, indem er so fortan den Aberglauben der Kameltreiber, die habsüchtigen Vorurteile der Beamten, die Aufmerksamkeit der Zollbedienten auf der ganzen künftigen Reise zu beschwichtigen oder zu bestechen hat.

Nun begleiten wir ihn nach Lar, der Hauptstadt des Laristan, wo er bessere Luft, gute Aufnahme findet und die Eroberung von Ormus durch die Perser abwartet. Aber auch ihre Triumphe dienen ihm zu keiner Fördernis. Er sieht sich wieder nach Schiras zurückgedrängt, bis er denn doch endlich mit einem englischen Schiff nach Indien geht. Hier finden wir sein Betragen dem bisherigen gleich; sein standhafter Mut, seine Kenntnisse, seine adligen Eigenschaften verdienen ihm überall leichten Eintritt und ehrenvolles Verweilen; endlich aber wird er doch nach dem Persischen Meerbusen zurück und zur Heimfahrt durch die Wüste genötigt.

Hier erduldet er alle gefürchteten Unbilden. Von Stammhäuptern dezimiert, taxiert von Zollbeamten, beraubt von Arabern und selbst in der Christenheit überall vexiert und verspätet, bringt er doch endlich Kuriositäten und Kostbarkeiten genug, das Seltsamste und Kostbarste aber, den Körper seiner geliebten Maani, nach Rom. Dort, auf Ara Coeli, begeht er ein herrliches Leichenfest, und als er in die Grube hinabsteigt, ihr die letzte Ehre zu erweisen, finden wir zwei Jungfräulein neben ihm, Silvia, eine während seiner Abwesenheit anmutig herangewachsene Tochter, und Tinatin di Ziba, die wir bisher unter dem Namen Mariuccia gekannt, beide ungefähr fünfzehnjährig. Letztere, die seit dem Tod seiner Gemahlin eine treue Reisegefährtin und einziger Trost gewesen, nunmehr zu heiraten, entschließt er sich gegen den Willen seiner Verwandten, ja des Papstes, die ihm vornehmere und reichere Verbindungen zudenken. Nun bestätigt er, noch mehrere Jahre glanzreich, einen heftig-kühnen und mutigen Charakter, nicht ohne Händel, Verdruss und Gefahr, und hinterlässt bei seinem Tod, der im sechsundsechzigsten Jahr erfolgt, eine zahlreiche Nachkommenschaft.


Entschuldigung


Es lässt sich bemerken, dass ein jeder den Weg, auf welchem er zu irgendeiner Kenntnis und Einsicht gelangt, allen übrigen vorziehen und seine Nachfolger gern auf denselben einleiten und einweihen möchte. IN diesem Sinne hab’ ich Peter della Valle umständlich dargestellt, weil er derjenige Reisende war, durch den mir die Eigentümlichkeiten des Orients am ersten und klarsten aufgegangen, und meinem Vorurteil will scheinen, dass ich durch diese Darstellung erst meinem Divan einen eigentümlichen Grund und Boden gewonnen habe. Möge dies andern zur Aufmunterung gereichen, in dieser Zeit, die so reich an Blättern und einzelnen Heften ist, einen Folianten durchzulesen, durch den sie entschieden in eine bedeutende Welt gelangen, die ihnen in den neusten Reisebeschreibungen zwar oberflächlich umgeändert, im Grund aber als dieselbe erscheinen wird, welche sie dem vorzüglichen Manne zu seiner Zeit erschien.

