Alexander Gumz - Signaturen

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Alexander Gumz

Portraits


Ohne ausgeschilderte Wege
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Alexander Gumz

 
 


Alexander Gumz
, in Berlin geboren und dort lebend, hat Germanistik und Philosophie studiert und ist Redakteur des Textlabels KOOK und Veranstalter des poesiefestivals berlin, von Seminaren und workshops. Wir haben in München ein Gespräch mit ihm geführt über seine Arbeit an seinem ersten Gedichtband ("ausrücken mit modellen" kookbooks 2011) und über seine Entwicklung als Lyriker.

KK: Die erste Frage, die ich habe, ist vom Titel deines letzten Bandes her dieses „ausrücken mit modellen“ – bezieht es sich unter anderem auch auf Lyrikideen oder inhaltliche Modelle, die da zum Ausdruck kommen sollen?
AG: Ja, der Titel gewählt, weil man ihn auch poetologisch lesen kann, wenn man möchte – dass Gedichte auch etwas Modellhaftes haben, im dem Sinn, dass da Experimente gestartet werden, Welten skizziert und aufeinander losgelassen, die man im Alltagssprechen nicht unbedingt zusammenbringen würde.

KK: Ein schöner Band. Es sind ja sechs Kapitel, da ist im Grunde jedes ein bisschen anders, auch stilistisch teilweise.

AG: Das ist gut – ich hatte Sorge, dass der Band zu einheitlich geworden ist. Das sind motivisch zusammengestellte Texte, die über Jahre hinweg entstanden sind. Einige wurden auch erst während der Arbeit am Band geschrieben, aber es gibt da keine Zyklen im engen Sinn. Bis vor kurzem habe ich eher selten Zyklisches geschrieben. In letzter Zeit hat sich das mit zwei, drei Projekten geändert. Als Selbstveränderungsmaßnahme, quasi (lacht).
KK: Aber sie haben alle irgendwie dann doch eine andere Stimmung. Der erste Eindruck beim Lesen war für mich das Hermetische, das schreibt ja auch Antje R. Strubel in ihrem Nachwort: Man wird mitgenommen, weiß aber nicht warum. An den Aussagen kann es eigentlich nicht liegen, aber trotzdem ist da was zwischen den Zeilen, was einen bewegt, man weiß nicht was, so eine Stimmungsführung, bist du da hermetisch geschult? Oder hat sich das so ergeben?
AG: Also „hermetisch“ ist erstmal so ein Schreckenswort, weil es heute meist negativ konnotiert verwendet wird. Wenn es aber heißen soll, was du eben gesagt hast: dass man als Leser_in erstmal in irgendeiner Form angesprochen, angeregt, bewegt wird, ohne gleich sagen zu können, wodurch genau, finde ich es eine angenehme Erläuterung dafür, wie Gedichte – und Kunst allgemein – arbeiten können. Und eigentlich möchte ich genau das erreichen: Texte schreiben, die sinnlich evident sind – so dass man nicht bloß mit dem Kopf gegen Wände rennt – ohne dass sie sich restlos aufschlüsseln. Und ideal wäre für mich, dass jeder Leser, jede Leserin etwas Eigenes damit anfangen kann.

die maler sind faul

streichen kaum die vorderseiten der minuten.
das reicht für grillpartys am rand von luxusparks.

sommer. späher überfliegen sonnenuhren.
kinder hocken gelangweilt beim dessert:

dreht uns eine nase, bitte. wir erlauben das.
ihr dürft auch unser grinsen verticken,

unsere haustiere dissen, sie zurückschicken
in den zoo. aber hört endlich auf, euch zu verstecken!

und gebt, verdammt noch mal, den luftraum frei.
den brauchen wir zum spielen.

kein gast, den wir aus dem fernsehen kennen,
vergisst so gern den weg wie ihr.

ein flugzeug setzt zur landung an.
die leinwand wirft blasen.

(In: Alexander Gumz: ausrücken mit modellen. Gedichte. kookbooks, Berlin 2011.)

