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Goethe über seinen "West-östlichen Divan" - Teil 5

Diskurs / Poetik > Poeterey


Johann Wolfgang von Goethe

Noten und Abhandlungen
zu besserem Verständnis
des West-östlichen Divans


(Teil 5)


Alttestamentliches


Nachdem ich mir nun mit der süßen Hoffnung geschmeichelt, sowohl für den Divan als für die beigefügten Erklärungen in der Folge noch manches wirken zu können, durchlaufe ich die Vorarbeiten, die, ungenutzt und unausgeführt, in zahllosen Blättern vor mir liegen; und da find’ ich denn einen Aufsatz, vor fünfundzwanzig Jahren geschrieben, auf noch ältere Papiere und Studien sich beziehend.

Aus meinen biografischen Versuchen werden sich Freunde wohl erinnern, dass ich dem ersten Buch Mosis viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet und manchen jugendlichen Tag entlang in den Paradiesen des Orients mich ergangen. Aber auch den folgenden historischen Schriften war Neigung und Fleiß zugewendet. Die vier letzten Bücher Mosis nötigten zu pünktlichen Bemühungen, und nachstehender Aufsatz enthält die wunderlichen Resultate derselben. Mag ihm nun an dieser Stelle ein Platz gegönnt sein. Denn wie alle unsere Wanderungen im Orient durch die heiligen Schriften veranlasst worden, so kehren wir immer zu denselben zurück, als den erquicklichsten, obgleich hie und da getrübten, in die Erde sich verbergenden, sodann aber rein und frisch wieder hervorspringenden Quellwassern.


Israel in der Wüste


„Da kam ein neuer König auf in Ägypten, der wusste nichts von Joseph.“ Wie dem Herrscher so auch dem Volke war das Andenken seines Wohltäters verschwunden; den Israeliten selbst scheinen die Namen ihrer Urväter nur wie altherkömmliche Klänge von weitem zu tönen. Seit vierhundert Jahren hatte sich die kleine Familie unglaublich vermehrt. Das Versprechen, ihrem großen Ahnherren von Gott unter so vielen Unwahrscheinlichkeiten getan, ist erfüllt; allein was hilft es ihnen! Gerade diese große Zahl macht sie den Haupteinwohnern des Landes verdächtig. Man sucht sie zu quälen, zu ängstigen, zu belästigen, zu vertilgen, und so sehr sich auch ihre hartnäckige Natur dagegen wehrt, so sehen sie doch ihr gänzliches Verderben wohl voraus, als man sie, ein bisheriges freies Hirtenvolk, nötiget, in und an ihren Grenzen mit eignen Händen feste Städte zu bauen, welche offenbar zu Zwing- und Kerkerplätzen für sie bestimmt sind.

Hier fragen wir nun, ehe wir weiter gehen und uns durch sonderbar, ja unglücklich redigierte Bücher mühsam durcharbeiten: Was wird uns denn als Grund, als Urstoff von den vier letzten Büchern Mosis übrig bleiben, da wir manches dabei zu erinnern, manches daraus zu entfernen für nötig finden?

Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens. Alle Epochen, in welchen der Glaube herrscht, unter welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, Herz erhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gern mit Erkenntnis des Unfruchtbaren abquälen mag.

Die vier letzten Bücher Mosis haben, wenn uns das erste den Triumph des Glaubens darstellte, den Unglauben zum Thema, der auf die kleinlichste Weise den Glauben, der sich aber freilich auch nicht in seiner ganzen Fülle zeigt, zwar nicht bestreitet und bekämpft, jedoch sich ihm von Schritt zu Schritt in den Weg schiebt und oft durch Wohltaten, öfter aber noch durch gräuliche Strafen nicht geheilt, nicht ausgerottet, sondern nur augenblicklich beschwichtigt wird und deshalb seinen schleichenden Gang dergestalt immer fortsetzt, dass ein großes, edles, auf die herrlichsten Verheißungen eines zuverlässigen Nationalgottes unternommenes Geschäft gleich in seinem Anfange zu scheitern droht und auch niemals in seiner ganzen Fülle vollendet werden kann.

Wenn uns das Ungemütliche dieses Inhalts, der, wenigstens für den ersten Augenblick, verworrene, durch das Ganze laufende Grundfaden unlustig und verdrießlich macht, so werden diese Bücher durch eine höchst traurige, unbegreifliche Redaktion ganz ungenießbar. Den Gang der Geschichte sehen wir überall gehemmt durch eingeschaltete zahllose Gesetze, von deren größtem Teil man die eigentliche Ursache und Absicht nicht einsehen kann, wenigstens nicht, warum sie in dem Augenblick gegeben worden, oder, wenn sie spätern Ursprungs sind, warum sie hier angeführt und eingeschaltet werden. Man sieht nicht ein, warum bei einem so ungeheuren Feldzuge, dem ohnehin soviel im Wege stand, man sich recht absichtlich und kleinlich bemüht, das religiöse Zeremoniengepäck zu vervielfältigen, wodurch jedes Vorwärtskommen unendlich erschwert werden muss. Man begreift nicht, warum Gesetze für die Zukunft, die noch völlig im Ungewissen schwebt, zu einer Zeit ausgesprochen werden, wo es jeden Tag, jede Stunde an Rat und Tat gebricht, und der Heerführer, der auf seinen Füßen stehen sollte, sich wiederholt aufs Angesicht wirft, um Gnaden und Strafen von oben zu erflehen, die beide nur verzettelt gereicht werden, so dass man mit dem verirrten Volke den Hauptzweck völlig aus den Augen verliert.