„Wer den Dichter will verstehen,
Muss in Dichters Lande gehen;
Er im Orient sich freue,
Dass das Alte sei das Neue.“


Olearius


Die Bogenzahl unserer bis hierher abgedruckten Arbeiten erinnert uns, vorsichtiger und weniger abschweifend von nun an fortzufahren. Deswegen sprechen wir von dem genannten trefflichen Manne nur im Vorübergehen. Sehr merkwürdig ist es, verschiedene Nationen als Reisende zu betrachten. Wir finden Engländer, unter welchen wir Sherley und Herbert ungern vorbeigingen; sodann aber Italiener; zuletzt Franzosen. Hier trete nun ein Deutscher hervor in seiner Kraft und Würde. Leider war er auf seiner Reise nach dem persischen Hof an einen Mann gebunden, der mehr Abenteurer denn als Gesandter erscheint, in beidem Sinne aber sich eigenwillig, ungeschickt, ja unsinnig benimmt. Der Geradsinn des trefflichen Olearius lässt sich dadurch nicht irre machen; er gibt uns höchst erfreuliche und belehrende Reiseberichte, die umso schätzbarer sind, als er nur wenige Jahre nach della Valle und kurz nach dem Tode Abbas’ des Großen nach Persien kam und bei seiner Rückkehr die Deutschen mit Saadi dem Trefflichen durch eine tüchtige und erfreuliche Übersetzung bekannt machte. Ungern brechen wir ab, weil wir auch diesem Manne für das Gute, das wir ihm schuldig sind, gründlichen Dank abzutragen wünschten. In gleicher Stellung finden wir uns gegen die beiden Folgenden, deren Verdienste wir auch nur oberflächlich berühren dürfen.


Tavernier und Chardin


Ersterer, Goldschmied und Juwelenhändler, dringt mit Verstand und klugem Betragen, kostbar-kunstreiche Waren zu seiner Empfehlung vorzeigend, an die orientalischen Höfe und weiß sich überall zu schicken und zu finden. Er gelangt nach Indien zu den Diamantgruben, und nach einer gefahrvollen Rückreise wird er im Westen nicht zum freundlichsten aufgenommen. Dessen hinterlassene Schriften sind höchst belehrend, und doch wird er von seinem Landsmann, Nachfolger und Rival Chardin nicht sowohl im Lebensgange gehindert, als in der öffentlichen Meinung nachher verdunkelt. Dieser, der sich gleich zu Anfang seiner Reise durch die größten Hindernisse durcharbeiten muss, versteht denn auch die Sinnesweise orientalischer Macht- und Geldhaber, die zwischen Großmut und Eigennutz schwankt, trefflich zu benutzen und ihrer, beim Besitz der größten Schätze, nie zu stillenden Begier nach frischen Juwelen und fremden Goldarbeiten vielfach zu dienen; deshalb er denn auch nicht ohne Glück und Vorteil wieder nach Hause zurückkehrt.

An diesen beiden Männern ist Verstand, Gleichmut, Gewandtheit, Beharrlichkeit, einnehmendes Betragen und Standhaftigkeit nicht genug zu bewundern, und könnte jeder Weltmann sie auf seiner Lebensreise als Muster verehren. Sie besaßen aber zwei Vorteile, die nicht einem jeden zustatten kommen: Sie waren Protestanten und Franzosen zugleich – Eigenschaften, die, zusammen verbunden, höchst fähige Individuen hervorzubringen imstande sind.