Einflüsse habe ich recht unterschiedliche. Schon zu Schulzeiten war ich zum Beispiel von Giuseppe Ungaretti fasziniert, vor allem von seinen sehr kurzen, frühen Gedichten. Also habe ich damals selbst sehr kurze Sachen geschrieben, die dann erst langsam, über die Jahre, länger wurden. Und dann kam jemand wie Rolf Dieter Brinkmann dazwischen gebrettert, mit einem ganz anderen Ton – weg vom hehren, doch oft stark in sich geschlossenen Gestus der Hochmoderne. Und von Brinkmann kam ich z.B. zu Frank O’Hara, John Ashbery, Mary Jo Bang und anderen US-Dichtern. Und dann habe ich plötzlich ein Gedicht geschrieben, das stilistisch eher von Brinkmann angeregt war – und ich fand das einen guten Text, obwohl er gar nicht meiner damaligen Idee von Gedichten entsprach. Das klang nicht wie Ungaretti, wie Paul Celan, Ingeborg Bachmann, René Char oder Saint-John Perse. Ein sehr interessanter Punkt für mich: Ich hatte ein Gedicht, das nicht in meine eigene Programmatik passte, von dem ich aber zugeben musste, das ist ziemlich gut – besser vermutlich als die letzten 30, 40 anderen, die ich geschrieben habe, mit einer klaren Vorstellung dessen im Kopf, wie „ein Gedicht“ aussehen soll. Sich beim Schreiben so immer mal wieder selbst zu überraschen ist vielleicht die schwierigste Aufgabe.
KK: Celan arbeitet ja sehr stark mit Aussparungen, wo praktisch Verbindungssätze gar nicht genannt werden, und keiner weiß, wo die Brücken sind, über die man dann selber gehen muss – das machen Brinkmann und Ungaretti bis zu einem gewissen Grad auch, nur eben mit einer stärkeren Ausarbeitung.

Giuseppe Ungaretti

Mattina / G.Ungaretti
M’illumino
D’immenso.

(Santa Maria la Longa, 26.01.1917)

Ich erleuchte mich
durch Unermeßliches

(Übers. Ingeborg Bachmann)


AG: Beim früheren Brinkmann zumindest, bei diesen pop-art-igen Bildgedichten, da gibt es eine andere Art von Aussparung, mit der er sagt: Ich zeige Euch das Bild, die Szene, jetzt fangt was an damit, oder nicht – aber ich werd es nicht auch noch erläutern. Bei Brinkmann sind das anfänglich eher solche poetischen „Snapshots“, wie er sie nannte. Dann geht es aber auch in eine Richtung, die Thomas Kling später für sich „sprachinstallation“ genannt hat. Wo ganz unterschiedliche Sprachschichten, Quellen, Gesten als Material behandelt werden, zueinander arrangiert, ineinander geschoben, überblendet, ohne dass an jeder Zeile ein Verweiszettel kleben würde.
KK: Das ist die Hermetik, die ich meine, also Ungaretti ist jetzt schwierig, aber Brinkmann und Kling betonen auf ihre Weise, brutal modernisiert, eigentlich eine Tradition, die sie verfolgen, die ich Hermetik nennen würde. Die Hermetik beginnt ja ca. 300 Jahre nach Christus, das ist ja eigentlich eine spirituelle Praxis, und Brinkmann bringt auch Vorsokratiker mit Sprüchen, die er nicht erklärt, die stehen einfach so da, wie „Glutwindröhre“, die er dann kursiv setzt. Aber er sagt nicht, von wem das ist. Da ist natürlich immer die Frage, die aber gar nicht so interessant ist: Weiß er, was er da macht, betrifft ihn das selber, oder interessiert es ihn nicht. Aber es ist ja da – man kann sich damit beschäftigen.
AG: Gerade an diesem Beispiel kann man das gut sehen: Erstmal hat man Sprachmaterial, vielleicht halbe Zitate, in diesem Fall, die man irgendwo gefunden hat und montiert und dann die anderen Worte und Zeilen dazu ins Verhältnis setzt. Brinkmanns spätere Gedichte sind ja auch optisch auf der Buchseite arrangiert, dass man sie z.B. horizontal oder vertikal lesen kann, und so den Text jeweils anders zueinander in Beziehung setzt. Das mache ich in der Regel nicht, aber es ist wirklich wichtig für mich – immer noch zum Stichwort ‚sinnliche Evidenz‘ –, dass sich so etwas herstellt über sprachliche Bilder, Rhythmen, Klänge. Ich denke wohl vor allem in Bildern, die so ähnlich funktionieren wie Ausschnitte aus Geschichten, von denen man Anfang und Ende nicht kennt, und genau darin, dass sie vieldeutig sind, idealerweise eine Präsenz bekommen. Und die kann man sich dann in einem zweiten, dritten Schritt, wenn man möchte, ausdeuten. Was ich auch als Leser, Zuschauer oder Betrachter eher uninteressant finde, sind Werke, die mich in keiner Weise affizieren, solange ich nicht eine Gebrauchsanweisung dazu bekommen habe.  

Rolf Dieter Brinkmann:

Einen jener klassischen

schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: für einen Moment eine
Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

(Westwärts 1&2, Gedichte, Rowohlt, Reinbeck, 1975.)


