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Arne Rautenberg: »Ich habe Emily Dickinson zwischen die Rippen meiner Heizung in San Francisco geklemmt«

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

Gründe, an die Dinge zu glauben


Meine erste Begegnung mit Richard Brautigan verdanke ich dem französischen Autoren Philippe Djian, der ihm in zwei kurzen Texten ein Denkmal gesetzt hat: Zum einen in einer kurzen autobiographischen Erzählung in seinem Band „Krokodile“ und zum anderen in seinem wunderbaren Buch „In der Kreide“ (dort spricht er über die zehn Autoren, die sein Schreiben geprägt haben – wer sich zu Faulkner oder Melville verführen lassen will, Cendrars, oder eine Polemik zu Raymond Carver lesen will, dem sei das Buch dahingehend ebenfalls empfohlen; allerdings enthält es leider ausschließlich Empfehlungen zu Autoren). Dort spricht er u.a. über Brautigans Esprit, seine „Leichtigkeit“:

„Unter Leichtigkeit ist ein enger Bezug zum Unwägbaren zu verstehen und eine genaue Kenntnis dessen, was unendlich klein und sehr kurzlebig ist.
Die Quellen des Entzückens auf dieser Erde sind unerschöpflich. Alle Hässlichkeit, alle Dummheit, aller Gestank, die sich angesammelt haben, ändern nichts daran: Das Licht dringt durch den kleinsten Spalt herein. Und wenn man daran zweifelt, gibt es zwei Möglichkeiten, sich davon zu überzeugen: das Tao-Te-King und Richard Brautigan.“ (übersetzt von Uli Wittmann)   

Die furios-begeisterte Einführung, die mir Djian gewährte, sein Plädoyer dahingehend, Richard Brautigan als einen Autor zu begreifen, in dessen Texten man die Erfahrung des Daseins als fortwährende Verzauberung machen könne, legte diesen Namen mitsamt seinen Werken als großen (großzügigen) Sehnsuchtsort in mir an. Schon mehr als einmal ist mir dieser innere Brautigangarten ein verlässlicher Rückzugsort gewesen, und es wachsen darin tatsächlich nicht nur schöne und farbenfrohe, sondern durchaus anspruchsvolle und zweischneidige, schwierigere Gewächse.

U.a. habe ich Brautigan bereits vor einigen Jahren als Depressionslektüre entdeckt – viele seiner Bücher haben eine beruhigende Wirkung auf mich und ich kann sie zur Hand nehmen, wenn ich nicht mehr dazu in der Lage bin, noch irgendetwas anderes zu lesen. Ich habe alle Bücher von ihm, die ins Deutsche übertragen wurden, sogar die im kleinen Kartaus Verlag heraus-gekommenen. Seit ein-zwei Jahren liegt ein längerer Essay zu Brautigans gesammelten Werken in meiner Schublade. Man könnte also meinen, ich sei genau der Richtige, um Arne Rautenbergs Rede/Essay zu Richard Brautigan zu besprechen. Vielleicht bin ich aber auch genau der Falsche. Das liegt zu einem an einem Phänomen, das auch Rautenberg beschreibt:

„Im Laufe meines Schriftstellerlebens habe ich die Gedichte von Richard Brautigan in unterschiedlichen Schreib- und Seinsphasen zur Hand genommen. Nicht selten war ich von der Lektüre enttäuscht. Weil ich die Gedichte schon zu gut kannte. Weil mir plötzlich zu wenig Nachleuchten übrig blieb. Weil ich mich inzwischen poetisch in komplexere Felder verstiegen hatte.“


Die Vertrautheit mit Brautigan macht es mir zunehmend schwer, noch etwas über ihn zu verlautbaren, was ich nicht irgendwo bereits gelesen oder selbst geschrieben (oder auch nur gedacht) habe. Und da ein Text für mich auch immer eine Erkundung, eine Bewegung auf noch zu entdeckendem Terrain ist, kommt mir derlei redundant und uninteressant vor, meine eigenen Formulierungen erscheinen mir unzureichend, nichtssagend. Gleiches gilt aber leider (in meinen Augen) auch für einige Einlassungen von Rautenberg, der sich redlich bemüht, ein gutes und klares Bild von Brautigan und seiner Lyrik zu vermitteln, angefangen bei der persönlichen Sympathie, im Verlauf gewürzt mit unvermeidlicher Kritik, jedoch immer wieder konzentriert auf die Vorzüge von Brautigans Ideen und ihre möglichen metaphysischen Ausläufer.

