Ulrich Schäfer-Newiger: Sprache. Freiheit. Melancholie. Über Helga M. Novak als Dichterin - Signaturen

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Ulrich Schäfer-Newiger: Sprache. Freiheit. Melancholie. Über Helga M. Novak als Dichterin

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Ulrich Schäfer-Newiger


Sprache. Freiheit. Melancholie.
Über Helga M. Novak als Dichterin.




Die Sprache verrät einen, denn es gilt, was man sagt
HMN, Vogel Federlos

Das Verstehen beginnt damit, dass die Welt
nicht so hingenommen wird, wie sie sich dem Betrachter darbietet.
Jede mögliche Form des Verstehens wurzelt in der Fähigkeit,
nein zu sagen.

Susan Sontag





I.  Die mir Unbekannte


Geisterheere ungezügelte zwölf Nächte / vor Epiphanie Männerbünde unheimlich geheim / abgestiegene irrende Ritter verschrieben / sich den rohesten Daseinsformen im Wald / Exerzitien eines furiosen Heeres / ausgerissene Bäume schwingende Aussteiger / und Urleut gefangen oft mitsamt Haarkleid / sodann mit Eichenblättern beklebt müssen sie/ Kettentänze vorführen auf den Märkten / wo sie mit Glut beworfen in Flammen aufgehen / ungebrochen die Wildfangrechte ...  - das waren die ersten Verse, die ich gelesen habe von der Dichterin Helga Maria Novak. Und irgendetwas zog mich da gleich hinein und hinunter in diese doch unrealistischen Waldgesänge, in diesen wild-abenteuerlichen Wörterwald, ohne dass ich genau hätte sagen können, was. Wilderergeschichten schienen das zu sein, also etwas Unzeitgemäßes und deshalb Unwirkliches. Aber schnell war klar: Da drängt aus der kunstvollen Sprache, aus den schnell sich einstellendenden Rhythmen, den Assonanzen, Binnenreimen usw., aus den Wildererwörtern und Wildererfachbegriffen, den Fremdwörtern und Namen von Schutzheiligen, die keiner mehr kennt, etwas Unbekanntes, etwas Verführerisches, eine unbekannte Unruhe, ein permanenter Widerstand gegen irgendetwas hinaus und hinauf und zu mir hin.  

Dabei war die Dichterin mir bis zum Erscheinen dieses schmalen, mit dem etwas geheimnisvollen Begriff „Silvatica“ betitelten Gedichtbandes im Jahre 1997 tatsächlich unbekannt. Erst später, nach ihrem Tod am sogenannten ‚heiligen Abend‘ 2013 habe ich mich für ihre literarische Biographie interessiert, für ihre Lebensgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, wie sie deutscher nicht sein und wie keine Fantasie sie erdenken kann. So weit entfernt war sie bis dahin von mir durch Sprache und Zeit, durch Geschlecht, durch gänzlich unterschiedliches Erwachsenwerden, durch Ost und West, durch DDR und BRD, dass ich sie als Person und Dichterin nicht einmal wahrgenommen hatte, als sie in Frankfurt a.M. lebte und im nahen Bergen-Enkheim Stadtschreiberin war, just zu der Zeit, als auch ich in Frankfurt wohnte und studierte.

Ist sie überhaupt deswegen noch immer eine der unbekanntesten der nur den Interessierten bekannten deutschen Nachkriegsschriftstellerinnen, weil sie so weit von uns Gegenwärtigen entfernt ist, weil sie an eine Zeit erinnert, an die wir alle nicht erinnert werden wollen, weder im Osten noch im Westen Deutschlands? Weil sie (was wohl keinem vor und nach ihr gelungen ist), zweimal aus der DDR ausreiste/floh und zweimal rückkehrte (!), ohne dass sie im Gefängnis landete, bis man ihrer endgültig überdrüssig wurde und sie 1966, als Erste vor allen anderen, ausbürgerte? Weil sie in Westdeutschland aus tiefer politischer Überzeugung nie heimisch werden wollte?
¹ Weil man ihr zuletzt im sogenannten wiedervereinigten Deutschland in deutschtypischer Manier noch die deutsche Staatsbürgerschaft (sie hatte nach der Ausbürgerung aus der DDR 1966 nur noch die isländische Staatsbürgerschaft, weil sie 1961 einen Isländer geheiratet hatte), verweigerte mit dem Argument, sie habe in Deutschland keinen festen Wohnsitz - und sei ihr Vermieter denn für sie gut?!

Ohne ihre Biographie ist ihre Sprache und Poesie nicht denkbar. Das mag für jede/n Dichter/in in gewissem Maße gelten und demgemäß eine Plattitüde sein. Aber beides ist wie bei kaum einer anderen Dichterin derart dicht und untrennbar miteinander verwoben, wie bei ihr. Ihre Biographie ist die existentielle Grundlage, ist die conditio sine qua non ihres Schreibens und ihrer Sprache. Aus ihren Kindheitserlebnissen, aus ihrem Kindheitsgefühl, aus ihren Kindheitstraumata treten noch nach Jahrzehnten in Gedichten einzelne Erfahrungen und Erlebnisse als sprachmächtige Selbstzweifel, Selbstvergewisserungen, ja als mühsame Befreiungsversuche von sich selbst hervor.

Geboren wurde sie am 8. September 1935 in Berlin Köpenick, nach 3 Tagen zur Adoption freigegeben, bis 1937 in einem damals und noch lange bis in meine Gegenwart hinein so genannten ‚Fürsorgeheim‘ untergebracht, später dann von den Eheleuten Karl und Charlotte Novak adoptiert. Der Vater hatte sich vor ihrer Geburt, nachdem er zwei Menschen, darunter seine Geliebte, umgebracht hatte, eine Kugel in den Kopf geschossen. Das Gedicht „keine Mutter nährte mich“, das fünfzig Jahre später entstand, gibt Zeugnis davon, wie diese Anfangsbedingungen ihres Lebens ständig und unentwegt wirkten. Darin heißt es:

keine Mutter hat mich je genährt…
die mich entband die fühlte nur
ihren eignen Schmerz
mich gab es für sie nicht
ich war so frei drei Tage alt
war gut mich zeitig freizugeben …

so frei bin ich und ohne Dank
seit meinem dritten Tag gewesen
jetzt da mich endlich keiner will
mit fünfzig ists ein andres Lächeln
und keine Liebe geht mir nun zur Hand….

ganz ohne Vater immer schon
der sprengte seinen Kopf beizeiten
mit einem Schuss so bin ich frank und frei.


„frank“ und „frei“ sind conditiones sine qua non für alles Weitere, was in diesem Leben folgt, für ihre Fluchten, ihre politische Überzeugung, für ihr Schreiben, ihre Sprache. Die „Freiheit“, die auf diesem Urerlebnis beruht, ist zugleich Unfreiheit, ist Verstoßen-Sein, ist Geworfen-Sein, ist das ganz tiefe, eingestanzte, unbewusste, mitunter auch bewusst hervorbrechende Wissen, nicht dazu zu gehören, ist permanenter Widerspruch mit sich selbst und der Welt draußen: “Ich will immer weg, auch, wenn ich gar nicht weg will“ heißt es an einer Stelle in ihrer Biografie.
²  „Frank und frei-sein“ im Sinne von ‚offen-und ehrlich sein‘ ist keine Selbstbestimmung, sondern immerwährende Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung gegen immerwährende Selbstzweifel, ist der Zwang, die eigene Existenz immer wieder selbst zu hinterfragen und selbst zu bestätigen. Die Verwobenheit ihrer jeweiligen Gegenwart mit dieser Herkunft als die für ihr Leben geltende Satzung bringt sie in dem Gedicht ‚Tanzlied‘ auf den Punkt:

mein Vater hat seine Liebe erschlagen
ich gerate ihm nach
ich gerate ihm nach


Ihre zwei Kinder hat sie später ebenso zur Adoption freigegeben wie sie selbst zur Adoption freigegeben worden war; Wiederholungszwang nennen das die Psychologen. In dem Gedicht „Ein Hemd“ formuliert sie: meine Liebe lachte viel/deshalb schlug ich sie. Sie litt unter dieser Liebesunfähigkeit, unter dieser Prägung, diesem inneren Zwang. Viele ihrer Gedichte legen davon ein beredtes Zeugnis ab, z.B.:

verschont möchte ich eigentlich sein
von meinen Erlebnissen meinem Lebenslauf
meinen Vorfahren Niederlagen und Ekstasen
einmal nicht aufdringlich mißtrauisch
scheu boshaft gierig gutmütig asozial sein
einmal nicht sein


Dieses Zitat aus dem Gedicht „einmal nicht sein“ verweist auf ein ihre Sprache und ihre Gedichte prägendes poetologisches Moment: auf die Melancholie. Einmal nicht (also: Für einen begrenzten Zeitraum?) sein wollen, nachher vielleicht aber doch wieder, ist eine melancholische Attitude. Und Novaks Melancholie, die von ihr vielfach gebrauchten und verwendeten Motive und Metaphern der Melancholie, wie z.B. das Wildererleben im Wald als Wildererbraut, ihre behauptete Verwandtschaft mit dem Meer, ihr behauptetes ständiges Fliehenmüssen endlich sind es, die mich hineinziehen in ihre Texte, ihre Gedichte, die sie mir über alle skizzierten Unterschiede und Hürden hinweg näherbringen.