Bei Anaximenes (zitiert in Aetios II 20. 1):
prostéros aulós  - Glutwindröhre

Bei Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 2

KK: Glutwindröhre – das war das Wort von Brinkmann, das ist ein Konstrukt der Pythagoreer gewesen, die glaubten, dass die Seelen nach dem Tode durch diese Glutwindröhre zur Sonne schreiten.
AG: Das ist natürlich auch einfach ein tolles Wort, klar.
KK: Jaja, vielleicht hat ihn nur das Wort interessiert. Jedenfalls findest du sie noch bei späteren Malern, diese Lichtröhre, und da gehen die dann durch etwa bei Bosch.
AG: Brinkmann wollte natürlich immer dezidiert antibürgerlich wirken, ein Punk avant la lettre. Den Impetus verstehe ich gut, und nehm ihm den auch ab. Aber ich glaube, so unverbildet, wie er gern getan hat, war er nicht.
KK: Kling schon gar nicht.
AG: Kling sowieso nicht, im Gegenteil! Der war ein wandelndes Lexikon.
KK: Ich würde ganz gerne noch was über die Auslassungen und die Lücken – das hatten wir ja schon kurz angedeutet – wissen. Ist es ein Stil von dir, speziell jetzt in den neueren Arbeiten, dass du ein Mitdenken voraussetzt? Also nicht nur ein Verständnis, sondern auch ein Nachvollziehen?
AG: Ja, schon. Nicht programmatisch, aber mir ist selbst aufgefallen, dass diese Texte sehr skelettiert sind – gerade bei den Sachen, die ich 2013 zum Lyrikpreis München eingereicht habe. Seither sind meine Gedichte wieder etwas weniger lückenhaft geworden, glaube ich. In jedem Fall ist es wahrscheinlich so, dass man sich als Leser entweder selbst eine Brücke suchen muss. Und wenn man eine findet, dann geht man vielleicht rüber, zur nächsten Zeile, zum nächsten Bild, zum nächsten Text, und hat hoffentlich ein wenig Spaß dabei. Wie beim Wandern, wo es zwar anstrengender ist, aber auch mehr Spaß machen kann, nicht immer auf den perfekt ausgeschilderten Wegen zu gehen.
KK: Wie machst du das denn? Geschieht das beim Schreiben von allein, oder sagst du dir anschließend, das und das lass ich weg?
AG: Meine Schwierigkeit mit dem Begriff „hermetisch“ ist eben diese: Es darf nicht bedeuten, dass man beim Schreiben einfache Sachverhalte vorsätzlich verdunkeln würde. Zu sagen, ich lass jetzt mal jede zweite Zeile weg, damit die Leute ein bissl mitdenken müssen. Das wäre letztlich auch schrecklich borniert, dem Leser, der Leserin gegenüber. Ich streiche natürlich immer mal was beim Überarbeiten, aber es ist nicht so, dass die Gedichte eigentlich doppelt so lang sind, und am Ende kürze ich sie, damit sie komplizierter werden. Ich denke wohl eher beim Schreiben selbst schon fragmentiert, oder in Sprüngen, in Brüchen, wenn man so will. Ich wurde aber auch andererseits schon gescholten, ich sei ein Befürworter der „verständlichen Lyrik“ – was immer das sein soll. Blödsinn! Zusammen ergibt das aber ein lustiges Bild vom Gumz: der verständliche Hermetiker.

 

Hieronymus Bosch: Der Aufstieg in das himmlische
Paradies. Tafel der vier Jenseits-Darstellungen,
Ausschnitt.




seestück mit grammatik

den tanker da hinten könnten wir adoptieren.

aber wird das meer davon gescheiter?

wird mir das geschlecht genommen, ohne schmerz?

auf deiner wange ist das seegras schöner als ein komma.

es vertraut deiner behinderung.

du wirst nicht schießen. du kommst an bord, ein pirat.

die wellen ziehen sich t-shirts an.

(Finale Lyrikpreis München 2013)


