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Wortschau, Nr. 46 - März 2026

Verlage, Zeitschriften


Kristian Kühn

Wortschau Nr. 46. Thema Leichtigkeit. Neustadt / Weinstraße (Wortschau Verlag) 2026. 68 S. 10,00 Euro.

Brôcans neue Texte – Resümee der 46. Wortschau


Worte sichtbar zu machen, nicht nur metaphorisch, sondern auch optisch zur Schau zu stellen, ist ein Randmetier der Kunst, wird aber auch im Bereich der Modebranche und des grafisch hochwertigen Infotainments als Mittel angewandt. Eine Idee soll nach außen strahlen!

Immer neu seit Mallarmé auch bei Lyrik der Versuch, Lücken neben Text zu stellen, einen Abgrund sichtbar zu machen, den Worten ganz real Raum anzubieten, den es zu überwinden gilt, und die inhärente Idee nicht allein eng auf eng in sich selbst oder durch nebenan gesetzte Dinge zu konterkarieren oder gar implodieren zu lassen. Einer dieser erfolgreichen Versuche, Kunst und Text miteinander zu verbinden, liegt in den Händen Johanna Hansens, die mit ihrem Mitstreiter Wolfgang Allinger die Zeitschrift WORTSCHAU in Angriff genommen hat, sowohl regional (Düsseldorf, Neustadt an der Weinstraße), als auch überregional (mit jeweils einer Person aus dem Bereich Kunst und einer aus dem Bereich Literatur pro Heft als Zentrum).
Laut Wikipedia gibt es die WORTSCHAU seit 2007, und tatsächlich spielt sie in den letzten Jahren als Periodikum, das ins Bewusstsein dringt, vor allen in den Sozialen Medien seit dem Ende von Fixpoetry, eine gewichtige Rolle, auch was die Zielgruppenpräsenz weiblicher Stimmen betrifft. Zurzeit erscheint sie zweimal pro Jahr mit einem für Spartenliteratur üblichen Umfang von ca. 60 - 70 thematisch großflächig gebündelten Seiten. Im März 2026 erschien nun das Heft 46, mit dem Thema Leichtigkeit, durchaus auf die Probe gestellt von den beiden Hauptakteuren der Ausgabe, Christoph Heek, mit seinen breiten Grautönen, die auch Undurchschaubares, Numinoses, aus den Grund verdecken-den Wirbeln hervorlugen lassen, und durch die Lyrik Jürgen Brôcans.
Mit 16 Gedichten bildet Brôcan den Schwerpunkt des Heftes, nicht einfach zu fassen ist seine Lyrik, komplex, bisweilen zur Hermetik weichend  – aber in dem Gedicht „Entwicklung eines Themas“ legt er deutliche Fährten für seine Arbeit.

Da spricht er zunächst von seinem Kater, wie dieser in den Garten gelangt, Topos für Poesie auch, nicht nur für Vegetatives. Doch bleibt die Tür für ihn, den Dahinscheidenden, bis zum Ende „rettend“, weil er instinktiv stets darauf achte, sich nicht allzu weit vom Eingang entfernt zu halten, als käme es – im übertragenen Sinn – beim Schreiben darauf an, der wechselhaften Anweisung beim inneren Vorgang nur prüfend zu folgen, einem angeratenen Schleichen etwa, oder auch sprunghaften Bögen, wobei gerade dem Prinzip der Übertragung dabei eine besondere Aufgabe zukomme, nämlich die Tage des scheidenden Lebens – auf der leichten Wiese als das verbleibende Licht am Abend – so zu positionieren, dass es auch im Vergehen, in der Verwitterung, nicht verblasse. Ein Leichtes als Teil von Metamorphose wird bereits in der zweiten Strophe dieses Gedichts hervorgehoben, und die andern sind noch dichter auf den Abschied bezogen, nämlich, dass die Wandlung sich langsam und auch körperlich in der eigenen Wahrnehmung vollziehe, sich anpasse, einwebe in den Stoff und die Umgebung dann absorbiere, in die Wände, auch in Bücher hinein, in Spiegelungen im Raum. Dies als fast schleichende Übertragung, wie eine andere Art von Osmose, von Transzendenz, wenn man die Substanz der Bewegung als wässeriges Element empfindet, als den alles durchdringenden Transportprozess.