Um mich nun in diesem Labyrinthe zu finden, gab ich mir die Mühe, sorgfältig zu sondern, was eigentliche Erzählung ist, es mochte nun für Historie, für Fabel, oder für beides zusammen, für Poesie, gelten. Ich sonderte dieses von dem, was gelehrt und geboten wird. Unter dem ersten verstehe ich das, was allen Ländern, allen sittlichen Menschen gemäß sein würde, und unter dem zweiten, was das Volk Israels besonders angeht und verbindet. Inwiefern mir das gelungen, wage ich selbst kaum zu beurteilen, indem ich gegenwärtig nicht in der Lage bin, jene Studien nochmals vorzunehmen, sondern was ich hieraus aufzustellen gedenke, aus früheren und späteren Papieren, wie es der Augenblick erlaubt, zusammentrage. Zwei Dinge sind es daher auf die ich die Aufmerksamkeit meiner Leser zu richten wünschte. Erstlich auf die Entwicklung der ganzen Begebenheit dieses wunderlichen Zugs aus dem Charakter des Feldherrn, der anfangs nicht in dem günstigsten Lichte erscheint, und zweitens auf die Vermutung, dass der Zug keine vierzig, sondern kaum zwei Jahre gedauert; wodurch denn eben der Feldherr, dessen Betragen wir zuerst tadeln mussten, wieder gerechtfertigt und zu Ehren gebracht, zugleich aber auch die Ehre des Nationalgottes gegen den Unglimpf einer Härte, die noch unerfreulicher ist als die Halsstarrigkeit eines Volks, gerettet und beinah in seiner früheren Reinheit wiederhergestellt wird.

Erinnern wir uns nun zuerst des israelitischen Volkes in Ägypten, an dessen bedrängter Lage die späteste Nachwelt aufgerufen ist teilzunehmen. Unter diesem Geschlecht, aus dem gewaltsamen Stamme Levi, tritt ein gewaltsamer Mann hervor; lebhaftes Gefühl von Recht und Unrecht bezeichnen denselben. Würdig seiner grimmigen Ahnherren erscheint er, von denen der Stammvater ausruft: „Die Brüder Simeon und Levi! Ihre Schwerter sind mörderische Waffen; meine Seele komme nicht in ihren Rat, und meine Ehre sei nicht in ihrer Versammlung! Denn in ihrem Zorn haben sie den Mann erwürgt, und in ihrem Mutwillen haben sie den Ochsen verderbt! Verflucht sei ihr Zorn, dass er so heftig ist, und ihr Grimm, dass er so störrig ist! Ich will sie zerstreuen in Jakob und zerstreuen in Israel.“

Völlig nun in solchem Sinne kündigt sich Moses an. Den Ägypter, der einen Israeliten misshandelt, erschlägt er heimlich. Sein patriotischer Meuchelmord wird entdeckt, und er muss entfliehen. Wer, eine solche Handlung begehend, sich als bloßen Naturmenschen darstellt, nach dessen Erziehung hat man nicht Ursache zu fragen. Er sei von einer Fürstin als Knabe begünstigt, er sei am Hofe erzogen worden, nichts hat auf ihn gewirkt; er ist ein trefflicher, starker Mann geworden, aber unter allen Verhältnissen roh geblieben. Und als einen solchen kräftigen, kurz gebundenen, verschlossenen, der Mitteilung unfähigen finden wir ihn auch in der Verbannung wieder. Seine kühne Faust erwirbt ihm die Neigung eines midianitischen Fürstenpriesters, der ihn sogleich mit seiner Familie verbindet. Nun lernt er die Wüste kennen, wo er künftig in dem beschwerlichen Amt eines Heerführers auftreten soll.

Und nun lasset uns vor allen Dingen einen Blick auf die Midianiter werfen, unter welchen sich Moses gegenwärtig befindet. Wir haben sie als ein großes Volk anzuerkennen, das, wie alle nomadischen und handelnden Völker, durch mannigfaltige Beschäftigung seiner Stämme, durch eine bewegliche Ausbreitung noch größer erscheint, als es ist. Wir finden die Midianiter am Berge Horeb, an der westlichen Seite des kleinen Meerbusens und sodann bis gegen Moab und den Arnon. Schon zeitig fanden wir sie als Handelsleute, die selbst durch Kanaan karawanenweise nach Ägypten ziehen.

Unter einem solchen gebildeten Volk lebt nunmehr Moses, aber auch als ein abgesonderter, verschlossener Hirte. In dem traurigsten Zustand, in welchem ein trefflicher Mann sich nur befinden mag, der, nicht zum Denken und Überlegen geboren, bloß nach Tat sterbt, sehen wir ihn einsam in der Wüste, stets im Geiste beschäftigt mit den Schicksalen seines Volks, immer zu dem Gott seiner Ahnherren gewendet, ängstlich die Verbannung fühlend aus einem Lande, das, ohne der Väter Land zu sein, doch gegenwärtig das Vaterland seines Volks ist; zu schwach, durch seine Faust in diesem großen Anliegen zu wirken, unfähig, einen Plan zu entwerfen, und wenn er ihn entwürfe, ungeschickt zu jeder Unterhandlung, zu einem die Persönlichkeit begünstigenden, zusammenhängenden mündlichen Vortrag. Kein Wunder wär’ es, wenn in solchem Zustand eine so starke Natur sich selbst verzehrte.