KK: Ja gut, jetzt vielleicht zu der Frage, was den Begriff der Lücke bei Wittgenstein betrifft, also in der Sprachtheorie – die find ich bei dir weniger in den Texten, nicht? Das ist auch nicht beabsichtigt, oder hab ich das überlesen?
AG: Also, ich bin lang ein großer Wittgenstein-Fan gewesen, oder bin es noch. Mich hat vor allem der spätere Wittgenstein beschäftigt, die „Philosophischen Untersuchungen“, und dann „Über Gewissheit“. Wo er merkt, dass man sich in der Sprache, wie sehr man sich auch anstrengt, wie sehr er sich früher selbst im „Tractatus“ angestrengt hat …
KK: … in einem Labyrinth befindet …
AG: Genau. Solang man sie nicht anbindet an – wie er es nennt – Lebensformen. Wenn man immer nur die Sprache, die Grammatik anstarrt, wird man nie irgendwas finden, das Zeichen mit Bedeutung auflädt. Man muss sie betrachten im Licht ihres Gebrauchs in bestimmten Situationen und Kontexten, dann weiter, in Gesellschaften und Kulturen.  
KK: Im Grunde setzen sich damit ja alle Lyriker, Novalis damals auch, auseinander, ja sogar die hermetischen Schriften sagen im Grunde dasselbe, wie es im „Tractatus“ steht: worüber man nicht wirklich was ausdrücken kann, ist es am klügsten, zu schweigen. Ganz tiefe Gefühle und innere Erkenntnisse, die sind dann eben oft unsprachlich – trotzdem setzt da Dichtung ein.
AG: Für mich ist es am evidentesten eigentlich in der Musik. Bei einer gelungenen Mahler-Aufführung zum Beispiel, aber auch bei einem guten Solo von Neil Young, da erzeugt Musik in mir, nennen wir es der Einfachheit halber: Gefühle – Zustände, Erlebnisse –, die es vorher nicht gab, für die ich auch erstmal keinen Namen habe, keine Kategorie. In Mahlers Achter zum Beispiel, oder bei „Cortez the Killer“ in einer bestimmten Live-Version, da erfindet die Musik etwas in mir, was es ohne diese Musik nicht gäbe. Das ist für mich ein Ideal für jede Kunst, auch für die Lyrik: dass Dinge produziert werden, die beim Leser, Hörer, Zuschauer so etwas wie Glück auslösen: das Glück, etwas zu erleben, das man zuvor nicht kannte.
KK: Ja, und dieses Gefühl, das man beim Lesen hat, dem lyrischen Ich schwimmt alles weg, es verwischt sich, die Realität zieht so an einem vorbei, geisterhaft wie auch direkt – ist das jetzt nur in dem Band „ausrücken mit modellen“ so gewesen, oder ist das ein Thema für dich?
AG: Gute Frage. Das ist wieder etwas, das ich nicht bewusst setze oder einsetze, weil ich grundsätzlich eher nicht so schreibe. Aufgefallen ist es mir selbst z.B., als ich mal wieder meine Gedichte auf zu oft vorkommende Worte hin überprüft habe. Das Wort „nicht“ kam da sehr häufig vor, oder auch „verschwinden“. Das fand ich erschreckend. Viele Abwesenheiten, viel sich Entziehendes gibt es da.

Alexander Gumz beim Lyrikpreis München 2013


larichos seinen kopf


von großer sorge erlöst, gehoben
durch luftmassen. eine spur auf blasser haut.
werden wir glücklich sein, schillern,
handstand machen zwischen den zeilen?
tote stecken, schwarz, in jedem komma.
wetter entsteht oft nach gewaltigem,
über schädeln, bar und mittellos. was bleibt
sind fehler: dieses schiff heil zurückzubringen,
lichtgeschützt. die bestmögliche
rundung der fahrt.

(Basierend auf einem Gedicht von Sappho, in der Übersetzung von Dirk Uwe Hansen.
In: Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. Hrsg. von Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen.
Freiraum Verlag, Greifswald 2014.)


KK: Naja, nicht bei allen Gedichten. Eher nicht, wenn sie Alltagssituationen beschreiben. Aber zum Beispiel hier, zitiert aus „wahnsinn stellen wir uns vor“:


„methode hat, wie das leuchten abnimmt. so langsam,
man versteht es kaum.“


Oder aus „zum menü“:
 

