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Anna Griva: Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin.

Rezensionen / Verlage


Kristian Kühn

Beschwörung des Weiblichen


Anna Griva ist wirklich eine Entdeckung. In Athen geboren, übersetzt sie italienische Literatur der Renaissance und unterrichtet Kreatives Schreiben an der Offenen Universität dort. Längst haben Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen sie in Teilen auf deutsch übersetzt und sich jetzt entschlossen, aus den vier Gedichtbänden Grivas eine Kompilation für Reinecke & Voß zu veröffentlichen. Den vier Zyklen gemäß, besteht das Buch „Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin.“ aus vier Kapiteln, deren Überschriften die Titel der griechischen Originalbände wiedergeben.

„Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin“, dieser deutsche Buchtitel, ist dem ersten Kapitel entnommen, das entsprechend Grivas Gedichtband „Die Tage als wir wild waren“ lautet. Dabei stammt dieser Doppelaufruf aus dem Gedicht „Woher die Gedichte kommen“ – sie kommen oder kommen eben nicht aus einer dieser dunklen Welten. Antagonistisch gegenüber unserer Abreise mit „einem dunklen Schiff“ „ohne Fahrgeld“ zu den toten Dichtern, ihren Wörtern, stehen bei Griva vor allem zwei Metaphern für unsere Teilhabe an einer anderen (platonischen, aber auch christlichen) Welt: der imaginäre (kindliche) Ball und die Leichtigkeit des Flugs, das Erblicken des Vogels oder Schmetterlings, beide Motive durchziehen alle vier Bände bzw. Kapitel Grivas. Ebenso die Gegenbilder: versteinertes Brot, versteinerter Wald etwa (Parameter des Todes, wie sie sagt).

Glaub den Wörtern nicht,
sieh gut hin, sieh genau hin,
mit letzter Kraft und zusammengebissenen Zähnen!
Der steinerne Wald träumt,
er findet Vögel auf seinem Dach
und weint stumm
und hat Anteil
an der Leichtigkeit
des Flugs.

Griva geht es bei ihrer Art von Sprachkritik nicht um ein Hinterfragen oder Aufbrechen konventionellen Wortge-brauchs, sondern darum, dort hinzusehen, wo Sprache sich im Fleische „bricht“. Wo sie einschlägt wie ein Faden in das Gewebe. Leidenschaft ist für Griva im ersten Kapitel Leiden, ein tierisches Leiden, aus dem die menschliche Dunkelheit resultiert.

Die Tiere
halten mich
gebunden
an ihrem Instinkt.
    (Der Kampf mit meinem Tier)

Zorn in den Knochen, ein Schwanz zwischen den Beinen, und die Schnauze auf der Suche nach Blut, das ist auch oder zunächst der Mensch:

Der unerwartete Leckerbissen,
die frische Gier,
bis der Tod
ein trockener Schussfaden wird.
       
Der Einschlagfaden, ein Begriff aus frühen christlichen Hymnen, bezieht sich auf den göttlichen Anteil im Gewebe des kosmischen Teppichs, wenn man so will:

Aus dem Einschlagfaden deiner (Mariä) Körperlichkeit / wird er (der ungeborene Christus) sich ein Kleid weben und es anlegen.
    (Ephraim der Syrer: Sermo I, 73 ff)

Der tierische Anteil des Menschen bindet ihn an seine Physis, ist sein Stachel und beeinflusst ebenso unsere Sprache.

In diesem ersten Kapitel des Buches finden sich noch einige Genetivmetaphern, die das lyrische Leseempfinden ein wenig stören. Etwa: „die Beine meines Herzens“ oder der „Biss des Zwie-lichts“ – doch überwiegt bei weitem die sprachliche Schönheit der Gefahr, welcher der Mensch stets bei diesem Antagonismus seines Trachtens zwischen Licht und Leben ausgesetzt ist:

Brillant ist die Liebe nur, wenn sie umherschleicht
im Lager ihrer Gefährdung
ohne Dimensionen, ein Spiel, das sich faltet im fremden Körper
wie schwimmende Schatten und Kummer
und Papierschiffchen.
    (Fledermaus)             

Das zweite Kapitel, „Die Stimme des Toten“, widmet sich primär des menschlichen Kampfes, um den Sturz zu vermeiden, den Versuchen, nicht unterzugehen, einen Halt zu finden. Griva nennt diese Beschwörungsversuche unser Martyrium:

ein altes balsam
eine verborgene qual
alles ist eine beschwörung
die beschwört unseren sturz.
     
Grivas lyrisches Ich sehnt sich in diesem Kapitel aber auch danach, „die bitterkeit der wurzel zu kosten die leben verleiht es beginnt eine reise ohne wiederkehr ein schiff ein schiffchen schwimmt in meiner löchrigen tasche“ – hier beginnt bei ihr ein gewisser Feminismus, zunächst als Akzeptanz des Materiellen, des dunklen Kleides namens Körper, einer bewussten Weiblichkeit, die später noch stärker werden wird und nach der sie bei Bedarf, der Liebe wegen, auch rufen wird. Diese Bewusstheit beginnt kindlich, mädchenhaft, um im vierten Kapitel, ihrem neuesten Band (von 2017) sich der Tragik antiker Heroinen zu nähern.

