Direkt zum Seiteninhalt

Fundstücke

Diskurs / Poetik
Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als Zöpfchen hinten.
*
Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.

Christian Morgenstern:

Über Schlagworte
(in "Stufen", Kap. Sprache, 1912) 1922






22.02.2020
Lassen wir uns zu den Alten hinab, holen sie uns ein? Gleichviel. Es genügt ein Händereichen. Leichthin wechseln sie zu uns über, fremde Gäste, uns gleich. Wir besitzen den Schlüssel, der alle Epochen aufschließt, manchmal benutzen wir ihn schamlos, werfen einen eiligen Blick durch den Türspalt, erpicht auf schnellfertige Urteile, doch sollte es auch möglich sein, uns schrittweis zu nähern, mit Scheu vor dem Tabu, gewillt, den Toten ihr Geheimnis nicht ohne Not zu entreißen. Das Eingeständnis unserer Not, damit müßten wir anfangen.  

Christa Wolf:

Medea Stimmen
(Vorwort) 1996





15.02.2020

Die Sprachwaschung, die ich mit den finnischen „Epigrammen“ vornehme, lässt mich natürlich an die Entwicklung der Lyrik denken. Welch ein Abstieg! Sofort nach Goethe zerfällt die schöne, widersprüchliche Einheit, und Heine nimmt die völlig profane, Hölderlin die völlig pontifikale Linie. In der ersten Linie verlottert die Sprache in der Folge immer mehr, da die Natürlichkeit durch kleine Verstöße gegen die Form erreicht werden soll.

Bertolt Brecht:

Profane und pontifikale Linie der Lyrik
(aus dem Arbeitsjournal 1940)




09.02.2020

Es muß dem Leser gehen, wie jenem Manne, dem in einem Guckkasten eine  prachtvolle Landschaft gezeigt wurde, in die er sich dermaßen vertiefte,  daß er den Duft der Blumen zu spüren und das leise Säuseln der Blätter  wahrzunehmen vermeinte. Er muß sich dessen nicht schämen, der Mann, wenn  auch tausend andere hineinblickend immer nur – ein Bild sehen. Es muß ein jedes Kunstwerk vor den  richtigen Beobachter kommen – und es muß bei jedem der richtige Maßstab  angelegt werden. Das heißt, dieser Maßstab fügt sich von selbst. Es  tritt so mancher an ein Werk heran, mit der Absicht, sich ein Urteil  darüber zu bilden. Dies ist ein töricht Unterfangen, denn eben dadurch,  daß er sich bemüht, sich über alles, was er empfindet, sofort Rechenschaft zu geben, reißt er sich stets vom Zauber los, der ihn umfangen will, – und sein Urteil wird kalt. –

Rainer Maria Rilke:

Der Wanderer (Gedankengang und Bedeutung des Goethe'schen Gedichtes)

1893










02.02.2020

In der Terminologie der Ästhetik ist wohl kein Begriff so aufschlußreich für die Problematik der Kategorie Säkularisie-rung wie der des Symbols. Nicht erst die Vielfalt der Wand-lungen und Aspekte macht diese Relevanz aus, sondern schon das Potential, das der Ausdruck >Symbol< aus seiner vorästhetischen Geschichte mitbringt. Zwar ist es richtig, daß >Symbol< vor Goethe noch keine ästhetische Spezifität besaß und auf dem Boden der Theologie, insbesondere der protestan-tischen Sakramentenlehre, eine fachsprachlich eng definierte Stelle einnahm. Aber diese Funktion entsprach ziemlich genau dem, was in der profanen Wortgeschichte angelegt war und was das dem Bezeichneten gegenüber spezifisch heterogene Zeichen von dem Abbild als der Vorstellung des Abgebildeten unter-scheiden sollte.

Hans Blumenberg:

Die Legitimität der Neuzeit

(Erster Teil, III)

1966










25.01.2020

Versuche der Formulierung, die, um die gemeinte Sache genau zu treffen, gegen das übliche Sprachgeplätscher schwimmen und gar sich bemühen, verzweigtere gedankliche Zusammenhänge getreu im Gefüge der Syntax aufzufangen, erregen durch die Anstrengung, die sie zumuten, Wut. Der sprachlich Naive schreibt das Befremdende daran den Fremdwörtern zu, die er überall dort verantwortlich macht, wo er etwas nicht versteht; auch wo er die Wörter ganz gut kennt. Schließlich geht es vielfach um die Abwehr von Gedanken, die den Wörtern zugeschoben werden: der Sack wird geschlagen, wo der Esel gemeint ist.

Theodor W. Adorno:

Wörter aus der Fremde

(Vortrag für den HR - gedruckt in Akzente 1959, Heft 2)







19.01.2020

Die Lage der Person in der vom Markt definierten Ordnung sei schnell wiedererkannt, sagte er. Es sei die Lage der Minderheit. Wie dieser werde der Person nicht fehlerhaftes Verhalten vorgworfen, sondern fehlerhaftes Sein. Sie errege Widerwillen durch wenn auch noch so kleine Abweichungen von einer Norm, die nun freilich nicht mehr für Personen, sondern für die Ware niedergelegt sei. Trotzdem werde sie von dieser majori-siert, jedes Warenexemplar werde für sie zum Vorgesetzten, gebe ihr von allen Seiten unausführbare Befehle, bringe ihr unausgesetzt ihren Mangel in Erinnerung, ihr unappetitliches Anderssein.

Christian Enzensberger:

Größerer Versuch über den Schmutz (3)

1968








11.01.2020

Die Utopie einer vollkommenen Sprache hat nicht nur die europäische Kultur umgetrieben. Das Thema der Sprachver-wirrung und der Versuch, ihr durch Wiederentdeckung oder Erfindung einer allen Menschen gemeinsamen Sprache abzu-helfen, durchzieht die Geschichte aller Kulturen.

Umberto Eco:

Die Suche nach der vollkomenen Sprache

(Einleitung, 1) 1994

05.01.2020

Zurück zum Seiteninhalt