Neuere und neuste Reisende


Was wir dem achtzehnten und schon dem neunzehnten Jahrhundert verdanken, darf hier gar nicht berührt werden. Die Engländer haben uns in der letzten Zeit über die unbekanntesten Gegenden aufgeklärt. Das Königreich Kabul, das alte Gedrosien und Karamanien sind uns zugänglich geworden. Wer kann seine Blicke zurückhalten, dass sie nicht über den Indus hinüberstreifen und dort die große Tätigkeit anerkennen, die täglich weiter um sich greift; und so muss denn, hierdurch gefördert, auch im Okzident die Lust nach ferner und tieferer Sprachkenntnis sich immer erweitern. Wenn wir bedenken, welche Schritte Geist und Fleiß Hand in Hand getan haben, um aus dem beschränkten hebräisch-rabbinischen Kreise bis zur Tiefe und Weite des Sanskrit zu gelangen, so erfreut man sich, seit so vielen Jahren Zeuge dieses Fortschreitens zu sein. Selbst die Kriege, die, so manches hindernd, zerstören, haben der gründlichen Einsicht viele Vorteile gebracht. Von den Himalaja-Gebirgen herab sind uns die Ländereien zu beiden Seiten des Indus, die bisher noch märchenhaft genug geblieben, klar, mit der übrigen Welt im Zusammenhang erschienen. Über die Halbinsel hinunter bis Java können wir nach Belieben, nach Kräften und Gelegenheit unsere Übersicht ausdehnen und uns im Besondersten unterrichten; und so öffnet sich den jüngern Freunden des Orients eine Pforte nach der andern, um die Geheimnisse jener Urwelt, die Mängel einer seltsamen Verfassung und unglücklichen Religion sowie die Herrlichkeit der Poesie kennen zu lernen, in die sich reine Menschheit, edle Sitte, Heiterkeit und Liebe flüchtet, um uns über Kastenstreit, phantastische Religionsungeheuer und abstrusen Mystizismus zu trösten und zu überzeugen, dass doch zuletzt in ihr das Heil der Menschheit aufbewahrt bleibe.


Lehrer

Abgeschiedene, Mitlebende


Sich selbst genaue Rechenschaft zu geben, von wem wir auf unserem Lebens- und Studiengange dieses oder jenes gelernt, wie wir nicht allein durch Freunde und Genossen, sondern auch durch Widersacher und Feinde gefördert worden, ist eine schwierige, kaum zu lösende Aufgabe. Indessen fühl’ ich mich angetrieben, einige Männer zu nennen, denen ich besonderen Dank abzutragen schuldig bin.

Jones. Die Verdienste dieses Mannes sind so weltbekannt und an mehr als einem Ort umständlich gerühmt, dass mir nichts übrig bleibt, als nur im allgemeinen anzuerkennen, dass ich aus seinen Bemühungen von jeher möglichsten Vorteil zu ziehen gesucht habe; doch will ich eine Seite bezeichnen, von welcher er mir besonders merkwürdig geworden.

Er, nach echter englischer Bildungsweise, in griechischer und lateinischer Literatur dergestalt gegründet, dass er nicht allein die Produkte derselben zu würdigen, sondern auch selbst in diesen Sprachen zu arbeiten weiß, mit den europäischen Literaturen gleichfalls bekannt, in den orientalischen bewandert, erfreut er sich der doppelt schönen Gabe, einmal eine jede Nation in ihren eigensten Verdiensten zu schätzen, sodann aber das Schöne und Gute, worin sie sämtlich einander notwendig gleichen, überall aufzufinden.

Bei der Mittelung seiner Einsichten jedoch findet er manche Schwierigkeit, vorzüglich stellt sich ihm die Vorliebe seiner Nation für alte klassische Literatur entgegen, und wenn man ihn genau beobachtet, so wird man leicht gewahr, dass er, als ein kluger Mann, das Unbekannte ans Bekannte, das Schätzenswerte an das Geschätzte anzuschließen sucht; er verschleiert seine Vorliebe für asiatische Dichtkunst und gibt mit gewandter Bescheidenheit meistens solche Beispiele, die er lateinischen und griechischen hoch belobten Gedichten gar wohl an die Seite stellen darf; er benutzt die rhythmischen antiken Formen, um die anmutigen Zartheiten des Orients auch Klassizisten eingänglich zu machen. Aber nicht allein von altertümlicher, sondern auch von patriotischer Seite mochte er viel Verdruss erlebt haben: Ihn schmerzte Herabsetzung orientalischer Dichtkunst; welches deutlich hervorleuchtet aus dem hart-ironischen, nur zweiblättrigen Aufsatz Arabs, sive de Poësi Anglorum Dialogus, am Schlusse seines Werkes: Über asiatische Dichtkunst. Hier stellt er uns mit offenbarer Bitterkeit vor Augen, wie absurd sich Milton und Pope im orientalischen Gewand ausnähmen; woraus denn folgt, was auch wir sooft wiederholen, dass man jeden Dichter in seiner Sprache und im eigentümlichen Bezirk seiner Zeit und Sitten aufsuchen, kennen und schätzen müsse.