Einigen Trost kann ihm in dieser Lage die Verbindung geben, die ihm durch hin und wider zeihende Karawanen mit den Seinigen erhaltne wird. Nach manchem Zweifel und Zögern entschließt er sich, zurückzukehren und des Volkes Retter zu werden. Aaron, sein Bruder, kommt ihm entgegen, und nun erfährt er, dass die Gärung im Volke aufs höchste gestiegen sei. Jetzt dürfen es beide Brüder wagen, sich als Repräsentanten vor den König zu stellen. Allein dieser zeigt sich nichts weniger als geneigt, eine große Anzahl Menschen, die sich seit Jahrhunderten in seinem Lande aus einem Hirtenvolk zum Ackerbau, zu Handwerken und Künsten gebildet, sich mit seinen Untertanen vermischt haben, und deren ungeschlachte Masse wenigstens bei Errichtung ungeheurer Monumente, bei Erbauung neuer Städte und Festen fronweise wohl zu gebrauchen ist, nunmehr so leicht wieder von sich und in ihre alte Selbständigkeit zurückzulassen.

Das Gesuch wird also abgewiesen und, bei einbrechenden Landplagen immer dringender wiederholt, immer hartnäckiger versagt. Aber das aufgeregte hebräische Volk, in Aussicht auf ein Erbland, das ihm eine uralte Überlieferung verhieß, in Hoffnung der Unabhängigkeit und Selbstbeherrschung, erkennt keine weiteren Pflichten. Unter dem Schein eines allgemeinen Festes lcokt man Gold- und Silbergeschirre den Nachbarn ab, und in dem Augenblick, da der Ägypter den Israeliten mit harmlosen Gastmahlen beschäftigt glaubt, wird eine umgekehrte sizilianische Vesper unternommen; der Fremde ermordet den Einheimischen, der Gast den Wirt, und geleitet durch eine grausame Politik, erschlägt man nur den Erstgebornen, um in einem Lande, wo die Erstgeburt so viele Rechte genießt, den Eigennutz der Nachgebornen zu beschäftigen und der augenblicklichen Rache durch eine eilige Flucht entgehen zu können. Der Kunstgriff gelingt, man stößt die Mörder aus, anstatt sie zu bestrafen. Nur spät versammelt der König sein Heer, aber die den Fußvölkern sonst so fürchterlichen Reiter und Sichelwagen streiten auf einem sumpfigen Boden einen ungleichen Kampf mit dem leichten und leichtbewaffneten Nachtrab; wahrscheinlich mit demselben entschlossenen, kühnen Haufen, der sich bei dem Wagestück des allgemeinen Mordes schon vorgeübt, und den wir in der Folge an seinen grausamen Taten wieder zu erkennen und zu bezeichnen nicht verfehlen dürfen.

Ein so zu Angriff und Verteidigung wohl gerüsteter Heeres- und Volkszug konnte mehr als einen Weg in das Land der Verheißung wählen; der erste am Meere her über Gaza war kein Karawanenweg und mochte, wegen der wohl gerüsteten kriegerischen Einwohner, gefährlich werden; der zweite, obgleich weiter, schien mehr Sicherheit und mehr Vorteile anzubieten. Er ging an dem Roten Meere hin bis zum Sinai; von hier an konnte man wieder zweierlei Richtung nehmen. Die erste, die zunächst zum Ziel führte, zog sich am kleinen Meerbusen hin durch das Land der Midianiter und der Moabiter zum Jordan; die zweite, quer durch die Wüste, wies auf Kades; in jenem Falle blieb das Land Edom links, hier rechts. Jenen ersten Weg hatte sich Moses wahrscheinlich vorgenommen, den zweiten hingegen einzulenken scheint er durch die klugen Midianiter verleitet zu sein, wie wir zunächst wahrscheinlich zu machen gedenken, wenn wir vorher von der düsteren Stimmung gesprochen haben, in die uns die Darstellung der diesen Zug begleitenden äußeren Umstände versetzt.

Der heitere Nachthimmel, von unendlichen Sternen glühend, auf welchen Abraham von seinem Gott hingewiesen worden, breitet nicht mehr sein goldenes Gezelt über uns aus; anstatt jenen heiteren Himmelslichtern zu gleichen, bewegt sich ein unzählbares Volk missmutig in einer traurigen Wüste. Alle fröhlichen Phänomene sind verschwunden, nur Feuerflammen erscheinen an allen Ecken und Enden. Der Herr, der aus einem brennenden Busche Mose berufen hatte, zieht nun vor der Masse her in einem trüben Glutqualm, den man tags für eine Wolkensäule, nachts als ein Feuermeteor ansprechen kann. Aus dem umwölkten Gipfel Sinais schrecken Blitz und Donner, und bei gering scheinenden Vergehen brechen Flammen aus dem Boden und verzehren die Enden des Lagers. Speise und Trank ermangeln immer aufs neue, und der unmutige Volkswunsch nach Rückkehr wird nur bänglicher, je weniger ihr Führer sich gründlich zu helfen weiß.

