Anton Tschechow: Der Kirschgarten, 2 - Signaturen

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Anton Tschechow: Der Kirschgarten, 2

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Anton Tschechow
Der Kirschgarten


Komödie in vier Aufzügen
Übersetzt von August Scholz



Zweiter Aufzug.



Freies Feld. Eine alte kleine Kapelle, vernachlässigt und verfallen; nebenan ein Brunnen, eine Anzahl großer Steine, die anscheinend früher als Grabplatten gedient haben, und eine alte Bank. Man sieht den Weg nach dem Gutshofe der Gajews. Abseits erheben sich dunkle, hohe Pappeln: dort beginnt der Kirschgarten. In der Ferne eine Reihe von Telegraphenstangen, und ganz weit am Horizont die verschwommenen Umrisse einer großen Stadt, die man nur bei klarem, schönem Wetter deutlicher sieht. Kurz vor Sonnenuntergang. Auf der Bank sitzen Scharlotta, Jascha und Dunjascha; Epichodow steht, Gitarre spielend, daneben. Alle sind in träumerischer Stimmung. Scharlotta, in einer alten Mütze, hat ein Jagdgewehr von der Schulter genommen und bastelt an der Riemenschnalle.


Scharlotta nachdenklich. Ich hab ' gar keinen richtigen Paß – ich weiß nicht, wie alt ich bin; mir

ist immer, als wär' ich noch ganz jung. Als kleines Mädchen zog ich mit meinen Eltern auf Jahrmärkten umher, sie gaben da Vorstellungen, und ich machte denn Saltomortale und allerhand andere Kunststücke. Dann starben die Eltern, und ich kam zu einer deutschen Dame, die mich unterrichtete. So wuchs ich heran und wurde schließlich Gouvernante. Woher ich bin, wer ich bin – weiß ich nicht. Zieht eine Gurke aus der Tasche und ißt. Nichts weiß ich. Pause. Ich möcht' mich mal gern so richtig aussprechen, aber zu wem? Ich hab' doch keinen Menschen auf der Welt.

Epichodow spielt auf der Gitarre und singt. »Was kümmert mich der Lärm der Welt, was sind

mir Freund' und Feinde ...« Wie schön ist's doch, wenn man Mandoline spielen kann!

Dunjascha. Das ist eine Gitarre und keine Mandoline! Beguckt sich im Spiegel und pudert sich.
Epichodow. Für einen verliebten Narren ist es eine Mandoline … Singt. »Wenn sich in treuer

Liebe nur ein treues Herz mir einte …«

Jascha singt leise mit.
Scharlotta. Schrecklich singen die Leute … pfui! Das reine Schakalgeheul!
Dunjascha zu Jascha. So eine Reise ins Ausland muß doch wunderschön sein.
Jascha. Das will ich meinen. Bin ganz Ihrer Ansicht. Gähnt erst und zündet sich dann eine

Zigarre an.

Epichodow. Das unterliegt keinem Zweifel. Im Ausland ist alles ganz perfekt.
Jascha. So ist's.
Epichodow. Ich bin ein fortgeschrittener Mensch, ich lese allerhand hervorragende Bücher, und

doch kann ich meine geistige Richtung nicht begreifen, was ich eigentlich will – ob ich weiterleben oder mich totschießen soll, gewissermaßen … Ich trage immer einen Revolver bei mir, nichtsdestoweniger, da ist er … Zeigt seinen Revolver.

Scharlotta. So – fertig! Hängt das Gewehr über die Schulter. Du bist ein ganz gescheuter Kerl,

Epichodow, und dabei hast du sowas Imponierendes. Die Weiber haben dich wohl sehr gern? Brrr! Entfernt sich. Diese gescheuten Menschen sind alle miteinander Esel, nicht ein Ton läßt sich mit ihnen reden … Ich bin allein, ganz mutterseelenallein auf der Welt, hab' niemand, mit dem ich mich aussprechen könnte … Wer ich bin, wozu ich da bin, – kein Mensch kann mir's sagen … Langsam ab.

