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Anton Tschechow: Der Kirschgarten, 3

Flügeltüren


Anton Tschechow

Der Kirschgarten


Komödie in vier Aufzügen
Übersetzt von August Scholz





Dritter Aufzug.



Gesellschaftszimmer, das durch eine Bogentür von Saal getrennt ist. Der Kronleuchter brennt. Im Vorzimmer spielt das jüdische Orchester, von dem im zweiten Aufzug die Rede ist. Im Saal wir die »grande ronde« getanzt. Ssimeonow-Pischtschiks Stimme: »Promenade à une paire!« Im Gesellschaftszimmer erscheinen als erstes Paar Pischtschik und Scharlotta Iwanowna, als zweites Trofimow und Ljubow Andrejewna, als drittes Anja mit dem Posthalter, als viertes Warja mit dem Stationsvorsteher usw. Warja weint still und wischt sich während des Tanzes die Tränen ab. Im letzten Paare Dunjascha. Sie schreiten durch das Zimmer; Pischtschik ruft: »Grande ronde, balançez!« und »Les cavaliers à genou et remerciez vos dames!« Firs im Frack, bringt Selterwasser auf einem Präsentierbrett. Pischtschik und Trofimow betreten das Gesellschaftszimmer.


Pischtschik. Ich bin vollblütig, hab' schon zweimal einen Schlaganfall gehabt. Das Tanzen fällt

mir schwer, aber schließlich: mit den Wölfen muß man heulen. Sonst hab' ich eine Pferdenatur. Mein verstorbener Vater, Gott hab' ihn selig, war ein großer Witzbold – er meinte, das alte Geschlecht der Ssimeonow-Pischtschiks stamme direkt von dem Pferde ab, das Kaiser Caligula zum Senator ernannte … Setzt sich. Mein ganzes Unglück ist, dass ich kein Geld habe. Ein hungriger Hund glaubt nur an Fleisch. … Schnarcht und wacht gleich wieder auf. So hab auch ich … nur für Geld …

Trofimow. Sie haben in Ihrer Erscheinung tatsächlich etwas vom Pferd.
Pischtschik. Nun, das Pferd ist ein sehr nützliches Tier … ein Pferd kann man verkaufen …


Man hört, daß im Zimmer nebenan Billard gespielt wird. Im Saal unter der Bogenwölbung erscheint
Warja.


Trofimow neckend. Madame Lopachin! Madame Lopachin.
Warja ärgerlich. Ewiger Student! Ewiger Student!
Trofimow. Ich bin stolz auf mein ewiges Studententum.
Warja. Da hat man nun die Musikanten kommen lassen – und wer soll sie bezahlen? Ab.
Trofimow zu Pischtschik. Hätten Sie die Energie, die Sie in Ihrem Leben zum Auftreiben von

Zinsen verwandt haben, einem besseren Zweck gewidmet – Sie hätten die Welt aus den Angeln gehoben.

Pischtschik. Der berühmte Philosoph Nietzsche sagt irgendwo in seinen Werken, es sei erlaubt,

falsche Banknoten zu machen.

Trofimow. Haben Sie Nietzsche gelesen?
Pischtschik. Nein … meine Daschenjka hat es mir gesagt. Ich bin augenblicklich in einer Lage,

daß ich zum Falschmünzer werden möchte ...Übermorgen soll ich 310 Rubel bezahlen … 130 hab' ich schon zusammen. Betastet seine Taschen, erschrocken. Ich hab' sie verloren! Ich habe das Geld verloren! Unter Tränen. Wo ist das Geld? Freudig. Da ist's, es ist hinters Futter gerutscht. … Der Schweiß ist mir förmlich auf die Stirn getreten …


Ljubow Andrejewna und Scharlotta Iwanowna treten ein.

Ljubow Andrejewna singt leise die Lesghinka vor sich hin. Warum bleibt Leonid nur so lange?

Was macht er in der Stadt? Zu Dunjascha. Dunjascha, bringen Sie den Musikanten doch Tee!

Trofimow. Die Versteigerung hat wohl nicht stattgefunden …
Ljubow Andrejewna. Die Musikanten, der Ball … das haben wir alles so zur Unzeit arrangiert

… Dich … was tut's schon … Setzt sich und singt leise.