Schon zeitig, ehe noch der Heereszug an den Sinai gelangt, kommt Jethro seinem Schwiegersohn entgegen, bringt ihm Tochter und Enkel, die zur Zeit der Not im Vaterzelt verwahrt gewesen, und beweist sich als einen klugen Mann. Ein Volk wie die Midianiter, das frei seiner Bestimmung nachgeht und seine Kräfte in Übung zu setzen Gelegenheit findet, muss gebildeter sein als ein solches, das unter fremdem Joch in ewigem Widerstreit mit sich selbst und den Umständen lebt; und wie viel höherer Ansichten musste ein Führer jenes Volkes fähig sein als ein trübsinniger, in sich selbst verschlossener, Recht schaffender Mann, der sich zwar zum Tun und Herrschen geboren fühlt, dem aber die Natur zu solchem gefährlichen Handwerk die Werkzeuge versagt hat.

Moses konnte sich zu dem Begriff nicht erheben, dass ein Herrscher nicht überall gegenwärtig sein, nicht alles selbst tun müsse; im Gegenteil machte er sich durch persönliches Wirken seine Amtsführung höchst sauer und beschwerlich. Jethro gibt ihm erst darüber Licht und hilft ihm das Volk organisieren und Unterobrigkeiten bestellen, worauf er freilich selbst hätte fallen sollen.

Allein nicht bloß das Beste seines Schwähers und der Israeliten mag Jethro bedacht, sondern auch sein eigenes und der Midianiter Wohl erwägt haben. Ihm kommt Moses, den er ehemals als Flüchtling aufgenommen, den er unter seine Diener, unter seine Knechte noch vor kurzem gezählt, nun entgegen an der Spitze einer großen Volksmasse, die, ihren alten Sitz verlassend, neuen Boden aufsucht und überall, wo sie sich hinlenkt, Furcht und Schrecken verbreitet.

Nun konnte den einsichtigen Mann nicht verborgen bleiben, dass der nächste Weg der Kinder Israel durch die Besitzungen der Midianiter gehe, dass dieser Zug überall den Herden seines Volkes begegnen, dessen Ansiedelungen berühren, ja auf dessen schon wohl eingerichtete Städte treffen würde. Die Grundsätze eines dergestalt auswandernden Volks sind kein Geheimnis, sie ruhen auf dem Eroberungsrechte. Es zieht nicht ohne Widerstand, und in jedem Widerstand sieht es Unrecht; wer das Seinige verteidigt, ist ein Feind, den man ohne Schonung vertilgen kann.

Es brauchte keinen außerordentlichen Blick, um das Schicksal zu übersehen, dem die Völker ausgesetzt sein würden, über die sich eine solche Heuschreckenwolke herabwälzte. Hieraus geht nun die Vermutung zunächst hervor, dass Jethro seinem Schwiegersohn den geraden und besten Weg verleidet und ihn dagegen zu dem Weg quer durch die Wüste beredet; welche Ansicht dadurch mehr bestärkt wird, dass Hobab nicht von der Seite seines Schwagers weicht, bis er ihn den angeratenen Weg einschlagen sieht, ja ihn sogar noch weiter begleitet, um den ganzen Zug von den Wohnorten der Midianiter desto sicherer abzulenken.

Vom Ausgang aus Ägypten an gerechnet erst im vierzehnten Monat geschah der Aufbruch, von dem wir sprechen. Das Volk bezeichnete unterwegs einen Ort, wo es wegen Lüsternheit große Plage erlitten, durch den Namen Gelüstgräber, dann zogen sie gen Hazeroth und lagerten sich ferner in der Wüste Paran. Dieser zurückgelegte Weg bleibt unbezweifelt. Sie waren nun schon nah an dem Ziel ihrer Reise, nur stand ihnen das Gebirge entgegen, wodurch das Land Kanaan von der Wüste getrennt wird. Man beschloss, Kundschafter auszuschicken, und rückte indessen weiter vor bis Kades. Hierhin kehrten die Botschafter zurück, brachten Nachrichten von der Vortrefflichkeit des Landes, aber leider auch von der Fruchtbarkeit der Einwohner. Hier entstand nun abermals ein trauriger Zwiespalt, und der Wettstreit von Glauben und Unglauben begann aufs Neue.