Epichodow. Genau genommen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen, kann ich wohl sagen, daß

das Schicksal mich mitleidslos behandelt, wie der Sturm ein Schifflein. Angenommen, ich irre mich – wie kommt es dann, daß ich heute früh beim Erwachen plötzlich, beispielsweise, auf meiner Brust eine riesengroße Spinne sehe? … So groß. Zeigt mit beiden Händen. Oder ich nehm' ein Glas Bier in die Hand und will trinken, und mit einemmal seh' ich etwas ganz Abscheuliches darin herumschwimmen, nämlich eine Schwabe! Pause. Haben Sie Buckle gelesen? Pause. Zu Dunjascha. Ich möcht' ein paar Worte mit Ihnen reden, Awdotja Fjodorowna … darf ich bitten?

Dunjascha. Reden Sie!
Epichodow. Unter vier Augen, möcht' ich bitten ... Seufzt.
Dunjascha verwirrt. Schön … aber holen Sie mir erst mal meinen Umhang … neben dem Spind

hängt er … Es ist hier so kühl ...

Epichodow. Schön, ich hol' ihn … Jetzt weiß ich, wozu ich meinen Revolver habe … Auf der

Gitarre klimpernd ab.

Jascha. Der Unglücksrabe! Ein Schafskopf, unter uns gesagt. Gähnt.
Dunjascha. Daß er sich bloß nicht erschießt. Pause. Ich bin so empfindlich geworden, jede

Kleinigkeit regt mich auf. Ich bin schon als kleines Mädchen zur Herrschaft gekommen, da bin ich das einfache Leben gar nicht mehr gewöhnt. Da, sehen Sie, ich hab' so weiße Hände, ganz wie ein Fräulein. Und so zart bin ich, so delikat und ängstlich … alles erschreckt mich. Wenn Sie mich zum Beispiel betrügen sollten, Jascha – ich weiß nicht, was mit meinen Nerven würde.

Jascha küßt sie. Mein Schnutchen! Gewiß, natürlich, jedes anständige Mädchen muß auf sich

halten. Nichts ist mir so zuwider wie ein schlechtes Benehmen.

Dunjascha. Ich hab' Sie so liebgewonnen! Sie sind so gebildet, können über alles so fein reden!

Pause.

Jascha gähnt. Nja … Ich meine, wenn ein Mädel sich wegwirft, dann taugt es eben nichts …

Pause. Zu fein schmeckt so eine Zigarre im Freien … Horcht. Es kommt jemand … die Herrschaften jedenfalls.

Dunjascha umarmt ihn hastig.
Jascha. Gehen Sie nach Hause … tun Sie, als wären Sie baden gewesen. Hier den Fußweg gehen

Sie lang, sonst begegnen Sie noch jemandem. Man denkt gar, wir hätten uns ein Stelldichein gegeben, und das mag ich nicht.

Dunjascha hustet leise. Ich habe Kopfschmerzen von dem Zigarrenrauch. Ab.

Jascha bleibt allein zurück, er sitzt auf der Bank neben der Kapelle. Ljubow Andrejewna, Gajew und Lopachin kommen heran.


Lopachin. Die Zeit drängt, es heißt jetzt einen Entschluß fassen. Wollen Sie parzellieren?

Antworten Sie kurz: ja oder nein?

Ljubow Andrejewna. Wer raucht denn hier so abscheuliche Zigarren? Setzt sich.
Gajew. Wie bequem das doch ist, daß wir jetzt hier die Bahn haben! Setzt sich. Will man mal gut

frühstücken, steigt man einfach ins Kupee und fährt nach der Stadt … Den Gelben in die Mitte! Ich möcht' am liebsten nach Hause gehen und eine Partie Billard spielen …

Ljubow Andrejewna. Die läuft dir nicht weg.
Lopachin. Nur ein einziges Wort! Bittend. Geben Sie mir doch endlich eine klare Antwort!
Gajew gähnend. Wie war das?
Ljubow Andrejewna sieht in ihr Portemonnaie. Gestern war's voll, und heut' ist's schon wieder

Ebbe. Die arme Warja spart, kocht nichts als Milchsuppen, füttert die Leute mit Erbsen, und ich verschleudere das Geld so unvernünftig … Läßt das Portemonnaie fallen, daß die Goldstücke herausrollen. Nun rollen sie hin! Wird ärgerlich.