Scharlotta reicht Pischtschik ein Spiel Karten. Hier haben Sie ein Spiel Karten. Merken Sie sich

irgendeine Karte.

Pischtschik. Schon gemacht.
Scharlotta. Mischen Sie jetzt die Karten! So – nun geben Sie sie her, mein lieber Herr

Pischtschik. Eins, zwei, drei! Die Karte, die Sie sich gemerkt haben, ist in Ihrer Brusttasche – sehen Sie nach!

Pischtschik zieht eine Spielkarte aus seiner Brusttasche. Die Pik-Acht! In der Tat … Verwundert.

Was sagt man dazu?

Scharlotta hält das Kartenspiel auf der flachen Hand zu Trofimow. Sagen Sie rasch, welche

Karte soll oben liegen?

Trofimow. Welche Karte? Nun – die Pik-Dame.
Scharlotta. Da ist sie! Zu Pischtschik. Nun? Welche Karte liegt oben?
Pischtschik. Coeur-Aß!
Scharlotta. Da ist es … Klopft auf die flache Hand, das Kartenspiel verschwindet. Was für ein

prächtiges Wetter heute ist!


Eine geheimnisvolle Frauenstimme, die unter dem Fußboden hervorzukommen scheint, antwortet ihr.


Die Stimme. O ja, meine Gnädige, das Wetter ist herrlich.
Scharlotta. Wie schön Sie sind, mein Ideal!
Die Stimme. Auch Sie gefallen mir sehr gut, meine Gnädige!
Der Stationsvorsteher klatscht Beifall. Das Fräulein ist Bauchrednerin! Bravo, Bravo!
Pischtschik verwundert. Was sagt man dazu? Entzückende Scharlotta Iwanowna, ich bin

geradezu verliebt ...

Scharlotta. Verliebt? Können Sie denn lieben? Ein guter Mensch, aber ein schlechter

Musikant …

Trofimow klopft Pischtschik auf die Schulter. Da haben Sie's … Sie Pferd!
Scharlotta. Ich bitte um Aufmerksamkeit, noch ein kleines Kunststück. Nimmt ein Plaid vom

Stuhl. Ich habe hier ein sehr schönes Plaid, das ich gern verkaufen möchte. Schüttelt das Plaid. Will es jemand kaufen?

Pischtschik verwundert. Was sagt man dazu?
Scharlotta. Eins, zwei, drei! Hebt rasch das breit herabhängende Plaid aufdahinter steht Anja,

die ihre Reverenz macht, zu ihrer Mutter hineilt, sie umarmt und unter allgemeinem Beifall in den Saal zurückeilt.

Ljubow Andrejewna applaudiert. Bravo, bravo!
Scharlotta. Noch etwas. Eins, zwei, drei! Hebt das Plaid auf; hinter dem Plaid steht Warja und

verneigt sich.

Pischtschik verwundert. Was sagt man dazu?
Scharlotta. Schluß! Wirft das Plaid auf Pischtschik, macht ihrer Reverenz und eilt in den Saal.
Pischtschik hinter ihr hereilend. So eine Spitzbübin! Na, wart' mal! Ab.

Ljubow Andrejewna.
Und Leonid kommt und kommt nicht. Ich begreife nicht, was er so lange

in der Stadt macht. Es muß doch längst alles entschieden sein – entweder ist das Gut verkauft, oder die Versteigerung hat noch nicht stattgefunden. Wie kann er mich so
lange in Ungewißheit lassen?

Warja sucht sie zu trösten. Der Onkel hat es gekauft. Ich bin fest überzeugt davon.
Trofimow spöttisch. So!
Warja. Die Gräfin hat ihm doch Vollmacht geschickt, er soll das Gut, unter Überschreibung der

Schuld, auf ihren Namen erstehen. Sie hat es für Anja bestimmt. Gott wird uns helfen … ich bin überzeugt, daß der Onkel es gekauft hat.

Ljubow Andrejewna. Die Tante in Jaroslawl hat fünfzehntausend Rubel geschickt, wir sollen das

Gut auf ihren Namen kaufen. Uns traut sie nicht. Das Geld reicht leider nicht mal zur Bezahlung der Zinsen. Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Heut' entscheidet sich mein Schicksal.