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Eichhorn. Mit vergnüglicher Anerkennung bemerke ich, dass ich bei meinen gegenwärtigen Arbeiten noch dasselbe Exemplar benutze, welches mir der hoch verdiente Mann von seiner Ausgabe des Jonesschen Werks vor zweiundvierzig Jahren verehrte, als wir ihn noch unter die Unseren zählten und aus seinem Munde gar manches Heilsam-Belehrende vernahmen. Auch die ganze Zeit über bin ich seinem Lehrgange im stillen gefolgt, und in diesen letzten Tagen freute ich mich höchlich, abermals von seiner Hand das höchst wichtige Werk, das uns die Propheten und ihre Zustände aufklärt, vollendet zu erhalten. Denn was ist erfreulicher für den ruhig-verständigen Mann wie für den aufgeregten Dichter, als zu sehen, wie jene Gott begabten Männer mit hohem Geiste ihre bewegte Zeitumgebung betrachteten und auf das Wundersam-Bedenkliche, was vorging, strafend, warnend, tröstend und Herz erhebend hindeuteten.

Mit diesem wenigen sei mein dankbarer Lebensbezug zu diesem würdigen Mann treulich ausgesprochen.

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Lorsbach. Schuldigkeit ist es, hier auch des wackern Lorsbach zu gedenken. Er kam betagt in unsern Kreis, wo er in keinem Sinne für sich eine behagliche Lage fand; doch gab er mir gern über alles, worüber ich ihn befragte, treuen Bescheid, sobald es innerhalb der Grenze seiner Kenntnisse lag, die er oft mochte zu scharf gezogen haben.

Wundersam schien es mir anfangs, ihn als keinen sonderlichen Freund orientalischer Poesie zu finden; und doch geht es einem jeden auf ähnliche Weise, der auf irgendein Geschäft mit Vorliebe und Enthusiasmus Zeit und Kräfte verwendet und doch zuletzt eine gehoffte Ausbeute nicht zu finden glaubt. Und dann ist ja das Alter die Zeit, die des Genusses entbehrt, da wo ihn der Mensch am meisten verdiente. Sein Verstand und seine Redlichkeit waren gleich heiter, und ich erinnere mich der Stunden, die ich mit ihm zubrachte, immer mit Vergnügen.


Von Diez


Einen bedeutenden Einfluss auf mein Studium, den ich dankbar erkenne, hatte der Prälat von Diez. Zur Zeit, da ich mich um orientalische Literatur näher bekümmerte, war mir das Buch des Kabus zuhanden gekommen und schien mir so bedeutend, dass ich ihm viele Zeit widmete und mehrere Freunde zu dessen Betrachtung aufforderte. Durch einen Reisenden bot ich jenem schätzbaren Manne, dem ich soviel Belehrung schuldig geworden, einen verbindlichen Gruß. Er sendete mir dagegen freundlich das kleine Büchlein über die Tulpen. Nun ließ ich, auf seidenartiges Papier, einen kleinen Raum mit prächtiger, goldner Blumeneinfassung verzieren, worin ich nachfolgendes Gedicht schrieb:

„Wie man mit Vorsicht auf der Erde wandelt,
Es sei bergauf, es sei hinab vom Thron,
Und wie man Menschen, wie man Pferde handelt,
Das alles lehrt der König seinen Sohn.
Wir wissen’s nun durch dich, der uns beschenkte;
Jetzt fügest du der Tulpe Flor daran,
Und wenn mich nicht der goldne Rahm beschränkte,
Wo endete, was du für uns getan!“


Und so entspann sich eine briefliche Unterhaltung, die der würdige Mann bis an sein Ende mit fast unleserlicher Hand unter Leiden und Schmerzen getreulich fortsetzte.

