Direkt zum Seiteninhalt

Yevgeniy Breyger: hallo niemand

Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen

Kristian Kühn

Yevgeniy Breyger: hallo niemand. Roadtrip in Versen. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2026. 115 Seiten. 20,00 Euro.

Ein Höllentrip


Gelegentlich verfällt Yevgeniy Breyger in ein orphisches Heulen gegen den Wind, und dann spaltet sich sein komplexes Ich in drei Teile, welche das sind, führt er uns in seinem Roadtrip aus Versen namens „hallo niemand“, sich auf eine Autofahrt von Wien nach Berlin begebend, vor. Anfangs ist es nur Müdigkeit, gegen die er, um nicht einzuschlafen, mit dem inneren Aufsagen von Silben ankämpft. Es scheinen aber immer dieselben zu sein, drei zu eins, si la bo zu lo – nicht wie bei Macbeth das kosmische double double toil and trouble, fire burn and cauldron bubble von drei Hexen, die an der Zukunft drehen, oder die meerespurpurnen Tücher, gewebt von den drei Nymphen an steinernen Webstühlen vor der Grotte in der Odyssee, wenn es darum geht, ein Ritual für die Schatten der Manen aus Blut und Opfer zu gestalten, um ihre Lebenskraft wieder zu beleben, für eine Weissagung, zur Heimat zurückzufinden. Aus drei soll eins werden! Si la bo zu lo!
Und so beginnt bereits auf Seite zwei des Höllentrips die Wahrnehmung doppelt zu werden, „mit blättern die erde küssen und sie für momente verwandeln / geplapper der blätter, geplapper des jahres, o wunder / und er denkt und er denkt und er heult, aber was denkst du?“ Und er fragt nach, bei sich. Und ist doppelt, gibt sozusagen sich selbst hin. „warum weinst du? Ich weine gar nicht, du weinst, sagte er / und er behielt recht, es war ich, die tränen liefen mir längst aus dem ruder …“
Nun ist er ich und niemand, hallo niemand, „niemand / sei dein heiliger name, du klaffende wunde, du blutendes loch / aus dem die teufel sprießen und das atom.“
Ja, diese Silben, über die Breyger bereits mehrfach nachgedacht und geschrieben hat, zum Beispiel in seiner Rede zur Poesie in München¹, in den Veden werden sie Stützbrett genannt, wenn man sich als Priester dem zischenden Feuer nähern will, dann braucht man sie, um sich nicht zu versengen. Sagen die Veden.

        „hallo niemand
        hallo niemand (es schallt zurück, während es mich weiterweint)
        hallo niemand, geplapper, niemand. niemand, wer bist du?
        lass mich in ruhe, ich wurde gerade erst geboren“
Wir halten fest: Die Geburt des Kindes, des Erstgeborenen durch die feurigen Silben des Geplappers. Nun beginnt die Vision, die sich im Laufe der Silbenreise zum Horrortrip entwickelt. Breyger, als geübter, wenn auch versteckter Symbolist, benutzt nicht nur das bardische Heulen eines William Blake oder Allen Ginsberg, er spielt auch auf die Odyssee an, allein schon mit dem Titel (weil Odysseus dem Zyklopen dreimal Wein nachgefüllt hat und sich dann in listiger Voraussicht Niemand nennt (Outis) – ach wie gut, dass niemand weiß).
Bis dieser vom „funkelnden Wein“, der weit wirksamer ist als Wein zyklopischer Gegenden, den Verstand des Zyklopen überschwemmte und ihn taumeln ließ, womit Odysseus ihn dann blenden konnte, um zu entkommen.² Aber Breyger baut auch gewissermaßen Platons Wagengespann aus dessen Phaidros-Dialog nach, die Seele lenkt ihren Seelenwagen, der von zwei Pferden gezogen wird, einem gehorsamen und einem widerspenstigen.
Nur dass es bei Breyger keine Himmelsreise ist, sondern ein Horrortrip durch die Gegenwart. Und dass statt den „überhimmlischen Ort“ zu erreichen, wo sich die „platonischen Ideen“ als ewige Prinzipien aufhalten würden, als Ziel sich das verhängnisvoll Deutsche deutscher Prägung abzeichnet. So spielt Breyger mit dem priesterlichen Opfergedanken, was die Nähe zum Feueraltar der Silben betrifft, als sei Deutschland einem dionysischen Fluch erlegen, der – wie in den antiken Tragödien – über zig Generationen andauert. Um zu unterstreichen, dass er auch als Jude spricht, zieht er es vor, den Gottesbegriff nicht komplett transparent zu machen, sondern – gemäß der Tradition – ohne Vokale darzustellen (JHVH – G’tt).

