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Fundstücke

Diskurs/Poetik/Essay
In einem guten Teil dessen, was gelegentlich (mit einer unwill-kürlichen theologischen Unterstellung) "modernistischer" Vers genannt wird, findet man entweder ein Übermaß oder einen Mangel an technischer Sorgfalt. Das erstere drückt sich in einem mehr auf das Wort denn auf die Dinge gelegten Nachdruck aus, der letztere in einem Nachdruck auf die Dinge und einer Gleich-gültigkeit gegenüber dem Wort. In jedem Fall ist das Gedicht formlos, so wie das vollendetste Sonett formlos ist, wenn es versucht, einen für die Sonett-Form ungeeigneten Gegenstand auszudrücken.
T. S. Eliot:
Einleitung zu Marianne Moore - Gedichte. Eine Auswahl. Wiesbaden, Limes Verlag, 1951/54





15.05.2022
Im frühen Mittelalter stellte Russland für den Westen eine durchaus bekannte Größe dar. Dynastische Verbindungen und Handelsbeziehungen zwischen der Kiever Rus’ und den west-lichen Staaten waren damals recht intensiv. 1240 geriet Russland allerdings für beinahe zweieinhalb Jahrhunderte unter die Herr-schaft der Tataren und verschwand weitgehend aus dem abendländischen Bewusstsein. Erst zu Beginn der Neuzeit, vor allem im 16. Jahrhundert wurde es neu entdeckt – also etwa zur gleichen Zeit wie Amerika. Viele Diplomaten, Kaufleute, aber auch Abenteurer gelangten nun nach Moskovien – so wurde Russland damals genannt – und schrieben über das Erlebte Reiseberichte. In der Flut der damals erschienenen Reise-beschreibungen ragen insbesondere drei Werke heraus: die Schrift des österreichischen Gesandten in Russland Sigmund Freiherr von Herberstein vom Jahre 1549, das Werk des Jesuiten Antonio Possevino vom Jahre 1583 und der Bericht des eng-lischen Diplomaten und Dichters Giles Fletcher, der im Jahre 1589 verfasst wurde. Alle diese Autoren betrachteten Russland als eine Despotie.
Leonid Luks:
Europäisch oder Eurasisch? Kontroversen um die russische Identität (1.1.1. Moskau als das 'Dritte Rom'), 2020













08.05.2022
Das Gedicht als ein Formgebilde aus Signifikanten, sprachlichen Zeichen, ist deshalb ein Ding, weil es sich nicht in Bedeutungen auflösen lässt. Wir können ein Gedicht zwar auf seine Bedeutung hin lesen, aber es geht nicht in ihr auf. Das Gedicht hat eine sinnlich-körperliche Dimension, die sich dem Sinn, dem Signifikant entzieht. Es ist gerade der Überschuss des Signifikanten, der das Gedicht zu einem Ding verdichtet.
Byung-Chul Han:
Undinge. Umbrüche der Lebenswelt
(Ullstein, S. 74) 2021




01.05.2022
Die Teilung der Sprache in zwei irreduzible Ebenen prägt das gesamte abendländische Denken, vom aristotelischen Gegensatz von erster ούσία und den anderen Kategorien (der von dem die gräkolateinische Spracherfahrung nachhaltig prägenden Gegen-satz ars inveniendi und ars iudicandi, zwischen Topik und Logik abgelöst wurde) bis zur Dualität von Sage* und Sprache* bei Heidegger und der von Zeigen und Sagen bei Wittgenstein. Die Struktur der Transzendenz selbst - die die philosophische Reflexion über das Sein maßgeblich charakterisiert - liegt in dieser Teilung begründet: nur weil das Sprachereignis das, was in ihm gesagt wird, je schon transendiert, kann etwas wie eine Transzendenz im ontologischen Sinne überhaupt nachgewiesen werden.  
Giorgio Agamben:
Die Sprache und der Tod
(Achter Tag)
1982









