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Yu-Sheng Tsou: die sich vereinende deckung

Rezensionen/Verlage


Monika Vasik

Yu-Sheng Tsou: die sich vereinende deckung. Gedichte. Nettetal (ELIF Verlag) 2021. 78 Seiten. 18,00 Euro.

Zwiesprachen


Das Spannende beim ELIF VERLAG ist nicht nur, dass Verleger Dincer Gücyeter unbeirrbar Lyrikbände veröffentlicht, sondern dass er ebenso konsequent Literaturen aus anderen Ländern und Kontexten eine Bühne bietet. Als neueste Stimme kann nun Yu-Sheng Tsou entdeckt werden, der mit „die sich vereinende deckung“ sein Lyrikdebüt vorlegt. Der Dichter wurde 1987 in Taiwan geboren und studierte Sinologie. Derzeit promoviert er an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema der esoterisch buddhistischen Ritualgedanken, setzt sich mit religiösen Texten des 8.-11. Jahrhunderts in China und Japan auseinander.
    Gewidmet hat Tsou sein Debüt der französischen Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909-1943), die sich unter anderem mit (sozial)politischen und religiösen Fragen sowie dem Thema Spiritualität auseinandersetzte. Weil bildet einerseits die Klammer dieses Buchs, denn im letzten Text setzt sich der Dichter mit ihrem Kommentar zum „Vaterunser“ auseinander, spinnt deren Überlegungen weiter, verwebt sie mit Gedanken zu irdischen Notwendigkeiten und Fragen nach der eigenen Persönlichkeit, der Seele und dem Begriff Ewigkeit. Andererseits finden sich in den Gedichten wiederholt Bezüge zu Weil.

Eines ihrer nicht im Buch abgedruckten Zitate lautet: „Die Musik wohnt in keiner Note; sie wohnt in einem Verhältnis“. Dieser Weil-Satz wurde mir zum Schlüssel des Begreifens der Gedichte. Nicht die einzelne Note ist Musik, auch nicht die Summe der Töne, sondern das Wie ihrer Beziehung, die unsere Emotionen rührt, uns z.B., wie Weil schrieb, „zum Weinen“ bringt, anders gesagt: es geht um den Abstand, um Lücken und den Raum zwischen oder hinter den Noten. Erfahrbar gemacht in der Interpretation. Auch Yu-Sheng Tsou forscht in immer wieder neuen Suchbewegungen einem Zwischen nach und versucht, eine adäquate Sprache (richtiger wäre der Plural „Sprachen“ – hierzu später) zu finden. In seine Texte webt er auch poetologische Aussagen ein.
    Das erste Gedicht trägt den Titel „Des Selbst Vorwort“ und beginnt mit den Versen

Ich verfolge meine Stimme
hin zur Lücke

„Es geht um eine Art Kunstgriff, die Distanz abzuschätzen“, heißt es später, dabei „[d]ie gelernten Wörter stimmend“, sie stimmig zu machen für ein Zwischen. Doch welches Zwischen? Welchen Räumen und Lücken wird nachgespürt? Zunächst jenen Lücken, die zwischen den Wörtern bleiben, für die eine andere, idealere Sprache zur Benennung und wohl auch ein anderes Schauen nötig wären. Denn „mithilfe der Analogien wurden viele Sachen erreicht“, konstatiert das lyrische Ich, aber es ist ein wenig befriedigender Weg, das noch Unbegreifbare nur mittels Analogien gedanklich und sprachlich fassen zu wollen. Das Ich setzt nach:

Wörter – welche Bauelemente benötigt ein ewiges Drehbuch,
die manchmal strahlend werden?

Und da sind noch andere Lücken und Räume, etwa der Raum zwischen „den Köpfen der Fußgänger“, Lücken in uns selbst, in unserer Erinnerung, Lücken in Szenerien, in Stimmen, sogar in der Stille. Es sind Lücken, die wir noch nicht kennen, solche, die wir wahrnehmen, weil darin Dinge verschwinden, und Räume, die sich wieder und wieder entziehen. Und es gibt Lücken, die ans Unerklärbare rühren, ins (scheinbar) Göttliche und Übernatürliche weisen, die das lyrische Ich mit seinen Sinnen und Gedanken zu erfassen sucht. Yu-Sheng Tsou zeigt in seinen Gedichten in immer wieder neuen Anläufen die Suche nach diesen Lücken auf und seinen Drang, sie zu erforschen. Von Bedeutung ist dabei vor allem der Sehsinn, der Versuch eines Erfassens mit den Augen, denen manches undeutlich bleibt, weil etwas im Dunkel liegt, Umrisse im Gegenlicht kaum ausgenommen werden können oder ein Abbild in Rauch oder Nebel verschwimmt. Wichtig für den Versuch des Erkennens ist zudem der Tastsinn. Der Hand, den Fingern und Fingerspitzen werden dabei gelegentlich übersinnliche Kräfte zugeschrieben, etwa beim Betrachten eines Gemäldes von Paul Cézanne:

