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Frag nicht

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„wenn du mich liest, was liest du?“



In der Bibliothek des Literaturhauses fanden sich die Lyriker Katharina Schultens, Steffen Popp und Daniel Falb ein, um, wie schon einen Tag zuvor in Innsbruck, ein ewig aktuelles Thema der Literatur erneut zu erörtern. Der Titel Frag nicht, was die Poesie für die Gegenwart tun kann. Frag, was die Gegenwart für die Literatur tun kann! versprach eine spannende Momentaufnahme des lyrischen Schaffens in Deutschland in Zeiten von Ebola, IS-Terror und Ukraine-Konflikt. Die vom Titel vorgegebene Bewegung hin zu einer Poetologie, der Frage nach einer individuellen Methodik der anwesenden Autoren, sollte dem Abend die Stoßrichtung vorgeben, an dem drei der derzeit wichtigsten Lyriker deutscher Sprache ihren Umgang mit aktuellen Themen zur Diskussion stellten. Gerade durch den Bezug auf die eigenen Texte und ihren Entstehungsprozess war es möglich, die Verarbeitung des Materials nicht nur theoretisch besprochen zu wissen, sondern auch am Gedicht selbst nachzuvollziehen, was für das kleine, interessierte Publikum sicherlich einen Glücksfall darstellte, war man doch sicher auch gekommen, um zu erfahren, was denn die Gegenwart für eben diese Poeten tun kann.


„In Deutschland gibt es immer noch die Anspruchshaltung, die Lyrik als einen Rückzugsort zu begreifen oder als einen Sprachraum, der getrennt ist von der üblichen Sprache. Auf der anderen Seite, wenn man nicht in diesem Sinne arbeitet und durchlässig wird für Begriffe aus Gesellschaft, Politik oder Wissenschaft und der politischen Lyrik zugerechnet wird, entsteht schnell der Anspruch, Lyrik müsse engagiert sein, eine Haltung formulieren“, meinte Katharina Schultens in einer kurzen Einleitung und beschrieb so die beiden Pole, die ihrer Meinung nach so etwas wie die Extreme der Debatte darstellen. Der Abend, der (grob) in drei Blöcke eingeteilt war, begann mit dem Thema Medien und führte über Ressourcen zum „Markt“, zu dem die drei Lyriker jeweils eigene Gedichte lasen.

Steffen Popp begann mit Texten, die sich auf den ersten Blick dem Thema zu entziehen scheinen. In seinem Zyklus „Elemente“, den er über den Abend verteilt lesen wird, erarbeitet er ein Periodensystem von unterschiedlichen Begriffen wie Traum und Licht, um schließlich zum „Element“ Medien zu gelangen. Medien imaginärbar als Träume oder von einigen Organismen entwickelten Fähigkeiten von Abfall zu leben. Du gehst nachhause, zerstört, also aufs Denken zu. Nach Popp verhält man sich als Dichter zur aktuellen Tagespolitik zum größten Teil parasitär, wobei er später am Abend hinzufügt, dass man durch die Tatsache, immer zugleich Wirt und Parasit zu sein, einer gewissen Lächerlichkeit entgehe. „Man nimmt Material, ohne auf ein bestimmtes Eingreifen zu zielen“, sei es beim konkreten Einzelfall oder der Generalkritik am Kapitalismus. Dieses Material geht in Popps Ich auf, das innerhalb seiner poetischen Sprache diese und keine andere Position einnehmen kann und der Sprache anderer Medien diametral gegenübersteht.

Steffen Popp


Daniel Falb dagegen setzt sich in seinen zuerst vorgestellten Texten direkt mit der Sprache des Rechts auseinander, die für ihn „nicht weniger ästhetisiert ist als die Sprache der Dichtung.“ Hier findet die Sprache des Rechts Einzug in die syntaktische und inhaltliche Struktur seiner Zeilen. So bezieht er sich in seinen beiden vorgetragenen Gedichten auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Behandelt man politische Themen sei es Aufgabe eines Gedichts „von einem Plakat weg zu einer vermittelten Reflexion zu führen.“
Katharina Schultens las aus ihrem im März erschienenen Band Gorgos Portfolio die Gedichte prism und terror. Die Rolle des Sprechers in diesen Texten beschrieb sie als den „Versuch mein Sprechen so privatistisch wie möglich zu machen, das Ich ins Feld zu schicken, um zu schauen, was ihm da passiert, wenn man es mit Begriffen zusammenstoßen lässt.“ In dem Gedicht prism heißt es:
wenn du mich liest, was liest du. du hast mich gezählt. / hast du einen algorithmus für schafe. hast du evtl. verschiedene. / bin ich teil deiner unverstandenen herde. bin ich teil der suchhistorie.