 
 

II.  Sprache


ich erinnere mich
an unsere erste Begegnung
als deine Laute
an Hungerwintertagen
aus den Kehlen der Baumfäller quollen
vermischt mit Wodkadampf
habe ich sie eingesogen


Mit diesen Versen beginnt ihr frühes Gedicht Meine Sprache. Damit wird klargestellt: Es geht nicht um sprachliche Experimente und Spiele, nicht um feinbürgerliche Sprachempfindungen, erlesene Sprachästhetik, nicht um Destruktion, nicht um Schulen, Methoden und Bilder empfindsamen Sprachfühlens. Sprachskepsis hingegen war von Anfang Bestandteil ihres poetischen Selbstverständnisses. Die Anfangskoordinaten sind klar benannt: Hungerwintertage, Baumfäller, Wodkadampf. Das sind konkrete Begriffe. Und keine ästhetisierenden Metaphern (die sie freilich wohl beherrschte). Das ist nicht „schön“ im Sinne bürgerlicher Ästhetik: Mit Wodkadampf eingesogene Sprache! Das mag der Grund dafür sein, dass in ihrer lyrischen Sprache erfrischend unzeitgemäß jedes intellektuelle Gebaren fehlt.

Von Anfang an waren ihr Sprache, ihr Sprechen und Schreiben, Mittel der Weltentdeckung, der Selbstbehauptung und Selbstvergewisserung. Schon als Fünfjährige, bevor sie die Schule besuchte, ritzte sie mit geradegebogenen Sicherheitsnadeln unentwegt ihren Namen in die Tische des Kindergartens, nachdem sie ihn schreiben gelernt hatte: Hier war ich, hier hinterlasse ich meine unauslöschliche Spur! Noch schrieb ich mich klein, aber ich schrieb meinen Namen.
³ Die Folge war der Ausschluss aus dem Kindergarten, eine Verstoßung aus der Gemeinschaft, eine in ihrem Leben sich immer wieder neu wiederholende Erfahrung. Die Adoptivmutter nennt sie in allen Bänden ihrer Autobiographie ausschließlich und abschätzig „Kaltesophie“, weil diese an einem 15. Mai, dem Tag der letzten der Eisheiligen, „Sophie“ nämlich, geboren worden war. Ihr war Sprache von Anfang an Waffe gegen die kleinbürgerliche, zwanghafte Unterdrückerin, die Feindin. Weil diese nicht ankommt gegen das scharfe, spitzzüngige Argumentieren und Reden der Tochter (später werden es viele sein, die dagegen nicht ankommen) nennt sie sie „Maultrommel“. Helga gibt zurück: „Maultrommel heißt eigentlich Mundharfe. Und das ist immerhin ein schönes Wort!“ ‚Maultrommel und Mundharfe‘: diese beiden Begriffe bezeichnen besser als jede anderen die Spannweite ihrer Sprache.

Mit ihren Worten meinte sie auch immer die deutsche Sprache. In dem Gedicht „Bekenntnis“ betont sie ihr Deutsch-Sein und verbindet es zuerst mit der Sprache: ich bin deutsch und nicht nur / der Sprache nach. Und sie betont sofort ihr Ostdeutsch-Sein, solange noch Mißtrauen und Spitzel / die hausgemachten Soßen würzen. Am Ende dieses Gedichts steht die folgenschwere Feststellung: Ich bin ostdeutsch und ziehe / einen Klumpen Hoffnung hinter mir her. An anderer Stelle schreibt sie: „Mich packte ein unüberwindliches Heimweh nach meiner Sprache.“ Da wollte sie von Island zurück nach Deutschland, um zum zweiten Mal in die DDR wieder einzureisen.

Dass das Deutsche ihre Sprache war, wird immer dort deutlich, wo sie die Sprache vermisst. Die Sprache meiner Leute klingt fern heißt es im Gedicht von sehr großer Not. Das Fernklingen der eigenen Sprache ist ein Quell ihrer Not. Als sie zum ersten Mal in Island ist, spürt sie: Für die isländische Sprache habe sie überhaupt kein Gefühl
. Überall, wo sie hinzieht, ist sie beherrscht von der eigenen Sprache, auch wenn sie mit tausend Zungen rede, wie sie im Gedicht gehe nie wieder weg feststellt.

Das Gedicht ‚meine Sprache‘ ist damit auch ein ganz unsentimentales über die deutsche Sprache (im Gegensatz zu jenem von Borges über die Deutsche Sprache).

Von der Sprache wird sie beherrscht, weil sie ihr alles ist: Wurzel, Geschichte, Fantasie. Die letzte Strophe des Gedichtes keltische Fliehburg bei Römhild lautet:

an Sommerabenden gegen acht
die Stunde der Fledermäuse
da tauchen noch keltische Namen auf
verheißungsvolle Silben
Wörter wie barget sulz oder strut
Der Fantasie steht alles offen


Die Wörter, die die Dichterin findet, sind auch hier erkennbar keine Metaphern. Es sind Zeugnisse aus der Vergangenheit, archäologische Sprachscherben. Bevor sie sie findet, schildert sie, wie sechzigtausend Kelten von den Sueben in diese Fliehburg flohen und dort kläglich verhungern. Was übrig bleibt von bloßer Gewalt, von Macht, von Hunger und Tod, sind Namen und Wörter, die die Phantasie nähren.

Auch das Wort „Silvatica“ erregt die Phantasie: Es lässt an eine Wald- oder Baumgöttin denken oder an Waldlieder u.ä., an deutsche bildungsbürgerliche Waldromantik. Aber nichts davon: Zu lesen ist eine Sprache zwischen Wildererglossar (Haarkleid, ich geh die Eisen ausräumen, Tiere wittern schnell ein sauberes Kleid, gehen wir kirren), genüsslichem Fremdwort- und Namensgebrauch (asio otus, verschleierte Todesboten, mein pripiantinisches Abenteuer, vielbrüstige ephesische Artemis), bedrohlicher Realität (die Motorsägen kommen näher; die Hubschrauber kreisen über deinem Haupt / Eustachos dein Unglück kommt von oben)  und unversteckter Erotik (warum nicht deinen zielstrebigen Händen / mich anheimgeben deinen Augen wie Wegwarte / warum mich nicht niederstrecken vor Knall und Fall; oder: hab keine sieben Jahre mehr / für eine neue Jungfernhaut / kann nicht mehr warten / bin zu alt komm her.

Silvatica ist das wilde, wildernde Weib, gleichberechtigt neben dem heiligen Wilderer und virilen Rebellen Eustachus, das wird schon im ersten Gedicht des Bandes deutlich: – ach all ihr toten Jäger / und silvatica lebt noch als wilde wibe und Artemis lebt noch. Das ist ein Abgesang auf die Rebellen, die Widerständler, an die, die sich an nichts und Niemand halten, und nicht zuletzt vielleicht: auf den Mann überhaupt. Und eine weitere Bekundung ihrer Einsamkeit.

Sprache als Fluchtort und Sehnsuchtssphäre: warum nicht einer vergessenen Sprache sich bedienen / deren Meidungsgebote deren Themata deren Gebrauch / der Vergangenheit angehören ohne Wiederkehr. Einer vergessenen Sprache sich bedienen, um die Gegenwart auszuhalten – dieser Gedanke ist nicht neu und einzigartig in der deutschen Literatur. Zu denken ist an Rudolf Borchardt und seine Bemühungen, eine alte deutsche, aus dem Alemannischen kommende Sprache, wie sie hätte im Mittelalter gesprochen werden können, aber nicht gesprochen wurde, sich selbst zu erfinden und Dantes Comedia in sie zu „übersetzen“.

Aber die Sprache der Novak ist ganz gegenwärtig, ist streng, ist präzise, ist hart, ist dissonant, ohne Allüren. Sie ist ein Ergebnis immerwährender „Spracharbeit“. Diese Spracharbeit begann nicht nur schon in der Auseinandersetzung mit der ungeliebten Adoptivmutter, sondern setzte sich fort in dem selbstgewählten Schulheim, in dem zukünftige Kader der SED herangezogen, geformt, gebildet, geschult werden sollten. Bei Helga funktionierte das alles nicht erfolgreich. Es funktionierte nicht, weil es gerade die dort herrschende Sprache ist, die ihr verdächtig, unlogisch, unklar und unwahr scheint, mit der aber doch diese Formung auch an ihr und entsprechend ihrer eigenen Erwartung vollzogen werden sollte.
 