Jascha. Gestatten Sie, ich such' sie zusammen. Hebt das Geld auf.
Ljubow Andrejewna. Seien Sie so gut, Jascha. Was hat das nur für einen Sinn – nach der Stadt

zu fahren, bloß um zu frühstücken? Und so ein ruppiges Lokal – die Musik taugt nichts, die Tischtücher riechen nach Seife … Man ißt und trinkt viel zuviel – wozu das alles, Ljonja? Und man schwatzt auch viel zu viel. Du hast heut' wieder alles mögliche zusammengeredet, lauter überflüssiges Zeug, von den siebziger Jahren, von der neuen Literatur, und zu wem hast du geredet? Zu den Kellnern! Mit Kellnern hast du über Literatur disputiert!

Lopachin. Ja …
Gajew achselzuckend. Ich bin eben unverbesserlich … Erregt zu Jascha. Was ist denn das? In

einem fort drehst du dich mir hier vor den Augen herum ...

Jascha lacht. Ich muß immer lachen, wenn ich Sie reden höre.
Gajew zu seiner Schwester. Entweder ich oder er …
Ljubow Andrejewna. Gehen Sie, Jascha, entfernen Sie sich ...
Jascha reicht ihr das Portemonnaie. Ich gehe schon … Hält sein Lachen nur mühsam zurück. Ich

geh' … Ab.

Lopachin. Der reiche Deriganow will Ihr Gut kaufen. Es heißt, er will selbst zur Versteigerung

kommen.

Ljubow Andrejewna. Woher wissen sie das?
Lopachin. In der Stadt erzählt man's.
Gajew. Die Tante in Jaroslawl hat uns Geld versprochen – aber wann sie es schickt, und wieviel,

kann ich noch nicht sagen.

Lopachin. Wieviel wird sie schicken? Hundert-, zweihunderttausend?
Ljubow Andrejewna. Nun, wenn's auch nur zehn- oder fünfzehntausend sind, ist uns schon

geholfen.

Lopachin. Verzeihen sie, so leichtsinnige Herrschaften wie Sie, so unerfahrene, sonderbare Leute

sind mir noch nie vorgekommen. Ich sage Ihnen klipp und klar: Ihr Gut kommt unter den Hammer, und Sie tun, als sei das gar nichts.

Ljubow Andrejewna. Was sollen wir machen? So belehren Sie uns doch!
Lopachin. Tag für Tag gebe ich mir Mühe, Sie zu belehren. Tag für Tag rede und rede ich, immer

ein und dasselbe. Sie sollen den Kirschgarten und das ganze Terrain am Flusse parzellieren und Sommerhäuschen darauf bauen, und zwar sofort, jetzt, in diesem Augenblick. Der Versteigerungstermin steht vor der Tür. Begreifen sie doch endlich! Sobald Sie sich erst mal zu der Parzellierung entschlossen haben, steht Ihnen soviel Geld zur Verfügung, wie Sie nur wollen, und Sie sind gerettet.

Ljubow Andrejewna. Sommerhäuschen, Sommergäste – das klingt so gewöhnlich, nehmen Sie

mir's nicht übel.

Gajew. Ich bin ganz deiner Meinung.
Lopachin. Weinen möcht' ich, schreien, in Ohnmacht fallen, wenn ich das höre. Ich halt's nicht

länger aus, Sie foltern mich zu Tode. Zu Gajew. Sie sind ein altes Weib!