Woher die Unvernunft komme, fragt er sich, und eine Erklärung wäre die Dialektik (S. 24), oder woher die Vernunft, „die seltsame last, die in den köpfen sitzt wie ein gast“ – aus dem Unterbau natürlich, dem Tierischen im Menschen, seiner Zirkusattitüde, da braucht man keine Glaskugel, kein Orakel,

wuhuwuhu, die CDU wird gewählt werden als neuer vertreter
ich platzte, mein g’tt, das weiß ich doch schon!  

Fazit (noch auf dem Naschmarkt), die sagen alle dasselbe, eine kaputte Kassette, dass man schön konsumieren und den Arsch stillhalten solle! (S. 41) Um nicht selber ein Höhlenmensch zu werden, sondern dem Land der einäugigen Zyklopen zu entkommen, nähert er sich der Linken und wird aufgefordert, Partei zu ergreifen. Aber auch dieser Weg, um Gysi herum und anderen, scheint einäugig zu sein, also schnell weiter: Noch ist er nicht in Berlin – aber die Prophezeiungen treten schon ein, März (!) in die AFD, Weidel in die CDU:

ändert nichts, außer die farbe der sakkos
mir war aber mager im kopf, mir war müde
ich lenkte das auto über die autobahn, überholspur links

In Berlin kommt es dann zum Showdown. Zu Wahlen. Statt Auto (Audi) ist Rollstuhl angesagt. Er lässt sich Tipps geben, zum Beispiel, Bordsteinkanten rückwärts anzufahren, usf. Ist frustriert und will einfach heim, doch im Gegensatz zu Odysseus, der sich von Athena an der Grotte der Nymphen neben dem Ölbaum alt und hässlich machen lässt, zu einem unerkennbaren Greis, im Rollstuhl sitzt Breyger nun ja schon, ist es bei ihm anders:

        ist meine heimat der weg, wie ihr wisst, bin ich verpflichtet
        ewig zu rollen, ich bin kein odysseus, ich bin ja bloß jude

Hatte der Roadtrip von Anfang an eine gewisse Komik aufgrund seiner messerscharfen doppelten und assoziationslistigen Wahrnehmung, wird aus der angekündigten Tragödie bei Breyger nun eher ein Satyrspiel ohne Helden, nur der Mythos vom Deutschen deutscher Prägung bleibt bestehen.

ich löste den nahostkonflikt in meinem kopf und überlegte
mir den fortgang so, dass israel und palästina glücklich würden
laut plan war klar, ich musste dringend bundeskanzler werden

Breyger hat vor, die Partei dieser Niemands anzuführen, als Keiner unter einer Mehrzahl von Nichtwählern - also nicht chancenlos.
        
ich war niemand, aber niemand war dennoch ich
niemand soll bundeskanzler werden, wählt niemand

Und dann singen sie, die Nichtwähler, die schon immer niemand wählen wollten, nur für ihn – er oder Weidel, darauf läuft es hinaus, in diesem grimmigen, enttäuschten, traurigen Land (S. 105) – und er spricht im Fernsehen, dass Deutschland bleiben darf, wie es ist, weil er es, nun gibt er es zu, verdammtnochmal liebt. Ja er liebt das Land. Doch dann fährt etwas bedrohlich auf ihn zu, das ist sein Audi, sein Seelengespann, es grollt ihn an, er solle wach werden jetzt, seinen Namen erinnern:

        deinen namen, deine (!) namen, deinen namen

Von Angesicht zu Angesicht sieht er sich  nun. Ganz orphisch, wie der, der die orphische Manie erhält, sich selber bzw. Dionysos sieht. Dieser funkelnde Wein der Silben ist es, der das bewirkt in einer besonderen Art von Trunkenheit.