Sprache und Wörter sind auch immer wieder reflektierter Gegenstand ihrer Gedichte und biographischen Texte. Sie sind dies allerdings nicht dem Sinne nach, endlich die Losgelöstheit der Sprache von äußerer Referenz anhand der eigener Dichtung neu zu beweisen. Novak will den Leser und sich nicht auch noch davon überzeugen, dass uns die Wirklichkeit nach einer nicht zu beweisenden und nicht zu widerlegenden axiomatischen Behauptung Kants an sich unzugänglich ist. Dass die Sprache uns die Wirklichkeit nicht zugänglich machen kann, ist zwischenzeitlich eine banale Erkenntnis, und kaum jemand wusste das besser als Novak.

Im Gedicht „alles verflogen“ beispielsweise werden zunächst Wörter angeführt, die als Metaphern in der Dichtung hinlänglich in Gebrauch sind, z.B. „Rose“, „Meduse“, aber auch „Pusteblume“ „Drachenzunge“ oder „Tränendes Herz aus Nylon“. Dann heißt es zu den Metaphern weiter:

ach abgehängte Bilder Metaphern ihr
was ich zu bieten habe
ist ein Bündel Sätze Wörter
gebeugte Endungen und Silben
auf schiefen uralten Stämmen
hast du das gewußt und bist deshalb
auf und davon und ausgerückt
die Pusteblume Mittelmeer
Asien die wilde Rose aber rot
das Hasenherz Amerika keine Gründe
zu bleiben und mich abzuwarten


Hier wird das, was längst verbraucht und abgehängt ist, ganz konkret zum Verlassenheitsgrund. Metaphern überzeugen nicht mehr, im Gegenteil, sie schrecken ab. Sätze, Wörter, gebeugte Endungen und Silben auf uralten Stämmen helfen nicht, den Anderen zu halten, ihn zum Warten auf die Dichterin zu veranlassen. Konkreter und eindrucksvoller kann man die Unzulänglichkeit der Sprache, die Wertlosigkeit von Metaphern in einem Gedicht, ja die Unzulänglichkeit der sprachlichen Metaphorik insgesamt, nicht deutlich machen.

Das Unmoderne und Unzeitgemäße an dieser Vorgehensweise ist, dass Novak zur Vermittlung dieser Erkenntnis nicht die Sprache selbst dekonstruiert. Sie lässt den Leser nicht mit einer von äußerer Referenz losgelösten Sprache zurück, um ihm die Erfahrung einer referenzlosen, also möglicherweise ‚reinen‘ aber unverständlichen oder auch beliebigen Sprache aufzubürden. Sie kündigt die stillschweigende Vereinbarung zwischen Sprache und Referenz, die „althergebrachte Ordnung des logos
ausdrücklich nicht auf. Sondern sie verweist auf sich selbst als Dichterin, als Alleingelassene, auf die nicht gewartet wird. Sie verweist auf die Einsamkeit, darauf, dass sie sich „bewusst und verantwortlich als Fremde“ fühlt. Die Unzulänglichkeiten der Sprache, der sie nicht entrinnen kann, die sie wie die Luft zum Atmen braucht, um in der Welt zu bestehen, bilden zugleich den Grund ihres Verlassenseins, ihrer Untröstlichkeit.

Der Preis, den die Dichterin für Ihre Bewusstseinsstufen, für die Umsetzung ihrer subjektiven Befindlichkeiten und Sprachreflexionen zahlt, ist - die Melancholie. Oder auch: Die Sprachmotivation der Dichterin ist Melancholie. Diese Dimension ihrer Poesie eine Folge des Freiheits- und Handlungsverlustes, der durch Sprachanwendung nicht wettgemacht werden kann. Aber in Gestalt ihrer Gedichte ist gerade trotzdem hochvirtuos. Mühelos beherrscht sie alle Formen: Balladen, Elegien, Sonette Epigramme, Idyllen. Und bringt sie mit den Inhalten in Einklang. Das wird vor allem beim Gebrauch der Balladenform deutlich: Es sind hochpolitische Texte, z.T. in schnoddriger Sprache (Ballade vom Heinrich), in lyrischer Prosa, an Brecht erinnernd (Ballade von der reisenden Anna, Ballade vom twöfalten Schock) oder in einfachem Paarreim (Tragoballade vom Spitzel Winfried Schütze in platten Reimen), um nur einige zu nennen.


 
 

III.  Freiheit


"Frei: so dich weder Schuhwerk noch ein weher Hals, weder Streitlust noch Wind oder Menschen hindern. Du keinem Rechenschaft schuldest. Dich treiben lässt wohin dich Schritte und Gedanken führen.“ Alle wesentlichen Aspekte der Freiheit des Individuums sind in dieser kurzen und prägnanten Definition des serbischen Schriftstellers Bora Ćosić
enthalten: Die Freiheit von Naturzwängen (weher Hals, Wind), die politische Freiheit (Streitlust, Menschen gegenüber keine Rechenschaftspflicht), die personale Freiheit (Schuhwerk, Schritte und Gedanken). Das ist die Freiheit, die Helga suchte.

Und so stelle ich sie mir nun in meiner Phantasie vor, wie sie bei jedem Wetter Hauptsache Frost / in Schuhen mit rausgeschnittenen Spitzen / hastig die Schlittschuhe anschnallt. Wie sie schreit: kein Tänzeln keine Kreise und pfeif auf die Acht / nicht diese blöden Pärchen und Pirouetten / laufen laufen geradeaus und weiter! Wie sie lockt mit: kein Schrei mehr in die Keller keine Glocke zu Tisch und wer nach der Uhr fragt hat Angst vor zu Hause. Und ich kann mir bildlich vorstellen:  so viel Luft in den Lungen und um die Wette / Grünheide Grünheide/ und weiter nach Norden…./ Die Elstern die Krähen flattern wie wir / und vorwärts über den Fluss in die schmalen Seen../ nichts Bestimmtes liegt in der Ferne und alles …/ .. ach wir Sieger über alle tiefen Gewässer. Und: König war, … der seine Schlüssel nicht verlor/ der hing uns am Hals an der Strippe … / und schlecht hält das Eis unter Brücken. Und: umknicken einbrechen klatschnaß und bloß nicht nach Hause/ Und: laufen laufen auf eisigen eisernen Schienen / ‚ein silbernes Dreieck am Himmel?‘ wir kennen / die Richtung und die lässt uns kalt / ‚außerdem schmeißen sie selten was ab in den Wäldern‘ / Grünheide Grünheide.

Kaum je ist ein intensiverer Text über die Freiheit geschrieben worden. Dieses mit Eislaufen titulierte wunderbare Gedicht verweist auf alle oben erwähnten Freiheitselemente, ohne sie zu heroisieren, ohne sie in eine intellektuelle Sphäre zu transportieren, ohne jegliches Pathos: Die Freiheit vom Naturzwang findet Ausdruck in der kühlen Missachtung des dünnen Eises unter den Brücken, des kurzen, cool weggesteckten, klatschnassen Einbrechens, der Luft in den Lungen. Die politische Freiheit wird erklärt durch die Aufforderung, bloß nicht nach Hause zu wollen, nicht nach der Uhr zu fragen, keine Schreie in den Keller nach ihr, keine Glocke zu Tisch und vor allem aber: Die bombentragenden silbernen Dreiecke am Himmel lassen sie einfach kalt. Die personale Freiheit ist erfüllt durch die klare Ablehnung blöder Pärchen und Pirouetten, Achten und Kreisen und, besonders wichtig: kein Tänzeln.

Das Schlittschuhlaufen einer Zehnjährigen auf brüchigem Eis im Bombenhagel auf Berlin wird zu einem eindrucksvollen Bild der Unbändigkeit, der Unabhängigkeit, der Angstlosigkeit, des Immer-Weiter-Vorwärtsdrängens. „Nichts Bestimmtes liegt in der Ferne und alles“ ist die bestimmende Aussage, ist das Motiv, gleichsam das Motto, für diesen unentwegten, pausenlosen Vorwärtsdrang, für dieses Hintersichlassen, für diesen Freiheitstrieb.  

Schlittschuhlaufen hat hier nichts mit der Eleganz zu tun, mit der wir uns z.B. Goethe als Schlittschuhläufer vorstellen müssen, sehr viel aber mit seinem auffordernden Gedicht „Mut“: „Sorglos über die Fläche weg. / Wo vom kühnsten Wager die Bahn / Dir nicht vorgegraben du siehst, / Mache dir selber Bahn!“ Sich die Freiheit nehmen, selbst die eigene Bahn zu machen - ihr Lebensmotto war es, was mit ihrem Eislaufen kongenial zum Ausdruck gebracht wird.