Da ich nun mit Sitten und Geschichte des Orients bisher nur im allgemeinen, mit Sprache so gut wie gar nicht bekannt gewesen, war eine solche Freundlichkeit mir von der größten Bedeutung. Denn weil es mir, bei einem vorgezeichneten, methodischen Verfahren, um augenblickliche Aufklärung zu tun war, welche in Büchern zu finden Kraft und Zeit verzehrenden Aufwand erfordert hätte, so wendete ich mich in bedenklichen Fällen an ihn und erhielt auf meine Frage jederzeit genügende und fördernde Antwort. Diese seine Briefe verdienten gar wohl wegen ihres Gehalts gedruckt und als ein Denkmal seiner Kenntnisse und seines Wohlwollens aufgestellt zu werden. Da ich seine Strenge und eigene Gemütsart kannte, so hütete ich mich, ihn von gewisser Seite zu berühren; doch war er gefällig genug, ganz gegen seine Denkweise, als ich den Charakter des Nussreddin Chodscha, des lustigen Reise- und Zeltgefährten des Welteroberers Timur, zu kennen wünschte, mir einige jener Anekdoten zu übersetzen. Woraus denn abermals hervorging, dass gar manche verfängliche Märchen, welche die Westländer nach ihrer Weise behandelt, sich vom Orient herschreiben, jedoch die eigentliche Farbe, den wahren, angemessenen Ton bei der Umbildung meistenteils verloren.

Da von diesem Buch das Manuskript sich nun auf der königlichen Bibliothek zu Berlin befindet, wäre es sehr zu wünschen, dass ein Meister dieses Faches uns eine Übersetzung gäbe. Vielleicht wäre sie in lateinischer Sprache am füglichsten zu unternehmen, damit der Gelehrte vorerst vollständige Kenntnis davon erhielte. Für das deutsche Publikum ließe sich alsdann recht wohl eine anständige Übersetzung im Auszug veranstalten.

Dass ich an des Freundes übrigen Schriften, den Denkwürdigkeiten des Orients usw. teilgenommen und Nutzen daraus gezogen, davon möge gegenwärtiges Heft Beweise führen; bedenklicher ist es, zu bekennen, dass auch seine nicht gerade immer zu billigende Streitsucht mir vielen Nutzen geschafft. Erinnert man sich aber seiner Universitätsjahre, wo man gewiss zum Fechtboden eilte, wenn ein paar Meister oder Senioren Kraft und Gewandtheit gegeneinander versuchten, so wird niemand in Abrede sein, dass man bei solcher Gelegenheit Stärken und Schwächen gewahr wurde, die einem Schüler vielleicht für immer verborgen geblieben wären.

Der Verfasser des Buches Kabus, Kjekjawus, König der Dilemiten, welche das Gebirgsland Ghilan, das gegen Mittag den Pontus Euxinus abschließt, bewohnten, wird uns bei näherer Bekanntschaft doppelt lieb werden. Als Kronprinz höchst sorgfältig zum freisten, tätigsten Leben erzogen, verließ er das Land, um weit im Osten sich auszubilden und zu prüfen.

Kurz nach dem Tode Mahmuds, von welchem wir soviel Rühmliches zu melden hatten, kam er nach Gasna, wurde von dessen Sohne Messud freundlichst aufgenommen und in Gefolg mancher Kriegs- und Friedensdienste mit einer Schwester vermählt. An einem Hofe, wo vor wenigen Jahren Ferdusi das Schah Nameh geschrieben, wo eine große Versammlung von Dichtern und talentvollen Menschen nicht ausgestorben war, wo der neue Herrscher, kühn und kriegerisch wie sein Vater, geistreiche Gesellschaft zu schätzen wusste, konnte Kjekjawus auf seiner Irrfahrt den köstlichsten Raum zu fernerer Ausbildung finden.

