Gerhart Hauptmann: Die Weber / De Waber - Signaturen

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Gerhart Hauptmann: Die Weber / De Waber

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Gerhart Hauptmann


De Waber / Die Weber


Schauspiel aus den vierziger Jahren

Dialektausgabe / Übertragung


1892


Dramatis personae

Dreißiger, Parchentfabrikant
Frau Dreißiger
Pfeifer, Expedient bei Dreißiger
Neumann, Kassierer bei Dreißiger
Der Lehrling, bei Dreißiger
Der Kutscher Johann, bei Dreißiger
Ein Mädchen, bei Dreißiger
Weinhold, Hauslehrer bei Dreißigers Söhnen
Pastor Kittelhaus
Frau Pastor Kittelhaus
Heide, Polizeiverwalter
Kutsche, Gendarm
Welzel, Gastwirt
Frau Welzel
Anna Welzel
Wiegand, Tischler
Ein Reisender
Ein Bauer
Ein Förster
Schmidt, Chirurgus
Hornig, Lumpensammler
Der alte Wittig, Schmiedemeister

Weber:

Bäcker
Moritz Jäger
Der alte Baumert
Mutter Baumert
Bertha Baumert
Emma Baumert
Fritz, Emmas Sohn, vier Jahre alt
August Baumert
Der alte Ansorge
Frau Heinrich
Der alte Hilse
Frau Hilse
Gottlieb Hilse
Luise, Gottliebs Frau
Mielchen, seine Tochter, sechs Jahre alt
Reimann
Heiber
Ein Knabe, acht Jahre alt
Färbereiarbeiter
Eine große Menge junger und alter Weber und Weberfrauen

Die Vorgänge dieser Dichtung geschehen in den vierziger Jahren in Kaschbach im Eulengebirge sowie in Peterswaldau und Langenbielau am Fuße des Eulengebirges. –


Das Weberlied wird gesungen nach der Melodie: »Es liegt ein Schloß in Österreich.«


Meinem Vater Robert Hauptmann
widme ich dieses Drama


Wenn ich Dir, lieber Vater, dieses Drama zuschreibe, so geschieht es aus Gefühlen heraus, die Du kennst und die an dieser Stelle zu zerlegen keine Nötigung besteht.
Deine Erzählung vom Großvater, der in jungen Jahren, ein armer Weber, wie die Geschilderten hinterm Webstuhl gesessen, ist der Keim meiner Dichtung geworden, die, ob sie nun lebenskräftig oder morsch im Innern sein mag, doch das Beste ist, was ›ein armer Mann wie Hamlet ist‹ zu geben hat.

Dein Gerhart


 
 

Erster Akt


Ein geräumiges, graugetünchtes Zimmer in Dreißigers Haus zu Peterswaldau. Der Raum, wo die Weber das fertige Gewebe abzuliefern haben. Linker Hand sind Fenster ohne Gardinen, in der Hinterwand eine Glastür, rechts eine ebensolche Glastür, durch welche fortwährend Weber, Weberfrauen und Kinder ab- und zugehen. Längs der rechten Wand, die wie die übrigen größtenteils von Holzgestellen für Parchent verdeckt wird, zieht sich eine Bank, auf der die angekommenen Weber ihre Ware ausgebreitet haben. In der Reihenfolge der Ankunft treten sie vor und bieten ihre Ware zur Musterung. Expedient Pfeifer steht hinter einem großen Tisch, auf welchen die zu musternde Ware vom Weber gelegt wird. Er bedient sich bei der Schau eines Zirkels und einer Lupe. Ist er zu Ende mit der Untersuchung, so legt der Weber den Parchent auf die Waage, wo ein Kontorlehrling sein Gewicht prüft. Die abgenommene Ware schiebt derselbe Lehrling ins Repositorium. Den zu zahlenden Lohnbetrag ruft Expedient Pfeifer dem an einem kleinen Tischchen sitzenden Kassierer Neumann jedesmal laut zu.
Es ist ein schwüler Tag gegen Ende Mai. Die Uhr zeigt zwölf. Die meisten der harrenden Webersleute gleichen Menschen, die vor die Schranken des Gerichts gestellt sind, wo sie in peinigender Gespanntheit eine Entscheidung über Tod und Leben zu erwarten haben. Hinwiederum haftet allen etwas Gedrücktes, dem Almosenempfänger Eigentümliches an, der, von Demütigung zu Demütigung schreitend, im Bewußtsein, nur geduldet zu sein, sich so klein als möglich zu machen gewohnt ist. Dazu kommt ein starrer Zug resultatlosen, bohrenden Grübelns in aller Mienen. Die Männer, einander ähnelnd, halb zwerghaft, halb schulmeisterlich, sind in der Mehrzahl flachbrüstige, hüstelnde, ärmliche Menschen mit schmutzigblasser Gesichtsfarbe: Geschöpfe des Webstuhls, deren Knie infolge vielen Sitzens gekrümmt sind; ihre Weiber zeigen weniger Typisches auf den ersten Blick; sie sind aufgelöst, gehetzt, abgetrieben – während die Männer eine gewisse klägliche Gravität noch zur Schau tragen – und zerlumpt, wo die Männer geflickt sind. Die jungen Mädchen sind mitunter nicht ohne Reiz; wächserne Blässe, zarte Formen, große, hervorstehende, melancholische Augen sind ihnen dann eigen.