Auch Klopstock hat in seinem Gedicht „Der Eislauf“ von ‚Flügeln am Fuß‘ gesprochen, hingewiesen nicht nur auf das Tänzerische, sondern Fliegen auf dem Eis als Ausdruck von Freiheit. Er hat aber zugleich den Preis genannt, der dafür ggf. zu zahlen ist: Den Tod: „Glittst du auch leicht, wie dieß Laub, ach dorthin; Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!“ so wie Georg Heym am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Havel einbrach und ertrank.

Novak brach nicht ein. Aber sie fand auch nicht den Halt, den sie suchte. Denn sie stieß konsequenterweise zusammen. Und zwar vor allem mit den Vertretern jenes neuen, sozialistischen Deutschlands, dem sie sich mit Haut und Haaren verschrieb, weil sie so nur ihre verhassten Adoptiveltern verlassen konnte. Weil sie dort zu finden glaubte, was sie von Anfang an vermisste: Zugehörigkeit, Geborgenheit. Früh erfährt sie vom „Genossen Neubert von der Kreisleitung“, wie Sprache benutzt wird als Mittel, die Welt in einer ganz bestimmten Weise und nicht anders zu sehen und zu verstehen. „Die Sprache, sagte Neubert, die Sprache verrät einen, denn es gilt, was man sagt.“
Die Wörter und Begriffe, behauptet der, hätten sehr genaue Inhalte, die man nicht durcheinander bringen dürfe, es sei denn, „man würde diese Inhalte nicht kennen … oder etwas extra verkehrt anwenden, um mit Absicht feindliche Ideologie zu verbreiten“. Die genauen Inhalte der Begriffe aber kennt die Partei. Und deswegen, so der Mann von der Kreisleitung, darf man selbst unter sich nicht alles sagen und artikulieren, wie Helga hingegen meint. Die Sprache, dieser Schlüssel zur Freiheit und Selbständigkeit, wird zum Kontrollinstrument, um festzustellen, ob jemand „Nein“ sagt oder eine andere Meinung hat als die Partei. Wenn wer die Wörter falsch wählt, z.B. das Wort „Aufrüstung“ für den notwendigen „Schutz der Staatsmaschinerie“ hat er sich schon verraten als Pazifist.

Novaks weitere Schilderung ihres Disputes mit ihrem sozialistischen Segelfluglehrer, der meint, jeder müsse ein Kontrolleur des Anderen sein, weil niemand dem Anderen trauen könne und dürfe, und wiederum dessen Auseinandersetzung mit drei Offizieren der „KVP“ wegen einer von ihm zu unterschreibenden Verpflichtungserklärung
¹⁰ gehören zu den eindrucksvollsten Darstellungen der Struktur autoritärer Macht. Der Vertreter der Macht erkennt messerscharf (wie die Partei), dass in jedem Menschen das Neinsagen steckt, die Ablehnung, der Zweifel. Deswegen dürfe niemandem vertraut werden, man darf sich auch selbst nicht vertrauen. Alle müssen von allen ständig kontrolliert werden. Das ist nicht das Menschenverständnis von Helga. Sie widerspricht:  So etwas ist nicht im Menschen angelegt, das hat sich doch jemand ausgedacht. Die Verpflichtungserklärung unterschreibt sie dennoch ohne Zögern. Das war im September 1957.

Ihr aus diesem Konflikt resultierendes widersprüchliches Verhalten ist ihr wohl bewusst. Später erklärt sie, damals, liiert mit einem isländischen Studenten, sei sie erpressbar gewesen.
¹¹ Sie hielt sich wohl – nach allem, was wir heute über sie wissen – niemals an diese Verpflichtung. Aber bei Gelegenheit war es ihr später doch wichtig, daran zu erinnern, einen gewissen Stolz darüber nach außen zu tragen und in einem offenen Brief im SPIEGEL hervorzuheben, dass auch sie keine weiße Weste habe. Und dass die anderen nie herausbekämen, was sie alles angeblich über Leute wisse, mit denen sie, Sarah Kirsch, Jürgen Fuchs und Wolf Biermann einmal befreundet waren.¹²  Mit durchaus überheblichem, nach außen die Anderen abwertenden, in Wirklichkeit aber ihre Handlungshemmung offenbarenden Gestus konstatiert sie an gleicher Stelle, lieber in Polen in den Wäldern zu leben, als sich auf einen „deutschen Richterstuhl“ zu setzen.¹³ Diese vagen und unfairen Andeutungen hatten nicht nur Verunsicherung und ziemliche Verärgerung bei den Betroffenen zur Folge, weil sie sich nicht verteidigen konnten; sie stellten die Autorin vor allem in den Mittelpunkt des Interesses. Eine Hervorhebung der eigenen Person auf Kosten anderer ist schon zumindest in einem frühen, ausdrücklich politischen Gedicht anzutreffen.

In dem Gedicht „einem Funktionär ins Poesiealbum“ (aus: ‚Ballade von der reisenden Anna‘ (Gedichte von 1956 bis 1965) formuliert sie: „wo du gehst stand eine Kiefer / ich habe sie abgeschlagen“ oder: die kinderreiche Stadt die du /durchschreitest habe ich erbaut“ oder: „auch als ich in die Uniform stieg/marschierte ich vorüber / an deinem weisen politischen Glotzen.“ Die Hervorhebungen stammen vom Autor. Für die vordergründig gewollte politische Aussage wäre ein „wir“ anstatt „ich“ zweifellos angemessener. Aber die Selbststilisierung siegt. Tatsächlich ist das hier in den Vordergrund geschobene ‚Ich‘ der literarische Ausgleich für die ihr wegen ihres Widerspruchsgeistes abgeschnittene praktische Handlungsmöglichkeit. Das gesteigerte Ich-Gefühl selbst Ausdruck eines modernen Melancholiegefühls.
¹⁴

Sie ist zu intelligent, um den Missbrauch der Sprache durch die Herrschenden als Kontrollinstrument selbst der Gedanken nicht zu bemerken. Ihre Reaktion darauf bleibt ihr zunächst aber selbst ein Rätsel: „Selbst was ich einsehe, sehe ich oft nicht ein. Und deswegen fühle ich mich dauernd irgendwie belastet … Wie oft habe ich mir vorgenommen, meine Aufgaben zu erfüllen. Sofort packt mich eine schreckliche Lähmung … Ich falle über meine Gedanken, die ich nicht zu äußern wage
¹⁵.

Die weitere Entwicklung dieses Widerspruches führt schließlich zum Bruch mit dem System, nicht aber angeblich mit dem Kommunismus, wie sie noch 1991 behauptet.
¹⁶ Dieser hier sehr lapidar getroffenen Feststellung liegt freilich ein langer und vielschichtiger Prozess zugrunde, über den die drei Bände ihrer Biographie Auskunft geben. Der Bruch mit dem System geschah erstmals nach außen hin sichtbar, indem sie bei einer Vollversammlung der Journalistikstudenten der Uni Leipzig, zu dem in einer Resolution gegen sie und einer Mitstudentin erhobenen Vorwurf mangelnder Beteiligung an der Wahl, trotz Aufforderung keine Stellungnahme abgab, sondern sich die Freiheit nahm, den Saal einfach zu verlassen. Das wiederum ereignete sich im November 1957, nur zwei Monate, nachdem sie die Stasi-Verpflichtungserklärung unterzeichnet hatte. In der schon erwähnten Tragoballade vom Spitzel Winfried Schütze beschreibt sie im Grunde ihre eigene Situation: der schlechtste Staat auf dieser Welt / ist der der sich die Spitzel hält.

Es bleibt demnach eine Ambivalenz und ein Widerspruch zwischen Anspruch und Realität, zwischen politischem Wunsch (auch dem des Dazugehörens) und tatsächlichem Verhalten und realer Handlungsmöglichkeit über Jahrzehnte hinweg. Der Ausweg ist Melancholie und Schreiben, melancholisches Schreiben.
¹⁷  


 
 

IV. Gegen Melancholie ist kein Kraut gewachsen


Es wäre Aufgabe einer umfassenden Biographie über Helga M. Novak, den genauen Zusammenhang herauszuarbeiten und darzustellen zwischen früh (schon im frühesten Kindesalter) erfahrenen Liebes- und Handlungsverlusten, insbesondere durch ihre – im Gefüge der im Aufbau sich befindenden DDR – erfahrene, politische Sozialisation einerseits und ihrem Schreiben, ihrer Poetologie, die sich durch „virtuose Handhabung formaler Strategien“ und „großer Strenge“
¹⁸  und ja, Schönheit (was immer das sei), auszeichnet, andererseits. Ihre Lebensgeschichte führt jedenfalls unmittelbar zu einer Poetologie der Melancholie. Sie selbst wusste das und hat sich reflexiv und literarisch bewusst damit auseinandergesetzt.