Doch müssen wir zuerst von seiner Erziehung sprechen. Sein Vater hatte, die körperliche Ausbildung aufs höchste zu steigern, ihn einem vortrefflichen Pädagogen übergeben. Dieser brachte den Sohn zurück, geübt in allen ritterlichen Gewandtheiten: Zu schießen, zu reiten, reitend zu schießen, den Speer zu werfen, den Schlegel zu führen und damit den Ball aufs geschickteste zu treffen. Nachdem dies alles vollkommen gelang und der König zufriedne schien, auch deshalb den Lehrmeister höchlich lobte, fügte er hinzu: „Ich habe doch noch eins zu erinnern. Du hast meinen Sohn in allem unterrichtet, wozu er fremder Werkzeuge bedarf: Ohne Pferd kann er nicht reiten, nicht schießen ohne Bogen; was ist sein Arm, wenn er keinen Wurfspieß hat, und was wäre das Spiel ohne Schlegel und Ball! Das einzige hast du ihn nicht gelehrt, wo er sein selbst allein bedarf, welches das Notwendigste ist und wo ihm niemand helfen kann.“ Der Lehrer stand beschämt und vernahm, dass dem Prinzen die Kunst, zu schwimmen, fehle. Auch diese wurde, jedoch mit einigem Widerwillen des Prinzen, erlernt, und diese rettete ihm das Leben, als er auf einer Reise nach Mekka, mit einer großen Menge Pilger auf dem Euphrat scheiternd, nur mit wenigen davonkam.

Dass er geistig in gleich hohem Grade gebildet gewesen, beweist die gute Annahme, die er an dem Hofe von Gasna gefunden, dass er zum Gesellschafter des Fürsten ernannt war, welches damals viel heißen wollte, weil er gewandt sein musste, verständig und angenehm von allem Vorkommenden genügende Rechenschaft zu geben.

Unsicher war die Thronfolge von Ghilan, unsicher der Besitz des Reiches selbst, wegen mächtiger, eroberungssüchtiger Nachbarn. Endlich nach dem Tode seines erst abgesetzten, dann wieder eingesetzten königlichen Vaters bestieg Kjekjawus mit großer Weisheit und entschiedener Ergebenheit in die mögliche Folge der Ereignisse den Thron, und in hohem Alter, da er voraussah, dass der Sohn Ghilan Schah noch einen gefährlicheren Stand haben werde als er selbst, schreibt er dies merkwürdige Buch, worin er zu seinem Sohne spricht: „Dass er ihn mit Künsten und Wissenschaften aus dem doppelten Grunde bekannt mache, um entweder durch irgendeine Kunst seinen Unterhalt zu gewinnen, wenn er durchs Schicksal in die Notwendigkeit versetzt werden möchte, oder im Fall er der Kunst zum Unterhalt nicht bedürfte, doch wenigstens vom Grunde jeder Sache wohlunterrichtet zu sein, wenn er bei der Hoheit verbleiben sollte.“

Wäre in unsern Tagen den hohen Emigrierten, die sich oft mit musterhafter Ergebung von ihrer Hände Arbeit nährten, ein solches Buch zuhanden gekommen, wie tröstlich wäre es ihnen gewesen!

Dass ein so vortreffliches, ja unschätzbares Buch nicht mehr bekannt geworden, daran mag hauptsächlich Ursache sein, dass es der Verfasser auf seine eigenen Kosten herausgab und die Firma Nicolai solches nur in Kommission genommen hatte, wodurch gleich für ein solches Werk im Buchhandel eine ursprüngliche Stockung entsteht. Damit aber das Vaterland wisse, welcher Schatz ihm hier zubereitet liegt, so setzen wir den Inhalt der Kapitel hierher und ersuchen die schätzbaren Tagesblätter, wie „Das Morgenblatt“ und „Der Gesellschafter“, die so erbaulichen als erfreulichen Anekdoten und Geschichten, nicht weniger die großen unvergleichlichen Maximen, die dieses Werk enthält, vorläufig allgemein bekannt zu machen.

