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Fundstücke

Diskurs/Poetik/Essay
Wer von uns hat nicht, in den Tagen seines Ehrgeizes, geträumt vom Wunder einer Prosa, dichterisch, musikalisch ohne Rhyth-mus und ohne Reim, schmiegsam genug und schroff genug, um sich den lyrischen Bewegungen der Seele, den Schlängel-bewegungen der Träumerei, den plötzlichen Sprüngen des Bewußtseins anzupassen?
Charles Baudelaire:
Brief an Arsène Houssaye, 26. 08. 1862
übersetzt von Werner Wanitschek


29.01.2023
Diese zwei Arten des "Sehens" [Beobachtung & Intuition] über-schneiden sich unablässig. Ihr gemeinsamer Punkt ist die sicht-bare Figur, in der der Blick das Unsichtbare erfaßt, das sich in ihr bewegt. Der Spiegel ist das Instrument, das den Übergang (transsumptio) von dem einen "Sehen" zum anderen ermöglicht. Vom Text umschlossen, nimmt er den Platz ein, den die Gedicht-zitate in den mystischen Traktaten des 16. Jahrhunderts inne-hatten. Für das Sehen ist er das, was das "Zitat" für das Sprechen ist. Er gliedert die Prosa der Rede durch unerwartet gesetzte Punkte, in denen sich mehrere Bereiche kreuzen.
Michel de Certeau:
Nikolaus von Kues: Das Geheimnis eines Blickes (1984, in "Bildlichkeit. Herausgegeben von Volker Bohn", 1990.





21.01.2023
Was wir heute Kulturkritik nennen, hat sich seit der Antike es Ideals der unverletzten Erde, der inviolata terra, bedient und es an der utopischen Vorstellung des goldenen Zeitalters abgelesen, das seine Freiheit von Mühe und Sorge gerade durch die Un-kenntnis aller Art von technischen Fertigkeiten besessen haben sollte.
Hans Blumenberg:
Schriften zur Technik, S. 216.
(1966/7) Suhrkamp 2015


15.01.2023
Spiele das Spiel. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegen-überstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedan-ken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Laß dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen.
Peter Handke:
Über die Dörfer, 1982 sowie
der Anfang seiner Nobelpreisrede, 2019

08.01.2023
Dieser ganze fatale Optimismus, so verdächtig erwünscht und so genau nach Maß. Augen und Ohren fest geschlossen und ein strahlendes Lächeln auf allen Gesichtern, ein Lied, drei, vier, so marschieren wir zukunftsgläubig in die tausendundeine Art von Sklaverei. Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. Wir haben keine Zeit mehr, Ja zu sagen. Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien.
Günter Eich:
Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1959. (In Eich: Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 626 f)






01.01.2023
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