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Arno Holz: Drei Gedichte

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Arno Holz
Drei Gedichte


Selbstporträt

Nur wenigen bin ich sympathisch,
denn ach, mein Blut rollt demokratisch,
und meine Flagge wallt und weht:
Ich bin nur ein Tendenzpoet!

Auf Reime bin ich wie versessen,
drum lob ich plötzlich die Tscherkessen,
und wüst durch mein Gehirn scherwenzen
verrückt gewordene Sentenzen.

Mein Blut rollt schwarz, mein Herz schlägt matt,
mein Hirn hat noch nicht ausgegoren,
denn meine gute Mutter hat
mich hundert Jahr zu früh geboren!



Tagtäglich

Tagtäglich wispert die Kritik:
»O wirf ihn fort, den Hungerknochen!
Es hat die leidige Politik
schon manchem hier den Hals gebrochen.

Auch meine Galle schwimmt in Groll,
doch wozu ihn versifizieren?
Die Welt ist heute prosatoll
und wird ihn schwerlich honorieren.

Such lieber hohe Protektion,
dein Sozialismus ist uns schnuppe,
denn schließlich wärmst du nur, mein Sohn,
die achtundvierziger Bettelsuppe.

Drum still, du Sturm im Wasserglas,
und reime fortab nur auf »Triebe« –
du säst wie Luzifer nur Haß,
das Herz der Kunst heißt aber »Liebe!«

Ich hörs und fluche: Sapperment!
Zwar lieblich locken die Moneten,
doch fehlt mir leider das Talent
zum schwarzweißroten Hofpoeten.

Ich pfeif auf euern Fahneneid,
ich pfeif auf eure feigen Possen!
Im schwarzen Schuldbuch unsrer Zeit
sind meine Verse rote Glossen!

Drum bitte, mir drei Schritt vom Leib
mit euern Tombakpoesien
und zischt nicht wie ein feiles Weib:
Tritt ein in unsre Koterien!

Tät ichs, ich wär ein Halbpoet,
so aber ruf ich durch die Gassen:
Die Welt, die sich um Liebe dreht,
weiß auch das Hungertuch zu hassen!



An mehrere Kritiker

Ja, diese Welt starrt voller Klippen,
ein jeder sehe, wie ers treibt;
denn glattrasiert wie eure Lippen,
sind auch die Worte, die ihr schreibt!

Auch seid ihr durch und durch »ästhetisch«
und fast so prüde wie John Bull,
und so beweist ihr arithmetisch,
daß mein Talent so gut wie Null.

Oh, wühlt nur um mit euern Poten
den alten Philologenjux –
die Nachtigall singt nicht nach Noten,
sie singt, wie ihr der Schnabel wuchs!
                                                                   Einem ebensolchen
Das größte Maul und das kleinste Hirn
wohnen meist unter der selben Stirn.

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