Trofimow neckt Warja. Madame Lopachin!
Warja ärgerlich. Ewiger Student! Zweimal schon hat man ihn von der Universität fortgejagt!
Ljubow Andrejewna. Was ärgerst du dich denn, Warja? Daß er dich mit Lopachin neckt? Laß

ihn doch! Lopachin ist ein braver Mensch, ich finde ihn sogar interessant. Heirate ihn, oder heirate ihn nicht, kein Mensch wird dich zwingen.

Warja. Ich sehe die Sache ernst an, Mamachen, und ich will ganz offen sein: er gefällt mir.
Ljubow Andrejewna. Gut, dann heirate ihn. Ich begreife nicht, warum du noch zögerst.
Warja. Ich kann mich ihm doch nicht anbieten! Seit zwei Jahren spricht alle Welt mir von ihm,

und – er schweigt oder macht höchstens einen Scherz. Ich versteh' ihn wohl, er lebt ganz in seinen Geschäften und wird mit jedem Tag reicher – was soll ihm da ein Mädchen wie ich? Hätte ich Geld, und sei's auch nur ganz wenig, nur hundert Rubel, dann würde ich alles liegen lassen und in die Welt ziehen. In ein Kloster ginge ich.

Trofimow. Die Seligkeit!
Warja zu Trofimow. Von einem Studenten verlangt man doch etwas mehr Einsicht. Sanft, unter

Tränen. Sie sehen wirklich ganz jämmerlich aus, Petja, so alt! Zu Ljubow Andrejewna, nicht mehr weinend. Nur ohne Beschäftigung kann ich nicht sein, Mamachen, das halt' ich nicht aus.

Jascha tritt ein, kann sich kaum halten vor Lachen. Epichodow hat ein Billardqueue zerbrochen!

Ab.

Warja. Was hat Epichodow hier zu suchen? Wer hat ihm das Billardspielen erlaubt? Ich verstehe

diese Menschen nicht. Ab.

Ljubow Andrejewna. Necken Sie sie nicht, Petja, Sie sehen, sie hat ohnedies Sorgen genug.
Trofimow. Sie ist schon gar zu diensteifrig und steckt die Nase viel zu viel in fremde

Angelegenheiten. Den ganzen Sommer war sie hinter mir und Anja her, daß ja keine Liebelei zwischen uns entstehe. Was geht sie das an? Dabei denk' ich gar nicht an so was, alle solche Abgeschmacktheiten liegen mir fern. Wir stehen über der Liebe.

Ljubow Andrejewna. Und ich muß sagen: ich stehe unter der Liebe. In heftiger Unruhe. Warum

Leonid nicht kommt? Ich möchte nur eins wissen: ob das Gut verkauft ist oder nicht. Das Unglück erscheint mir ganz unfaßbar; ich weiß nicht, was ich denken soll. Schreien könnt' ich, irgendeine Dummheit begehen. Retten Sie mich, Petja: reden Sie, reden Sie, irgend etwas ...

Trofimow. Ist's nicht ganz gleich, ob das Gut heute oder morgen unter den Hammer kommt? Es

ist doch längst verfallen, es gibt keine Wiederkehr für Sie, keinen Rückweg. Beruhigen Sie sich, Verehrte, man darf sich nicht selbst belügen – blicken Sie der Wahrheit wenigstens einmal im Leben offen ins Auge!

Ljubow Andrejewna. Welcher Wahrheit? Sie sehen, wo die Wahrheit oder die Unwahrheit ist,

ich aber habe einfach die Sehkraft verloren, ich sehe gar nichts. Sie wagen sich mutig an die Entscheidung aller wichtigen Fragen – aber sagen Sie, mein Lieber: Geschieht das nicht einfach darum, weil Sie noch so jung sind, weil Sie noch keine Zeit hatten, auch nur eine dieser Fragen in Ihrem eigenen Ich zu erproben? Sie schauen kühn in die Zukunft: vielleicht nur darum, weil Sie nichts Schlimme sehen und erwarten, da das Leben noch vor Ihren jungen Augen verborgen ist. Sie sind kühner, ehrlicher, tiefer als wir Alten, aber versetzen Sie sich in unsere Lage, urteilen sie rücksichtsvoll, schonen Sie mich! Ich bin hier geboren, meine Eltern und Großeltern haben hier gelebt … Ich liebe dieses Haus, ohne den Kirschgarten verstehe ich das Leben nicht, und wenn er schon verkauft werden soll, so mag man mich gleich mitverkaufen … Umarmt Trofimow, küßt ihn auf die Stirn. Mein Sohn ist hier ertrunken ... Weint. Haben Sie Mitleid mit mir, mein guter, lieber Junge …