Inhalt des Buches Kabus kapitelweise


1. Erkenntnis Gottes
2. Lob des Propheten
3. Gott wird gepriesen
4. Fülle des Gottesdienstes ist notwendig und nützlich
5. Pflichten gegen Vater und Mutter
6. Herkunft durch Tugend zu erhöhen
7. Nach welchen Regeln man sprechen muss
8. Die letzten Regeln Nurschirwans
9. Zustand des Alters und der Jugend
10. Wohlanständigkeit und Regeln beim Essen
11. Verhaltne beim Weintrinken
12. Wie Gäste einzuladen und zu bewirten
13. Auf welche Weise gescherzt, Stein und Schach gespielt werden muss
14. Beschaffenheit der Liebenden
15. Nutzen und schaden der Beiwohnung
16. Wie man sich baden und waschen muss
17. Zustand des Schlafens und Ruhens
18. Ordnung bei der Jagd
19. Wie Ballspiel zu treiben
20. Wie man dem Feind entgegengehen muss
21. Mittel, das Vermögen zu vermehren.
22. Wie anvertraut Gut zu bewahren und zurückzugeben
23. Kauf der Sklaven und Sklavinnen
24. Wo man Besitzungen ankaufen muss
25. Pferdekauf und Kennzeichen der besten
26. Wie der Mann ein Weib nehmen muss
27. Ordnung bei Auferziehung der Kinder
28. Vorteile, sich Freunde zu machen und sie zu wählen
29. Gegen der Feinde Anschläge und Ränke nicht sorglos zu sein
30. Verdienstlich ist es, zu verzeihen
31. Wie man Wissenschaft suchen muss
32. Kaufhandel
33. Regeln der Ärzte, und wie man leben muss
34. Regeln der Sternkundigen
35. Eigenschaften der Dichter und Dichtkunst
36. Regeln der Musiker
37. Die Art, Kaisern zu dienen
38. Stand der Vertrauten und Gesellschafter der Kaiser
39. Regeln der Kanzleiämter
40. Ordnung des Wesirats
41. Regeln der Heerführerschaft
42. Regeln der Kaiser
43. Regeln des Ackerbaues und der Landwirtschaft
44. Vorzüge der Tugend

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Wie man nun aus einem Buche solchen Inhalts sich ohne Frage eine ausgebreitete Kenntnis der orientalischen Zustände versprechen kann, so wird man nicht zweifeln, dass man darin Analogien genug finden werde, sich in seiner europäischen Lage zu belehren und zu beurteilen.

Zum Schluss eine kurze chronologische Wiederholung. König Kjekjawus kam ungefähr zur Regierung Heg. 450 = 1058, regierte noch Heg. 473 = 1080, vermählt mit einer Tochter des Sultan Mahmud von Gasna. Sein Sohn, Ghilan Schah, für welchen er das Werk schrieb, ward seiner Länder beraubt. Man weiß wenig von seinem Leben, nichts von seinem Tode. Siehe Diez’ Übersetzung. Berlin 1811.

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Diejenige Buchhandlung, die vorgemeldetes Werk in Verlag oder Kommission übernommen, wird ersucht, solches anzuzeigen. Ein billiger Preis wird die wünschenswerte Verbreitung erleichtern.


Von Hammer


Wie viel ich diesem würdigen Mann schuldig geworden, beweist mein Büchlein in allen seinen Teilen. Längst war ich auf Hafis und dessen Gedichte aufmerksam, aber was mir auch Literatur, Reisebeschreibung, Zeitblatt und sonst zu Gesicht brachte, gab mir keinen Begriff, keine Anschauung von dem Wert, von dem Verdienste dieses außerordentlichen Mannes. Endlich aber, als mir im Frühling 1813 die vollständige Übersetzung aller seiner Werke zukam, ergriff ich mit besonderer Vorliebe sein inneres Wesen und suchte mich durch eigene Produktion mit ihm in Verhältnis zu setzen. Diese freundliche Beschäftigung half mir über bedenkliche Zeiten hinweg und ließ mich zuletzt die Früchte des errungenen Friedens aufs angenehmste genießen.

