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Alexander Chee: Edinburgh

Rezensionen/Verlage


Stefan Hölscher

Alexander Chee: Edinburgh. Roman. Übersetzt von Nicola Heine, Timm Stafe. Berlin (Albino Verlag) 2020. 304 Seiten. 22,00 Euro.

Fast poetisch


Der Klappentext der vor einigen Wochen im Albino Verlag erschienenen deutschen Ausgabe von Alexander Chee’s Roman „Edinburgh“ preist dieses Buch an „als einfühlsame Coming-of-Age Geschichte, anspielungsreich, voller mythischer Verweise – verfasst in einer poetischen Sprache, die einen gleichsam hypnotischen Sog entwickelt.“ Es ist kaum möglich, ein solches Buch nicht auch vor dem Hintergrund des im vergangenen Jahr auf deutsch erschienenen Romans „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong zu lesen. Wie Vuong hat auch Chee seine Wurzeln in Asien; Vuong in Vietnam, Chee in Korea. Wie Vuong lebt Chee in den USA. Ebenso wie bei jenem ist auch bei diesem die Geschichte des Romans stark autobiographisch geprägt: In beiden Fällen geht es um Erfahrungen massiver Gewalt, bei Vuong Misshandlung durch die eigene Mutter, bei Chee Missbrauch durch den Chorleiter, wobei Liebe und (Homo-)Sexualität hier jeweils so untrennbar und prägend mit der erlittenen Gewalt verbunden sind, dass sie das ganze spätere Leben überschatten werden.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein im höchsten Maße poetischer Roman: Geradezu messerscharf beschreibende und reflektierende Passagen wechseln mit solchen, die für sich genommen schon als Poesie stehen könnten. Die Verwoben-heit dieser heterogenen Sprachformen macht einen nicht uner-heblichen Teil dessen aus, was Vuongs Roman so stark aus dem Üblichen herausragen lässt.
    Auch Chee geht es darum, seine Geschichte poetisch zu erzählen. Immer wieder verwebt sich die Story mit Mythischem – schon gleich im Prolog, der vom Fuchsdämon und seinem totbringenden Feuer handelt. Auch ist Chee ein Meister geschickt eingesetzter Unschärfe im Handlungs-verlauf, sodass oft erst nach einer Weile deutlich wird, was real und was geträumt ist, warum sich eine der Figuren in einer bestimmten Situation bewegt, von wem überhaupt gerade die Rede ist, etc. Für den Lesenden spannend wird all dies auch dadurch, dass Chee’s Sprache scheinbar mühelos sinnlich-metaphorisch ist:
Wir lernten, uns als Gefängnis unserer Stimmen zu begreifen. Und hatten dafür zu sorgen, dass die Tür immer weit geöffnet war.

Ich wandere durch die Tage bis Schulbeginn wie durch Räume, die von einem langen Korridor abzweigen. Ich gehe hinein, halte nach ihm Ausschau und warte dann noch ein Weilchen, bevor ich wieder gehe. Ich laufe die Tage ab, seinen Namen auf der Zunge wie einen Schluck Wasser.

So wie das Coverbild einen ziemlich gut gebauten Schwimmer zeigt, der dabei ist, in ein tiefes Wasser zu tauchen, so kann auch der Lesende in Chee’s Geschichte, in der der Bildbereich von Wasser und Meer eine herausragende Rolle spielt, tief eintauchen. Während aber in Vuongs Roman lyrische Passagen, wenn man sie wieder (und wieder) liest, noch stärker leuchten als zuvor, passiert bei Chee das Gegenteil: beim zweiten Hinschauen wird das Bild matt. Es zieht die Lesenden weiter in die durchaus spannende Handlung, weil sie im Satz vor Ort nach der ersten schnellen Lektüre nur noch wenig substanzreiche Nahrung finden. Chee’s Buch lebt von Fülle – auch im Geschehen. Der erste Teil des Romans berichtet aus der Ich-Perspektive von Phi, dem Protagonisten, im Wesentlichen über dessen Zeit im Chor bei Big Eric, dem breit gebauten Chorleiter, der sich an all seinen Lieblingen jahrelang vergeht. Es ist das erste Drittel des Buches, und dieser Teil hat mir mit Abstand am besten gefallen: Die Perspektive des Kindes, die sich in einer malignen Melange aus Scham, Schuld, Abhängigkeit und Liebe im pädophilen Kosmos des Chorleiters bewegt, trägt diesen Teil inhaltlich und sprachlich stark.
    Danach wird es mir aber zu bunt: Für den weiteren Verlauf der Geschichte, die zugleich die Lebensgeschichte von Phi bis zu seinem dritten Lebensjahrzehnt ist, meint Chee alles auffahren zu müssen, was Spannung, Dramatik und schwules Liebesspiel verspricht. Das Ganze gipfelt darin, dass der Sohn von Big Eric, Warden, der in einer Privatschule in Maine ist, in die die Wendungen des Lebens auch Phi als Lehrer verschlagen haben, sich in diesen, wie magnetisch angezogen, verliebt und schließlich seinen aus dem Gefängnis entlassenen Vater umbringt, als er die Fotos der früheren Chorjungen (einschließlich Phi) bei ihm findet und sein Haus in Brand setzt. Dies ist mir ultimativ zu viel, und es macht leider auch die Intensität des ersten Romanteils in nicht geringem Maße wieder kaputt.
    So kommt es zu einem eigenartigen Lektüreerleben: Man liest weiter, weil das Ganze durchaus spannend und auch gewandt geschrieben ist, und man merkt daran, wie oft man auf die schon gelesene Anzahl der Seiten unten in den Nummern schaut, dass die Lektüre gleichzeitig offenbar ein wenig mühsam ist.

Im Genre des Films ist 2019 als Independent Movie ein Werk zum Thema homosexueller Kindesmissbrauch erschienen: For my brother. Dieser Film schafft mit wenigen Mitteln, einer starken Konzentration auf das Thema und einer geradezu brutalen Schonungslosigkeit der Darstellung, was Chee im Meer seiner bewegten Metaphern leider nicht erreicht: einen intensiven Nachhall der Beschreibung eines lebenserschütternden Themas.
 

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