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Christian Kreis: Halle Alphabet

Rezensionen/Verlage


Marie Isabel Matthews-Schlinzig

Christian Kreis: Halle Alphabet. Köln (parasitenpresse) 2020. 46 Seiten. 10,00 Euro.


Was wissen wir über den Ort, an dem wir leben? Was weiß er über uns? Und wie würden wir davon erzählen? Eine Antwort auf diese Fragen gibt Christian Kreis’ Halle Alphabet, das Ende 2020 bei der parasitenpresse in Köln erschienen ist. Mit viel Lakonie, Humor und Selbstironie umreißt der Autor ‘seine’ Stadt in ‘26 Buchstaben, 26 Notizen zu Halle’, wie es auf dem Buchrücken heißt.

1997 zog Kreis zum Studium in ein Wohnheim nach Ha-Neu, Halle-Neustadt, ein Plattenbaugebiet, dessen architektonisches Markenzeichen die Scheibenhochhäuser bilden; Die Sanierung von ‚Scheibe A‘, die dem ersten Text des Buchs seinen Titel gibt, soll dieses Jahr übrigens abgeschlossen sein. In dieser ersten wie in allen anderen Prosaskizzen des Bandes verbindet der Autor persönliche Erinnerungen und Erlebnisse mit Strukturen, Entwicklungen, Gebäuden, Orten und, wenn auch seltener, Persönlichkeiten, die seine eigene Geschichte in Halle bzw. Halles jüngere Geschichte allgemein geprägt haben.

So wird die Ernennung Kreis‘ zum Stadtschreiber dank seiner Eltern, die bei der Anreise auf der Bernburger Straße mit einer Straßenbahn kollidieren, zu einer weniger festlichen als komödiantischen Angelegenheit – mit Blechschaden, und wir lernen: „die hallesche Straßenbahn, oder, wie man sie auch in den örtlichen Altenheimen nennt, der Tod auf leisen Rädern. Sie hat in Halle dieselbe Funktion wie der Wolf in Brandenburg.“ Darüber hinaus erfährt die mit der Saale-Stadt weniger vertraute Leserin, dass sie die „Boomtown der Callcenter“ sei; dass sich auf einigen der Flachdächer im Paulusviertel gut Bier trinken und der Blick in die umgebende Landschaft genießen lässt; dass die zu DDR-Zeiten eher toxische, inzwischen wieder beschwimmbare Saale hier viele Namen hat („Gerbersaale, Mühlgraben, Elisabethsaale, Flutgraben, Wilde Saale und Kotgraben“); oder dass – eine wichtige Erkenntnis für Hallorenkugelverfallene – „das Aushängeschild der halleschen Confiserie […] dem Aussehen der Knöpfe nachempfunden [ist], die am Gewande der Halloren bammeln, jener Zunft der Salzwirker, die als Traditionsverein im Salinemuseum nun für Besucher ihrem Gewerke, dem Salzsieden, nachgehen.“

Der Autor genießt es ganz offensichtlich, mit Sprache zu spielen, was nicht nur Neologismen wie „Pausenprometheus“ und „Stadttrivialität“ anzeigen. Mithilfe einer Mischung von Umgangssprache und regional bzw. historisch bedeutsamen Wörtern bzw. Sprachgebrauch, von berichtenden und spöttisch-komödiantischen Tönen, überraschenden Wendun-gen und natürlich dem Mittel der wohlgesetzten Übertreibung, erzeugt der Autor immer wieder amüsant, manchmal aber auch nachdenklich stimmende Bruchstellen. Dabei nimmt er sich selbst und andere entweder liebevoll oder herzhaft auf die Schippe ­– auch mal Teile des Kunst- und Literaturbetriebs und von Halle sowieso. Ein besonderer, böse-bissig-witziger Glanzpunkt dahingehend ist der Text über die Stadtrivalität zwischen Halle und Magdeburg, der an keinem der beiden Orte viel gute Haare lässt. Hier heißt es unter anderem: „Ein Rekord-wahlergebnis für die AfD, so beschissen wurde schon lange nicht mehr in zwei teutonischen Großstädten gewählt.“

Mehr oder minder mittendrin, ein wenig verhuscht zwischen all der Prosa, findet sich ein kurzes Gedicht, ‚Glockengruß‘, das sich auch im Ton merklich von den anderen Texten des Bands unterscheidet. Es nimmt die Leserin mit auf einen winterlichen Gang durch das schon erwähnte Paulusviertel und endet mit den Zeilen: „vor der Pauluskirche, mit hochgezogenen Schultern, / hör ich in Andacht den schwingenden wärmenden Gruß.“ Schade, dass es bei diesem Solitär geblieben ist; mehr solcher Variationen in Form und Klang hätten den Band dann doch bereichert. In diesem Kontext positiv fällt noch der in Briefform gehaltene Text ‚Stadtgottesacker‘ auf, mit dem sich der Autor in schönster ironisch-gebrochener Selbstüberhöhung seine letzte Ruhestätte als hallensische Persönlichkeit von allerhöchstem Rang sichern möchte.

Zum Schluss sei noch erwähnt: Mindestens einer der Texte des Halle Alphabets hat seinen Ursprung in den eingekreist-Kolumnen, die der Autor für fixpoetry verfasste. Wer dort einmal nachlesen möchte und Kreis‘ Stil mag, dem wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch der vorliegende Band Vergnügen bereiten.


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