Trofimow. Sie wissen, daß ich aus vollem Herzen mit Ihnen fühle.
Ljubow Andrejewna. Sie müssen mir das aber anders, anders sagen ... Zieht ihr Taschentuch

heraus, wobei ein Telegramm auf den Fußboden fällt. Mir liegt's heut' so schwer auf der Seele, Sie können sich das gar nicht vorstellen. Hier ist es so laut, jeder Ton läßt mein Inneres erbeben, ich zittre an allen Gliedern und auf mein Zimmer gehen kann ich auch nicht, ich fürchte mich vor dem Alleinsein. Verurteilen sie mich nicht, Petja, … ich liebe Sie wie meinen eigenen Sohn. Gern würde ich Ihnen Anja zur Frau geben, ich schwör's Ihnen, aber Sie müßten Ihre Studien fortsetzen, mein Lieber, müßten das Examen machen. Sie tun nichts, lassen sich vom Schicksal bald dahin, bald dorthin schleudern … Das ist doch nichts Rechtes, nicht wahr? Und dann müßten sie auch etwas dafür tun, daß Ihr Bart wächst … Lacht. Sie sehen so komisch aus ohne Bart …

Trofimow hebt das Telegramm auf. Ich will kein Adonis sein.
Ljubow Andrejewna. Ein Telegramm aus Paris. Jeden Tag bekomme ich eins, gestern, und

heute, und alle Tage. Dieser tollköpfige Mensch ist wieder krank, es geht ihm wieder schlecht … Er bittet mich um Verzeihung, fleht mich an, ich solle zu ihm zurückkommen, und von rechtswegen müßte ich auch wirklich nach Paris fahren und ihm beistehen. Sie blicken mich strafend an, Petja, doch was soll ich tun, mein Lieber, was soll ich tun? Er ist krank, er ist einsam und unglücklich – wer wird nach ihm sehen, wer wird ihn von seinen Torheiten zurückhalten, ihm zur rechten Zeit die Medizin reichen? Nun, und … warum soll ich's verschweigen? – Ich liebe ihn, ganz klar. Ich liebe ihn, liebe ihn … Das ist der Stein an meinem Halse, der mich auf den Grund zieht, aber ich liebe diesen Stein und kann ohne ihn nicht leben. Drückt Trofimow die Hand. Denken Sie nicht schlecht von mir, Petja, sagen Sie nichts, gar nichts …

Trofimow unter Tränen. Aber – verzeihen Sie meine Offenheit – um Gottes Willen, er hat Sie

doch ausgeplündert!

Ljubow Andrejewna. Nein, nein, nein, so dürfen Sie nicht sprechen … Hält sich die Ohren zu.
Trofimow. Er ist doch ein Schurke, Sie sind die einzige, die das nicht weiß! Er ist ein ganz

erbärmlicher Wicht, ein Lump ...

Ljubow Andrejewna zornig, erregt, doch mit Selbstbeherrschung. Sie sind sechs- oder

siebenundzwanzig Jahre alt, und sprechen wie ein Schuljunge.

Trofimow. Was tut das?
Ljubow Andrejewna. Man muß ein Mann sein, in Ihrem Alter muß man Leute, die lieben,

verstehen, und überhaupt – man muß auch selbst lieben. Verliebt muß man sein. Fast grimmig. Ja, ja! Ihre Keuschheit ist keinen Pfifferling wert, Sie sind einfach eine komische alte Jungfer, eine lächerliche Mißgeburt ...

Trofimow entsetzt. Was redet sie da?!
Ljubow Andrejewna. »Ich stehe über der Liebe.« Sie stehen nicht über der Liebe, sondern sind

einfach, wie unser Firs sagt, ein Schlappmichel. In Ihren Jahren keine Geliebte zu haben! ...