Schon seit einigen Jahren war mir der schwunghafte Betrieb der „Fundgruben“ im Allgemeinen bekannt geworden, nun aber erschien die Zeit, wo ich Vorteil daraus gewinnen sollte. Nach mannigfaltigen Seiten hindeutete dieses Werk, erregte und befriedigte zugleich das Bedürfnis der Zeit; und hier bewahrheitete sich mir abermals die Erfahrung, dass wir in jedem Fach von den Mitlebenden auf das schönste gefördert werden, sobald man sich ihrer Vorzüge dankbar und freundlich bedienen mag. Kenntnisreiche Männer belehren uns über die Vergangenheit, sie geben den Standpunkt an, auf welchem sich die augenblickliche Tätigkeit hervortut, sie deuten vorwärts auf den nächsten Weg, den wir einzuschlagen haben. Glücklicherweise wird genanntes herrliche Werk noch immer mit gleichem Eifer fortgesetzt, und wenn man auch in diesem Felde seine Untersuchungen rückwärts anstellt, so kehrt man doch immer gern mit erneutem Anteil zu demjenigen zurück, was uns hier so frisch genießbar und brauchbar von vielen Seiten geboten wird.

Um jedoch eines zu erinnern, muss ich gestehen, dass mich diese wichtige Sammlung noch schneller gefördert hätte, wenn die Herausgeber, die freilich nur für vollendete Kenner eintragen und arbeiten, auch auf Laien und Liebhaber ihr Augenmerk gerichtet und, wo nicht allen, doch mehreren Aufsätzen eine kurze Einleitung über die Umstände vergangner Zeit, Persönlichkeiten, Lokalitäten vorgesetzt hätten; da denn freilich manches mühsame und zerstreuende Nachsuchen dem Lernbegierigen wäre erspart worden.

Doch alles, was damals zu wünschen blieb, ist uns jetzt in reichlichem Maße geworden durch das unschätzbare Werk, das uns Geschichte persischer Dichtkunst überliefert. Denn ich gestehe gern, dass schon im Jahre 1814, als die Göttinger Anzeigen uns die erste Nachricht von dessen Inhalt vorläufig bekannt machten, ich sogleich meine Studien nach den gegebenen Rubriken ordnete und einrichtete, wodurch mir ein ansehnlicher Vorteil geworden. Als nun aber das mit Ungeduld erwartete Ganze endlich erschien, fand man sich auf einmal wie mitten in einer bekannten Welt, deren Verhältnisse man klar im einzelnen erkennen und beachten konnte, da wo man sonst nur im allgemeinsten durch wechselnde Nebelschichten hindurch sah.

Möge man mit meiner Benutzung dieses Werks einigermaßen zufriedne sein und die Absicht erkennen, auch diejenigen anzulocken, welche diesen gehäuften Schatz auf ihrem Lebenswege vielleicht weit zur Seite gelassen hätten.

Gewiss besitzen wir nun ein Fundament, worauf die persische Literatur herrlich und übersehbar aufgebaut werden kann, nach dessen Muster auch andere Literaturen Stellung und Fördernis gewinnen sollen. Höchst wünschenswert bleibt es jedoch, dass man die chronologische Ordnung immerfort beibehalte und nicht etwa einen Versuch mache einer systematischen Aufstellung nach den verschiedenen Dichtarten. Bei den orientalischen Poeten ist alles zu sehr gemischt, als dass man das einzelne sondern könnte; der Charakter der Zeit und des Dichters in seiner Zeit ist allein belehrend und wirkt belebend auf einen jeden; wie es hier geschehen, bleibe ja die Behandlung sofortan.

Mögen die Verdienste der glänzenden Schirin, des lieblich ernst belehrenden Kleeblatts, das uns eben am Schluss unserer Arbeit erfreut, allgemein anerkannt werden.


Zu Teil 7

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