Gajew. Wie war das?
Lopachin. Ein altes Weib sind Sie! Will gehen.
Ljubow Andrejewna erschrocken. Nicht doch, Sie werden doch nicht gehen! Bleiben Sie, mein

Lieber, ich bitte Sie darum. Es ist gemütlicher, wenn Sie da sind … Pause. Mir ist immer so unheimlich zumute, als ob etwas Schreckliches eintreten müßte, als ob das Dach über uns einstürzen sollte …

Gajew in tiefem Nachdenken. Dublee in die Ecke! … Den Roten in die Mitte!
Ljubow Andrejewna. Wir haben auch zu arg gesündigt.
Lopachin. Was haben Sie schon arg gesündigt.
Gajew steckt einen Bonbon in den Mund. Man erzählt sich, ich hätte mein ganzes Vermögen in

Bonbons vernascht …

Ljubow Andrejewna. O, meine Sünden, meine Sünden! … Ich bin mit dem Geld immer

umgegangen wie eine Verrückte. Einen Schuldenmacher hab' ich geheiratet, der sich am Champagner totgetrunken hat, und dann hab' ich mich an einen andern gehängt, der es auch nicht besser trieb. Der Tod meines Jungen war die erste Strafe, er traf mich wie ein Schlag auf den Kopf. Ich floh blindlings, fort, nur fort, ins Ausland, um diesen Fluß nicht mehr zu sehen, der mir mein Kind geraubt hatte. Jener kam mir nach, und als er dort krank wurde, kaufte ich die Villa bei Mentone und pflegte ihn drei Jahre lang, gönnte mir Tag und Nacht keine Ruhe und kam selbst ganz und gar herunter. Und im vorigen Jahr, als man Schulden halber meine Villa verkauft hatte, fuhr ich nach Paris, und hier nahm mir der Mensch mein Letztes, wandte sich einer andern zu und ließ mich elend sitzen. Ich machte einen Selbstmordversuch … so dumm … so kläglich … und plötzlich erwachte in mir die Sehnsucht nach Rußland, nach der Heimat, nach meinen lieben kleinen Mädchen … Wischt sich die Tränen aus den Augen. O Gott, mein Gott, sei mir gnädig, vergib mir meine Sünden! Straf' mich nicht länger! Zieht ein Telegramm aus der Tasche. Das hab' ich heute aus Paris bekommen … Er bittet um Verzeihung, fleht mich an, ich möchte zu ihm zurückkommen … Zerreißt das Telegramm. Lauscht. Ist das nicht Musik?

Gajew. Das ist unser berühmtes jüdisches Orchester. Vier Geigen, Flöte und Kontrabaß – weißt

du noch?

Ljubow Andrejewna. Existiert es noch? Könnte man sie nicht mal herbestellen zu einer

Abendunterhaltung?

Lopachin horcht. Ich höre nichts … Lacht. Gestern war ich im Theater, man gab ein sehr

spaßiges Stück, wirklich zum Lachen.

Ljubow Andrejewna. Was mag's da zum Lachen gegeben haben! Über euch selbst solltet ihr

lachen – über das Jammerleben, das ihr führt … und nicht so viel schwatzen solltet ihr …

Lopachin. Das stimmt schon. Ein richtiges Narrenleben führen wir. Pause. Mein Vater war ein

Bauer, ein Idiot, der von nichts was verstand, der mir nichts beibrachte und mich mit dem Knüppel schlug, wenn er betrunken war. Und ich hab's nicht viel weiter gebracht: ein dummer Teufel bin ich geblieben, und eine Handschrift hab' ich, schämen sollt' ich mich, die richtigen Krähenfüße.

Ljubow Andrejewna. Sie sollten heiraten, mein Lieber.
Lopachin. Ja, das sollt ich wohl.
Ljubow Andrejewna. Heiraten sie unsere Warja. Sie ist ein liebes Mädel.
Lopachin. Ja.
Ljubow Andrejewna. Sie ist einfach erzogen, ist gut und brav, und vor allem: sie hat Sie gern.

Sie haben doch längst ein Auge auf sie geworfen.

Lopachin. Ich bin nicht abgeneigt … Sie ist ein liebes Mädel. Pause.
Gajew. Mir hat man eine Stellung in der Bank angeboten … Sechstausend Rubel jährlich …

weißt du schon?

