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Anna Griva: Die andere Welt

Gedichte der Woche
Anna Griva

übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen


Die andere Welt

Sie hatten ihr gesagt, dass ihre Mama im Himmel ist,
dass Gott sich um sie kümmert, ihr Honig zu essen gibt,
und dass in ihren Haaren Blumen wachsen.

Am Gedenktag nahmen sie sie mit,
sie hatten sich darauf geeinigt, nicht zu weinen
und vom Honig zu sprechen
und vom Himmel,
der groß ist und schön,
wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt.

Aber sie hörte gar nicht zu,
sie war nicht fröhlich und nicht traurig,
sie betrachtete aus der Entfernung eine Beerdigung,
Frauen, die an der Mauer lehnten
um zu weinen,
ein Klageschrei, der ihr an den Ohren riss,
während sie zwischen den Grabsteinen herumtollte
mit einem imaginären Ball,
den sie hinaufschoss bis zu den Wolken.

Später entzündeten sie das ewige Licht für ihre Mama
und gingen.

Sie dachte darüber nach, wie schwer es ist,
das Licht anzuzünden:
Öl, Wasser, Docht,
Streichhölzer, Wasser, Flamme,
das durchsichtige Gefäß,
am Boden die Spiegelung im Glas
und ein Veilchen, die Blütenblätter in einer kleinen Pfütze aus Öl.

Leicht
flogen die Schmetterlinge auf vom Sarg,
um an das Innere der Blüten zu kommen.
Ihr Murmeln war auf den Flügeln
ein Knirschen von Holz,
das lauter wurde
und lauter...


In Anna Griva: Glaub den Wörtern nicht. Sieh hin. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig (Verlag Reinecke & Voß) 2019. 92 Seiten. 10,00 Euro.
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