Kassierer Neumann, Geld aufzählend. Bleibt sechzehn Silbergroschen, zwei Pfennig.
Erste Weberfrau, dreißigjährig, sehr abgezehrt, streicht das Geld ein mit zitternden Fingern. Sein Se bedankt.
Neumann, als die Frau stehenbleibt. Nu? stimmt's etwa wieder nich?
Erste Weberfrau, bewegt, flehentlich. A poar Fenniche uf Vorschuuß hätt' ich doch halt asu neetich.
Neumann. Ich hab' a paar hundert Taler neetich. Wenn's ufs Neetichhaben ankäm' –! Schon mit Auszahlen an einen andern Weber beschäftigt, kurz. Ieber den Vorschuß hat Herr Dreißiger selbst zu bestimmen.
Erste Weberfrau. Kend' iich do verleicht amol miid'n Herr Dreißiger salber räda?
Expedient Pfeifer, ehemaliger Weber. Das Typische an ihm ist unverkennbar; nur ist er wohlgenährt, gepflegt gekleidet, glatt rasiert, auch ein starker Schnupfer. Er ruft barsch herüber. Da hätte Herr Dreißiger weeß Gott viel zu tun, wenn a sich im jede Kleenigkeit salber bekimmern selde. Dazu sein mir da. Er zirkelt und untersucht mit der Lupe. Schwerenot! Doas zieht. Er packt sich einen dicken Schal um den Hals. Macht de Tiere zu, war de reikimmt.
Der Lehrling, laut zu Pfeifer. Das is, wie wenn man mit Kletzen red'te.
Pfeifer. Abgemacht seela! – Waage! Der Weber legt das Webe auf die Waage. Wennt er ock Eure Sache besser verstehn tät't. Treppa hot's wieder dinne ... iich sah' goar nee hie. A guder Waber verschiebt's Uufbeema ni war weeß wie lange.
Bäcker ist gekommen. Ein junger, ausnahmsweise starker Weber, dessen Gebaren ungezwungen, fast frech ist. Pfeifer, Neumann und der Lehrling werfen sich bei seinem Eintritt Blicke des Einvernehmens zu. Schwerejacht ju! Do sol enner wieder schwitza wie a Logasaak.
Erster Weber, halblaut, 's sticht goar siehr no Rägen.
Der alte Baumert drängt sich durch die Glastür rechts. Hinter der Tür gewahrt man die Schulter an Schulter gedrängt zusammengepfercht wartenden Webersleute. Der Alte ist nach vorn gehumpelt und hat sein Pack in der Nähe des Bäcker auf die Bank gelegt. Er setzt sich daneben und wischt sich den Schweiß. Hie iis an Ruh' verdient.
Bäcker. Ruh' iis besser wie a Biehme Geld.
Der alte Baumert. A Biehme Geld selde au sein. Tak o, Bäcker!
Bäcker. Tak o, Voater Baumert! Ma muuß wieder luern war weeß wie lange!
Erster Weber. Doas kimmt ni druf oa. A Waber woart't an Stunde oaber an Taag. A Waber iis ock an Sache.
Pfeifer. Gat Ruhe daderhingen! Ma versteht ja sei eegnes Wort nich.
Bäcker, leise. A hoot hinte wieder senn tälscha Taag.
Pfeifer, zu dem vor ihm stehenden Weber. Wie uft ha ich's Euch schunn gesoat: besser putzen sullt er. Woas is denn doas fer an Schlauderei? Hie sein Klunkern drinne, asu lang wie mei Finger, und Struh und oallerhand Dreck.
Weber Reimann. 's mächt' halt a neu Noppzängla sein.
Lehrling hat das Webe gewogen. 's fehlt auch am Gewicht.
Pfeifer. An Sorte Waber iis hier aso. Schoade fer jede Käte, die ma ausgibbt. O Jes, zu meiner Zeit! Mir hätt's wull mei Meester angestrichen. Dozemol do woar doas no a ander Ding im das Spinnwesen. Do mußt' enner noch sei Geschäfte verstiehn. Hinte da is das ni mehr neetich. – Reima zehn Silbergroschen.
Weber Reimann. E Fund werd do gerecht uuf Oabgang.
Pfeifer. Ich hab' keine Zeit. Abgemacht seela. Was brengt Ihr?
Weber Heiber legt sein Webe auf. Während Pfeifer untersucht, tritt er an ihn und redet halblaut und eifrig in ihn hinein. Se werden verzeihen, Herr Feifer, ich mechte Sie gittichst gebata hoan, eeb Se verleicht und Se welda asu gnädich sein und welda mer da Gefoalln tun und lissa mer a Vorschuuß doasmol ni oabrecha.