Trofimow entsetzt. Unglaublich! Was sind das für Reden? Geht, sich an den Kopf fassend, rasch

nach dem Saal zu. Abscheulich! Ich ertrage das nicht! Ich gehe fort von hier … Geht ab, kehrt jedoch sogleich wieder um. Zwischen uns ist alles aus! Ab nach dem Vorzimmer.

Ljubow Andrejewna ruft laut hinter ihm her. Petja, so warten Sie doch! Seien Sie doch nicht so

komisch, ich habe ja nur gescherzt! Petja!


Man hört, wie jemand im Vorzimmer rasch die Treppe emporsteigt und dann plötzlich mit einem Krach herunterfällt. Anja und Warja schreien draußen laut auf, lachen jedoch gleich wieder.

Ljubow Andrejewna. Was gibt's denn?
Anja kommt hereingelaufen, lachend. Petja ist von der Treppe gestürzt! Läuft hinaus.
Ljubow Andrejewna. Ein sonderbarer Mensch, dieser Petja. Geht ins Vorzimmer.


Der Stationsvorsteher tritt mitten in den Saal und liest die »Sünderin« von A. Tolstoj vor. Man hört ihm zu, kaum hat er jedoch ein paar Zeilen gelesen, als aus dem Vorzimmer die Akkorde eines Walzers ertönen und die Vorlesung jäh abgebrochen wird. Alle tanzen. Aus dem Vorzimmer kommen Trofimow, Anja, Warja und Ljubow Andrejewna.


Ljubow Andrejewna. Nun, Petja … nun, Sie reine Seele, ich bitte um Verzeihung … Kommen

Sie, wir wollen tanzen …


Sie tanzt mit Petja. Auch Anja und Warja tanzen. Firs kommt herein und stellt seinen Stock neben eine Seitentür. Jascha kommt gleichfalls herein, geht nach dem Saaleingang und sieht den Tanzenden zu.

Jascha. Nun, Großväterchen, wie geht's?
Firs. Fühl' mich nicht recht wohl, ja. Früher tanzten auf unseren Bällen Generale, Barone,

Admirale, und jetzt schicken wir nach dem Posthalter und dem Stationsvorsteher, und auch die machen sich nicht viel aus unsrer Einladung. Bin ein bißchen schwach geworden, ja. Unser seliger Herr, der Großvater, heißt da, hat uns alle mit Siegellack kuriert, was für 'ne Krankheit auch einer hatte. Ich nehme schon seit täglich eine Messerspitze voll Siegellack ein, das hält mich, glaub' ich, am Leben.

Jascha. Bist recht langweilig, Alter. Gähnt. Könntest längst abgekratzt sein!
Firs. Ach du, … Schlappmichel! Murmelt vor sich hin.

Trofimow und Ljubow Andrejewna tanzen erst im Saale und dann im Gesellschaftszimmer.

Ljubow Andrejewna. Merci. Ich will mich ein Weilchen hinsetzen ... Setzt sich. Bin ganz müde

geworden.

Anja tritt ein, erregt. Eben erzählte ein Mann in der Küche, der Kirschgarten sei heute verkauft

worden.

Ljubow Andrejewna. An wen?
Anja Das hat er nicht gesagt … Er ist schon fort.

Tanzt mit Trofimow. Beide ab in den Saal.

Jascha. Ein fremder Bauer hat sowas geschwatzt …
Firs. Und Leonid Andreïtsch ist noch immer nicht da. Er hat einen ganz leichten Paletot an, eh'

man sich's versieht, kann er sich erkälten. Ach, diese jungen Leute!

Ljubow Andrejewna. Das ist mein Ende! Gehen Sie, Jascha, erkundigen Sie sich, wer der Käufer

ist.