So erscheint verhältnismäßig unvermittelt im zweiten Band ihrer Biographie („Vogel federlos“) an der Stelle, wo sie die Einquartierung von vier Mädchen der elften Klasse des von ihr besuchten staatlichen Internats schildert, plötzlich eine Beschreibung von Dürers ‚Melencolia“. Es handelt sich um eine Schlüsselstelle für das Gesamtwerk der Novak und soll deswegen hier wörtlich wiedergegeben werden:

Es gibt kein Mädchen, das ich besser verstehe als Dürers Melencolia. Mit diesem Irrsinn in den Augen und wie sie wegstiert. Warum, für wen, wozu noch aufstehen und fliegen und wohin überhaupt? An jedem anderen Ziel würde es genauso sein wie hier – nicht nur wegen der Finsternis in ihrem Kopf. Es ist alles einfach dunkel und undurchsichtig und unveränderbar, weil sie es mit ihren Vorstellungen vergleicht, mit dem, was sie sich vorher ausgemalt hat. So kann sie auch gleich bleiben wo und wie sie ist. Sie braucht gar nicht erst aufzuräumen: sinnloses Herumfuhrwerken, wie lächerlich! Hierhin laufen, dorthin kriechen, alles aufheben um es anderswo abzulegen? Oder widerspruchslos nur das machen, was Tages- und Stundenplan vorschreiben. Das sind alles keine Taten. Sinnloser Zeitvertreib, um nichts zu tun. Der kleine steinerne Engel neben ihr scheint Schularbeiten zu machen, oder aber er tut nur so, als ob er etwas täte. Melencolia ist nicht stumpfsinnig, sie ist gelähmt. Es ist eben alles grau in grau und ich glaube, ihr graut vor was.¹⁹



 
 
 
 
 


Keine Frage: Die Autorin beschreibt – vordergründig naiv, aber in der Sache sehr präzise
²⁰ – Dürers berühmten Stich, aber sie schildert zugleich sich selbst und ihre eigene subjektiv empfundene Situation. Indem sie sich in Dürers Melencolia wiedererkennt und sich mit ihr vergleicht, eröffnet sie gleichsam ein ganzes Universum von Interpretations- und Verständnismöglichkeiten ihres eigenen Handelns und Schreibens, welches an dieser Stelle nicht durchschritten werden kann.²¹  Zugleich tritt sie ein in die Reihe derjenigen, die Dürers Stich zum Medium der Selbstreflexion ihrer Kunst, „des geschichtlichen Standorts des Intellektuellen und der historischen Leidenserfahrung dieses Jahrhunderts“²² machen.  

Diese Selbstreflexion wird von der Autorin im zweiten Band ihrer Biographie, einige wenige Seiten weiter, beispielhaft geschildert anhand einer Diskussion mit ihrer ihr zunächst wohlgesonnenen und ideologisch hundertprozentigen Lehrerin, einem Fräulein Gerloff während eines Schülertanzabends. Auch diese Szene ist eine Schlüsselstelle im Werk der Dichterin. Diese meint, Helgas melancholisches Temperament komme von der schwarzen Galle, und die fließe wieder ab, wenn sie Kamillentee trinke.
²³ Die Lehrerin argumentiert in der Mitte des 20. Jahrhunderts also mit frühmittelalterlichem Wissen. Helga hingegen beharrt darauf, dass Melancholie viel mehr mit Denken und Einbildung zu tun habe. Und sie verweist darauf, dass in Dürers Stich die Melencolia einen Kranz aus Heilkräutern auf dem Kopf habe, „die Kresse ist dabei“²⁴ – und ihr dieser gerade nicht geholfen habe (also Kamillentee erst recht nicht hilft). Diese medizinischen Stengel hält sie für Firlefanz. Sie klärt ihre Lehrerin auf: Selbst Geldtasche und Schlüssel hängen ihr liederlich am Kleid runter, unordentlich, sie haben jeglichen Sinn verloren … Melencolia will nichts haben, nichts hüten, nichts beherrschen, nichts tun und fragt nichtmal mehr, wozu oder warum nicht. Dabei kommt ihre Trübsal bestimmt nicht aus mangelnder Kenntnis, im Gegenteil. Sie weiß schon alles. Sie kennt das Ergebnis ihrer Unternehmungen im Voraus, das Ende ist gegenwärtig. Deswegen tut sie nichts mehr Anderes als hocken, grübeln, sinnieren, brüten. Dieser Melencolia geht kein Licht mehr auf. Die Wasserwage ist ausgeglichen, die Sanduhr abgelaufen. Die Werkzeuge und Dinge, die um die Figur herumliegen, erwähnt die Autorin auch an dieser Stelle erst gar nicht, weil Melencolia sie nicht wahrnimmt.²⁵ Helga schließt mit der respektlosen Bemerkung Die Flügel (der Melencolia) sind nur Zierde, sie könnten von Hühnern sein, denn sie tragen nicht.²⁶ Der Vergleich der Flügel der Melencolia mit profanen Hühnerflügeln dürfte in der nunmehr vierhundertjährigen Rezeptionsgeschichte des Dürerschen Stiches einmalig sein. Gerloff gibt ihr Lächeln auf und erklärt, sie verstehe Helgas Hochmut, weil sich an diesem Tanzabend keiner um sie kümmere, Helga also einsam sei. Selbst die Gerloff wendet sich von ihr ab und den Tanzenden zu.

Das Eigentümliche der Darstellung ihres Monologs über Dürers Stich gegenüber der Lehrerin Gisela Gerloff ist ein in den Bericht eingestreutes, ihn an zwei Stellen unterbrechendes, eigenes, betont naiv gehaltenes Gedicht: Hallo, kleines Fräulein, / haben sie heut Zeit, / mit mir auszugehen, / nur zum Zeitvertreib? / Wir gehen über Felder, /streifen durch den Wald, / kein Mensch wird uns sehen, / weder Jung noch Alt. / Wenn es dann schon dunkel, / Stern um Stern uns lacht, / werde ich dich küssen, / halt im Arm dich sacht. / Dann sind wir so selig, / wie im Paradies. / Gisela ich lieb dich, / du bist süß. Dieses Gedicht scheint oberflächlich eine ironische Verhöhnung der Naivität der Lehrerin Gerloff zu sein. Aber in Wirklichkeit ist es das literarische Kraut, welches erfolglos gegen die Melancholie eingesetzt wird, gegen Einsamkeit, gegen Untröstlichkeit. Dieser ‚Gegentext‘ soll den Bann der Melancholie brechen, vermag es aber nicht.

Diese gesamte Szene bestätigt dreierlei: Einmal ist der Melancholiker ein Fremdkörper im Gefüge der Macht. Für die Mächtigen, denen das Lachen über die Erzählungen der Melancholiker vergeht, ist er unbegreiflich, weil er unfassbar für sie ist.
²⁷ Zweitens wird die Einsamkeit als Quelle der Melancholie erkennbar und zwar durch Isolierung von den Anderen, die dazugehören (den Tanzenden, von der Lehrerin Gerloff), von der Macht also, und die Verzweiflung an einer Ordnung, die nicht zu durchbrechen ist.²⁸ Zum Dritten ist es gerade in einer Gesellschaft, die meint, eine Utopie zu verwirklichen (hier: den Sozialismus), höchst gefährlich, die eigene Melancholie unter Strafe des Ausschlusses aus dieser Gesellschaft zu zeigen und zu ihr zu stehen. Sie ist verboten und wird bei Entdeckung zum Verschwinden gebracht.

Genau dieses Charakteristikum der Melancholia reflektiert sie in dem gleichnamigen Gedicht, welches sich – sozusagen naturgemäß – in dem Band „Silvatica“ findet, ausführlich:

Melancholie schöne Stellung
paß bloß auf daß dich keiner sieht
wie Du in Szene sitzt am Ufer
eines flüsternden Gewässers dort
Melancholie Erinnerungslose
sieh zu daß du keinem ins Auge
fällst daß niemand dir in den Ohren
liegt deine geistlose Abwesenheit
stört und dich zunichte macht
Melancholie flüchtige Erlösung
selbstvergessen durch alles durch-
blickend am gekräuselten Seeufer
so dich einer sieht bist du dahin
der Widerhall in eines Menschen
Antlitz bricht dir die Flügel gleich
Melancholie gnädige Trösterin.