Wie ein krankes Kind, sagt sie in diesem zweiten eher experimentellen Kapitel, befinde sie sich noch am Rande des Geschehens. In der Vergeblichkeit erfahren, fühlt sie sich wie eine jener Danaiden in der Hölle, die dort zur Strafe, weil sie ihre Männer in der Brautnacht erstochen haben, für immer mit einem Sieb Wasser forttragen sollen.

ich bin erfahren im umgang mit dem sieb
darin immer zu sieben
die stimme der getöteten      

Das dritte Kapitel heißt „So sind die Vögel“ und beschäftigt sich mit der aufsteigenden Seele, der Psyche als Seelenvogel beim Hinscheiden. In dem Gedicht „Die andere Welt“ kümmert sich das kindliche Rollenich nicht um die anstehende Beerdigung der Mutter, nicht um die üblichen Klageweiber, sondern um ihre eigene imaginierte Welt, in der sie herumtollt „mit einem imaginären Ball,/ den sie hinaufschoss bis zu den Wolken. Sie verlässt quasi den traditionellen weiblichen Weg, übertragen von der Großmutter auf die Mutter auf das Mädchen:

Die Wand ist weiß.
Wenn du einen Sprung machst,
gelangst du ins Nichts.

Seit dem Morgen sammle ich Blätter
und klebe sie mit Spucke
an die Wand;
dicht an dicht beginnen sie einander zu lieben.
So, glaube ich, werde ich das Nichts verschließen.
    („Zu den fließenden Wassern“)                  

Mit der Sprache der Imagination das Nichts zu verschließen, und das aus weiblicher Sicht, bringt Griva in die Nähe großer Dichterinnen wie Christine Lavant oder Alejandra Pizarnik.

Die Seele hat eine Finsternis
so groß wie ein Elephant.
Auch wenn du sie hundert Jahre tränkst,
dürstet sie immer noch.        

Der traditionell vorgeschriebene weibliche Weg des Wassers wird nun als unecht angesehen, als Täuschung der Frauen:

So viele Generationen haben sich erfrischt
im unechten Meer,
das ist kein Haus, dachten sie danach,
es ist ein Schiff, und wir wurden getäuscht,
von den Weiden und Berghängen,
es ist ein Schiff und es fährt,
und sein Ofen verbrennt statt Kohle
unsere auserwählten Seelen.                

Zwangsläufig führt ihr letzter Band (2017) nun zu den großen tragischen Heroinen der griechischen Antike, und somit auch zu einem Teil der frühen Genderforschung. Es sind dies zeitlose archetypische Mythen, herrenlos bewegen sich die Heroinen in ihnen. Wir sind geboren aus den Augen (der Betrachtung), heißt es bei Griva, sind Kinder, selbst der mächtige Held Achilles, sind allesamt Kinder der weiblichen Iris.

In der Nacht kehrt er zurück in seine Höhle,
auf meiner Iris macht er sich sein Bett,
und es schwimmen die Farben
zu dunklen Felsen hinaus.
    (Herrenlos in den Meeren)        

Griva geht zwar nicht so weit wie Hélène Cixous, die in Homer das weibliche Abbild ihrer sterbenden Mutter sieht, dennoch bekommt sie einen ähnlichen appellativen Dramenton in diesem letzten Kapitel („Mit dunklem Faden umwunden“), dass es darum gehe, sich zu befreien, indem die Frau übertrage, gebäre, schöpfe, aus sich heraus bilde. Dass sie dafür den alten Rede- und Anrufungston der Tragödien wählt, also ein in der Wirkung weiblich Erhabenes, Zwingendes, wundert nicht, führt aber zugleich Ausweglosigkeit mit sich, eine zyklische Wiederkehr von Strafe, Furcht und Schrecken – das Verhängnis. Aus dem Schlamm des Abgrunds sieht Griva die alte Zeit von neuem aufkommen. Doch bleibt – wie damals – zugleich die Sehnsucht nach dem Glanz der Sonne.  

Bevor ich in den Krieg zog
wünschten sie mir,
dass ich Achill töte,
doch niemand wünschte mir,
dass ich vor der Liebe gerettet würde,
vor der Liebe,
die ein frischer Pilz ist,
und wir kosten von ihm nur durch unseren Tod
an unserem letzten Ziel,
dem Ort ohne Frühling und Frucht
    (Penthesilea)                    

Es bleibt in diesem Schlusskapitel offen, für mich als Mann zumindest, welchen Weg Griva aus dieser Tragödie der Irrungen weist, sie spielt mit dem Gedanken, bereits tot zu sein, unkörperlich zumindest gegenüber sinnlicher Liebe:

Tochter des Meeres,
Mänade der Muscheln,
im Geheimen bete ich darum,
dass du Fleisch gibst
der Fleischlosen, die dich ruft.

Für dich habe ich mich in Luft aufgelöst,
jetzt vergiss mich nicht,
gieß wieder Blut in meine Adern,
überschwemme meine Brust mit neuem Puls,
fülle mein Haar mit Glanz,
dass ich brenne wie ein Schmetterling
in deinem irdischen Feuer.
    (An Aphrodite)                            

Und so endet der Zyklus ihres Heroinenblicks dort, wo ihre Gedichte angefangen haben, bei einer Anrufung des Wassers, einer Grabspende aus dunklem Schlamm, im Rhythmus der antiken weiblichen Trommel und des rundherum geheimnisvoll rauschenden Flusses – womit das traditionelle Schweigen vor dem Erlebnis des ersehnten Lichts zu einem Trinklied wird und zum Anstoßen auf das Chaos.  

Was für eine Dichterin! Hervorgehoben sei auch die Übersetzung, ein stilsicheres poetisches Sprechen in verschiedenen Formen und Anspielungen.


Anna Griva: Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig (Verlag Reinecke & Voß) 2019. 92 Seiten. 10,00 Euro.
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