Pfeifer, zirkelnd und guckend, höhnt. Nu do! Doas macht sich ju ernt. Hie is woll d'r hoalbe Einschuß wieder auf a Feifeln geblieb'n?
Weber Heiber, in seiner Weise fortfahrend. Iich weld's ju gerne uuf de neue Wuche gleichemacha. Vergangne Wuche hoatt' ich ock zwee Howetage uuf'n Dominien zu leista. Doderbeine leit Meine krank derheeme ...
Pfeifer, das Stück an die Waage gebend. Doas is ebens wieder an richt'che Schlauderarbeit. Schon wieder ein neues Webe in Augenschein nehmend. Asu a Salband, bal breet, bal schmoal. Emol hoot's d'r Eischuuß zusoammagerissa war weeß wie siehr, dann hoot's wieder amol's Sperrittla auseinandergezeun. Und uf a Zoll kaum sibzich Fadla Eitrag. Wu is denn d'r iebriche? Wo bleibt da die Reellität? Das wär' aso was!
Weber Heiber unterdrückt Tränen, steht gedemütigt und hilflos.
Bäcker, halblaut zu Baumert. Dar Pakasche mächt' ma no Goarn d'rzunekeefa.
Erste Weberfrau, welche nur wenig vom Kassentisch zurückgetreten war und sich von Zeit zu Zeit mit starren Augen hilfesuchend umgesehen hat, ohne von der Stelle zu gehen, faßt sich ein Herz und wendet sich von neuem flehentlich an den Kassierer. Iich koan halt bale ... iich wiß goar nee, wenn Se mer doasmoal und gan mer kenn Vorschuuß ... o Jesis, Jesis.
Pfeifer ruft herüber. Doas iis a Gejesere do! Lußt ock a Herr Jesus in Frieden. Ihr hoat's ju suster ni asu ängstlich im a Herr Jesus. Paßt lieber uf Euern Moann uf, doaß und ma sitt a nich aller Auchablicke hingerm Kratsch'mfanster sitza. Mir kinn kenn Vorschuß gan. Mir miss'n Rechenschoaft oablegen dahier. 's is au ni unser Geld. Von uns werd's dernachert verlangt. Wer de fleißig is und seine Sache versteht und ei der Furcht Gottes seine Arbeit verricht't, dar braucht ieberhaupt nie kenn Vorschuuß nich. Oabgemacht Seefe.
Neumann. Und wenn a Bielauer Weber 's vierfache Lohn kricht, da verfumfeit er's vierfache und macht noch Schulden.
Erste Weberfrau, laut, gleichsam an das Gerechtigkeitsgefühl aller appellierend. Iich bin gewieß ni faul, oader iich koan ni meh asu furt. Iich hoa halt do zwee Moal an Iebergang gehoat. Und woas de mei Moan iis, dar iis o blußich hoalb; a woar bein Zerler Schafer, oader dar hod'n doch au ni kinn vo senn Schoada halfa und do ... Zwinga koan ma's doch nee ... Mir arbta gewieß, woas mer uufbreeta. Ich hoa schun viele Wucha kenn Schlof ei a Aucha gehoat, und's werd au schunt wieder giehn, wenn ock iich und iich war de Schwäche wieder a wing rauskrieja aus a Knucha. Oader Se missa halt o a eenzichtes bißla a Eisahn hoan. Inständig, schmeichlerisch flehend. Sein S'ock schunn gebata und bewillija mer doasmol a poar Greschla.
Pfeifer, ohne sich stören zu lassen. Fiedler elf Silbergroschen.
Erste Weberfrau. Ock a poar Greschla, doaß m'r zu Brute kumma. D'r Pauer gibbt nischt meh uf a Borg. – Ma hoot a Häffla Kinder ...
Neumann, halblaut und mit komischem Ernst zum Lehrling.
Die Leinweber haben alle Jahre ein Kind,
alle walle, alle walle, puff, puff, puff.
Der Lehrling gibt ebenso zurück.
Die Blitzkröte ist sechs Wochen blind,
Summt die Melodie zu Ende.
alle walle, alle walle, puff, puff, puff.
Weber Reimann, das Geld nicht anrührend, welches der Kassierer ihm aufgezählt hat. Mer hoan doch itzt immer dreiz'ntehoalb Biehma kriecht fer a Webe.
Pfeifer ruft herüber. Wenn's Euch ni poaßt, Reima, da braucht er bloß ee Wort soan. Waber hot's genung. Vunt suchte, wie Ihr seid. Fer a volles Gewichte gibbt's auch an vollen Lohn.