„wir haben keine angaben gemacht. Wir sind uns
leider schleierhaft. …“


AG:
(lacht) Ja, ich will jetzt nicht so ein Post-post-weiß-der-Geier-modernes Unübersichtlichkeits-Lamento anstimmen: „Gottchen, es ist alles so komplex, alles so rätselhaft, man wird bombardiert auf allen Kanälen und versteht gar nichts mehr!“. Ich finde das gar nicht immer schlecht, dieses Gleichzeitige der Gegensätze. Aber mein Versuch, beim Schreiben mehr oder weniger intuitiv mit diesen Gemengelagen umzugehen – den Zeichen der „flüssigen Moderne“, wie sie der Soziologe Zygmunt Bauman nennt – produziert natürlich keine eindeutigen Aussagen oder Parolen. Viele Sachen greifen da ineinander, bedingen sich wechselseitig, alltäglich und medial, analog und digital, innen und außen auch. Das „Subjektive“ und die „Welt“ sind ja verzahnt, über die Filter aller möglichen Formen von Wahrnehmung und Form.
KK: Ist das eher so eine puristische Tendenz, Wahrnehmung sämtlich als irreal einzustufen - und nur das Innere, das Bewusstsein als teilnehmender Beobachter, als Instanz, ist real?
AG: Ich glaube, es ist eher gemeint im Sinne des späteren Wittgenstein: Es macht überhaupt keinen Sinn, beides voneinander zu trennen, von „innerer“ und „äußerer“ Realität zu sprechen. Das steht alles in Beziehung zu einander. Wenn es eine „Welt“ gibt unabhängig von unserer Wahrnehmung, dann können wir sie à priori nicht erkennen. Steht so schon bei Kant, nur besser (lacht).  
KK: Also diese Unschärferelation von Heisenberg, das man das nicht trennen kann, wenn man mit dabei ist …
AG: Ja – und das ist auch gut so. Vielen klassischen metaphysischen Problemen kann man damit begegnen. Das ist eines der tollen Dinge bei Wittgenstein: dass man viel besser damit umgehen kann, wenn man nicht immer „Hier ist die Welt“ und „Hier ist das Subjekt“ denkt, und dann das Problem hat: Wie zum Teufel krieg ich die beiden jetzt zusammen? Oder, für die Dichtung direkt wichtig: „Hier ist das Wort“ – „Hier ist die Bedeutung“ – wie bringe ich die zusammen? Es hilft, zu verstehen, wie Verstehen tatsächlich oft möglich ist, wenn man versucht, diese Dichotomien gar nicht erst aufzubauen.
Eine Folge davon in meinen Gedichten könnte sein, dass ich öfters ein „Wir“ benutze. Das wurde mir und auch anderen Lyriker/innen zuletzt immer mal vorgeworfen: Es gäbe in vielen Gedichten so ein „großstädtisch-arrogantes Wir“, das nie weiter erläutert würde. Obwohl ich bei meinen neueren Texten auch wieder bewusst versuche, öfter mal „Ich“ zu sagen, entsteht dieses „Wir“ vielleicht aus dem Bedürfnis, die verschwimmenden Grenzen des Subjekts in die Texte zu holen, nicht zu behaupten, es gäbe ein fixes „Ich“ – ein lyrisches Ich, das dann noch dazu gern kurzgeschlossen wird mit dem Autor-Ich. Und das gibt es so ja auch nicht. „Ich“ bin nicht der selbe, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe, oder in einer Lesung sitze, oder tanze, oder schreibe. Und auch das Schreiben tut ja nicht immer das selbe Ich. Klingt schizophren, ist aber nur Alltag. (lacht)
KK: Naja; gut, man kann solche Sachen basteln, viele basteln sich ja Sätze zusammen, andere sehen sich da mehr so als Medium, wie es halt kommt, automatisches Schreiben mit unscharfem Empfangsapparat …
AG: Wenn man da unbedingt zwei Gruppen aufmachen wollen würde, stünde ich wohl eher in der ersten – aber so einfach geht das auch wieder nicht auf. Automatisches Schreiben, Versuche, den Zensor im eigenen Kopf auszuschalten – was vielleicht grundsätzlich nie gelingen kann, oder wenn, dann nicht unbedingt zu den besten Gedichten führt – das war und ist mir als Poetik schon auch wichtig. Da hilft manchmal sogar wieder der Einbezug von Fremdmaterial. Das lockert den Kopf, irgendwie. Man schreibt plötzlich Sachen, auf die man alleine nicht gekommen wäre.  

KK: Jetzt sind wir bei dem „Herzschlag“:

„ein zucken und knirschen. mein herz ist der song,
den wir hören, solang wir ratlos


auf dem grund liegen. wir haben vergessen,
wie man die brandung abstellt.

          (the soundtrack to mein herz)


Das ist ja genau das. Du nimmst was auf und gibst es mit deinem Herzrhythmus oder, wie Mallarmé sagt, deinem rhythmischen Knoten wieder – wie schon Novalis sagt, die Sprache spricht sich selber. Wenn man ihr freien Lauf lässt, kann es sehr gut werden – kann es Poesie sein. Wenn man eingreift, ist es unter Umständen das „verkehrteste Zeug“, weil man mit dem Willen den Rhythmus stört, die fließende Sprache.

 

Zygmunt Bauman
zur Theorie

 



lotte kann nicht loslassen


wie seht ihr das: kann man sich ernsthaft in eine person?

vielleicht, weil man zu diesem zeitpunkt schon lange nicht mehr?

ich selbst meine immer: trennung. trennung & schluss

und ich weiß einfach, er wäre. und was.

wäre ich, würde das nicht anders.

wenn sich mein ein und alles entscheidet, raste ich aus.

hätte ich merken müssen. ich sehe doch, dass es ihm besser und                                                                                                besser.
und wenn ich will, kann ich zurück, da er mir sowieso. hmm.

soll nun jemand anders diesen haben?

halt den rand, sag ich zu mir.

hier kommt der nächste spaß aus der gehirnforschung.

(fünf bombensichere tipps gegen die liebe, 4.
In: Lyrik der Gegenwart 46. Feldkircher Lyrikpreis 2014)
Diese Gedichte basieren auf Google-Ergebnissen bei der Suche nach der Zeile „jemand anderes dachte an ihn wie an nichts“, die Tabea Xenia Magyar und Tristan Marquardt als Motto zum Feldkircher Lyrikpreis 2014 ausgaben.



 

"Denn jede Seele ist ein rhythmischer Knoten."