„Ich bin dankbar, dass ich Brautigans lyrische Lehrstücke der sinnlichen Demut, der Alltags-Achtung in den 80er Jahren als junger Mensch erfahren durfte. Sie haben meiner Wahrnehmung den entscheidenden Dreh gegeben: Guck genau hin. Und halte dich zurück mit vorschnellen Worten.“

Unterstützt wird dieses vielschichtige Vorgehen durch viele Zitate, meist von ganzen Gedichten (hier ist die Kürze von Brautigans Lyrik ein großer Vorteil). Doch alles in allem bin ich am Ende der Darstellung weniger von Brautigan überzeugt, als wenn ich ihn selbst lese. Das klingt wie ein sehr hartes Fazit, und ich will noch mal darauf hinweisen, dass hier besondere Umstände vorliegen – hätte ich Brautigan nicht gekannt, vielleicht wäre dieses schmale Heft eine Offen-barung gewesen (und kann es für andere noch sein).

Trotzdem muss ich ein paar Kritikpunkte ins Feld führen. Da ist zum einen der Eindruck einer Beliebigkeit, der sich dadurch einschleicht, dass Biographie, Werk und Interpre-tation ein wenig durcheinandergeworfen werden – es fehlt dem Text ein bisschen an Struktur.

Am Ende weiß man vieles, aber irgendwie kann man dieses „Viele“ nicht in einen anschaulichen Zusammenhang setzen. Das zweite Versäumnis, das leider ganz klar herausgehoben werden muss, ist das Fehlen von Beispielen aus Brautigans Prosa, die zum einen durchaus lyrische Stellen und Qualitäten bereithält und zum anderen nun mal einen großen Teil seines Werkes ausmacht.

Ich hatte den Eindruck, Rautenberg würde etwas zu sehr mit dem Autor und seinem Bild (damals und in der Nachwelt) ringen und sich bei der Auseinandersetzung letztendlich zu wenig auf die Texte einlassen, im Versuch den bestmöglichen Überblick zu bieten und keinen Aspekt zu vernachlässigen; so wirkt der Text überfrachtet und hat keinen Fokus. Rautenberg legt schon da, was an den Gedichten dran ist, aber es fehlt dann doch so etwas wie ein Funke echter Empathie und Begeisterung (wobei letztere am Ende schon durchscheint, hervorbricht, aber das wirkt dann wiederum auch etwas zu gewollt). Was ich bei Djian gefunden habe, jene eher wortkarge, fast schon zu knappe, aber doch nahtlose Freude an der Existenz von Brautigans Werk, dergleichen fehlt mir hier in diesem Text, der teilweise zu sehr einer Sezierung, einer Operation gleicht. Brautigan ist nun mal tot, keine Operation kann ihn zurückholen, keine Klärung der Todesursache kann interessanter als das Werk sein. Und das Werk wird ja durchaus dargestellt, fein durchleuchtet, aber irgendwie ist diese Darstellung im Ganzen zerfasert, wird immer wieder unterbrochen.

Ich mag Brautigan sehr. Er gibt mir immer wieder das Gefühl, dass es gute Gründe gibt, an Dinge zu glauben, Dinge zu spüren, Erfahrungen zu machen – jedes einzelne Gedicht ist wie ein Indiz, ein Beweis dafür. Ihm gelingt ein unverstelltes Abbilden von schmerzlichen bis lustvollen, aber auch von unscheinbaren Augenblicken. Er kann Gedichte so fein machen, dass sie überall hineinpassen, und gleichsam sind sie so groß, dass man nicht an ihnen vorbeikommt. Etc., etc.

Es freut mich daher ungemein, dass es Leute gibt, die über ihn schreiben, sich ihm widmen. Rautenberg liefert einen biographischen und lyrischen Abriss, der letztlich an Umfang vieles übertrifft, was man zu Brautigan im deutschsprachigen Raum überhaupt lesen kann, und allein deswegen ist dieses Heft ein Glücksfall. Meines Erachtens setzt Rautenberg sich darin aber allzu viel mit Brautigan als Person auseinander, zu wenig mit seinem Werk (die Gewichtung mag mir auch nur so vorkommen, aber auch das wäre ja schon problematisch) und er rekapituliert ein bisschen zu viel von der Kritik, die Brautigan Zeit seines Lebens entgegenwehte. Dabei hat auch hier Djian den Fall bereits mustergültig erledigt: Oft habe man versucht, ihm Brautigan madig zu machen und am Ende habe er auch nur wenig zu Brautigans Verteidigung zu sagen gewusst, woraufhin sein Gegenüber stumpfsinnig triumphiert hätte.

„Was kann man daraus über mich und meinen Gesprächspartner ableiten? Dass ein Dummkopf, wenn man mit dem Finger auf den Mond zeigt, den Finger anblickt.“ (übersetzt von Uli Wittmann)


Arne Rautenberg: »Ich habe Emily Dickinson zwischen die Rippen meiner Heizung in San Francisco geklemmt«: Arne Rautenberg über Richard Brautigan (Zwiesprachen – Stiftung Lyrik Kabinett München). Heidelberg (Verlag Das Wunderhorn) 2018. 32 Seiten. 15,80 Euro.
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