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Yamen Hussein: Nachruf auf die Leere

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Monika Vasik

Yamen Hussein: Nachruf auf die Leere. Gedichte. Arabisch, deutsch. Übersetzt von Leila Chammaa und Jessica Siepelmeyer. Nettetal (Elif Verlag) 2021. 120 Seiten. 18,00 Euro.

Tagebuch eines Fremden


Ich bin überzeugt,
eine weiße Wand
ist eine diskrete Aufforderung zum Schreiben

Seit März 2011 herrscht in Syrien eine kriegerische Gemengelage, die ihren Ausgang von friedlichen Protesten gegen das autoritäre Regime von Baschar al-Assad nahm. Daraus entwickelte sich ein Krieg zwischen syrischen Streitkräften unter dem Befehl des Präsidenten und heterogenen bewaffneten Oppositionsgruppen, der durch ethnische und religiöse Motive befeuert, zudem von Drittstaaten für eigene Interessen benutzt wird. Kriegsverbrechen wurden bekannt, der Einsatz von Chemiewaffen, Folter und Hinrichtungen. Doch auch zuvor war Syrien unter der seit Jahrzehnten herrschenden Baath-Partei kein Land, in dem Menschenrechte hoch im Kurs standen.
Leidtragende sind wie in jedem Krieg die Menschen. Millionen Syrer*innen leben nun als Binnenvertriebene im Land oder als Flüchtlinge über die Welt verstreut. Der Journalist und Dichter Yamen Hussein ist einer von ihnen. Geboren 1984 in Homs geriet er früh in Konflikt mit dem Assad-Regime. Er kritisierte die Eingriffe in die Publikations- und Pressefreiheit, erhob sein Wort gegen die Missachtung der Menschenrechte und war Mitbegründer der friedlichen Protestbewegung „Nabd Bündnis für die Jugend Syriens“. Er wurde der Universität verwiesen und verhaftet. Als er 2013 Morddrohungen erhielt, musste er fliehen. Er landete in Deutschland, war u. a. von Dezember 2014 bis Dezember 2017 Stipendiat des Writers-in-Exile Programms in München.
        Erste Gedichte in deutscher Sprache veröffentlichte er 2017 in der PEN-Anthologie Zuflucht in Deutschland. Texte verfolgter Autoren (S. Fischer). 2020 erschien sein zweisprachiger Lyrikband Siebzehn Minuten (hochroth Leipzig; aus dem Arabischen übersetzt von Leila Chammaa und Suleman Taufiq) und nun der deutlich umfangreichere Band Nachruf auf die Leere (Elif; übertragen von Leila Chammaa und Jessica Siepelmeyer). Die meisten Texte sind einsprachig abgedruckt, einigen wurde das arabische Original beigefügt.
     Doch was vermag Sprache, was Poesie im Spannungsfeld von Gewalt, Zurichtungen und Zerstörung auszurichten? Wodurch wird der widerständige Mut gespeist, trotz Bedrohungen das eigene Wort zu erheben, obwohl fallend von einer Unsicherheit in die andere, und Wider-fahrungen an- und auszusprechen, sie zu bezeugen und in einem künstlerischen Akt zu verwandeln? Und was genau „macht deine Individualität und Einzigartigkeit aus“? Antworten gibt Hussein mit den Gedichten seines Buchs und reiht sich damit ein in eine lange Liste politischer Autor*innen – ich verweise pars pro toto auf den von Joachim Sartorius zusammengestellten Band Niemals eine Atempause, Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert (Kiepenheuer & Witsch, 2014).

Das lyrische Ich in Husseins Gedichten lotet die Position des Zwischen aus, jenes Sein zwischen seinem Heimatland, in dem er aufwuchs und sich in vielfältiger Weise an den Verhältnissen rieb, und seinem Zufluchtsland. Dieses Zwischen ist ein Raum der Leere zwischen dem Nicht-mehr-dort und dem Noch-nicht-hier.

Du versuchst von ihm loszukommen, vergeblich.
Dein Land haftet an dir
wie das Fruchtfleisch
am Pflaumenkern.

Die Leere hängt nicht irgendwo im virtuellen Raum und sie ist nicht abstrakt, sondern eine, die in jeder Faser des Körpers zu spüren ist. Erinnerungen, das Wissen um Verluste, die Schwierig-keiten, im neuen Land anzukommen. Sind es autobiografische Texte, ist der Dichter eins mit dem lyrischen Ich? Der Schluss liegt nahe, doch es ist müßig zu spekulieren, aus welchen Quellen die poetische Textur gespeist wurde. Diese Texte haben Dringlichkeit und eine existentielle Wucht, sind zugleich von einer unbedingten leisen Zartheit, durchdrungen vom Streben nach Achtsamkeit gegenüber der Schöpfung, vom Wunsch, die Folgen jeder Handlung zu antizipieren, zum Beispiel im Gedicht ‚Vision‘, das mit dem Vers beginnt: „Ich höre den Schlafenden träumen“, träumen von einer Reihe von Geboten:

Wirf keinen Stein ins Becken,
du verschreckst durstige Schafe.
Scheuche keine Vögel vom Weizenfeld.
Schließe die Tür nicht hinter dir,
lass deinen Schatten folgen.
...
Begehe die Erde behutsam,
sie spiegelt deinen Körper.
Unterwirf dich nicht –
weder Gott, den Eltern noch einer Idee.
Glauben bedeutet zu lieben, nicht unterworfen zu sein
und nicht zu unterwerfen.
                 