23.04.2022
Über Gedichte zu sprechen, heißt, einen Felsen mit einem Taschenmesser spalten zu wollen.
Christoph Meckel:
Was ein Gedicht kostet
(in Sinn und Form 1/22)
17.04.2022
Ich wohne in der Möglichkeit -
Und nicht im Prosahaus -
Sie ist an Fenstern reicher -
Hat Türen - übergroß -
Emily Dickinson:
Ich wohne in der Möglichkeit
(Sämtliche Gedichte, Hanser Verlag, übersetzt von Gunhild Kübler) 2015
10.04.2022
Denn Mythen bedeuten für die Religion dasselbe, was die Poesie für die Wahrheit bedeutet: Es sind lächerliche Masken, hinter denen die Leidenschaft, leben zu wollen, sich versteckt.
Albert Camus:
Die Wüste
(in "Die Hochzeit des Lichts" - "Noces")
1938
03.04.2022
Ich las auf dem College-Rasen Rimbaud und achtete darauf, dabei gesehen zu werden, aber ich las, verschlang außerdem die schlechtesten Dichter der englischen Sprache. Eines der ersten Bücher, das mir Keith und Rosmarie Waldrop - zwei der gebil-detsten Menschen, die ich je kennengelernt habe - in Providence gaben, war eine Anthologie mit dem Titel Pegasus Descending, die in ihrem Kleinverlag erschienen war, "ein Buch der besten schlechten Versdichtung", ein Buch, so James Wright, das "nichts Mittelmäßiges" enthält. Diese Anthologie wahrhaft miserabler Gedichte ist natürlich oft urkomisch, aber der Komik ist ein Element von Idealismus beigemischt; die schlimmsten Gedichte zu lesen ist eine Methode, wenn auch negativ, jenes Echo poetischer Möglichkeit zu spüren. Man denke an Platons Argument der Unvollkommenheit im Phaidon: Um wahr-nehmen zu können, dass etwas unvollkommen ist, müssen wir ein Ideal von Vollkommenheit im Kopf haben.
Ben Lerner:
Unvollkommenheit
(in "Warum hassen wir die Lyrik?")
2016 / 2021











27.03.2022
Im einundzwanzigsten Jahrhundert sind die Massaker an die Stelle der Opfer getreten. Sie durchsetzen den Lauf der Zeit, einer formlosen, konvulsivischen Zeit, so wie die heiligen Zere-monien den Kreislauf des Kalenders durchsetzen. Der Offiziant kann sich mit seinen Opfern selber opfern; oder er kann Abstand halten, soweit eine Fernbedienung es erlaubt. Das Massaker kann eine finale, abschließende Tat sein; oder es kann zu einer Serie gehören. Das Fundament bleibt das gleiche. Gegenüber jedem anderen - politischen, kriegerischen, diplomatischen, aufrührerischen - Akt bietet das Massaker eine Gewissheit: Seine Wirkung ist garantiert. Es ist die einzige zweifellos wirksame Tat inmitten von zahllosen anderen Taten, an denen man zweifeln kann. Es ist die sichere Verankerung der Bedeutung.    
Roberto Calasso:
Die Massaker
(in Der himmlische Jäger, Kap.:
Die Nacht der Hermenverstümmler)
2016 / 2020








19.03.2022
Die Poesie arbeitet wie der Ton (in der Musik) nicht unmittelbar für den äußeren Sinn des Ohres, sondern für den inneren Sinn, für die Vorstellung; aber sie bleibt nicht, wie der Ton, beim Gefühlsausdruck stehen, sondern erhebt sich zu festen, streng abgegrenzten Anschauungen und Begriffen. So ist die Poesie wie die Musik eine Darstellung des innern Gefühlslebens und hat doch zugleich, wenn auch nur für das geistige Auge, die ganze plastische Gestaltungskraft der bildenden Künste.
Der Brockhaus von 1895:
Poesie
(1895)




12.03.2022
Dieses Grauen, zu schreiben, um zu schreiben, und zu ver-öffentlichen, um zu veröffentlichen.
Aura Xilonen:
Schreiben, um zu schreiben, ist nichts als Müll. Der letzte Dreck, 7.
(in Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2022)
06.03.2022
Der Lyriker kann seinen Stil erarbeiten, seine Formen schärfen, er kann seinen Wortschatz vertiefen und erweitern, aber er kann die Wörter nicht zwingen, wahr und wirklich zu sein. Wahrheit und Wirklichkeit dichterischer Sprache sind teuer erkauft. Wör-ter sind Beglaubigungsstempel. Sie besiegeln eine Wahrheit …“
Christoph Meckel:
Was ein Gedicht kostet
(in Sinn und Form 1/22)

26.02.2022
Es ist nur eine eigentümliche Aufrichtigkeit, die, in einer Welt, die zu erschreckt ist, um aufrichtig zu sein, etwas eigentümlich Erschreckendes hat. Es ist eine Aufrichtigkeit, gegen die sich die ganze Welt verschwört, weil sie unerbittlich ist. Blakes Dichtung hat das Unerbittliche großer Dichtung.
T.S. Eliot:
William Blake, 1
(1920)  

19.02.2022
Wenn die Prinzipien des Spiels in der Tat mächtigen Trieben entsprechen (Wettbewerb, Verfolgung der Chance, Verstellung, Rausch), begreift man leicht, daß sie nur unter idealen, fest-umrissenen Bedingungen, wie sie die Regeln der Spiele in jedem Fall vorschlagen, ein positives und schöpferisches Genüge finden können. Sich selbst überlassen, können diese ursprünglichen Antriebe, die wie alle Triebe maßlos und zerstörerisch sind, nur bei unheilvollen Folgen enden. Die Spiele disziplinieren die Instinkte und zwingen sie zu einer institutio-nellen Existenz. In dem Augenblick, in dem sie ihnen eine formelle und begrenzte Befriedigung zugestehen, erziehen sie sie, befruchten sie und impfen die Seele gegen ihre Virulenz. Gleichzeitig werden die Triebe durch die Spiele fähig gemacht, die Stile der Kulturen zu bereichern und zu fixieren.
Roger Caillois:
Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch.
(Teil: Korruption der Spiele)  
1958