Katharina Schultens


Generell ziehen die Autoren eine Grenze zwischen Anliegen und Text. Schultens sah beim Kritisieren von Umständen im Gedicht entweder die Möglichkeit, bei dem Anliegen, das man wählt, zu bleiben oder zu sehen, was mit dem Anliegen in der Textarbeit passiert. „Neue Wort- oder Begriffsfelder werden aufgemacht, mit denen man poetisch Dinge kann. Und wo man sich zugleich etwas zurückholt.“ Dies hat eine Auswirkung auf die Haltbarkeit des Textes, der eben diese einbüßt, wenn er zu nahe an einem bestimmten tagespolitischen Geschehen bleibt und dadurch nur historisch nachvollzogen werden kann. So wird beliebig, wie man die Bezüge setzt.
„Wenn man verpasst“, so Daniel Falb „etwas intrinsisch Positives in dem Gedicht zu realisieren, das durch alle Kritik hindurchgeht und sie natürlich kennt, verkennt man die Möglichkeit des Textes.“ Die Projektion eines Problems in die Zukunft, sei es in einer Utopie oder bloß einem Wunsch nach Veränderung, schiebt auf, was ein Gedicht gegenwärtig zu leisten in der Lage wäre.

Im zweiten Block wird das Thema „Ressourcen“ thematisiert, wobei die Aktivierung und Deaktivierung von Ressourcen angesprochen wird. Müll in dem Sinne gäbe es nicht mehr.
Falb merkt an, man befinde sich in einer Situation, wo man ökologisch nichts mehr ausschließen kann. Wo alles wiederverwendet werden kann, kann man nichts mehr im Unbewussten lassen. Was heißt das für das Gedicht und seine Form der Selektivität? „Es kann wahrscheinlich gar nicht wählen“, schloss Falb daraus.

Daniel Falb
(Fotos: Dominik von Nostitz)


„Es werden Bereiche infiltriert, die vorher nicht davon betroffen waren“, meinte Schultens und leitete damit zu den human resources (gleichzeitig der Name eines Zyklus in ihrem Band) über. Dazu zitiert sie einen Satz, den sie auf einer Konferenz der Deutschen Exzellenzinitiative gehört hatte: „Wir müssen mehr Maschinenbauingenieurinnen produzieren.“ Die Ressourcen-Rhetorik ist aus der Sprache nicht mehr wegzudenken und dadurch geht sie das Gedicht, hinsichtlich der Affirmation und Verneinung derselben, unmittelbar an.

Der dritte Block Markt wurde kürzer gehalten als die beiden vorhergehenden, was sicherlich daran lag, dass die vorherigen Blöcke diesen Begriff schon vorwegnahmen. Es trug zur Abrundung des Abends bei, dass man nun an einem Punkt angelangt war, wo man die Texte für sich sprechen lassen konnte. Steffen Popps Gedichte beispielsweise gingen auf die zusätzliche Komplexität des Themas insofern ein, dass sich die Überschriften des Elemente-Zyklus‘ nun analog zum Periodensystem erweiterten, indem sie mehrere Begriffe kombinieren. So z.B. Monster-Rendite oder Filter. Speichen. Glanz.

Daniel Falb stellte einen Text vor, wo die handelnden Personen, wie in wirtschaftlichen Theoremen, durch Variablen ersetzt werden (Beispiel: β gibt γ zwei Äpfel,...α gibt β die Sternschnuppe, β gibt α ein δ...) Damit schloss sich ein Kreis zu seinen übrigen Gedichten, indem sich erneut auf eine Sprache bezogen wird, die außerhalb der poetischen begründet liegt. In diesem Fall die ökonomische.
Katharina Schultens las das Gedicht dark pools, wo es heißt: es gehe darum das ausmaß des interesses / zu verschleiern. ich lese daraus: einen nebel / breiten um den preis. wären das also pools / an deren grund es glänzt? haben sich dahin / die bugs verkrochen die wir immer suchen.

Ein Einwurf aus dem Publikum, man könne doch das Wort „Poesie“ im Titel durch „lyrisches Ich“ bzw. „nur Ich“ ersetzen, wodurch er alternativ Frag nicht, was das Lyrische Ich für die Gegenwart tun kann. Frag was die Gegenwart für das Lyrische Ich tun kann lauten könnte, war an diesem Abend nicht als Kritik an der Fahrtrichtung der Diskussion zu verstehen, sondern als Konstatierung seiner Qualität, die darin lag, dass durch den ständigen Bezug auf die Methodik der drei Dichter, die allgemeinen Themen erst zugänglich wurden.  


Daniel Bayerstorfer

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