Hier sind bemerkenswert die der Melancholie zugeschriebenen Eigenschaften: „schöne Stellung“, „Erinnerungslose“, „flüchtige Erlösung“ und schließlich „gnädige Trösterin.“ Es sind indes Eigenschaften, die Einsamkeit voraussetzen, denn ihr Widerhall im Antlitz eines Menschen bricht ihr die Flügel, sie darf nicht gesehen werden.  

Dieses Gedicht und der ganze Gedichtband „Silvatica“ sind als Folge ihres jahrelangen Aufenthaltes allein in einem Haus in einem polnischen Wald in Masuren zu lesen. Es war dies eine Flucht in die Einsamkeit, die schlichte Konsequenz ihres melancholischen Charakters, zu dem eben auch die Einsamkeitsliebe gehört. Die Einsamkeit war schon im 18 Jahrhundert und in der Literatur jenes Zeitalters bekanntlich ein Thema. Den Schriftstellern wurde gar empfohlen, sich „von den Menschen abzusondern, Wälder und Schatten zu suchen, ganz in sich hineinzugehen. Also ist alles, was sie thun, und alles was sie gewinnen, immer eine Wirkung der Einsamkeit“.
²⁹ Dieser Empfehlung ist die Novak gefolgt.

Der Wald wird demnach zum sinnlich wahrnehmbaren Ort der Einsamkeit, an dem die schöne, flüchtige, empfindliche Melancholie existieren kann. In dem Gedicht „Dieser Wald“ hat Helga M. Novak diese Waldcharakteristik so zum Ausdruck gebracht:

dieser Wald Traum meiner Kinderjahre unentwegtes Gehen
Erfüllung und Erinnerung Wald so zerschossen und
gerupft dieser Wald und kein anderer meine
wiederkehrende Deckung zärtlicher Schutz erlösendes
Untertauchen laufend einhaltend schlafend und zerstochen
auffahre ich und weiter und rein immer tiefer
dieser Wald so laut und verschwiegen so wärmend
und kühl so belebte Stille...
mein Obdach und meine Verwilderung…
dieser Wald in dem ich nie alleine bin mit meiner
heilsamen Einsamkeit …“


Noch in einem ganz späten Gedicht „Gangart“
³⁰ heißt es: die Alte zieht los / der Wald zieht sie an. Der Wald bleibt ihr Sehnsuchtsort.

Keines der Gedichtbände von Helga M. Novak ist so eindeutig und gewollt durch die Melancholie und die Reflexion darüber motiviert wie „Silvatica“. Ihr Schreiben wird hier besonders deutlich erkennbar als Folge und Ausweg für ihre Isolation, als „Entladung“
³¹ oder Ersatz für die erfahrene Handlungshemmung durch Ausschluss von der Macht, der Teilhabe an gemeinschaftlichem Handeln, verursacht durch ihre Reflexionsfähigkeit, ihr ständiges Widersprechen, ihre Fähigkeit, Nein zu sagen.


 
 

V.  Zuletzt: Das Meer, von Anfang an


Vom Meer soll hier die Rede sein, weil es die unermesslichste der melancholischen von Helga M. Novak verwandten Metaphern ist. Bekanntlich bleibt das Meer eine Kern- und Schlüsselmetapher der europäischen Literatur seit ihrem Beginn, seit Homer jedenfalls. Gleiches gilt für den Schiffbruch.
³² Seefahrt und Schiffbruch sind seit alters her als Bilder und Gleichnisse für die Fährnisse des Lebens in Gebrauch. Als Erinnerungsstichworte seien hier nur die „Odyssee“, das „Floß der ‚Medusa‘“ oder „Moby Dick“ genannt (ein in unseren Breiten völlig unterschätzter Roman). Hans Magnus Enzensberger hat in seinem „Museum der modernen Poesie“ Gedichten über die Meere ein eigenes Kapitel gewidmet³³. Der Philosoph Hans Blumenberg deutet die nautische Daseinsmetaphorik als Grenzüberschreitung, weil das Meer die naturgegebene Grenze des Raumes menschlicher Unternehmungen darstellt und zugleich als Sphäre der Unberechenbarkeit, Gesetzlosigkeit und Orientierungswidrigkeit wirkt: Es stehe für „die rohe, alles verschlingende und in sich zurückholende Materie“³⁴.

Auch Helga M. Novak entkam dem Meer nicht, gerade sie entkam ihm nicht. Meer und Schiff erscheinen zwar nicht oft, nicht übermäßig in ihren Texten. Aber an entscheidenden Stellen sind sie präsent als Thema, auch in ihrer Biographie. Meer und Schiff sind Bestandteile ihrer ersten und ältesten Erinnerung, geschildert am Beginn des ersten Bandes ihrer Biographie (Die Eisheiligen): „Das Wasser ist resedagrün und mit Schaum gesprenkelt. Ich stehe neben Kaltesophie und betrachte ein Schiff.
³⁵  Mit diesen beiden Sätzen wird die früheste Erinnerung der Autorin wiedergegeben, beginnt ihre Erinnerung an ihr Leben, beginnt die dreibändige Biographie. Weiter: „Weit draußen ein helles Schiff … aus dem unverhofft ein dunkles, betäubendes, himmelschreiendes Heulen hervordringt.“ ‚Unverhofft‘ nennt die Autorin das himmelschreiende Heulen, ein in dieser Situation nicht unbedingt naheliegendes Adjektiv. Aber damit ist schon die seit Anfang an bestehende heimliche Verbindung Helgas mit Meer und Schiff zum Ausdruck gebracht, ohne dass sie es vielleicht selbst wusste. Weiter: „Wieder und wieder jagt das Schiff dieses Heulen aus sich heraus. Ich halte mir die Ohren zu und höre es trotzdem. Ich bin vollkommen eingehüllt in die Sirenentöne. … Ich will, dass das Schiff aufhört zu brüllen und herkommt.³⁶“ Das brüllende Schiff ist keine Bedrohung, sondern ein Sehnsuchtsding, das herkommen soll zu ihr.

Am Ende des letzten Gedichtes in ihrem letzten Gedichtband ‚Aus Wut‘ mit dem Titel „Freischwebend“ behauptet die Autorin:

das Meer z.B. und ich
wir sind Geschwister.
das richtige Meer meine ich
keine umringten Teiche und Lachen
die hohe See kennt mich sie wartet


Es ist kaum eine stärkere Symbolik denkbar für die Beschreibung der eigenen Befindlichkeit, für ein Überschreiten eigener Grenzen in ein Medium, das nichts Menschliches an sich hat, als zu behaupten, dieses Medium sei ein Geschwister von einem selbst. Novak ist mit diesem Gefühl, mit dieser Verbundenheit zum Meer, wie angedeutet, keineswegs allein. In Gabriela Mistrals Langgedicht „Der Tod des Meeres“ heißt es an einer Stelle: „Thalassa, alte Thalassa / grüne, flüchtige Rücken! / Wenn wir verlassen, / rufe uns zu dir, wo immer du weilst“.
³⁷ Die portugiesische Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen (um ein weiteres von nahezu unzähligen Beispielen zu nennen) drückt das Einssein mit dem Meer in ihrem Gedicht „Meer“ so aus: „Von allen Ecken und Enden dieser Welt / lieb ich mit stärkster tiefster Liebe / den nackten, den verzückten Strand, / wo ich eins wurde mit dem Meer, dem Wind dem Mond“.³⁸

Während Sophia als Poetin der klassischen Moderne auf der Grundlage klassischer Bildung die klassischen Topoi der Moderne zum Mittel der Darstellung ihrer existentiellen Befindlichkeit hernimmt, meint es Helga konkret – sie ist tatsächlich zur See gefahren, auf dem Fischtrawler ‚Fylkir‘ von Island nach Deutschland. Und das Schiff ist ihr ein Glücksort: „Trotz starkem Seegang habe ich hier auf dem Schiff mehr Glück als erwartet.
³⁹ Sie hat in einer Fischfabrik Heringe tonnenweise ausgenommen und eingesalzen. Und beschreibt dieses Handwerk präzise: „Ich greife mit der linken Hand einen Hering und drücke ihn auf die Platte, der Kopf befindet sich rechts, ich drücke ihn also auf den Bauch, und wenn ich das tödlich scharfe Messer in seinem Nacken ansetze und den Kopf nicht ganz abtrenne, sondern vorher mit einem Ruck daran ziehe, dann verlassen alle Innereien den Körper, weil sie am Kopf hängen bleiben.“⁴⁰

Die See entlässt andere Charaktere als das Landleben
⁴¹ stellt sie lapidar fest, als sie mit der Besatzung eines Heringsbootes zwei Literflaschen finnischen Wodkas leert. In Palermo steht sie am Meeresrand, um zu beobachten, wie die zwei Männer, die mit ihr sind, mit von ihr in einer Apotheke gekauftem Dynamit draußen Fischfang betreiben, weil sie alle nichts mehr zu essen haben.