13.02.2022
Wir zeichnen immer von der Vorstellung ausgehend. Es kann so-gar sein, dass etwas anzuschauen bedeutet, es sich vorzustellen, das Objekt. Wir wissen nicht, was Vorstellung sein könnte. Wir wissen nicht mal, was das ist, das wir "Vorstellung" nennen. Man muss es für sich selbst interpretieren. Aber was es bedeutet, etwas zu sehen, das wissen wir nicht. Wir tun es andauernd, aber wir wissen es nicht.
Etel Adnan:
Wir wurden kosmisch
(Teil 3: Joshua Groß und Moritz Müller-Schwefe im Gespräch mit Etel Adnan)  


06.02.2022
Damit bin ich beim zweiten Vorschlag: einer Poetik der Form. Wir könnten mit festen Gedichtformen experimentieren, sie jedenfalls nicht reflexhaft verwerfen. Denn wenn unsere Gesell-schaft keine Formen autoritär vorgibt, wenn so vieles in ihr flüssig, berweglich und unsicher ist, dann benötigen die Indivi-duen für sich einen Halt. Einen solchen Halt können Gedichte geben, wenn sie erkennbar geformt sind, tradiert oder indivi-duell. Dann wären Gedichte ein Raum, um einzutreten und sich heimisch zu fühlen. Die Gestaltung dieses Raums ist selbst-gesetzt, so wie man sich einrichten mag, man kann ihn wieder verlassen, in einen anderen eintreten, später zurückkommen.
Dirk von Petersdorff:
Wozu Gedichte da sind
(Münchner Rede zur Poesie #21, Stiftung Lyrik Kabinett 2019)  






29.01.2022
Einbildungskraft, angewandt auf die ganze Welt, ist leer,
verglichen mit Einbildungskraft, angewandt auf ein Detail.
Wallace Stevens: Einbildungskraft
(Adagia, in "Der Planet auf dem Tisch", 1961, 1983)  
22.01.2022
Mythen sind ethnogenetische oder, wie Peter Sloterdijk sagen würde, „ethnoplastische“ Erzählungen. Sie fundieren und for-men eine kollektive Identität in Analogie zur narrativen Struktur des autobiografischen Gedächtnisses, auf der eine persönliche Identität basiert. Sie haben ihre Wahrheit nicht in der histo-rischen Wirklichkeit, sondern in der Gesellschaft, die in und mit diesen Mythen lebt. Wie performative Sprechakte stellen sie die Wirklichkeit her, auf die sie sich beziehen. Diese Form einer performativen Verbindlichkeit gilt nicht für Sagen und Märchen. Im Hinblick darauf verbietet sich auch der Begriff der Fiktionalität, der nun wiederum für die Literatur konstitutiv ist.
Jan Assmann:
Mythen stellen Wirklichkeit her
(Interview mit Tobias Lehmkuhl, Philosophie-Magazin, 13.06.2016)  






16.01.2022
Nur durch seine Loslösung von Sinn (in dieser spezifischen und multidimensionalen bürgerlichen Bedeutung des Wortes) ver-mag der moderne Dichter, die Reinheit von Sprache und Dichtung jenseits sozialer Konventionen und Verständigungs-zwänge zum ästhetischen Ideal zu erklären. Sinn überhaupt fällt nunmehr mit dem Sinn der Sprache als solcher zusammen …., so kommt es dazu, daß die Sprache, wenn sie zum einzigen Sinn erklärt wird, nur das ausdrücken kann, was nach bürgerlichen Maßstäben sinnlos ist.
Panajotis Kondylis:
Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensformen, Weinheim, S. 73. 1991




09.01.2022
Nur im Zeitalter ihres Verfalls sind die freien Rhythmen nichts als untereinander gesetzte Prosaperioden von gehobenem Ton. Wo der freie Vers als Form eigenen Wesens sich erweist, ist er aus der gebundenen Strophe hervorgegangen, über die Subjek-tivität hinausdrängt. … In den freien Rhythmen werden die Trümmer der kunstvoll-reimlosen antiken Strophen beredt.
Theodor W. Adorno:
Minima Moralia, Nr. 142
1951


02.01.2022
Das Gedicht der neueren Zeit muß in sich selbst sowohl die eigene kosmische Syntax formulieren als auch die von der kos-mischen Syntax erlaubte autonome dichterische Realität gestal-ten: Die ‚Natur‘, die einst vor dem Gedicht kam und der Nach-ahmung zur Verfügung stand, hat jetzt denselben Ursprung wie das Gedicht in der Schöpferkraft des Dichters.
Charles Taylor:
Das Unbehagen an der Moderne (S. 97)
2018


25.12.2021
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