(Stephane Mallarmé - Vortrag an der Taylorian Institution
in Oxford: On a touché au vers -
Über die Berührung vom Vers)

AG: Ja, wobei es, glaube ich, in der Dichtung weder das willentlich Gesetzte in Reinform gibt, noch den intuitiven, völlig vorbewussten Sprachfluss. Aber das ist genau die Aufgabe: einerseits zuzulassen, dass das Sprachmaterial sich so frei wie möglich bewegen kann, und dann immer wieder ran zu gehen, zu prüfen, zu verdichten, zu ändern – ohne den Flow im Nachhinein mit zu viel Konstruktion kaputtzumachen.
KK: Wer ist dann diese Instanz, die das ändert? Wenn man das aufnimmt und anschließend beobachtet?
AG: Bei mir ist das ganz praktisch – wahrscheinlich könnte man da draus auch eine theoretische Dimension bauen – ich gebe eigentlich keine Texte an die Öffentlichkeit, die nicht von zwei bis drei Leuten meines Vertrauens gegengelesen wurden. Das sind zum Beispiel die Dichterinnen Uljana Wolf, Daniela Seel oder Karla Reimert, die ich zum Teil seit gut 20 Jahren kenne, und so lange lesen und kritisieren wir auch schon gegenseitig unsere Texte. Wenn man es auf dieser Arbeitsebene betrachtet, könnte man etwas überspitzt behaupten, dass es auch hier keine singuläre Ich-Identität in meinem Schreiben gibt. Es ist auch eher so, dass in mir etwas sagt: Hm – ich frag mal die andern, was sagen die dazu: eher dieses Adjektiv oder jenes? Im besten Fall entsteht dann in den Gedichten vielleicht so eine Art kollektiver Intelligenz.
KK: Das machen ja einige, auch hier in München, aber da sagt dann vielleicht jeder was anderes (lacht).
AG: Ja, Du hast recht – am Ende sollte man natürlich trotzdem selbst entscheiden, was man von diesen Vorschläge und Kritikpunkten annimmt, was nicht, und auch: warum.
KK: Wär ja auch blöd, wenn man dann am Ende den kleinsten Nenner nimmt.
AG: Das kann die Gefahr sein dabei. Aber ich mag – bei dieser, aber auch bei anderen Arbeiten – Dialoge, in Gesprächen mit Anderen zu arbeiten, und nicht: Der Dichter, die Dichterin, sitzt allein zu Hause und schöpft Geniales aus sich selbst allein, ohne Einwirkungen von irgendwoher. An der Idee des „Genialen“ ist natürlich auch was dran, auch am „Talent“ und an dem, was man kaum noch so nennen mag: der „Inspiration“. Das klingt eben alles, über Jahrhunderte durch einen gewissen Geniekult gejagt, sehr aufgeladen, mystisch oder gar mysteriös. Wer klüger ist als ich, kann das aber sicher alles für die heutige Zeit brauchbar neu ausbuchstabieren. Ist bestimmt auch schon gemacht worden.
KK: Inspiration würde ja bedeuten, dass man wie ein Medium fungiert und eine ganz bestimmte Stimme in einem wirkt – Rilke hat das ja gerne gemacht, ja gut, der war ja auch Spiritist …
AG: (lacht) … der hat aber auch sehr lange auf „Inspiration“ warten müssen, bevor er dann die Duineser Elegien schreiben konnte...
KK: Ja, aber ich glaube, da überwindet man vielleicht eine Blockade in sich. Ich meine, letztendlich, ganz egal, woher das kommt, muss man ja empfangsbereit sein …
AG: Ja, genau. Und das bleibt ein Problem, auch ein ganz konkretes. Ich weiß nicht, wie andere das machen, aber wenn ich zum Beispiel viel mit Organisationsarbeiten zu tun habe, dann kann ich zwar noch auf Kommando Anträge verfassen, eine Moderation vorbereiten oder auch mal einen Zeitungsartikel schreiben, aber Gedichte entstehen meist nicht eben mal zwischen 30, 40 Emails. Die Frage ist für mich also auch ganz praktisch: Wie macht man sich empfangsbereit für Gedichte? Egal ob man das jetzt an ein Konzept von „Inspiration“ knüpft, oder eher von Konstruktion. Oder an Inspiration durch Konstruktion – das Umsetzen von Kritik oder die Verwendung von Fremdmaterial, von „anderen Stimmen“, kann ja auch ein Motor sein für „Inspiration“.   
KK: Genau, und ich habe bei dir das Gefühl, dass du Sätze auch aus dem Zettelkasten nimmst, also eigene Beobachtungen, Erlebnisse, Tagebuchartiges.
AG: Es hat von allem ein bisschen was: Alltagsszenen, Gelesenes, Gehörtes, ein aufgeschnappter Halbsatz irgendwo, ein Film, ein Foto, ein Stück Musik. Und dann muss ich eben auch Zeit haben, selbst wenn’s fürs erste Runterschreiben eines Gedichts vielleicht nur 15 Minuten braucht. Ich muss den Kopf frei genug haben, damit aus so einem Funken ein Gedicht entstehen kann, oder zumindest eine erste Version. Wenn ich einen ersten Satz im Kopf habe – der kann aus unterschiedlichsten Ecken stammen, und ich kann nicht immer erklären, woher genau – und im richtigen Modus bin und sage, gut, ich schreibe das mal auf, dann kommt meist auch ein ganzer Text zustande. Ob der dann gut ist oder nicht und ob er am Ende nach 1000 Überarbeitungen überhaupt irgendwo mal vorgelesen wird oder gar veröffentlicht, das ist eine andere Sache. Aber diesen Moment der Empfangsbereitschaft, irgend etwas ästhetisch wahrnehmen zu können, als möglichen Teil eines Gedichts, das kann man vielleicht auch „Inspiration“ nennen – im nachromantischen Sinn, sozusagen.