Unglücklicherweise hatte Moses noch weniger Feldherren- als Regententalente. Schon während des Streites gegen die Amalekiter begab er sich auf den Berg, um zu beten, mittlerweile Josua an der Spitze des Heeres den lange hin und wider schwankenden Sieg endlich dem Feinde abgewann. Nun zu Kades befand man sich wieder in einer zweideutigen Lage. Josua und Kalbe, die beherztesten unter den zwölf Abgesandten, raten zum Angriff, rufen auf, getrauen sich, das Land zu gewinnen. Indessen wird durch übertriebene Beschreibung von bewaffneten Riesengeschlechtern allenthalben Furcht und Schrecken erregt; Das verschüchterte Heer weigert sich, hinaufzurücken. Moses weiß sich wieder nicht zu helfen, erst fordert er sie auf, dann scheint auch ihm ein Angriff von dieser Seite gefährlich. Er schlägt vor, nach Osten zu ziehen. Hier mochte nun einem biedern Teil des Heeres gar zu unwürdig scheinen, solch einen ernstlichen, mühsam verfolgten Plan auf diesem ersehnten Punkt aufzugeben. Sie rotten sich zusammen und zeihen wirklich das Gebirge hinauf. Moses aber bleibt zurück, das Heiligtum setzt sich nicht in Bewegung; daher ziemt es weder Josua noch Kaleb, sich an die Spitze der Kühneren zu stellen. Genug! Der nicht unterstützte, eigenmächtige Vortrab wird geschlagen, Ungeduld vermehrt sich. Der so oft schon ausgebrochene Unmut des Volkes, die mehreren Meutereien, an denen sogar Aaron und Mirjam teilgenommen, brechen aufs Neue desto lebhafter aus und geben abermals ein Zeugnis, wie wenig Moses seinem großen Berufe gewachsen war. Es ist schon an sich keine Frage, wird aber durch das Zeugnis Kalbes unwiderruflich bestätigt, dass an dieser Stelle möglich, ja unerlässlich gewesen, ins Land Kanaan einzudringen, Hebron, den Hain Mamre in Besitz zu nehmen, das heilige Grab Abrahams zu erobern und sich dadurch einen Ziel-, Stütz- und Mittelpunkt für das ganze Unternehmen zu verschaffen. Welcher Nachteil musste dagegen dem unglücklichen Volk entspringen, wenn man den bisher befolgten, von Jethro zwar nicht ganz uneigennützig, aber doch nicht ganz verräterisch vorgeschlagenen Plan auf einmal so freventlich aufzugeben beschloss!

Das zweite Jahr, von dem Auszuge aus Ägypten an gerechnet, war noch nicht vorüber, und man hätte sich vor Ende desselben, obgleich noch immer spät genug, im Besitz des schönsten Teils des erwünschten Landes gesehen; allein die Bewohner, aufmerksam, hatten den Riegel vorgeschoben, und wohin nun sich wenden? Man war nordwärts weit genug vorgerückt, und nun sollte man wieder ostwärts zeihen, um jenen Weg endlich einzuschlagen, den man gleich anfangs hätte nehmen sollen. Allein gerade hier in Osten lag das von Gebirgen umgebene Land Edom vor; man wollte sich einen Durchzug erbitten, die klügeren Edomiter schlugen ihn rund ab. Sich durchzufechten war nicht rätlich, man musste sich also zu einem Umweg, bei dem man die edomitischen Gebirge links ließ, bequemen, und hier ging die Reise im ganzen ohne Schwierigkeiten vonstatten; denn es bedurfte nur wenige Stationen, Oboth, Jiim, um an den Bach Sared, den ersten, der seine Wasser ins Tote Meer gießt, und ferner an den Arnon zu gelangen. Indessen war Mirjam verschieden, Aaron verschwunden, kurz nachdem sie sich gegen Mose aufgelehnt hatten.

Vom Bach Arnon an ging alles noch glücklicher wie bisher. Das Volk sah sich zum zweiten Male nah am Ziel seiner Wünsche, in einer Gegend, die wenig Hindernisse entgegensetzte; hier konnte man in Masse vordringen und die Völker, welche den Durchzug verweigerten, überwinden, verderben und vertreiben. Man schritt weiter vor, und so wurden Midianiter, Moabiter, Amoriter in ihren schönsten Besitzungen angegriffen, ja die ersten sogar, was Jethro vorsichtig abzuwenden gedachte, vertilgt, das linke Ufer des Jordans wurde genommen und einigen ungeduldigen Stämmen Ansiedelung erlaubt, unterdessen man abermals auf hergebrachte Weise Gesetze gab, Anordnungen machte und den Jordan zu überschreiten zögerte. Unter diesen Verhandlungen verschwand Moses selbst, wie Aaron verschwunden war, und wir müssten uns sehr irren, wenn nicht Josua und Kalb die seit einigen Jahren ertragene Regentschaft eines beschränkten Mannes zu endigen und ihn so vielen Unglücklichen, die er vorausgeschickt, nachzusenden für gut gefunden hätten, um der Sache ein Ende zu machen und mit Ernst sich in den Besitz des ganzen rechten Jordanufers und des darin gelegenen Landes zu setzen.

Man wird der Darstellung, wie sie hier gegeben ist, wohl gerne zugestehen, dass sie uns den Fortschritt eines wichtigen Unternehmens so rasch als konsequent vor die Seele bringt; aber man wird ihr nicht sogleich Zutrauen und Beifall schenken, weil sie jenen Heereszug, den der ausdrückliche Buchstabe der Heiligen Schrift auf sehr viele Jahre hinausdehnt, in kurzer Zeit vollbringen lässt. Wir müssen daher unsere Gründe angeben, wodurch wir uns zu einer so großen Abweichung berechtigt glauben, und dies kann nicht besser geschehen, als wenn wir über die Erdfläche, welche jene Volksmasse zu durchziehen hatte, und über die Zeit, welche jede Karawane zu einem solchen Zug bedürfen würde, unsere Betrachtungen anstellen und zugleich, was uns in diesem besonderen Falle überliefert ist, gegeneinander halten und erwägen.