Jascha. Der Mann ist doch längst fort! Lacht.
Ljubow Andrejewna mit leichtem Unwillen. Warum lachen Sie denn? Worüber freuen Sie sich?
Jascha. Epichodow ist so komisch. Ein zu dummer Kerl … der Unglücksrabe!
Ljubow Andrejewna. Wohin wirst du gehen, Firs, wenn das Gut verkauft ist?
Firs. Wohin Sie mich schicken, dahin geh' ich.
Ljubow Andrejewna. Wie siehst du denn aus? Bist du krank? Geh, leg' dich zu Bett.
Firs. Ja … Spöttisch. Ich werde zu Bett gehen – und wer wird hier nach dem Rechten sehen,

servieren und so? Ich bin doch schließlich der einzige …

Jascha zu Ljubow Andrejewna. Ljubow Andrejewna, falls Sie nach Paris gehen – darf ich Sie

bitten, mich wieder mitzunehmen? Haben Sie die Güte! Hier kann ich auf keinen Fall bleiben, Schaut um sich, halblaut. Sie müssen doch selbst zugeben  ... dieses ungebildete Land, das sittenlose Volk hier, und dann die Langeweile, das schlechte Essen in der Küche, der Firs mit seinem unpassenden Gemurmel … Haben Sie die Güte, nehmen sie mich mit!

Pischtschik kommt herein. Darf ich so frei sein, meine Schönste … zu einem Walzer …

Ljubow Andrejewna geht mit ihm nach dem Saal zu.

Pischtschik. 180 Rubelchen müssen sie mir noch geben, Verehrteste … 180 Rubel ...

Beide ab, nach dem Saal.

Jascha singt leise. »Begreifst du, , ach, die Sehnsucht meiner Seele ...«

Im Saal hüpft eine Gestalt in grauem Zylinder und gewürfeltem Kostüm mit den Armen fuchtelnd umher. Rufe: »Bravo, Scharlotta Iwanowna!«


Dunjascha ist stehen geblieben, um sich rasch zu pudern. Das Fräulein sagt, ich soll tanzen – es

seien so wenig Damen da. Aber ich werde schwindelig vom Tanzen und bekomme Herzklopfen. Denken sie sich, Firs Nikolajewitsch, was mir eben der Posthalter sagte … Der Atem stockte mir förmlich …


Die Musik verstummt.

Firs. Was hat er dir gesagt?
Dunjascha. Sie sind wie eine Blume, sagte er.
Jascha gähnt. Ungebildetes Volk. Ab.
Dunjascha. Wie eine Blume ... Ich bin so ein feines Mädchen; zu sehr liebe ich die zarten

Worte …

Firs. Laß dir nur nicht den Kopf verdrehen.

Epichodow
kommt herein.

Epichodow. Sie wünschen mich nicht zu sehen, Awdotja Fjodorowna … als wenn ich irgendein

Insekt wäre. Seufzt. Ach, ist das ein Leben!

Dunjascha. Was ist gefällig?
Epichodow. Vielleicht haben sie recht, zweifellos. Seufzt. Aber allerdings, von diesem

Gesichtspunkt aus, wenn ich so sagen darf, verzeihen Sie das offene Wort: Sie selbst haben mich in diesen Geisteszustand gebracht. Ich kenne mein Schicksal, jeden Tag passiert mir irgendein Unglück, doch ich bin schon längst daran gewöhnt und blicke lächelnd auf mein Unglück. Sie haben mir Ihr Wort gegeben, und wenn ich auch …

Dunjascha. Bitte, wir reden später davon, jetzt lassen Sie mich in Frieden. Ich bin jetzt in

träumerischer Stimmung. Spielt mit dem Fächer.

Epichodow. Mich trifft wohl jeden Tag ein Unglück, aber, wenn ich mir erlauben darf, es zu

sagen: ich lächle, ja ich lache sogar darüber.


Warja
kommt vom Saal her.

Warja. Du bist noch immer da, Ssemjon? Du frecher Patron! Zu Dunjascha. Hinaus mit Dir,

Dunjascha! Zu Epichodow. Du spielst Billard und zerbrichst das Queue, du spazierst hier herum wie ein geladener Gast ...

Epichodow. Erlauben Sie mal, ich lass' mich nicht schikanieren!
Warja. Ich schikaniere dich nicht, ich sage dir nur Bescheid! Du schlenderst herum, ohne was zu

tun. Möcht' wissen, wozu wir einen Buchhalter brauchen!