Weber Reimann. Doaß hie woas fahln selde, oan'n Gewichte ...
Pfeifer. Brengt a fahlerfreies Stick Parchent, do werd auch am Luhn nischt fahln.
Weber Reimann. Doaß 's hie und selde zu viel Placker dinnehoan, doas koan doch reen goar ni meeglich sein.
Pfeifer, im Untersuchen. War de gutt wabt, dar de gutt labt.
Weber Heiber ist in der Nähe Pfeifers geblieben, um nochmals einen günstigen Augenblick abzupassen. Über Pfeifers Wortspiel hat er mitgelächelt, nun tritt er an ihn und redet ihm zu wie das erste Mal. Iich wullde Se gittichst gebate hoan, Herr Feifer, eeb Se verleicht und Se welda asu boarmherzich sein und rechta mer a Fimfbiehmer Vorschuuß doasmol ni oab. Meine leit schun seit d'r Foasnich krumm eim Bette. Se koan mer kenn Schlag Arbeit ni verrichta. Do muuß iich a Spulmadel bezoahln. Desthoalbig ...
Pfeifer schnupft. Heiber, iich hoa ni ock Euch alleene oabzuferticha. Die andern wulln au droakumma.
Weber Reimann. Asu hoa iich de Werfte kriecht – asu hoa iich se uufgebeemt und wieder rundergenumma. A besser Goarn, wie ich kriecht hoa, koan iich nee zurickbrenga.
Pfeifer. Poaßt's Euch ni, do braucht er Euch bluß keene Werfte meh oabzuhulln. Mer hoan er genug, die de sich's Lader vo a Fissa dernoch oablaufa.
Neumann, zu Reimann. Wollt Ihr das Geld nich nehmen?
Weber Reimann. Iich koan mich dorchaus asu ni zufriedegahn.
Neumann, ohne sich weiter um Reimann zu bekümmern. Heiber zehn Silbergroschen. Geht ab fünf Silbergroschen Vorschuß. Bleiben fünf Silbergroschen.
Weber Heiber tritt heran, sieht das Geld an, steht, schüttelt den Kopf, als könnte er etwas gar nicht glauben und streicht das Geld langsam und umständlich ein. O meins, meins! – Seufzend. Nu, do do!
Der alte Baumert, Heibern ins Gesicht. Ju, ju, Franze! Do koan ees schunn moanchmol enn Seufzrich giehn loon.
Weber Heiber, mühsam redend. Siehch ock, iich hoa a krank Madel derheeme zu lieja. Do mecht' a Flaschla Med'zin sein.
Der alte Baumert. Wu tut's er'n fahlen?
Weber Heiber. Nu siehch ock, 's woar halt vu kleen uuf a vermickerte Dingla. Iich wiß goar nee ... na, dir koan iich's ju soan: – se hoot's miit uuf de Welt gebrucht. Asu an Unreenichkeet ieber und ieber bricht'r halt durchs G'blitte.
Der alte Baumert. Ieberoall hoot's woas. Wu eemol's Oarmutt iis, do kimmt au Unglicke ieber Unglicke. Do iis o kee Halt und keene Rettung.
Weber Heiber. Woas hust d'nn do eigepackt ei dan Tichla?
Der alte Baumert. Mer sein halt goar blank derheeme. Do hoa ich halt inse Hundla schlachta loon. Viel iis ni droa, a woar o hoalb d'rhingert. 's woar a klee nette Hundla. Salber oabsteche mucht' ich a nee. Iich kunnt' mer eemol kee Herze ni foassa.
Pfeifer hat Bäckers Webe untersucht, ruft. Bäcker dreizehntehalb Silbergroschen.
Bäcker. Doas iis a schäbiches Oalmosen, oader kee Luhn.
Pfeifer. Wer abgefertigt is, hat's Lokal zu verlassen. Mir kinn ins vorhero ni riehren.
Bäcker, zu den Umstehenden, ohne seine Stimme zu dämpfen. Doas iis a schäbiges Trinkgeld, wetter nischt. Do sool ees trata vum frieha Murcha biis ei de sinkniche Nacht. Und wenn ma achtza Tage ieberm Stuhle gelaan hoot, Obend fer Obend wie ausgewunda, hoalb tränig ver Stoob und Gluthitze, do hoot ma sich glicklich dreiz'ntehoalb Biehma derschind't.
Pfeifer. Hie wird nich gemault!
Bäcker. Vu Ihn luss' ich mersch Maul no lange nee verbieta.
Pfeifer springt mit dem Ausruf Das mecht' ich doch amal sehn! nach der Glastür und ruft ins Kontor. Herr Dreißicher, Herr Dreißicher, mechten Sie amal so freundlich sein!