KK: Jetzt komm ich zu diesem, was ich einmal ‚Kleinmut‘ nannte. Zitat:

„du kannst das. du bist so gut darin, im mischlicht
etwas zu vermessen. für dich allein
werden fahrpläne geschrieben. du gräbst dich


ins watt, suchst würmer. die brandung ruckt,
stockt, wirft dir eine richtung zu. dreh sie um,
steh auf. wir gehen.“

(wattgeister)


Das kommt an mehreren Stellen, letztlich aus diesen Sprachen der Wahrnehmung, die an einem vorbeifließen – plötzlich ist da eine – das mein ich mit Kleinmut – eine halbherzige Entscheidung, einen Weg einzuschlagen. Oder bei „boote in dir“:

„du schreist lang in einem weißen zimmer. dann
rutscht deine stimme weg. zwischen den lippen
ein schmales boot, überrascht vom regen.“


Das ist übrigens sehr schön. Aber da ist auch wieder dieses Überraschtsein, diese kleinmütige Entscheidung, anschließend. Ein Vielleicht. Dass du praktisch kein Gedankenschwert verwendest, das richtig von falsch trennt, die Wahrheit suchend, das alles wegschlägt, was in die Quere kommt, und sagt: Ich geh jetzt geradeaus – das bist du ja gar nicht. Eher ein Beobachter.
AG: Das steckt wohl im Wort „mischlicht“ – es ist vielleicht wirklich so, dass es für mich grundsätzlich eher Mischlicht gibt: gemischte Verhältnisse, und nicht so sehr Schwarzweiß.
KK: Ja, aber du schreibst dann auf der anderen Seite:

„kulturelles versagen, auf schiefertafeln
vorgeführt. das kann er gut, der beweger.


erster satz. kein thema.

(der beweger)


Also einerseits ist da die Ablehnung von allem, was sich erhebt (gegen diese Forderung: jetzt ändern wir die Welt), andererseits die Entwicklung von Kultur, die dadurch entstehen kann, dass du sie in eine neue Richtung drängst. Das mit der Schiefertafel, das hat ja eher was Didaktisches. Eine Mischung aus Moses‘ Tafeln einerseits – und andererseits den Oberlehrern der Kultur?








intensivbildung
drei verben für andreas töpfer

stochern

mit einem stangenförmigen gerät wiederholt  
in etwas hineinstechen. lustlos mit dem streichholz
im alphabet stöbern. danach
im essen bohren. stottern.

beispiele:
mit einem feuerhaken in der glut nach bedeutung wühlen
eigentlich: grammatik

betonung:
nach oben

ausloten

seewesen, mit dem man tiefe feststellt, die senkrechte
erforscht, ihren gebrauch bestimmt. etwaige
schwachpunkte des gegners erkennen.
ihn abstecken, wie fahrwasser.

beispiele:
wände oder mauern erforschen
eine auslosung lüften
aussprachen orten

betonung:
technik

kratzen

mit etwas spitzem, rauem, besonders mit nägeln
oder krallen, ritzen, schaben. mit seiner scharfen seite
über etwas scheuern. ein entsprechendes geräusch machen.
unpersönlich. ich glaube, ich bin erkältet.

beispiele:
bei jemandem wundsein verursachen
eine spinnerei an sich nehmen
ein brennen im rachen in einzelne fasern auflösen
der neue pullover kratzt fürchterlich

betonung:
ungeklärt

(Gedicht der Woche in den Signaturen, 2013)

 