Epichodow beleidigt. Ob ich arbeite, oder spazieren gehe, oder Billard spiele – das geht Sie gar

nichts an! Dazu gehören ältere und verständigere Leute.

Warja Das wagst du mir zu sagen? Aufbrausend. Das nimmst du dir heraus? Ich bin dir nicht

verständig genug? Scher' dich sofort hinaus! Augenblicklich!

Epichodow eingeschüchtert. Ich bitte sich delikater auszudrücken.
Warja außer sich. Augenblicklich gehst du! Marsch hinaus! Er geht zur Tür, sie folgt ihm. Du

Unglücksrabe! Daß ich dich nicht mehr sehe! Epichodow geht hinaus, man hört hinter der Tür seine Stimme: »Ich werde mich über Sie beschweren« Du bist noch nicht fort? Nimmt den Stock, den Firs in die Ecke gestellt hat. Zu Tür hinaus. Geh! … Geh! … Geh, oder ich … Gehst du wohl? Gehst du? Nein? So … da hast du … Führt einen Schlag; im gleichen Augenblick tritt Lopachin ein.

Lopachin. Danke gehorsamst.
Warja halb ärgerlich, halb spöttisch. Entschuldigen Sie …
Lopachin. O bitte … Danke gehorsamst für den freundlichen Empfang.
Warja. Keine Ursache. Geht zur Seite, sieht sich dann um und fragt mit weicher Stimme. Hab' ich

Ihnen wehgetan?

Lopachin. Durchaus nicht. Aber 'ne mächtige Beule wird's geben.
Stimme im Saale. Lopachin ist da! Fermolaj Alexeïtsch …
Pischtschik. Da ist er ja! Willkommen! Sie wechseln Küsse. Du duftest aber stark nach Kognak,

alter Freund. Nun, wir haben uns hier auch nicht gelangweilt.

Ljubow Andrejewna erscheint.
Ljubow Andrejewna. Sie sind's, Jermolai Alexeïtsch? Warum so spät? Wo ist Leonid?
Lopachin. Leonid Andreïtsch ist mit mir gekommen, er wird gleich da sein …
Ljubow Andrejewna aufgeregt. Nun, was ist? Hat der Termin stattgefunden? Reden sie doch!
Lopachin verwirrt, fürchtet sich, seine Freunde zu verraten. Der Termin war um vier Uhr zu

Ende … Wir haben den Zug versäumt und mußten bis halb neun warten. Tief aufseufzend. Uff! Ich bin ein bißchen benebelt …

Gajew kommt herein; in der rechten Hand hält er allerhand Päckchen, mit der Linken wicht er sich die Tränen ab.
Ljubow Andrejewna. Nun, Ljonja, was ist? Sag' doch! Ungeduldig, unter Tränen. Rasch, um

Gottes willen ...

Gajew antwortet ihr nicht, zuckt nur die Achseln; weinend zu Firs. Da, nimm … Anchovis und

Heringe … Ich hab' heute nichts gegessen … Was ich gelitten habe! Die Tür zum Billardzimmer steht offen; man hört das Zusammenschlagen der Bälle und Jaschas Stimme: »Sieben zu achtzehn!« Gajews Gesichtsausdruck wechselt, er weint nicht mehr. Ich bin furchtbar müde … Ich möchte mich umkleiden, Firs. Ab durch den Saal nach seinem Zimmer; Firs folgt ihm.

Pischtschik. Was war bei dem Termin los? So erzähl' doch!
Ljubow Andrejewna. Ist der Kirschgarten verkauft?
Lopachin. Ja.
Ljubow Andrejewna. Wer hat ihn gekauft?
Lopachin. Ich.

Pause. Ljubow Andrejewna ist niedergeschmettert; sie würde hinfallen, wenn sie sich nicht am Tisch festhielte. Warja nimmt den Schlüsselbund vom Gürtel, wirft ihn mitten ins Zimmer auf den Fußboden und geht ab.