Dreißiger kommt. Junger Vierziger. Fettleibig, asthmatisch. Mit strenger Miene. Was – gibt's denn, Pfeifer?
Pfeifer, glupsch. Bäcker will's Maul ni verbitten lassen.
Dreißiger gibt sich Haltung, wirft den Kopf zurück, fixiert Bäcker mit zuckenden Nasenflügeln. Ach so – Bäcker! – Zu Pfeifer. Is das der ...? Die Beamten nicken.
Bäcker, frech. Ju, ju, Herr Dreißicher! Auf sich zeigend. Doas iis dar, – auf Dreißiger zeigend – und doas is dar.
Dreißiger, indigniert. Was erlaubt sich denn der Mensch!?
Pfeifer. Dem geht's zu gutt! Der geht aso lange aufs Eis tanzen, bis a's amal versehen hat.
Bäcker, brutal. O du Fennigmannla, haal ock du deine Frasse. Deine Mutter maag sich wull ei a Neumonda beim Basenreita oam Luzifeer versahn hoan, doaß asu a Teiwel aus dir geworn iis.
Dreißiger, in ausbrechendem Jähzorn, brüllt. Maul halten! auf der Stelle Maul halten, sonst ... Er zittert, tut ein paar Schritte vorwärts.
Bäcker, mit Entschlossenheit ihn erwartend. Iich biin ni taub. Iich hier' no gut.
Dreißiger überwindet sich, fragt mit anscheinend geschäftsmäßiger Ruhe. Is der Bursche nicht auch dabeigewesen?
Pfeifer. Doas is a Bielauer Weber. Die sein ieberoall d'rbei, wo's an Unfug zu machen gibbt.
Dreißiger, zitternd. Ich sag' euch also: passiert mir das noch einmal und zieht mir noch einmal so eine Rotte Halbbetrunkener, so eine Bande von grünen Lümmeln am Hause vorüber wie gestern abend – mit diesem niederträchtigen Liede ...
Bäcker. 's »Bluttgericht« meenen Se wull?
Dreißiger. Er wird schon wissen, welches ich meine. Ich sag' euch also: hör' ich das noch einmal, dann lass' ich mir einen von euch rausholen, und – auf Ehre, ich spaße nicht – den übergebe ich dem Staatsanwalt. Und wenn ich rausbekomme, wer dies elende Machwerk von einem Liede ...
Bäcker. Doas iis a schie Lied, doas!
Dreißiger. Noch ein Wort, und ich schicke zur Polizei – augenblicklich. – Ich fackle nicht lange. – Mit euch Jungens wird man doch noch fertig werden. Ich bin doch schon mit ganz andren Leuten fertig geworden.
Bäcker. Nu doas wiel iich gleeba. Asu a richt'cher Fabrikante, dar werd miit zwee-, dreihundert Wabern fartich, eeb ma sich imsitt. Do läßt a o no ni a poar mursche Knucha iebrich. Asu enner dar hoot vier Maga wie an Kuh und a Gebieß wie a Wulf. Nee nee, do hoot's nischt!
Dreißiger, zu den Beamten. Der Mensch bekommt keinen Schlag Arbeit mehr bei uns.
Bäcker. Oh, eeb ich oan Wabstuhle derhingere oaber ein Stroßagroaba, doas is mir eegoal.
Dreißiger. Raus, auf der Stelle raus!
Bäcker, fest. Erst wiel iich mei Luhn hoan.
Dreißiger. Was kriegt der Kerl, Neumann?
Neumann. Zwölf Silbergroschen, fünf Pfennige.
Dreißiger nimmt überhastig dem Kassierer das Geld ab und wirft es auf den Zahltisch, so daß einige Münzen auf die Diele rollen. Da! – hier! – und nu rasch – mir aus den Augen!
Bäcker. Erscht wiel iich mei Luhn hoan.
Dreißiger. Da liegt Sein Lohn; und wenn Er nun nich macht, daß Er rauskommt ... Es ist grade zwölf ... Meine Färber machen grade Mittag ...
Bäcker. Mei Luhn gehiert ei meine Hand. Hiehar gehiert mei Luhn. Er berührt mit den Fingern der rechten die Handfläche der linken Hand.
Dreißiger, zum Lehrling. Heben Sie's auf, Tilgner.
Der Lehrling tut es, legt das Geld in Bäckers Hand.
Bäcker. Doas muß oall's senn richt'chen Poaß giehn. Er bringt, ohne sich zu beeilen, in einen alten Beutel das Geld unter.
Dreißiger. Nu? Als Bäcker sich noch immer nicht entfernt, ungeduldig. Soll ich nun nachhelfen?