Wir übergehen den Zug vom Roten Meer bis an den Sinai, wir lassen ferner alles, was in der Gegend des Berges vorgegangen, auf sich beruhen und bemerken nur, dass die große Volksmasse am zwanzigsten Tag des zweiten Monats im zweiten Jahr der Auswanderung aus Ägypten vom Fuß des Sinai aufgebrochen. Von da bis zur Wüste Paran hatten sie keine vierzig Meilen, die eine beladene Karawane in fünf Tagen bequem zurücklegt. Man gebe der ganzen Kolonne Zeit, um jedes Mal heranzukommen, genugsame Rasttage, man setze anderen Aufenthalt, genug, sie konnten auf alle Fälle in der Gegend ihrer Bestimmung in zwölf Tagen ankommen, welches denn auch mit der Bibel und der gewöhnlichen Meinung übereintrifft. Hier werden die Botschafter ausgeschickt, die ganze Volksmasse rückt nur um weniges weiter vor bis Kades, wohin die Abgesendeten nach vierzig Tagen zurückkehren, worauf denn sogleich, nach schlecht ausgefallenem Kriegsversuch, die Unterhandlung mit den Edomitern unternommen wird. Man gebe dieser Negotiation so viel Zeit, als man will, so wird man sie nicht wohl über dreißig Tage ausdehnen dürfen. Die Edomiter schlagen den Durchzug rein ab, und für Israel war es keineswegs rätlich, in einer so sehr gefährlichen Lage lange zu verweilen: Denn wenn die Kananiter mit den Edomitern einverstanden, jene von Norden, diese von Osten, aus ihren Gebirgen hervorgebrochen wären, so hätte Israel einen schlimmen Stand gehabt.

Auch macht hier die Geschichtserzählung keine Pause, sondern der Entschluss wird gleich gefasst, um das Gebirge Edom herumzuziehen. Nun beträgt der Zug um das Gebirge Edom, erst nach Süden, dann nach Norden gerichtet, bis an den Fluss Arnon abermals keine vierzig Meilen, welche also in fünf Tagen zurückzulegen gewesen wären. Summiert man auch jene vierzig Tage, in welchen sie den Tod Aarons betrauert, hinzu, so behalten wir immer noch sechs Monate des zweiten Jahres für jede Art von Retardation und Zaudern und zu den Zügen übrig, welche die Kinder Israel glücklich bis an den Jordan bringen sollen. Wo kommen aber denn die übrigen achtunddreißig Jahre hin?

Diese haben den Auslegern viel Mühe gemacht, so wie die einundvierzig Stationen, unter denen fünfzehn sind, von welchen die Geschichtserzählung nichts meldet, die aber, in dem Verzeichnisse eingeschaltet, den Geographen viel Pein verursacht haben. Nun stehen die eingeschobenen Stationen mit den überschüssigen Jahren in glücklich fabelhaftem Verhältnis; denn sechzehn Orte, von denen man nichts weiß, und achtunddreißig Jahre, von denen man nichts erfährt, geben die beste Gelegenheit, sich mit den Kindern Israel in der Wüste zu verirren.

Wir setzen die Stationen der Geschichtserzählung, welche durch Begebenheiten merkwürdig geworden, den Stationen des Verzeichnisses entgegen, wo man dann die leeren Ortsnamen sehr wohl von denen unterscheiden wird, welchen ein historischer Gehalt inwohnt.

Stationen der Kinder Israel in der Wüste

Geschichtserzählung
nach dem II., III., IV., V. Buch Mose





Hahiroth


Mara, Wüste Sur
Elim

Wüste Sin


Raphidim
Wüste Sinai
Lustgräber
Hazeroth

Kades in Paran
















Kades, Wüste Zin
Berg Hor, Grenze Edom


Oboth



Gebirge Abarim
Bach Sared
Arnon diesseits
Mathana
Nahaliel
Bamoth
Berg Pisga
Jahzah
Hesbon
Sihon
Basan
Gefilde der Moabiter am Jordan


Stationen-Verzeichnis
nach dem IV. Buch Mose 33. Kapitel

Raemses
Suchoth
Etham
Hahiroth
Migdol

Durchs Meer

Mara, Wüste Etham
Elim. 12 Brunnen
Am Meer
Wüste Sin
Daphka
Alus
Raphidim
Wüste Sinai
Lustgräber
Hazeroth
Rithma
Rimmon Parez
Libna
Rissa
Kehelata
Gebirge Sapher
Harada
Makeheloth
Thahath
Tharah
Mithka
Hasmona
Moseroth
Bnejaekon
Horgidgad
Jathbatha
Abrona
Ezeon-Gaber
Kades, Wüste Zin
Berg Hor, Grenze Edom
Zalmona
Phunon
Oboth
Jiim
Dibon Gad
Almon Diblathaim
Gebirge Abarim, Nebo










Gefilde der Moabiter am Jordan


Worauf wir nun aber vor allen Dingen merken müssen, ist, dass uns die Geschichte aber hinter Hazeroth das Kades auslässt und es erst nach der eingeschobenen Namenreihe hinter Ezeon-Gaber aufführt und dadurch die Wüste Zin mit dem kleinen Arm des Arabischen Meerbusens in Berührung bringt. Hieran sind die Ausleger höchst irre geworden, indem einige zwei Kades, andere hingegen, und zwar die meisten, nur eines annehmen, welche letztere Meinung wohl keinen Zweifel zulässt.