Lopachin. Ich hab' ihn gekauft, ja … Entschuldigen Sie, Herrschaften … Das Reden fällt mir

schwer, ich bin ein bißchen benommen. Lacht. Wir kommen also zum Termin, Deriganow ist auch schon da. Leonid Andreïtsch hatte nur fünfzehntausend Rubel, Deriganow aber bot gleich dreißigtausend mehr, als die Schuld beträgt. Ich sehen, die Sache kann schiefgehen, und sage vierzigtausend. Er bietet fünfundvierzig, ich fünfundfünfzig, und so legt er immer fünf zu und ich zehn … Na, schließlich kam das Ende, ich bot neunzig über die Schuldsumme und erhielt den Zuschlag. Der Kirschgarten ist jetzt mein! Mein! Lacht laut. Mein Gott und Herr, der Kirschgarten ist mein! So sagt mir doch, ich sei betrunken, ich sei verrückt, ich träume das alles nur! Stampft mit den Füßen auf. Lacht nicht über mich! Mein Vater und Großvater müßten jetzt aus dem Grabe aufstehen, müßten sich's ansehen, wie ihr Jermolaj, der soviel Prügel bekommen hat, der kaum lesen und schreiben kann, der im Winter barfuß gelaufen ist, wie dieser selbe Jermolaj sich das schönste Gut gekauft hat, das auf Gottes Erdboden existiert. Dasselbe Gut hab' ich gekauft, auf dem mein Vater und Großvater leibeigene Knechte waren, die nicht mal die herrschaftliche Küche betreten durften. Es kann ja nicht sein … ich schlafe wohl, ich sehe das alles nur im Traum … Eine Frucht meiner Einbildung ist's nur, nichts weiter … Hebt die Schlüssel auf, gerührt lächelnd. Da hat sie nun die Schlüssel hingeworfen … will zeigen, daß sie hier nicht mehr die Wirtschaft führt … Läßt den Schlüsselbund erklirren. Nun, meinetwegen. Man hört das Orchester die Instrumente stimmen. Heda, Musikanten, spielt auf! Ich will euch hören! Kommt alle her und seht zu, wie Jermolai Lopachin mit der Axt durch den Kirschgarten fährt, wie die Bäume zu Boden stürzen! Sommerhäuschen wollen wir hier errichten, unsere Enkel und Urenkel werden hier ein neues Leben schauen … Heda, Musik!


Die Musik spielt. Ljubow Andrejewna ist in einen Sessel gesunken und weint bitterlich.

Lopachin im Tone des Vorwurfs. Warum haben Sie nicht auf mich gehört? Meine Ärmste, Beste

– nun heißt es für sie Scheiden! Unter Tränen. Ach, wenn das alles doch bald anders würde! Wenn doch unser verpfuschtes Leben sich so oder so wandeln wollte!

Pischtschik nimmt seinen Arm, halblaut. Sie weint. Wir wollen in den Saal gehen, sie allein

lassen … Nimmt seinen Arm und schreitet nach dem Saal zu.

Lopachin. Was ist denn das? Die Musik soll lauter spielen! Alles soll jetzt nach meiner Pfeife

tanzen! Ironisch. Der neue Gutsbesitzer kommt, der Herr des Kirschgartens! Stößt gegen einen Sessel, wirft beinahe einen Kandelaber um. Ich kann alles bezahlen! Ab mit Pischtschik.


Im Saal und Gastzimmer ist niemand außer Ljubow Andrejewna, die ganz in sich gekehrt dasitzt und bitterlich weint. Die Musik spielt leise. Anja und Trofimow kommen rasch herein. Anja tritt an die Mutter heran und sinkt vor ihr in die Knie. Trofimow bleibt am Saaleingang.


Anja. Du weinst, Mama? … Meine liebe, gute Herzensmama, meine treffliche Mama, ich liebe

dich … ich segne dich … Der Kirschgarten ist verkauft, ist hin, das ist wahr – aber weine darum nicht, denn sieh: dir ist doch noch ein Stück Leben, dir ist deine herrliche, reine Seele geblieben … Komm mit mir, komm meine Liebe … wir gehen von hier fort! Wir wollen einen neuen Kirschgarten pflanzen, der noch schöner sein wird, als dieser da, und du wirst ihn sehen, wirst alles begreifen. Eine stille, tiefe Freude wird sich in deine Seele senken, wie der Sonnenschein in die Abendstunde fällt, und du wirst lächeln, Mama. Komm, Liebste, komm! …


Vorhang


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