Zelda: Fünf Gedichte
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Zelda
Fünf Gedichte
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Ich blühte in einem Haus aus Stein
Ich blühte in einem Haus aus Stein
ohne Joch, ohne Ziel
wie ein wunderliches Fantasiegespinst,
wie ein Alpenveilchen im Felsen.
Jerusalem nahm gefangen
meine freie Seele,
ich ertrank im Licht,
ich vergaß meinen Namen.
Ihr Abgrund nahm gefangen
meine jauchzende Seele.
Ich ertrank im Dunkel,
im Smaragd.
Ihr Geheimnis nahm gefangen
meine lebendige Seele
ich ertrank in ihrer Unergründbarkeit.
Das Zimmer meiner Mutter ist erleuchtet
Der blasse Maler mischte
mit dem feuchten Kalk
die allerzierlichste Rose,
das Strahlen der Apfelknospe, das Lächeln eines
Säuglings.
Silbertrauben sind dort und Messingkronen eingraviert
in die geerbten Kerzenständer, sie glitzern auf der
Anrichte,
sind in einem runden Spiegel zu sehen,
(Obstgärten der Liebe von Geschlecht zu Geschlecht, die
Diademe des Stammbaums
und die Tränen).
Und auf dem Tisch – in chassidischen Erzählungen, den beliebten Geschichten
(die Rabbiner Zevin gesammelt, zusammengestellt hat),
blättert sachte der Wind aus den Bergen
verschmelzt Schneelandschaft mit glühender Hitze.
Meine Mutter betet – auf ihrem Kopf karierte Seide.
Das große, innere Zimmer ist düster
wie die Höhle von Rabbi Shimon Bar Yochai.
Darin herrscht Meeres Stille –
Schabbat ist darin, eine Art kommende Welt.
In der ganzen Wohnung herrscht Schweigen.
Mein Mann ist ins Büro gegangen. Meine
Mutter ist im Tempel ihrer Gebete.
Ich bin in der Küche.
Und in dem überquellenden Abfall ist eine blutrote Geranie.
Im gepflasterten Hof neben den Pflanzen
schreitet eine Katze wie eine Gutsbesitzerin aus der
alten Generation.
Langsam
öffnet sich die Tür
zu Milch, zu Brot, zu Kerzen,
zu Steuern, zu einem Brief.
Freitag ist der Tag des lachenden,
größer geschminkten Auges
und der Tag des traurigen Mundes.
Freitag ist der Tag der Armen.
So vergehen die Tage,
Jahre vergehen so.
Der dünne Schleier eines Glanzes bedeckt Leiden,
Ohnmacht,
Fehltritte.
So vergehen die Tage und das lärmende Leben
erzeugt reichlich Begierden, Knospen, Säuglinge, Meere
und Wälder,
wird verstohlen aufgezehrt aus meinen Gliedern, fließt
wie Blut.
Wenn ich sterbe –
wird G-tt mein Gewebe aufriffeln
Faden für Faden,
und gen Westen werfen meine Farben
in seine Vorratskammern in der Urflut.
Vielleicht verwandelt er sie in eine Blume, vielleicht
in einen Schmetterling
schummrig-nächtlich-zart, schummrig-nächtlich-lebendig.
Die ganze Nacht habe ich geweint
Die ganze Nacht habe ich geweint
Herr der Welt
vielleicht gibt es einen Tod, der ohne
Gewalt ist
einen Tod, gleich einer Blume.
Die ganze Nacht habe ich aufgetürmt meine Bittgebete
selbst ich bin Staub
werde die Ruhe haben
die Höhen des Himmels zu betrachten
wieder und wieder und wieder
Abschied zu nehmen von seiner Schönheit,
die ganze Nachte habe ich gedacht
viele Geschöpfe weilen
in meiner schmerzenden Brust
und verschiedene Geschichten,
man muss eine Kerze entzünden
und sie betrachten
bevor ich im Tod entschlafe
Von Tempel zu Tempel
Besänftigt gehen,
ohne Angst,
ohne einen im Herzen waltenden Groll gegen G-tt,
ohne eine tiefsitzende Scham gegenüber der Sonne,
ohne die Bitternis von Kobras gegenüber den nächsten Verwandten.