Ljubow Andrejewna. Unsinn! Bleib' wo du bist!
Firs kommt mit einem Paletot. Zu Gajew. Es ist kühl, Herr, ziehen Sie ihn gefälligst über.
Gajew zieht den Paletot an. Bist ein langweiliger Peter.
Firs. Schon gut … Heute früh sind Sie auch weggefahren, ohne mir ein Wort zu sagen. Mustert

ihn.

Ljubow Andrejewna. Bist doch sehr gealtert, lieber Firs.
Firs. Was beliebt?
Lopachin. Sehr gealtert bist du!
Firs. Ich lebe ja auch schon lang genug. Als ihr Herr Papa noch gar nicht auf der Welt war, da

sollt' ich schon heiraten. Und wie die Bauernbefreiung kam, war ich schon erster Kammerdiener. Ich wollt' aber gar nicht frei werden, sondern blieb fein bei meiner Herrschaft … Pause. Alle freuten sich damals so, aber worüber sie sich freuten, das wußten sie selber nicht.

Lopachin ironisch. Sehr schön ist's früher gewesen. An Prügel wenigstens hat's nicht gefehlt.
Firs der ihn nicht verstanden hat. Das wollt' ich meinen. Hie Bauern, hie Herren – man wußte,

woran man war. Jetzt läuft alles durcheinander, kein Mensch kennt sich mehr aus.

Gajew. Halt den Mund, Firs. Morgen muß ich zur Stadt. Ich soll da einen General kennen lernen,

der Geld gegen Wechsel gibt.

Lopachin. Es wird nichts dabei herauskommen. Sie werden die Zinsen nicht zahlen können, sag'

ich Ihnen.

Ljubow Andrejewna. Er phantasiert ja. Es gibt gar keinen solchen General.

Trofimow, Anja und Warja kommen heran.

Gajew. Ah, da kommt unser junges Völkchen!
Anja. Sieh' da, Mama auf der Brunnenbank!
Ljubow Andrejewna. Komm, komm ...Meine lieben Mädchen … Umarmt Anja und Warja.

Wenn ihr wüßtet, wie sehr ich euch liebe! Setzt euch hier neben mich – so!
Alle setzen sich.

Lopachin. Unser ewiger Student hält sich immer an die jungen Damen.
Trofimow. Das geht Sie nichts an.
Lopachin. Fünfzig Jahre zählt er bald, und ist noch immer Student.
Trofimow. Lassen Sie Ihre dummen Scherze.
Lopachin. Nanu, du bist wohl gar böse? Sonderling!
Trofimow. Laß mich doch in Frieden!
Lopachin lacht. Darf man fragen, was Sie so von mir denken?
Trofimow. Was ich von Ihnen denke? Das will ich Ihnen sagen, Jermolaj Alexejewitsch: Sie sind

ein reicher Mann, vielleicht gar Millionär. Und wie das Raubtier, das alles frißt, was ihm in den Weg kommt, im Kreislauf des Stoffes seine Berechtigung hat, so sind auch Sie in der sozialen Welt eine Notwendigkeit. Alle lachen.

Warja. Erzählen Sie uns lieber was von den Planeten, Petja.
Ljubow Andrejewna. Nein, fahren wir in unsrer gestrigen Unterhaltung fort.
Trofimow. Worüber?
Gajew. Über den Edelmenschen.
Trofimow. Ach ja, darüber sprachen wir gestern lang und breit, ohne zu Ende zu kommen. Der

Edelmensch, wie Sie ihn auffassen, hat entschieden etwas Mystisches. Vielleicht haben Sie in Ihrer Art recht, aber wenn Sie die Dinge einfach und nüchtern, ohne Aufputz betrachten – was bleibt da von dem ganzen Edelmenschen übrig? Was für einen Sinn hat das Wort, wenn man die körperliche Hinfälligkeit des Menschen in Betracht zieht, wenn man bedenkt, wie ungebildet, unwissend und tief unglücklich der Mensch in der überwiegenden Mehrheit ist? Wir müssen aufhören, von uns entzückt zu sein … wir müssen einfach arbeiten, und nichts weiter.