        meine haare stemmten sich zu berge, wer war ich?
        und wie konnte ich diesen weg beschreiten, ohne mich zu sehen?
        wer bist du? Fragtest du, sprich deinen namen

Wer ist dieser Dritte, der immer dabei ist? Das störrische Pferd, das auf ihn zu galoppiert? Breyger wollte schon einmal von T.S. Eliot „Das wüste Land“ neu schreiben, wurde aber durch die politischen Ereignisse kalt erwischt und verfasste stattdessen „Frieden ohne Krieg“, in dem nur als Rumpf „aprillen“ übrig blieb, als Anspielung auf den Beginn im Eliot’schen Kapitel „Das Begräbnis der Toten“: April ist der grausamste Monat, er treibt …
Ich gehe davon aus, dass Breyger auf die berühmte Stelle in Eliot’s Kapitel „Was der Donner sprach“ hier – am Ende seiner Reise mit ihren unterschiedlichen drei Schlüssen als Antwort impliziert. Bei Eliot heißt es:

        Wer ist der Dritte der dir immer zur Seite geht?
        Wenn ich zähle sind nur du und ich beieinander
        Aber wenn ich vorschaue auf die weiße Straße
        Ist immer ein andrer der neben dir geht
        Gleitet dahin in braunem Mantel, das Haupt verhüllt
        Ich weiß nicht ob Mann oder Weib
        - Aber wer ist das auf der andern Seite von dir?³

Dies wieder scheint sich, meiner Meinung nach, auf die Stelle bei William Butler Yeats in dessen Gedicht „Ego Dominus Tuus“ zu beziehen, in der es heißt:

Ich rufe den Geheimnisvollen an, der noch
Im feuchten Sand am Rand des Stromes wandert
Und mir am meisten gleicht, der in der Tat mein Doppelgänger ist

Dieses schreibende Anti-Ich, dieser störrische Motor, treibt die Reise also über den Höllenfluss, derweil der Lenker und Silbenzähler auf eine Art überhimmlischen Ort mit Prinzipien abzielt. Breyger kommt zum Ende (es sind drei: make germany great again (MGGA), dann UNsicherheitsgurt und schließlich post factum) - und gibt das Wahlergebnis – Weidel oder er – nicht preis, sondern bringt schließlich (post factum) die KI und ihre Bots ins Spiel. Die KI, die uns das Ende aus der Hand nimmt. Das Spiel der Spiele, auf einer technischen Bühne, mit abtretenden Seelen und einem deshalb Heer seelenloser Zuschauer – das nicht zulässt, dass Deutschland sich ändern kann:

        drei schüsse, drei saubere treffer, es blieb keine frage
        ins herz, in die lunge, und einer durchbohrte die stirn

So wird der Zyklop, der in den alten Darstellungen auf der Stirn sein eines Auge hat, auch zu Niemand - wird aus drei wieder eins. Si la bo zu lo.

 
Addendum: Das Symbol der Makrele auf dem Umschlag bezieht sich offensichtlich auf das Konsumieren der Reste von Natur in uns, die Breyger aus ihrem „pergamentpapiersarg“ befreit und auf dem Naschmarkt noch verspeist. (S. 40 ff.) Makrele, vom lateinischen „macula“ für Fleck. Hallo Fleck!

1 Am Anfang knäulte das Wort, am Ende platzt der Gottballon. Lyrik Kabinett (Münchner Reden zur Poesie), München 2023.
2 Odyssee, 9. Gesang, 116 ff.
3 Das wüste Land, übersetzt von Ernst Robert Curtius. Bibliothek Suhrkamp, S. 71.
4 William Butler Yeats: Die Gedichte. Luchterhand. Ego Dominus Tuus, übersetzt von Christa Schuenke.
Zurück zum Seiteninhalt