Meeres- und Schiffsbilder kommen wiederholt in ihren Gedichten zur Geltung. Beispiele sind: In dem Gedicht „Schiff ohne Nagel“: wird ihr Brief an den Geliebten zu einem „Langschiff / besetzt mit vierzig Rudern“, das letzte dieser Schiffe war „ganz ohne Nagel … rein aus Holz und gebunden.“ In dem Gedicht „Seenot“ sind zwei schlingernde, verlorene Faltboote im Rinnstein Gegenstand der Beschreibung. Das Gedicht „die letzte Dampferfahrt im Herbst“ ist die Schilderung des endgültigen Bruchs mit der verhassten Adoptivmutter: „möge das Boot auflaufen und zerspellen / möge Eis die Brücken wegreißen und zwar gleich / die Meere draußen bändigt kein Frost / und in meinem Kopf bändigt keiner die Sirenen …/ und nie wieder und weit weg für immer.“ In „Globetrotter heute“ schreibt sie: manchmal ist der Tod einem Meerestier gleich / eine Riesenkrake mit gezielten Griffen / Tenktakel wo die sich rankleben wächst / kein Gras mehr vergessen die Völkerbälle. In einem der „Epigramme für Dich und mich“ heißt es: zu spät erscheinen / die Seelenverkäufer/ wo neulich ein Frachtboot / vor Anker ging / das meine frühen Vorbilder / einfach gelöscht hat / deren verfallene Daten.

Ihre Aussage: „die hohe See kennt mich sie wartet“, ist bei aller Metaphorik zugleich eine erfahrungsgesättigte melancholische Geste sich selbst gegenüber: Nicht Menschen warten auf sie, die sind im Zweifel immer nicht da, sondern die unmenschliche See. Auf sie ist Verlass.

In Auseinandersetzung mit dem Meer, das indessen nicht eins ist mir ihr, das sie nicht beachtet, mit dem sie aber eins sein will, findet sich eines der schönsten Bilder der Meereslandschaft:

Das Meer ist ein Auge⁴²



Der Text mit dieser ersten Zeile steht an der Stelle in ihrer Biographie, in der sie schildert, wie sie nach dem endlich geschafften Abitur und Abiturientenball mit einem Egbert knutscht, und der dann plötzlich „unheimlich wütend“ wird.
⁴³  Weiter heißt es im Text:

weit aufgerissen
mal tränt es
dann wieder Starre
……
ein Auge das uns nicht ansieht
nicht reagiert auf unser Auge
wir sind ihm egal
nur daß seine Lider sich niemals schließen.
Schläft es mit offenem Auge?
Das Meer schläft nicht
Nichts was zu mir paßt läßt sich
auf dieses ewige Auge anwenden.
Es macht mich böse
weil mir dem Wasser gegenüber nichts bleibt
als meine Hingabe zu verweigern.
⁴⁴



Diese Verweigerung wird metaphorisch verbrämt und begründet mit der vermeintlichen Eigenart des Meeres, nicht zu schlafen, und dass es als ewiges Auge sie nicht sieht. Das Bild des Meeres als Auge dient ihr als Entlastung für ihr Unerkanntsein.

Das Bild des Meeres als nie schlafendes Auge der Erde hat vor Helga schon der amerikanische Dichter John Robinson Jeffers (1887 – 1962) verwandt in seinem Gedicht: „Das Auge“
⁴⁵. Dort heißt es am Ende: „dies sind die Lider die sich nimmer schließen, / dies ist das schlaflos-starre Auge der Erde, / und was es betrachtet, sind nicht unsere Kriege.“ In seinem Antikriegsgedicht kam es dem Dichter Jeffers an auf die Tatsache, dass das Meer existiert, ohne dass es der Menschen bedarf. Deren Kriege sieht es erst gar nicht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Helga dieses Gedicht aus Enzensbergers Museum der modernen Poesie kannte. Wenn sie es kannte, hat sie sofort verstanden, dass dieses Bild des Meeres als nie schlafendes „Auge“, das die niederen Kriege der Menschen gar nicht erst sieht, etwas mit ihr ganz persönlich zu tun hat, sie selbst betrifft: Auch sie wird von ihm nicht „gesehen“ und verweigert sich ihm deswegen.

Der Zweispalt, der auf der einen Seite aus der Angst besteht vor diesem Auge des Meeres und zum anderen aus dem grenzenlosen Mut, das Meer zu befahren, immer zu fahren, ist ihr bewusst. Das Meer bleibt als Sehnsuchtsort anwesend. Im Gedicht „Ich bekenne mich zu den fließenden Gewässern“ schreibt sie:

….manchmal aber befällt
mich ein grenzenloser Mut und ich bekenne
mich rückhaltlos zu den Strömen und Tümpeln vor allem
bekenne ich für immer meine Liebe zu den Meeren.


Schließlich fehlt auch in Dürers Kupferstich die Meereslandschaft mit überschwemmten Küsten im Hintergrund nicht. Saturn galt antiken und arabischen Astrologen als Herr der Seefahrt und der Meere, somit verantwortlich auch für Hochfluten und Überschwemmungen. Und es waren die Melancholiker, die solche Unglücke prophezeien konnten
⁴⁶.

Das Meer ist demnach ebenfalls als Bild der Melancholie zu deuten, der Liebe zum Meer liegt ein melancholisches Motiv zugrunde. Weil es eine Liebe ist, von der die Liebenden wissen, dass sie nicht erwidert wird, dass sie nur Einbildung ist.


 
 

VI. Vorläufiger Schlusspunkt


Was mich also hinein- oder hinabgezogen hat in die Gedichte und autobiographischen Texte Helga M. Novaks ist deren melancholischer Gestus, ist deren Herkunft aus einem ‚Geist der Melancholie‘. Vollständig kann diese Skizze eines Zusammenhangs zwischen Lebensgeschichte und Dichtung, zwischen Melancholie und Sprache natürlich nicht sein. Viele exemplarische Gedichte bleiben unerwähnt, möglicherweise habe ich poetische Gegenbeispiele übersehen. Vor allem aber sind die politischen Implikationen ihrer Gedichte aus Mangel an ausreichender Kenntnis der Geschichte der frühen DDR und der Lebensläufe und Werke der sogenannten „Dissidenten“, mit denen sie sich (gerne) umgab, nicht ausreichend ausgelotet und berücksichtigt. Ihr zum Teil befremdendes widersprüchliches Verhalten streife ich nur. All das in einen Zusammenhang zu bringen, kann nur eine Biographie leisten.

Nicht weiter nachgegangen bin ich deswegen auch der Frage, ob der „Schwanenhals“, diese Bezeichnung aus dem Jägerlatein für eine aus zwei zuschnappenden Eisen bestehende Falle (oftmals ziehen die gefangenen Tiere das Eisen bis zum Tode hinter sich her. Manche beißen sich den eigenen Fuß ab, um irgendwie wieder frei zu kommen
⁴⁷) und das darin gefangene Tier – also Helga selbst - sozusagen noch zum Arsenal melancholischer Bilder gehören oder doch zu etwas anderem, nämlich zur hilflosen Wut („Wut“ ist der Titel ihres letzten Gedichtbandes) und / oder der Angst („Portrait einer Angst“ lautet die Überschrift des letzten Kapitels ihres dritten und letzten autobiographischen Bandes ‚Im Schwanenhals‘), aus der die Melancholie, diese „flüchtige Erlöserin“ und „gnädige Trösterin“ endgültig verschwunden ist.⁴⁸

Es bleibt festzuhalten: Helga M. Novak ist die deutsche melancholische und politische Dichterin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts par excellence. Weil sie selbst das melancholische Motiv ihrer Dichtung offenlegte und reflektierte. Weil sie die lebensgeschichtlich-individuellen und politisch-gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Melancholie selbstkritisch und entwaffnend von früh an offenbarte und umsetzte in intelligente, virtuose deutschsprachige Dichtung. Eine Dichtung, wie sie heute nicht mehr geschrieben werden kann, weil ihre gesellschaftlich-politischen Voraussetzungen dafür nicht mehr existieren und es deswegen eine Biographie wie die der Novak nicht mehr geben kann. Ihre Dichtung ist insofern nicht exemplarisch, sondern singulär.

Diese Singularität verweist auf einen anderen, ich möchte sagen, ‚Großmelancholiker‘ der deutschen Literatur nach dem 2. Weltkrieg, auf W. G. Sebald, einem melancholischen Prosaisten par excellence.
⁴⁹ Er hat trotz aller unübersehbaren Unterschiede mit Helga M. Novak eines gemeinsam: Beide, sie aus Ostdeutschland, er aus Westdeutschland, waren im Deutschland der Nachkriegszeit nicht zu Hause, konnten in diesem Deutschland nicht zu Hause sein. Diese „Heimatlosigkeit“ und die daraus erwachsende Melancholie haben sie literarisch umgesetzt und damit eine jeweils spannende, hochartifizielle, ausdrücklich politische Literatur hervorgebracht. Diesen Zusammenhang zweier ganz unterschiedlicher Personen offenzulegen und fruchtbar zu machen, könnte interessant sein für eine notwendige Erkenntnis unserer politisch-kulturellen Herkunft.


