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Fundstücke

Diskurs/Poetik/Essay
>Dichtung ist eine Art Geld<, sagte Wallace Stevens; wie Geld vermittelt sie zwischen dem Individuum und dem Kollektiv, löst Ersteres in Letzterem auf oder lässt Ersteres aus Letzterem neu erstehen, worauf es sich wieder auflöst. Erinnern Sie sich an dieses Gefühl (oder haben Sie es jetzt), ein vorläufiger Knoten-punkt in einem grenzenlosen Netzwerk von Waren und Flüssen zu sein? Denn auch das ist Dichtung, wenngleich in pervertierter Form, in der Beziehungen zwischen Menschen als Dinge erscheinen müssen.
Ben Lerner:
Warum hassen wir die Lyrik?
(Essay, übersetzt von Nikolaus Stingl)
2016 / 2021




17. 04. 2021
(Zitiert nach Mirko Bonné, JdL 2019:)
Das zeitgenössische Gedicht ist ein überaus gelenkiges Ge-schöpf, libellenartig beinah.
Carolin Callies:
Polyphonie im gemischten Chor
(Jahrbuch der Lyrik 2021)
11. 04. 2021
Die Hand bereitet sich aufs Schreiben vor. Könnten wir das nicht als körperliche Arbeit bezeichnen? Oder eine Phase des großen Werks, das darin besteht, die körperliche Katze un-körperlich zu machen, während wir ihren Körper dem körper-losen Wort anvertrauen? Auch wenn es aus der Verzweiflung an meinem eigenen Körper kommt?
Rosmarie Waldrop:
Das Proben der Symptome
(roughbook 055,
übersetzt von Ann Cotten) 2021


04. 04. 2021

„Wer schreibt, folgt dem Führer-Tier. Im Werk trifft er es – und tötet es. Wo es getötet wurde, erhebt sich das Werk. … Man schreibt ein Buch, wenn sich etwas abgezeichnet hat, was man entdecken muss. Man weiß aber nicht, was es ist, noch, wo es ist, aber man weiß, dass man es finden muss. Also beginnt die Jagd. Man beginnt zu schreiben.“
Roberto Calasso:
Der himmlische Jäger
(Suhrkamp, S. 44) 2020



27. 03. 2021

Ich habe also Geschmack, jetzt, da ich auf seine Ausbildung zurückblicke? Geschmack heißt nur, dass ich überzeugt bin, ihn zu haben. Heißt, als Effekt, Selbstvertrauen. Wer sich für minderwertig oder in Ausbildung hält, ist aktiv. Bei ihm ist alles möglich, er kann Fehler machen ohne Schaden, man kann ihn mögen. Wer aber von sich behauptet, Geschmack zu haben, positioniert sich jenseits von Sympathie. Von hier an ist die Geschmacksfrage die Markierung einer Kalkgrenze.
Ann Cotten, Daniel Falb,
Hendrik Jackson, Steffen Popp,
Monika Rinck:
Helm aus Phlox (3. Übertreibung und Geschmack) 2011



21. 03. 2021

Wie aber könnte eine gegenwärtige Gedicht-Poetik aussehen? Wenn ich einige Ideen dazu formuliere, versuche ich, Formu-lierungen wie "das Gedicht muss" zu unterlassen, weil ich finde, dass Gedichte nichts müssen, aber viel mehr können, als man ihnen oft zutraut. Nach den Poetiken der Ausschließung, die das 20. Jahrhundert bestimmten, stelle ich mir Gedichte so vor, dass sie möglichst vieles einschließen. Sie sollen sich weit öffnen, die vielen Wirklichkeiten in sich aufnehmen, wie man sie zum Beispiel beim Gang durch eine Stadt erlebt, in der Hightech-Häuser neben Jugendstilvillen stehen, in der höchst unter-schiedlich gestimmte Wesen in einer Bar zusammenkommen, in der es viel Falsches, aber auch viel Richtiges gibt, weil Menschen sich umeinander kümmern, wo die interessanten Gespräche an Küchentischen geführt werden, denen man lauschen sollte. Gedichte der Einschließung können aber auch das Rhythmische, Liedhafte und Sinnliche gebrauchen, die Direktheit und den Witz von Songs, um die E-Lyrik zu vitalisieren.

Dirk von Petersdorff:

Wozu Gedichte da sind
(21. Münchner Rede zur Poesie,
Stiftung Lyrik Kabinett)  2019

13. 03. 2021

Das ist typisch für deutsche Intellektuelle: Wenn sie nicht Erfolg haben und Karriere machen, werden sie närrisch und wunder-lich.