Gajew. Das Ende ist doch schließlich der Tod.
Trofimow. Wer kann das wissen? Und was heißt »der Tod«? Vielleicht hat der Mensch hundert

Sinne, von denen der Tod nur fünf vernichtet, während die übrigen fünfundneunzig weiter funktionieren.

Ljubow Andrejewna. Wie gelehrt Sie doch sind, Petja.
Lopachin ironisch. Riesig gelehrt!
Trofimow. Die Menschheit schreitet fort und entwickelt stetig ihre Kräfte. Was ihr jetzt noch

unerreichbar ist, wird ihr dereinst greifbar nahe sein, nur muß sie eben arbeiten, um zum Ziel zu gelangen, muß mit aller Macht diejenigen fördern, die die Wahrheit suchen. Bei uns in Rußland arbeiten bis jetzt nur wenige. Die Intelligenz, die ich kenne, sucht überhaupt nichts, tut nichts und ist zur Arbeit unfähig. Sie nennt sich Intelligenz und duzt dabei ihre Dienstboten, behandelt die Bauern wie das Vieh, treibt die Studien ganz oberflächlich, liest nichts mit richtigem Ernst, schwatzt nur über Wissenschaft und hat für Kunst kein Verständnis. Alle tun wichtig und machen ernste Gesichter, alle philosophieren und reden nur von erhabenen Dingen, und dabei leben neunundneunzig Prozent von ihnen wie die Wilden, zanken und prügeln sich um jede Bagatelle, nähren sich erbärmlich, schlafen in Schmutz und Stank, leben inmitten von Ungeziefer, Unrat und sittlicher Fäulnis. Alle unsere schönen Reden und Gespräche haben offenbar nur den Zweck, uns selbst und die anderen zu täuschen … Zeigen Sie mir doch mal, wo bei uns die Kinderhorte und Lesehallen sind, von denen so viel geredet wird! Sie existieren nur in den Romanen, nicht aber in der Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit ist der Schmutz, die Gemeinheit, das Asiatentum … Ich fürchte mich vor diesen allzu ernsten Gesichtern und tiefsinnigen Gesprächen, ich liebe sie nicht … Schweigen wir lieber!

Lopachin. Sehen Sie – ich steh' um fünf Uhr morgens auf, arbeite von früh bis zum späten

Abend, habe immer mit eignem und fremdem Geld zu tun, und da seh' ich so recht, wie die Leute sind. Man braucht nur irgend etwas zu unternehmen, gleich kommt man dahinter, wie wenige ehrliche und ordentliche Menschen es gibt. Manchmal, wenn ich in der Nacht keinen Schlaf finde, denk' ich so bei mir: »O Gott im Himmel, du hast uns nun diese riesigen Wälder, diese unabsehbaren Fluren, diese weiten Horizonte gegeben, da müßten doch auch wir, die wir mitten drin leben, so eine Art Riesen sein ...«

Ljubow Andrejewna. Was wollen sie mit Riesen? Die sind nur im Märchen gut und edel, in der

Wirklichkeit erschrecken sie einen höchstens.


Im Hintergrund geht Epichodow, auf seiner Gitarre spielen, vorüber.

Ljubow Andrejewna nachdenklich. Epichodow kommt. …
Anja nachdenklich. Epichodow kommt …
Gajew. Die Sonne ist untergegangen, Herrschaften.
Trofimow. Ja.
Gajew leise, halb deklamierend. O Natur, du Wunderbare! Du strahlst im ewigen Lichte, voll

Schönheit und schweigender Würde bist du, die wir unsere Mutter nennen! Du birgst Leben und Tod in dir, du ernährst und vernichtest …

Warja bittend. Onkelchen!
Anja. Onkel, schon wieder!
Trofimow. Machen sie lieber einen Dublee auf den Gelben …
Gajew. Ich schweig' schon, ich schweig' schon.