Besänftigt gehen mit einem Kuss auf die Augen von jeder Form
und mit einem Kuss auf die Seele von jedem Gefühl,
ruhevoll übergehen von Tempel zu Tempel,
während die alte Hand vorsichtig, zärtlich
die Wände dieser Welt, ihre Gemälde streift.
Ich durfte einen solchen Sonnenuntergang sehen
prachtvoller als alle Untergänge der Sonne –
ich habe mein Fenster geöffnet, zu ihm geschaut:
der schöne alte Mann hat seine Fensterläden gestrichen.
Gemächlich
unendlich genussvoll,
wie durch einen Kuss von der
Welt des Tuns geschieden.
Ich habe ihn nachher gesehen
wie er für sich allein gegen Abend auf einem runden Balkon stand
und in einem alten Buch las.
Das Großzügige eines Königs lag in der Freiheit, mit der er dastand
und absolute Stille,
die Stille von „Der Herr
ist mit mir, ich fürchte mich nicht, was können mir Menschen tun?“
Schwarze, aufgeweckte Augen tranken durstig sein langsames Lächeln,
die Augen seiner sehr alten Frau.
Gäste wurden nicht in das gesegnete Haus geladen,
zu schade ist es, die Stunden des Ozeans mit müden Worten zu
vergeuden.
Nur zum Fest erschienen Babys mit rotem Haar
und in der geschmückten, bunten Sukka
boten die Alten ihnen Früchte an.
Es gibt nichts Süßeres und Geheimnisvolleres im Leben
als das Essen von Früchten an einem zarten Abend,
es gibt auf der Welt nichts Wohltuenderes, nichts
Bezaubernderes.
*
Ich habe aus meinem Herzen
alle Worte verbannt
da der Tag sich gewendet hat
meine Mutter eingeschlummert ist –
und meine Mutter schläft
bis zum Kommen
des Messias.
Anmerkungen:
bevor ich im Tod entschlafe: „Erleuchte meine
Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe“, Psalm 13, 4 (Luther 2017).
„Der
Herr ist mit mir, ich fürchte mich nicht, was können mir Menschen tun?“: Psalm
118, 6.
Die Originaltexte
sind entnommen aus: Die Gedichte Zeldas (Schirei Zelda), Bnei-Brak: Hakibbutz
Hameuchad 1985 und Zelda: Jede Rose ist eine Insel (Kol schoschana hi
ir), Bnei Brak: Hakibbutz Hameuchad 2017.
Zelda
(Schneurson
Mishkovsky), geboren 1914 in Jekaterinoslaw, Russisches Reich (heute Dniepro,
Ukraine), gestorben 1984 in Jerusalem, ist eine israelische Dichterin, deren
Fami-lienstammbaum bedeutende Rabbiner des Chabad verzeichnet, einer chassidisch
geprägten Strömung des Judentums. 1925 wanderte sie nach Erez Israel aus und
ließ sich in Jerusalem nieder. Eine Zeitlang studierte sie auch Malerei in Tel
Aviv. Erst mit 53 Jahren, nachdem sie bereits 35 Jahre lang Gedichte
geschrieben und in verschieden Tageszeitungen und Antho-logien veröffentlicht
hatte, erschien 1967 ihr erster Gedichtband Freie Zeit (Pnai),
dem fünf weitere folgten. Anders als klassische israelische Dichter:innen ihrer
Generation wie etwa Nathan Alterman oder Lea Goldberg verfasste Zelda ihre Verse
ohne Reim und Metrum. Ihre Lyrik wurde mehrfach ausgezeichnet, 1978 mit dem
renommierten Bialik-Preis. Sie ist eine der einflussreichsten Stimmen für die
religiöse hebräische Lyrik. Besonders bekannt ist ihr auch vertontes Gedicht
„Jeder Mensch hat einen Namen“ (Lechol isch jesch schem). Der Literaturverein
„Maschiv haruach“ gründete 2022 gemeinsam mit der Jerusalemer Stadt-verwaltung
den Zelda-Preis für Lyrik.
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