Frank Castorf:

Am liebsten hätten sie veganes Theater (Kapitel: Selbstverstümmelung als Überlebenstechnik)  2017

07. 03. 2021

Was sehen wir im Gang einer Person? Ich habe bereits zu verstehen gegeben, daß wir alles sehen, die ganze Biographie. Ja, ich glaube, dies trifft in gewisser Weise wirklich zu. Wie wir das schaffen, weiß keiner. Vielleicht bildet eine instinktive, unwillkürliche Imitation diese Person auf den ersten Blick in uns aus, imitiert sie so genau, daß wir alles, was sie fühlt, auch fühlen, und dazu all das, was ihren Gang so einzigartig macht und sie das tun läßt, was sie gerade tut. Vielleicht steckt sogar noch mehr dahinter. Aber wie dem auch sei: die Information teilt sich uns auf jeden Fall mit.

Ted Hughes:

Wie Dichtung entsteht
(Absatz: Wörter und Erfahrung) 1967

28. 02. 2021

Bald kommt ein Lied vorbei (schweigend, noch nicht gefangen), auf der Suche nach sexuellem Leben - von dem es lebt (das Lied nährt sich von der Liebe).

Ted Hughes:

Mythen
1993

21. 02. 2021

>Ein leichtes Herz
und ein dünnes Paar Hosen
gehn durch die Welt<

Tobias Smollett:

Die Abenteuer des Roderick Random
(Kapitel 5) 1755

14. 02. 2021

während ich tippe, schwimmen wale im meer, schimmelt ein joghurt, expandiert das universum. deshalb arbeitet lyrik umein-andcr herum und ineinander entlang, statt nebeneinander über-einander, sie wird zur skizze auf der schädeldecke, zu sanften verbindungen und harten, zum knacken in den gelenken.

Lara Rüter:

ein unechtes gelenk
(in Ostragehege, 97 - Lagebesprechung neue Lyrik)  2020

07. 02. 2021

„Die Zeit zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war eine gute Zeit für Lyrik, sie wurde gelesen als Stimme der Zeit und Seismograph, vor allem wahrgenommen als Poesie. Lyrik war glaubhaft, nicht weniger als alle anderen Formen gestalteter Sprache. Es war in der Nachkriegszeit undenkbar, gefragt zu werden, warum man Gedichte schreibe, Lyrik wozu. Die Frage wurde laut und dreist, als man in den westlichen Zonen betonte: Wir sind wieder wer, und Erfolg und Profit zum Maßstab machte. Erste Sattheit prägte die öffentliche und private Erscheinung der Deutschen. Der wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte, wie es schien zu Recht, eine neue, laut behauptete Unangreifbarkeit. Es entstand die lässig vorgetragene Frage nach Sinn und Berechtigung von Gedichten, wiederholte sich auf Podien, nach Lesungen und wurde selbstgerecht diskutiert von Leuten, die Gedichte nicht brauchten, nichts wissen wollten von Energien, die erfolgreichen Fortschritt in Frage stellten. Die gute Zeit für Lyrik ging zu Ende.“

Christoph Meckel:

Eine Tür aus Glas, weit offen. Gesammelte Prosa. Hrsg. von
Wolfgang Matz. (Hanser Verlag)
2020












30.01.2021

Roger:

Drei Gedichte vom Katzenbuckel
2021

24.01.2021

Die Sprache einer Dichtung. die diesen Namen verdient, läßt sich in den Büchern nicht nachschlagen: So werden Gedichte selbst zu kleinen Wörterbüchern, die wir im Kopf ins Paradiso tragen können, während der Übersetzer glauben muß, er sei ins Inferno geraten.

Marcel Beyer:

Sie nannten es Sprache
(Brueterich Press 2016)

16.01.2021

und wer der Weißheit traut / dem setzt sie Füße an /
daß er wohl dahin geht / da niemand gehen kan:
sie macht die Tühren auff den sunsten schlechten Sinnen /
daß sie alsdan was tuhn / daß sie vohrhin nicht künnen;
sie setzt uns Augen ein / und wer sie herzlich liebt /
der kan im finstern sehn / wohl der sich ihr ergiebt!

Sibylla Schwarz:

Auß eben disem von der Weißheit
(in "Werke, Briefe, Dokumente", Band 1 2021)

09.01.2021

Die digitalen Literaturen geben eine Kombination aus Echo- und Narziss-Struktur, zwischen Wiedererkennen und Wiederholen, vielschichtige Doppelfigur des Selbst. Profil, Blog, Post, Repost, Tweet, Retweet, Share, Reshare, Kommentar und Kommen-tieren des Kommentars sind nur einige ihrer Erscheinungs-formen, Selbstbeziehung ist im Internet vordergründig, das Ich bekommt Profilbild, Hintergrund, Status mit Klarnamen oder Pseudonymen zugeschrieben, Doch an der eigenen Wall, im eigenen Feed wirken auch die anderen mit, die eigene Seite kann man nie allein erschaffen. Man führt meist nicht mal Regie, es passiert eben einfach etwas. Das Ich wird so zur Kommuni-kations- und Reflexionsfläche, Identität zum Experimentierfeld. Die neuen Literaturen im Netz reagieren aufeinander wie Echo auf Narziss und anders herum.

Nora Zapf:

Echo, komm wieder. Wir schleifen, Schneebälle
(in "Screenshots - Literatur im Netz", edition text + kritik, 2020)









03.01.2021

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