Unter den dichtgedrängten Webern ist eine Bewegung entstanden. Jemand stößt einen langen, tiefen Seufzer aus. Darauf geschieht ein Fall. Alles Interesse wendet sich dem neuen Ereignis zu.

Dreißiger. Was gibt's denn da?
Verschiedene Weber und Weberfrauen. 's iis enner hiegeschloan. – 's iis a klee hiprich Jungla. – Is 's ernt de Kränkte oaber woas?!
Dreißiger. Ja ... wie denn? Hingeschlagen? Er geht näher.
Alter Weber. A leit halt do.

Es wird Platz gemacht. Man sieht einen etwa achtjährigen Jungen wie tot an der Erde liegen.

Dreißiger. Kennt jemand den Jungen?
Alter Weber. Aus insen Dürfe iis a ni.
Der alte Baumert. Das sitt ju baal aus wie Heinrichas. Er betrachtet ihn genauer. Ju, ju! Doas iis Heinrichas Gustavla.
Dreißiger. Wo wohnen denn die Leute?
Der alte Baumert. Nu, duba bei ins, ein Koaschbache, Herr Dreißicher. Ha gieht Musicke macha, und oam Tage do leit a ieberm Stuhle. Se hoan neun Kinder, und's zahnte iis unterwajens.
Verschiedene Weber und Weberfrauen. Da Leuta gieht's goar siehr kimmerlich. – Dann rahnt's ei de Stube. – Doas Weib hoot keene zwee Hemdla fer die neun Borschta.
Der alte Baumert, den Jungen anfassend. Nu, Jingerla, woas hoot's denn mit dir? Do wach ock uuf!
Dreißiger. Faßt mal mit an, wir wollen ihn mal aufheben. Ein Unverstand ohnegleichen, so'n schwächliches Kind diesen langen Weg machen zu lassen. Bringen Sie mal etwas Wasser, Pfeifer!
Weberfrau, die ihn aufrichten hilft. Mach ock ni ernt Dinge und sterb, Jingla!
Dreißiger. Oder Kognak, Pfeifer, Kognak is besser.
Bäcker hat, von allen vergessen, beobachtend gestanden. Nun, die eine Hand an der Türklinke, ruft er laut und höhnisch herüber. Gatt'n ock woas zu frassen, do werd a schunn zu sich kumma. Ab.
Dreißiger. Der Kerl nimmt kein gutes Ende. – Nehmen Sie ihn unterm Arm, Neumann. – Langsam ... langsam ... so ... so ... wir wollen ihn in mein Zimmer bringen. Was wollen Sie denn?
Neumann. Er hat was gesagt, Herr Dreißiger! Er bewegt die Lippen.
Dreißiger. Was – willst du denn, Jungel?
Der Junge haucht. Mich h...hingert!
Dreißiger wird bleich. Man versteht ihn nich.
Weberfrau. Ich gloobe, a meente ...
Dreißiger. Wir werden ja sehn. Nur ja nich aufhalten. – Er kann sich bei mir aufs Sofa legen. Wir werden ja hören, was der Doktor sagt.

Dreißiger, Neumann und die Weberfrau führen den Jungen ins Kontor. Unter den Webern entsteht eine Bewegung wie bei Schulkindern, wenn der Lehrer die Klasse verlassen hat. Man reckt und streckt sich, man flüstert, tritt von einem Fuß auf den andern, und in einigen Sekunden ist das Reden laut und allgemein.