Nicht Narzissmus als Maxime des eigenen Handelns fordert das Gedicht und nicht Utilitarismus, der jedes Handeln nach dem Nutzen und damit als Mittel zum Zweck bewertet, sondern die Wahrhaftigkeit der eigenen Verantwortung, ein ethisches Prinzip, das Hussein nahe an Immanuel Kants Kategorischen Imperativ rückt.
     Formal legt der Dichter verdichtete Erinnerungen vor, kleine Erzählungen, Momentauf-nahmen, einige Gebete. Inhaltlich kann man die Texte grob drei Themen zuordnen: zum einen erzählt er vom Aufwachsen in einfachen Verhältnissen in Syrien unter den politischen Verwer-fungen, von seiner Flucht und (Befremdlichkeits)Erfahrungen in Europa, etwa beim Aufenthalt an einem Sehnsuchtsort vieler Europäer*innen:

Paris im Sommer ist zu viel
für eine einsame Seele,
und die kokette Sprache mir unzugänglich.
  
Das titelgebende Gedicht wiederum erinnert eine lebendige Marktszenerie in Homs vor dem Krieg. „Von ihrem Erbe ist nichts geblieben, nur Dürre. / Die Leere ruft, hallt zurück“. Einer der beeindruckendsten Texte ist das Prosagedicht Feigling, das mit dem Vers „Man nennt mich Feigling“ beginnt und verschiedene Situationen des Zögerns und vermeintlicher Feigheit aufgreift. „ich zögerte“ heißt es immer wieder, etwa beim ersten Liebesgeständnis oder beim Schreiben des ersten Textes. Doch schon das nächste Zögern beschreibt jenes vor dem Universitätsausschuss, der seine Exmatrikulation beschließt, das Zögern vor den Sicherheits-behörden, auf Demonstrationen oder auf der Flucht wegen gefälschter Papiere. Es ist ein existentielles, ein lebensbewahrendes Zögern, das sich das lyrische Ich zu erklären versucht und das er konterkariert mit einer Szene in Deutschland – zitiert sei hier das Ende der vorletzten und die letzte Strophe des Gedichts:

Offensichtlich fällt es mir schwer, Entscheidungen zu
treffen. Mir fehlt die Energie. Ich zweifle viel zu sehr,
als dass ich eine Meinung vehement vertrete. Und wenn zum Krieg
gerufen wird, stehe ich nicht in der ersten Reihe.

In Berlin werde ich oft ermuntert, bei Rot über die Straße
zu gehen, wenn keine Autos in Sicht sind. Und weil ich jedes
Mal zwei, drei Schritte abwarte, bevor ich den Freunden
folge, werde ich als Feigling bezeichnet. Meist ist das
innere Abwägen von Für und Wider überflüssig, weil die
Ampel bereits grün ist.          

Diesen Erfahrungen entgegen stehen die beiden anderen Themenbereiche, die um zwei Formen von Liebe kreisen. Da sind zum einen Liebesgedichte, die sinnliches Begehren bekunden und den Körper eines Du buchstabieren, schwelgend „im Überfluss“. Auf der Vorderseite des Covers ist das Liebesgedicht Waha – Oase in arabischer Schrift abgedruckt, auf der Rückseite die deutsche Übertragung. Der letzte Vers lautet: „Die Welt ist Ödland, dein Gesicht eine Oase“. Und so lässt sich der Buchtitel noch einmal anders begreifen: Nachruf auf die Leere ist kein Bekunden der Leere, denn der Dichter ist schon einen Schritt weiter und fand, findet Rettung im Du. Yamen Hussein beschwört die Utopie der Liebe zwischen zwei Menschen und ihre Kraft der Verwandlung. Sie ermöglicht ihm, die Leere im Duft der Nähe, in der Betrachtung eines geliebten Körpers und im sexuellen Akt für Momente hinter sich zu lassen und die Hoffnung auf Heilung zu nähren. „Nicht die Stadt liebe ich, sondern deine Schritte in ihr“ heißt es im Liebeslied Was wäre, wenn ..., „[n]icht die Lieder liebe ich, sondern deine Stimme“. Es sind die kleinen, genau studierten Details zweier Körper, die mit Bedeutung aufgeladen zum Anker werden, etwa Sommersprossen, Muttermale, ein Leberfleck, das Gesicht als Symbol von Fülle, Schönheit und Zugehörigkeit, auch wenn das Wissen um die Ödnis rundum, seine Fremdheit und Einsamkeit, die Verluste präsent bleiben.
         Zum anderen gibt es das Band der Liebe zur Familie in Syrien, an erster Stelle jenes enge, unzerstörbare zu seiner Mutter. Schon das Anfangsgedicht Widmung gibt dieser verlässlichen Bindung zu den Eltern Ausdruck, die in Homs verblieben sind und die Hoffnung auf seine Rückkehr nie aufgaben. Das Gedicht Zittern wiederum besingt den Glauben an eine mütterliche Kraft:

- Deine Mutter ist alt geworden,
  ihre Hände zittern.
- Nein, du irrst dich.
  Sie wiegt das Universum in den Schlaf.
 

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