Alle sitzen in Nachdenken versunken da. Stille ringsum, man hört nur Firs vor sich hinmurmeln. Plötzlich erklingt in der Ferne ein Ton, wie vom Himmel kommend, wie der Ton einer gesprungenen Saite, ersterbend, traurig.


Ljubow Andrejewna. Was war das?
Lopachin. Ich weiß nicht. Vielleicht ist irgendwo in einem Schacht ein Förderseil gerissen. Es

muß sehr, sehr weit sein.

Gajew. Es kann auch ein Vogel gewesen sein, ein Reiher vielleicht.
Trofimow. Oder ein Uhu …
Ljubow Andrejewna zusammenschauernd. Es klang so unheimlich. Pause.
Firs. Vor dem Unglück damals war's genau so: die Eule schrie, und der Ssamowar summte in

einem fort.

Gajew. Vor welchem Unglück?
Firs. Vor der Bauernbefreiung.

Pause.

Ljubow Andrejewna. Ich denke, wir gehen, meine Lieben, es ist schon spät. Zu Anja. Du hast

Tränen in den Augen – was ist dir, Kind? Umarmt sie.

Anja. Nichts, Mama … Nur so …
Trofimow. Es kommt jemand.

Ein Landstreicher in Paletot und abgetragener weißer Mütze erscheint; er ist leicht angetrunken.


Der Landstreicher. Darf ich fragen, ob ich hier richtig auf dem Wege zur Station bin?
Gajew. Ja, immer geradeaus.
Der Landstreicher. Danke ergebenst. Hustet. Ein herrliches Wetter … Deklamiert ... »O Bruder,

vielgeprüfter Bruder mein … Geh', such' am Wolgaufer die Erholung ...« Zu Warja. Mademoiselle, ein hungernder Landsmann bittet Sie um dreißig Kopeken …

Warja stößt erschrocken einen Schrei aus.

Lopachin ärgerlich. Hör' mal, du – alter Freund, nicht zu weit gegangen!
Ljubow Andrejewna ängstlich. Nehmen Sie … da ... Sucht im Portemonnaie. Ich habe kein

Silbergeld … Hier, nehmen Sie das Goldstück ...

Der Landstreicher. Danke ergebenst! Ab. Lachen.
Warja erschrocken. Ich halt' das nicht aus … Ich geh' fort, Mamachen! Zu Hause haben die Leute

nichts zu essen, und Sie geben dem Menschen ein Goldstück!

Ljubow Andrejewna. Was ist schon, ich bin mal so närrisch. Zu Hause gebe ich dir alles, was

ich habe. Jermolai Alexeïtsch, Sie borgen mir doch noch was?

Lopachin. Ich stehe zu Diensten.
Ljubow Andrejewna. Kommen Sie, Herrschaften, es ist Zeit. Wir haben dich übrigens unter die

Haube gebracht, Warja. Ich gratuliere.

Warja unter Tränen. Mit solchen Dingen scherzt man nicht, Mama.
Lopachin. Geh' in ein Kloster, Ochmelia!
Gajew. Mir zittern förmlich die Hände: ich hab' schon lange nicht Billard gespielt.
Lopachin. Schließ mich in dein Gebet ein, Ochmelia, schöne Nymphe!
Ljubow Andrejewna. Gehen wir endlich. Es gibt gleich Abendbrot.
Warja. Wie mich dieser Mensch erschreckt hat! Förmlich Herzklopfen hab' ich bekommen.
Lopachin. Vergessen Sie nicht, Herrschaften: am 2. August kommt der Kirschgarten unter den

Hammer! Denken Sie daran!


Alle ab, außer Trofimow und Anja.


Anja lacht. Der Bettler hat Warja verscheucht, nun sind wir allein.
Trofimow. Sie fürchtet, wir könnten uns ineinander verlieben, und geht uns nicht vom Halse. Ihr

enger Schädel erfaßt es nicht, daß wir über der Liebe stehen. All das Kleinliche, Trügerische abstreifen, das uns hindert, glücklich zu sein – das ist der Sinn und das Ziel unseres Lebens. Nur vorwärts! Wir schreiten unaufhaltsam dem hellen Stern entgegen, der dort in der Ferne erglänzt! Vorwärts! Bleibt nicht zurück, o Freunde!