© karolina golimowska

AG: Lustigerweise schwirrt hier im Hintergrund schon wieder Wittgenstein rum. Meine allererste Begegnung mit ihm war, als ich diesen Film von Derek Jarman gesehen habe – zu Schulzeiten noch – und noch nichts wusste von seiner Philosophie. Da fand ich die Szenen toll, in denen die Wittgenstein-Figur immer wieder versucht herauszufinden: Was ist ein Elementarsatz? Mit dieser großen Emphase etwas auf Schiefertafeln schreibt, mit Kreide – ganz körperlich und scheinbar einfach. Elementar eben.
KK: Und da klebt natürlich die Kreide noch mit dran – also das Materielle. Zwei Sachen wollt ich noch besprechen, die Materialität von Sprache, sie spricht sich einerseits selbst, geht dann aber auch in die Dinge rein – dieses „Am Anfang war das Wort“ ist schon auch ein bisschen bei dir immer da, das Wort kann ja diese Boote ausfahren und kann sich materialisieren, zum Beispiel in Metaphern deutlich werden. Da hätte ich vielleicht auch eine Erklärung für deine Vorsicht, die Vorsicht etwas einzuschreiben, weil man nicht genau ermessen kann, was für eine Wirkung Sprache dann hat. Worte, die man selber aussendet, kommen ja irgendwann auf einen wieder zurück.
AG: Das habe ich auch schon erfahren. Aber meine Zurückhaltung taucht eher auf, wenn Sprache zum „Transport“ von „Bedeutungen“ hergenommen wird – als Werbeslogans meinetwegen, oder politische Rhetorik. Wobei die Werbung heute ja sehr viel von dem verwendet, was die Lyrik vor 50, 60 Jahren als Avantgarde vorgeprägt hat. Wenn die Materialität der Sprache jedenfalls nicht respektiert wird – dahingehend, dass sie eben vieldeutig sein kann, in dem, wie sie auf einer Seite steht oder wie sie gesprochen wird. Gedichte also auch als ein Versuch, zu zeigen, was an Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit, Offenheit in Sprache produziert werden kann, und dass es im Idealfall trotzdem eine direkte Wirkung haben kann, ohne dass einem sofort klar ist, woher die kommt, und was das alles „bedeutet“.

KK: Also mit vorsichtiger Unklarheit habe ich nicht unklare Wortwahl gemeint, sondern dass die Wahrnehmung, dass die Eindrücke einer gewissen Fremdbestimmung oder Vorsicht unterliegen – nimmt man sie an, nimmt man sie nicht an?
AG: Ja, das ist interessant. Karla Reimert hat früher immer mal gemeint, ich sei eher ein impressionistischer Dichter. Heute sagt sie: kubistisch. Verwirrende Transformation. (lacht) Ich fühl mich ja selbst eher selten hingetupft... Eher verdreht und zerschnitten (lacht). Aber wenn man das impressionistische Basal versteht als „Aufnehmen“, dann mag da was dran sein.
KK: Ja, weil im Gegensatz dazu, das Expressive ja auch ein Schleudern bedeutet – ein etwas dem Andern Entgegenschleudern. Kommen wir zum Geisterhaften.
AG: Das Geisterhafte finde ich sehr interessant, da hab ich noch immer keine wirkliche Antwort drauf. Es interessiert mich aber schon eine Weile, auch bei anderen, z.B. in der Popkultur. Da gibt es zuletzt viele Bands, Musiker und Alben, die „ghost“ im Bandnamen haben. Der Poptheoretiker Simon Reynolds hat das untersucht. Einer seiner Ansätze geht dahin, das zusammen zu führen mit der Technik des Samplens: Dass die Stimmen der Toten qua Sampling – oft sogar als anonyme Ton-Schnipsel, die man aus dem Internet gefischt hat – durch neue Tracks spuken. Und zwar meist verfremdet, losgelöst, in fremde musikalische Kontexte gestellt. Was mich daran interessiert, geht in diese Richtung, glaube ich: Das Geisterhafte hat etwas zu tun mit der permanenten Anwesenheit von möglichen Bedeutungsnuancen, einzelnen Worten, Rhythmen, Halbsätzen, auch von Zitaten, deren Ursprung man evtl. gar nicht mehr kennt – ganz allgemein mit Dichte, Aufladung mit Vergangenheiten, Diskursen, mit Wissen, das man im Zweifelsfall selbst gar nicht hat oder haben kann. Das alles spukt auch in die eigenen Gedichte mit rein.
KK: Durch das Internet, durch die elektronischen Medien ist ja etwas entstanden, nämlich, dass nichts verloren geht – obwohl es im Zweifelsfall keine aktuelle Bedeutung hat, und doch schwirrt es geisterhaft herum, wie Anhaftungen, die man schon mal abgestreift hat, die dann aber wieder neu anstürmen.
AG: Ja – mit diesem Drang, wiederzukommen. Als neue Texte. Als Wortgespenster.


***


Alexander Gumz: ausrücken mit modellen. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2011.

Derek Jarman's "Wittgenstein", 1993
(Plakat, Standfoto)








AUSRÜCKEN MIT MODELLEN

doppelte dinge unter den heute untröstlichen sinnen. allein
das draufhalten, das anziehen von lichtschutzmasken
wird uns den abend retten. ein lautloses geschäft

in den schaltkreisen, kein pochen und knacken.
strahlen, die bei jedem versuch, den moment
zu verlängern, verbogen werden.

wir sehen unsere erschütterung im dunkeln
bunt gerändert sich auf leinwände legen. unbezahlt
natürlich. ein atemlabor geöffnet,

sobald die herrschaften aus unseren adern treten
und sich vorstellen. atomkränze, sinusanlagen,
nicht streng genug auf der innenseite ihrer gier.

galante festivitäten wie zum beispiel das ausrücken
nach unerreichbar nahen inseln.

(Alexander Gumz: ausrücken mit modellen. Gedichte. kookbooks, Berlin 2011.)

)

 
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