Der alte Baumert. Iich gleeb' immer, Bäcker hoot recht.
Mehrere Weber und Weberfrauen. A soate ju o asu woas. – Doas iis hie nischt Neues, doaß amol enn d'r Hunger schmeßt. – Na, ieberhaupt, woas de da Winter irscht warn sol, wenn doas hie und's gieht asu furt miit dar Lohnzwackerei. – Und miit a Kartuffeln werd's doas Johr goar schlecht. – Hie werd's au ni anderscher, bis mer oalle vund uuf'n Ricka liega.
Der alte Baumert. Oam besta, ma macht's wie d'r Nentwich Waber, ma lät sich a Schleefla im a Hoals un knippt siich oam Wabstuhle uuf. Do, niem an Prise, iich woar uuf Neurode, do oarbeit mei Schwoger ei d'r Fabricke, wu's a macha, a Schnupptobak. Dar hoot m'r a poar Kernla gegahn dohie. Woas träst denn du ei demm Tichla Schienes?
Alter Weber. 's iis ock a bißla Perlgraupe. D'r Woan von Ullbrichmiller fuhr ver m'r har. Do woar a Saack a wing uufgeschlitzt. Doas kimmt mir goar siehr zupoasse, koanst gleeba.
Der alte Baumert. Zweeunzwanzich Miehlen sein ei Pieterschwaal, und fer inserees fällt doch nischt oab.
Alter Weber. Ma muuß ebens a Mutt ni sinka loon, 's kimmt immer wieder woas und hilft een a Stickla wetter.
Weber Heiber. Ma muuß ebens, wenn d'r Hunger kimmt, zu a Verza Nuthalfern bata, und wenn ma dodervone ernt ni soat werd, do muuß ma an Steen eis Maul nahma und droa lutscha. Gell, Baumert?

Dreißiger, Pfeifer sowie der Kassierer kommen zurück.