Anja in die Hände klatschend. Wie schön Sie sprechen! Pause. Heut ist es hier ganz herrlich!
Trofimow. Ja, ein wundervolles Wetter.
Anja. Was haben Sie mit mir gemacht, Petja?

Wie kommt's, daß ich den Kirschgarten nicht mehr so liebe wie früher? Ich liebte ihn so zärtlich, ich war fest davon überzeugt, daß es keinen schöneren Ort auf Erden gebe, als unseren Garten.

Trofimow. Ganz Rußland ist unser Garten.Die Erde ist groß und schön, und es gibt auf ihr gar

viele wundervolle Orte. Pause. Bedenken Sie, Anja: Ihr Großvater, Ihr Urgroßvater und alle Ihre Vorfahren waren Sklavenhalter, Gebieter über lebendige Seelen; jede Frucht im Garten, jedes Blatt am Baum spricht von den menschlichen Wesen, die hier in Knechtschaft gelebt haben. O, dieser Garten hat etwas Schreckliches, und wenn man des Nachts ihn durchschreitet und die alte Rinde der Stämme in matten Reflexen erschimmern sieht, dann ist es, als ob diese Kirschbäume träumten, als ob sie in quälenden Visionen sähen, was hier vor hundert, vor zweihundert Jahren geschah. Was soll man schon viel Worte machen: wir sind um wenigstens zweihundert Jahre in der Entwicklung zurück, bei uns ist noch so gut wie nichts geschehen, wir haben noch gar keine Distanz zu unserer Vergangenheit gewonnen, wir philosophieren nur, klagen über Langeweile oder trinken Branntwein. Es ist ja doch sonnenklar: um wirklich und lebendig mit der Gegenwart zu leben, müssen wir erst mit der Vergangenheit abschließen und sie abbüßen, und das können wir nur durch hartes Leid, durch unermüdliche, anstrengende Arbeit erreichen. Merken Sie sich das, Anja!

Anja. Das Haus, in dem wir wohnen, gehört uns längst nicht mehr. Ich werde es verlassen, mein

Wort darauf.

Trofimow. Wenn Sie die Schlüssel der Wirtschaft hier führen, dann werfen Sie sie in diesen

Brunnen und gehen Sie auf und davon. Seien Sie frei, wie der Wind der Steppe!

Anja entzückt. Wie schön Sie das gesagt haben.
Trofimow. Glauben Sie mir, Anja, glauben Sie!

Ich zähle noch nicht dreißig, bin noch jung, noch Student, und habe doch schon so unendlich viel durchgemacht. Hunger und Elend, Krankheit und Not hab' ich ertragen wie nur irgendein Bettler, von Ort zu Ort hat mich das Schicksal gejagt. Immer jedoch, jeden Augenblick, bei Tag und Nacht, blieb meine Seele von geheimnisvollen Ahnungen erfüllt: ich ahne das Glück, Anja – ja, ich sehe es schon …

Anja nachdenklich. Der Mond geht auf.


Man hört Epichodow immer noch dieselbe traurige Melodie auf der Gitarre spielen. Der Mond steigt empor. Irgendwo in der Nähe der Pappeln ruft Warja.


Warja. .Anja, Anja!
Trofimow. Ja, der Mond geht auf.

Pause.

Trofimow. Das ist es, das Glück – da kommt es heran, immer näher und näher, ich höre bereits

seine Schritte. Und wenn wir es nicht erblicken und erkennen – was schadet es? Dann werden andere es schauen!

Warjas Stimme. Anja, wo bist du?
Trofimow. Nein, diese Warja! Ärgerlich. Zu albern.
Anja. Lassen Sie sie! Gehen wir an den Fluß, dort ist's schön.
Trofimow. Kommen Sie!

Beide ab.

Warjas Stimme. Anja, Anja!

Vorhang.



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