 
 

VII. Bibliographischer Hinweis


Nahezu alle erwähnten Werke und Gedichtbände sind erschienen im Verlag Schöffling & Co., Frankfurt:

- Silvatica, 1997
- solange noch Liebesbriefe eintreffen, Gesammelte Gedichte zweite Auflage 2008;
- wo ich jetzt bin, Gedichte, ausgewählt von Michael Lentz, 2005
- Helga M. Novak zum Gedächtnis, 2014, mit letzten, bis dahin noch nicht veröffentlichten   Gedichten
- Die Eisheiligen, Erster Band ihrer Biographie, 1998, erstmals erschienen 1979.
- Vogel federlos, zweiter Bank ihrer Biographie, 1998, erstmals erschienen1982,
- Im Schwanenhals, dritter Bank ihrer Biographie, 2013

Hingewiesen sei noch auf eine Auswahl von Gedichten, die in der Reihe ‚Poesiealbum‘ mit der Nr. 320 im Märkischen Verlag Wilhelmshorst 2015 erschienen. Darin sind u.a. weitere Erstveröffentlichungen enthalten und – soweit ersichtlich - das Gedicht Das Meer ist ein Auge erstmals außerhalb ihrer Biographie.


_____________

 
 

¹ Natürlich hätte ich von der Deutschen Botschaft in Reykjavik einen westdeutschen Pass bekommen, aber die Bundesrepublik war mit ebenso wenig geheuer wie die DDR. Ich vermutete dort allzu viele Revanchisten und versteckte Nazis und wollte mit jenem Deutschland nichts zu tun haben.
Aus: Im Schwanenhals [IS], S.243 Vergl. zu ihrem stets ambivalenten und z.T. widersprüchlichen Verhältnis zur DDR und zu Westdeutschland, ihren Freunden/Bekannten hier wie dort, die betont kritische Darstellung von Hannes Schwenger: Helga M Novak. Die Wutbürgerin, in: Der Tagesspiegel vom 10.08.2013

²  Vogel Federlos [VF], Seite 137.
³  
Die Eisheiligen [DE], Seite 20.
Im Schwanenhals [IS], Seite 20.
Siehe nachfolgendes Kapitel.
Vgl. dazu Georg Steiner: Von realer Gegenwart, München 1990, S. 131 ff.
⁷  Steiner, a.a.O. S. 187.
Bora Ćosić: Die Tutoren, S. 30.
VF Seite 27.
¹⁰
VF, Seite 232 -235.

¹¹ So in einem offenen Brief der Autorin, veröffentlicht im SPIEGEL am 28.10.1991, nach: Astrid Köhler: Vorbemerkung zu: Klaus Schlesinger: Eine Art Beweisnotstand, in: Sinn und Form 3/2014, S.323.

¹²  Ebda.

¹³ Später hat sie im dritten Band ihrer Biographie ‚Im Schwanenhals‘ noch einmal begründet, warum sie nunmehr keine Stasispitzel denunzieren könne. Sie würde sich selber verraten, S. 326.

¹⁴ Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: „Saturn und Melancholie“, S. 338
¹⁵
VF S. 270.

¹⁶ „Seit Posen / Ungarn (`56) war ich dagegen. Nicht gegen den Kommunismus, aber gegen die asiatische Despotie.“ Zitiert aus einem offenen Brief der Autorin, veröffentlicht im SPIEGEL am 28.10.1991, vgl. Anm. 12.
¹⁷ Bedeutet die Melancholie die Reaktion der Psyche …. auf den Entzug relevanter Handlungsmöglichkeiten, so formt die Reflexion mehr die Ersatzhandlung, die erfolgt: die literarische Betätigung“ – Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft, S.193.
¹⁸ Die poetologischen Besonderheiten ihrer Gedichte können hier nur skizziert werden. Vgl. stattdessen die ausgezeichnete Darstellung ihrer Poetologie bei: Micheal Lentz: Herkunft Heimat. Eine Lektüre. Zu den Gedichten von Helga M. Novak: In Helga M. Novak, wo ich jetzt bin, Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz, Frankfurt 2005, Seite 213 ff. Überhaupt bietet diese Gedichtauswahl einen sehr guten Einstieg in das dichterische Werk.

¹⁹  VF, Seite 127.

²⁰ Vgl. dazu z.B. die Interpretation des Putto bei Klibansky, Panofsky, Saxl a.a.O. Seite 482: "Der Putto … dürfte ebenso ein Sinnbild des gedankenlosen Tuns sein, wie die Melencolia selbst ein Sinnbild des tatlosen Denkens ist. Er hat keinen Anteil an geistigem Schöpfertum, aber er hat auch keinen Anteil an der mit diesem Schöpfertum verbundenen Qual.
²¹  
Vgl. zur schier unüberschaubaren Dimension dieser Auslegungs- und Interpretationsmöglichkeiten: Hartmut Böhme: Zur literarischen Wirkungsgeschichte von Dürers Kupferstich „Melencolia I“ in: Jörg Schönert, Harro Segeberg (Hrsg.): Polyperspektivik in der literarischen Moderne. Studien zur Theorie, Geschichte und Wirkung der Literatur, Festschrift für Robert Mandelkow, Frankfurt a. M. 1988, S. 1 bis 123. Die umfassende, sehr lesenswerte und lehrreiche Darstellung Böhmes ist heute noch versteckt im Internet zu finden.

²² Zitiert aus: Hartmut Böhme, Anm. 20.
²³
VF, Seite 132 ff.

²⁴ Hier hat die Autorin erstaunlich genau gewusst, von was sie sprach, als sie die Kresse nannte, vgl. dazu Klibansky et.al., a.a.O. Seite 459, Fußnote 141, in der unter Hinweis auf weitere Autoren schließlich die Wasserkresse als eine der im Blätterkranz der Melencolia enthaltenen Pflanzen identifiziert wird. Aber konnte das Helga Novak damals in der 11. Klasse schon wissen?
²⁵ Das charakterisitsche für Dürers ‚Melencolia‘ [ist] ja gerade, dass sie mit all den Werkzeugen des Geistes und der Hand nichts tut und dass die Dinge, auf denen ihr Auge ruhen könnte, für sie gar nicht vorhanden sind. Klibansky, a.a.O., S. 447.

²⁶ VF S.133.
²⁷
So auch Lepenies, a.a.O. Seite XXII.
²⁸
Lepenies, Seite 86.
²⁹
Johann Georg Zimmermann: Über die Einsamkeit, I. Band, Leipzig 1784, zitiert nach Lepenies, a.a.O. S. 87.
³⁰ Abgedruckt in: Helga M. Novak zum Gedächtnis, Frankfurt 2014, S 11.
³¹
Vgl. dazu Lepenies, a.a.O. S. 200.
³²
Lepenies, a.a.O. Seite X.
³³
Band 1, Seite 192 - 253.
³⁴
Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer, S. 10.
³⁵
DE, Seite 7.
³⁶
ebda.
³⁷
Zitiert nach Enzensberger: Museum der modernen Poesie, Band 1, Seite 247.

³⁸ Sophia de Mello Breyner Andresen: Poemas – Gedichte, Ebenhausen, 2010, S. 9. Ob es Zufall ist, dass ich in diesem Zusammenhang nur Dichterinnen zitiere und keine Dichter, ist eine eigene Untersuchung wert.

³⁹ Im Schwanenhals [IS) Seite 221.
⁴⁰
IS, Seite 225.
⁴¹
IS, Seite 221.
⁴²
VF, Seite 295.
⁴³
Vogel Federlos, Seite 295.
⁴⁴
Dieses Gedicht ist jetzt auch abgedruckt im ‚Poesiealbum 320‘.
⁴⁵
Ebenfalls abgedruckt bei Enzensberger, Band 1 S. 235 ff.

⁴⁶ Vgl. Klibansky, Panofsky, Saxl, a.a.0. S. 457/458. Nach ihnen lässt sich die Meereslandschaft in den Saturn- und Melancholiekontext ohne weiteres einordnen.

⁴⁷ IS, Seite 58.
⁴⁸
Vergleiche statt der vielen Rezensionen dieses dritten Bandes ihrer Biographie: Jayne-Ann Igel, Ankünfte und Aufbrüche.

⁴⁹ Vgl. Schäfer-Newiger: W.G.Sebald.Austerlitz.Ich,

 
 
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