Dreißiger. Es war nichts von Bedeutung. Der Junge ist schon wieder ganz munter. Erregt und pustend umhergehend. Es bleibt aber immer eine Gewissenlosigkeit. Das Kind ist ja nur so'n Hälmchen zum Umblasen. Es ist rein unbegreiflich, wie Menschen ... wie Eltern so unvernünftig sein können. Bürden ihm zwei Schock Parchent auf, gute anderthalb Meilen Wegs. Es is wirklich kaum zum glauben. Ich werde einfach müssen die Einrichtung treffen, daß Kindern überhaupt die Ware nich mehr abgenommen wird. Er geht wiederum eine Weile stumm hin und her. Jedenfalls wünsche ich dringend, daß so etwas nicht mehr vorkommt. – Auf wem bleibt's denn schließlich sitzen? Natürlich doch auf uns Fabrikanten. Wir sind an allem schuld. Wenn so'n armes Kerlchen zur Winterszeit im Schnee steckenbleibt und einschläft, dann kommt so'n hergelaufener Skribent, und in zwei Tagen, da haben wir die Schauergeschichte in allen Zeitungen. Der Vater, die Eltern, die so'n Kind schicken ... i bewahre, wo werden die denn schuld sein! Der Fabrikant muß ran, der Fabrikant is der Sündenbock. Der Weber wird immer gestreichelt, aber der Fabrikant wird immer geprügelt: das is'n Mensch ohne Herz, 'n Stein, 'n gefährlicher Kerl, den jeder Preßhund in die Waden beißen darf. Der lebt herrlich und in Freuden und gibt den armen Webern Hungerlöhne. – Daß so'n Mann auch Sorgen hat und schlaflose Nächte, daß er sein großes Risiko läuft, wovon der Arbeiter sich nichts träumen läßt, daß er manchmal vor lauter Dividieren, Addieren und Multiplizieren, Berechnen und wieder Berechnen nich weiß, wo ihm der Kopf steht, daß er hunderterlei bedenken und überlegen muß und immerfort sozusagen auf Tod und Leben kämpft und konkurriert, daß kein Tag vergeht ohne Ärger und Verlust: darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Und was hängt nicht alles am Fabrikanten, was saugt nich alles an ihm und will von ihm leben. Nee, nee! ihr solltet nur manchmal in meiner Haut stecken, ihr würd's bald genug satt kriegen. Nach einiger Sammlung. Wie hat sich dieser Kerl, dieser Bursche da, dieser Bäcker hier aufgeführt! Nun wird er gehen und ausposaunen, ich wäre wer weiß wie unbarmherzig. Ich setzte die Weber bei jeder Kleinigkeit mir nichts, dir nichts vor die Tür. Is das wahr? Bin ich so unbarmherzig?
Viele Stimmen. Nee, Herr Dreißicher!
Dreißiger. Na, das scheint mir doch auch so. Und dabei ziehen diese Lümmels umher und singen gemeine Lieder auf uns Fabrikanten, wollen von Hunger reden und haben so viel übrig, um den Fusel quartweise konsumieren zu können. Sie sollten mal die Nase hübsch woanders neinstecken und sehen, wie's bei den Leinwandwebern aussieht. Die können von Not reden. Aber ihr hier, ihr Parchentweber, ihr steht noch so da, daß ihr nur Grund habt, Gott im stillen zu danken. Und ich frage die alten, fleißigen und tüchtigen Weber, die hier sind: kann ein Arbeiter, der seine Sachen zusammenhält, bei mir auskommen oder nicht?
Sehr viele Stimmen. Ja, Herr Dreißicher!
Dreißiger. Na, seht ihr! – So'n Kerl wie der Bäcker natürlich nicht. Aber ich rate euch, haltet diese Burschen im Zaune; wird mir's zu bunt, dann quittiere ich. Dann löse ich das Geschäft auf, und dann könnt ihr sehn, wo ihr bleibt. Dann könnt ihr sehn, wo ihr Arbeit bekommt. Bei Ehren-Bäcker sicherlich nicht.
Erste Weberfrau hat sich an Dreißiger herangemacht, putzt mit kriechender Demut Staub von seinem Rock. Se hoan sich a brinkel oagestrichen, gnädicher Herr Dreißicher.
Dreißiger. Die Geschäfte gehn hundsmiserabel, das wißt ihr ja selbst. Ich setze zu, statt daß ich verdiene. Wenn ich trotzdem dafür sorge, daß meine Weber immer Arbeit haben, so setze ich voraus, daß das anerkannt wird. Die Ware liegt mir da in Tausenden von Schocken, und ich weiß heut noch nicht, ob ich sie jemals verkaufen werde. – Nun hab' ich gehört, daß sehr viele Weber hierum ganz ohne Arbeit sind, und da ... na, Pfeifer mag euch das Weitre auseinandersetzen. – Die Sache ist nämlich die: damit ihr den guten Willen seht ... ich kann natürlich keine Almosen austeilen, dazu bin ich nicht reich genug, aber ich kann bis zu einem gewissen Grade den Arbeitslosen Gelegenheit geben, wenigstens 'ne Kleinigkeit zu verdienen. Daß ich dabei ein immenses Risiko habe, ist ja meine Sache. – Ich denke mir halt: wenn sich ein Mensch täglich 'ne Quarkschnitte erarbeiten kann, so ist doch das immer besser, als wenn er überhaupt hungern muß. Hab ich nicht recht?
Viele Stimmen. Ja, ja! Herr Dreißicher.
Dreißiger. Ich bin also gern bereit, noch zweihundert Webern Beschäftigung zu geben. Unter welchen Umständen, wird Pfeifer euch auseinandersetzen. Er will gehen.
Erste Weberfrau vertritt ihm den Weg, spricht überhastet, flehend und dringlich. Gnädijer Herr Dreißicher, ich wullde Sie halt recht freindlich gebaata hoan, wenn Se verleicht ... ich hoa halt zweemol an lebergang gehoat.
Dreißiger, eilig. Sprecht mit Pfeifer, gute Frau, ich hab' mich so schon verspätet. Er läßt sie stehen.
Weber Reimann vertritt ihm ebenfalls den Weg. Im Tone der Kränkung und Anklage. Herr Dreißicher, iich muuß miich werklich bekloan. Herr Feifer hoot mer ... Ich hoa doch fer mei Webe itzt immer zwölftehalb Biehma kriecht ...
Dreißiger fällt ihm in die Rede. Dort sitzt der Expedient. Dorthin wendet Euch: das is die richtige Adresse.
Weber Heiber hält Dreißiger auf. Gnädiger Herr Dreißicher, – stotternd und mit wirrer Hast – ich wullde Se vielmoals gittigst gebaata hoan, eeb mer verleicht und a kennde mer ... eeb mer d'r Herr Feifer verleicht und a kennde ... a kennde ...
Dreißiger. Was wollt Ihr denn?
Weber Heiber. Da Vorschuuß, dann iich's letztemool, iich meene, do iich ...
Dreißiger. Ja, ich verstehe Euch wirklich nicht.
Weber Heiber. Iich woar a brinkla siehr ei Nuut, weil ...
Dreißiger. Pfeifers Sache, Pfeifers Sache. Ich kann wirklich nicht ... macht das mit Pfeifer aus. Er entweicht ins Kontor. Die Bittenden sehen sich hilflos an. Einer nach dem andern tritt seufzend zurück.
Pfeifer, die Untersuchung wieder aufnehmend. Na, Annla, was brengst du?
Der alte Baumert. Was sool's denn do setza fer a Webe, Herr Feifer?
Pfeifer. Fersch Webe zahn Silbergroschen.
Der alte Baumert. Nu doas macht siich!

Bewegung unter den Webern, Flüstern und Murren.


 

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