Cézanne erklärte, dass seine Hand seine Augen
führe, in die Tiefe der Landschaft hineinzukommen.
ich sah auf der Leinwand
eine winzige Lücke zwischen Farben.
an meiner Fingerspitze bemerkte ich einen stechenden Schmerz.

Im Gedicht „Die zweite Phase des Schnees“ heißt es nach dem Schließen eines Buchs:

und bemerken an den Fingerspitzen einen
dauerhaften Druck vergangener Dinge

Hier wird das Karma-Prinzip des Buddhismus aufgerufen, nämlich dass Erfahrungen aus früheren Existenzen ins Heute und in die Zukunft wirken. Auch „Verlorenes hat die Tendenz, / da zu bleiben“ und in Lücken und Zwischenräumen zu verweilen. Das Wort „Dinge“ bzw. sein Singular „Ding“ wiederum gehört zu den häufigsten Begriffen im Buch, verweist auf das „Ding an sich“, das von Immanuel Kant geprägt und von Kollegen rege diskutiert wurde. Kant stellte die These auf, dass ein „Ding an sich“ unabhängig von menschlicher Erkenntnis existiere und nicht erkannt werden könne, sondern nur seine Erscheinungen. Yu-Sheng Tsou meint:

Es gibt Dinge. Es gibt neben Dingen noch Dinge.

Sie bleiben „namenlos“, können nicht benannt werden, weil sie und solange sie sich der Erkenntnis entziehen. Neben Kant und Weil sind im Buch noch etliche andere Bezüge zu finden, etwa zu den Philosophen Martin Buber und Paul Ricœur, zur Bibel, zu Sanskrit-Texten und Lehren des Buddhismus. So lesen wir im schon erwähnten Gedicht „Die zweite Phase des Schnees“

Wir wandeln das Wasser in den Bechern in Alkohol um,
während wir uns unterhalten,
aber nun nicht zusammen mit den Sätzen aufsteigen

nicht nur einen Anklang an das letzte Abendmahl des Neuen Testaments mit, sondern stolpern auch über die ironische Anverwandlung eines Zitats von Simone Weil: „Die Schwerkraft des Geistes lässt uns nach oben fallen“. Anders als bei Weil findet hier aber kein Fallen nach oben statt, also keine quasi göttliche Erhebung beim Denken und Reden, sondern ein Haften, ein Bleiben auf dem Boden.
    Neben die Sprache seiner Gedichte stellt Yu-Sheng Tsou noch eine zweite Sprache, die rätselhaft bleibt. Ähnlich einem Morsealphabet besteht sie aus Punkten, waagrechten und schrägen Strichen, doch gibt es keinen Schlüssel, sie zu dekodieren und damit den Inhalt des Textes zu erfahren. Diese zweite Sprache ist autonom, besetzt Räume, füllt Lücken. Mal steht sie gleichberechtigt neben der Gedichtsprache, mal bildet sie eine Art Subtext, der sich unter (oder über) die Worte eines Gedichts schiebt, sodass einzelne Verse schwer lesbar sind oder ein Gedicht sogar fast völlig verdrängt wird und Platz nur mehr für einzelne Worte oder Verse bleibt. Diese zweite Sprache ist ein Kunstgriff, scheint das künstlerische Äquivalent für ein „Ding an sich“ zu sein, etwas, das per se existiert, sinnlich erfahrbar ist, gesehen werden kann, seinen Platz einnimmt, sich behauptet. Aber was diese Schrift als „Ding an sich“ in seiner notwendigen Eigenschaft ist, entzieht sich der Ratio und der Erkenntnis. Das Ansinnen des Dichters jedenfalls bleibt groß:

Ich meißle Nischen für die Götter

© Monika Vasik


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