Die Geschichtserzählung, wie wir sie sorgfältig von allen Einschiebseln getrennt haben, spricht von einem Kadis in der Wüste Paran und gleich darauf von einem Kades in der Wüste Zin; von dem ersten werden die Botschafter weggeschickt, und von dem zweiten zieht die ganze Masse weg, nachdem die Edomiter den Durchzug durch ihr Land verweigern. Hieraus geht von selbst hervor, dass es ein und eben derselbe Ort ist; denn der vorgehabte Zug durch Edom war eine Folge des fehlgeschlagenen Versuchs, von dieser Seite in das Land Kanaan einzudringen, und so viel ist noch aus anderen Stellen deutlich, dass die beiden öfters genannten Wüsten aneinander stoßen, Zin nördlicher, Paran südlicher lag, und Kades in einer Oase als Rastplatz zwischen beiden Wüsten gelegen war.

Niemals wäre man auch auf den Gedanken gekommen, sich zwei Kades einzubilden, wenn man nicht in der Verlegenheit gewesen wäre, die Kinder Israel lange genug in der Wüste herumzuführen. Diejenigen jedoch, welche nur ein Kades annehmen und dabei von dem vierzigjährigen Zu Grund den eingeschalteten Stationen Rechenschaft geben wollen, sind noch übler dran, besonders wissen sie, wenn sie den Zug auf der Karte darstellen wollen, sich nicht wunderlich genug zu gebärden, um das Unmögliche anschaulich zu machen. Denn freilich ist das Auge ein besserer Richter des Unschicklichen als der innere Sinn. Sanson schiebt die vierzehn unechten Stationen zwischen den Sinai und Kades. Hier kann er nicht genug Zickzacks auf seine Karte zeichnen, und doch beträgt jede Station nur zwei Meilen, eine Strecke, die nicht einmal hinreicht, dass sich ein solcher ungeheurer Heerwurm in Bewegung setzen könnte.

Wie bevölkert und bebaut muss nicht diese Wüste sein, wo man alle zwei Meilen, wo nicht Städte und Ortschaften, doch mit Namen bezeichnete Ruheplätze findet! Welcher Vorteil für den Heerführer und sein Volk! Dieser Reichtum der inneren Wüste aber wird dem Geographen bald verderblich. Er findet von Kades nur fünf Stationen bis Ezeon-Gaber, und auf dem Rückweg nach Kades, wohin er sie doch bringen muss, unglücklicherweise gar keine; er legt daher einige seltsame und selbst in jener Liste nicht genannte Städte dem reisenden Volk in den Weg, so wie man ehemals die geographische Leerheit mit Elefanten zudeckte. Kalmet suchte sich aus der Not durch wunderliche Kreuz- und Querzüge zu helfen, setzt einen Teil der überflüssigen Orte gegen das Mittelländische Meer zu, macht Hazeroth und Moseroth zu einem Ort und bringt, durch die seltsamsten Irrsprünge, seine Leute endlich an den Arnon. Well, der zwei Kades annimmt, verzerrt die Lage des Landes über die Maßen. Bei Nolin tanzt die Karawane eine Polonaise, wodurch sie wieder ans Rote Meer gelangt und den Sinai nordwärts im Rücken hat. Es ist nicht möglich, weniger Einbildungskraft, Anschauen, Genauigkeit und Urteil zu zeigen als diese frommen, wohl denkenden Männer.

Die Sache aber aufs genaueste betrachtet, wird es höchst wahrscheinlich, dass das überflüssige Stationenverzeichnis zu Rettung der problematischen vierzig Jahre eingeschoben worden. Denn in dem Text, welchem wir bei unserer Erzählung genau folgen, steht: Dass das Volk, da es von den Kananitern geschlagen und ihm der Durchzug durchs Land Edom versagt worden, auf dem Weg zum Schilfmeer, gegen Ezeon-Gaber, der Edomiter Land umzogen. Daraus ist der Irrtum entstanden, dass sie wirklich ans Schilfmeer nach Ezeon-Gaber, das wahrscheinlich damals noch nicht existierte, gekommen, obgleich der Text von dem Umziehen des Gebirges Seir auf genannter Straße spricht, so wie man sagt: Der Fuhrmann fährt die Leipziger Straße, ohne dass er deshalb notwendig nach Leipzig fahren müsse. Haben wir nun die überflüssigen Stationen beiseite gebracht, so möchte es uns ja wohl auch mit den überflüssigen Jahren gelingen. Wir wissen, dass die alttestamentliche Chronologie künstlich ist, dass sich die ganze Zeitrechnung in bestimmte Kreise von neunundvierzig Jahren auflösen lässt, und dass also, diese mystischen Epochen herauszubringen, manche historische Zahlen müssen verändert worden sein. Und wo ließen sich sechs- bis achtunddreißig Jahre, die etwa in einem Zyklus fehlten, bequemer einschieben als in jene Epoche, die so sehr im Dunkeln lag und die auf einem wüsten unbekannten Fleck sollte zugebracht worden sein?

Ohne daher an die Chronologie, das schwierigste aller Studien, nur irgend zu rühren, so wollen wir den poetischen Teil derselben hier zugunsten unserer Hypothese kürzlich in Betracht ziehen.

Mehrere runde, heilig, symbolisch, poetisch zu nennende Zahlen kommen in der Bibel sowie in anderen altertümlichen Schriften vor. Die Zahl sieben scheint dem Schaffen, Wirken und Tun, die Zahl vierzig hingegen dem Beschauen, Erwarten, vorzüglich aber der Absonderung gewidmet zu sein. Die Sündflut, welche Noah und die Seinen von aller übrigen Welt abtrennen sollte, nimmt vierzig Tage zu; nachdem die Gewässer genugsam gestandne, verlaufen sie während vierzig Tagen, und solange noch hält Noah den Schalter der Arche verschlossen. Gleiche Zeit verweilt Moses zweimal auf Sinai, abgesondert von dem Volke; die Kundschafter bleiben ebenso lange in Kanaan, und so soll denn auch das ganze Volk, durch so viel mühselige Jahre abgesondert von allen Völkern, gleichen Zeitraum bestätigt und geheiligt haben. Ja ins Neue Testament geht die Bedeutung dieser Zahl in ihrem vollen Wert hinüber: Christus bleibt vierzig Tage in der Wüste, um den Versucher abzuwarten.

Wäre uns nun gelungen, die Wanderung der Kinder Israel vom Sinai bis an den Jordan in einer kürzeren Zeit zu vollbringen, ob wir gleich hiebei schon viel zu viel auf ein schwankendes, unwahrscheinliches Retardieren Rücksicht genommen, hätten wir uns so vieler fruchtlosen Jahre, so vieler unfruchtbaren Stationen entledigt, so würde sogleich der große Heerführer gegen das, was wir an ihm zu erinnern gehabt, in seinem ganzen Werte wieder hergestellt. Auch würde die Art, wie in diesen Büchern Gott erscheint, uns nicht mehr so drückend sein als bisher, wo er sich durchaus grauenvoll und schrecklich erzeigt, da schon im Buch Josua und der Richter, sogar auch weiterhin, ein reineres patriarchalisches Wesen wieder hervortritt und der Gott Abrahams nach wie vor den Seinen freundlich erscheint, wenn uns der Gott Mosis eine Zeitlang mit Grauen und Abscheu erfüllt hat. Uns hierüber aufzuklären, sprechen wir aus: Wie der Mann, so auch sein Gott. Daher also von dem Charakter Mosis noch einige Schlussworte!

Ihr habt, könnte man uns zurufen, in dem vorhergehenden mit allzu großer Verwegenheit einem außerordentlichen Manne diejenigen Eigenschaften abgesprochen, die bisher höchlich an ihm bewundert wurden, die Eigenschaften des Regenten und Heerführers. Was aber zeichnet ihn denn aus? Wodurch legitimiert er sich zu einem so wichtigen Beruf? Was gibt ihm die Kühnheit, sich trotz innerer und äußerer Ungunst zu einem solchen Geschäfte hinzudrängen, wenn ihm jene Haupterfordernisse, jene unerlässlichen Talente fehlen, die ihr ihm mit unerhörter Frechheit absprecht? Hierauf lasse man uns antworten: Nicht die Talente, nicht das Geschick zu diesem oder jenem machen eigentlich den Mann der Tat; die Persönlichkeit ist’s, von der in solchen Fällen alles abhängt. Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten. Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen: Denn ihm ist alles entbehrlich außer er selbst. Und so gestehen wir gern, dass uns die Persönlichkeit Mosis, von dem ersten Meuchelmord an durch alle Grausamkeiten durch bis zum Verschwinden, ein höchst bedeutendes und würdiges Bild gibt von einem Mann, der durch seine Natur zum Größten getrieben ist. Aber freilich wird ein solches Bild ganz entstellt, wenn wir einen kräftigen, kurz gebundenen, raschen Tatmann vierzig Jahre ohne Sinn und Not mit einer ungeheuren Volksmasse auf einem so kleinen Raum im Angesicht seines großen Zieles herumtaumeln sehen. Bloß durch die Verkürzung des Wegs und der Zeit, die er darauf zugebracht, haben wir alles Böse, was wir von ihm zu sagen gewagt, wieder ausgeglichen und ihn an seine rechte Stelle gehoben.

Und so bleibt uns nichts mehr übrig, als dasjenige zu wiederholen, womit wir unsere Betrachtungen begonnen haben. Kein Schade geschieht den heiligen Schriften, sowenig als jeder anderen Überlieferung, wenn wir sie mit kritischem Sinn behandeln, wenn wir aufdecken, worin sie sich widerspricht, und wie oft das Ursprüngliche, Bessere durch nachherige Zusätze, Einschaltungen und Akkommodationen verdeckt, ja entstellt worden. Der innerliche, eigentliche Ur- und Grundwert geht nur desto lebhafter und reiner hervor, und dieser ist es auch, nach welchem jedermann, bewusst oder bewusstlos, hinblickt, hingreift, sich daran erbaut und alles Übrige, wo nicht wegwirft, doch fallen oder auf sich beruhen lässt.

Summarische Wiederholung
Zweites Jahr des Zugs


Verweilt am Sinai       Monat     1      Tage     20
Reise bis Kades                 "          -          "        5
Rasttage                             "          -          "        5
Aufenthalt wegen
Mirjams Krankheit            "          -          "        7
Außenbleiben der
Kundschafter                     "          -          "        40
Unterhandlung mit
den Edomitern                   "          -          "        30
Reise an den Arnon           "          -          "        5
Rasttage                             "          -          "        5
Trauer um Aaron               "          -          "        40

Zusammen also sechs Monate. Woraus deutlich erhellt, dass der Zug, man rechne auf Zaudern und Stockungen, Widerstand, soviel man will, vor Ende des zweiten Jahres gar wohl an den Jordan gelangen konnte.


Zu Teil 6

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