Darin scheint für Brôcan auch – wieder im übertragenen Sinne – die Aufgabe von Dichtung zu bestehen, als ein Imprägnieren von Empfindungen und erlebter Imagination in die Umgebung, in das Stoffliche fest hinein, auf dass sie – die Erinnerung und Geisteskraft – in die Aura des Ortes dringe und diese mitpräge. Und sei es in Form einer unsichtbaren „Tätowierung“. Dies scheint mir eine nicht zu unterschätzende Verantwortung zu sein, der Dichtung dem Nichtsagbaren, der Leichtigkeit, ja sogar der spirituell geforderten Freude gegenüber, die Brôcan da anstrebt und propagiert. Anstrebt in einem Lebensprozess, der seine Teilhabe, sein Mitgestalten gerade auch im eigenen Scheiden begründet. Wobei Scheiden auch ein Auswählen ist, dein Aufklären und Objektivieren. Für ihn hat die Tür zwei Richtungen, in den Garten hinein und zurück.

Brôcan spricht im anderen Teil des Gedichts, jetzt das Bild seiner Parabel vom Fokus her wechselnd, von einem Gang durch „den langen Tunnel der Trauer“, (statt des üblichen in Licht und Morgenröte), dabei den verinnerlichten mikroskopischen Kosmos verlassend, ein eher großes Bild ansteuernd, das alt, steinern und archaisch wirkt, wie Stonehenge etwa, eigentlich Beleg archetypischer Teilhabe, aber auch der Vorurteile ist, die Moos angesetzt haben, keine Fragen mehr beantworten, wie Betonblöcke im Kreis, mit Gespenstern und Anhaftungen statt Menschen – die zugemauert aus der Tiefe „Friede allen auf Erden!“ rufen, als fänden nur Tote Frieden, in einer großen sozialpsychologisch gestriegelten Leere, die unsere Anwesenheit auf Erden gleichschaltet, so dass selbst Büchners Lenz ihn finden könnte, diesen Frieden, in einer Gleichform andauernder Unpoesie, ja vielleicht sogar „in Moskaus Straßen“ ihn finden könnte, wobei unklar bleibt, auf welcher Seite der Brôcan‘schen Gedichttür diese Blöcke und Unstraßen angesiedelt sind, vielleicht sowohl als auch.

Leichtigkeit und Leere auf der einen, Melancholie und Verzweiflung – als Angst vor dem Nichts – auf der anderen. So verläuft das Bild der Tür, als sei ein noch lebender und ein verstorbener Kater wie verzaubert (wie in Schrödingers Experiment) immerdar, schließlich sich in einem Freeze Frame, in der Parabel als göttliches Urprinzip für die Teilhabe des Menschen an der Natur und der Objekte, also der seelischen Kraft des Lebens bis heute hin zur betreuten Umfriedung unserer Wahrnehmung, zu einer Ausdünnung innerer Eindrücke, ja der Unmöglichkeit, unsere Perzeptionsfähigkeit noch aufrechterhalten zu können bei einer gleichzeitig immer diffuser werdenden Sicht von Durchgang und fremdbestimmter Steuerung. Da wäre dann das Resultat erzwungener Leichtigkeit bloße Aphasie.

Ein weiteres Gedicht dieser WORTSCHAU heißt „Kipppunkt der Seele“ und zeigt in zwei Strophen, wie die Stimmung kippen kann, von Selbstmordgedanken, hin zum inneren Erlebnis einer freudigen Umgebung, so dass selbst eine Windböe, ein Feuerfunke fröhlich einwirkt und fragen lässt, ob der Wahrnehmende es nicht doch bleiben lassen will zu scheiden. Es ist von Karsten Ingmar Paul geschrieben, einem Psychologen und Satiriker, dessen Fortschreibung klassischer Texte „Semmel sei der Mensch, Bratwurst und Senf!“ 2025 im Muc Verlag von Jan Eike Hornauer herausgegeben wurde.

Immer ist es aber bei Brôcan das Unsichtbare, nicht der Witz, sondern das Schwanken einer innerlich aufnehmbaren Feuerlohe (Benn sprach in diesem Zusammenhang von „Flimmerhärchen“), Brôcan erwähnt deshalb den innerlich fliegenden Schmetterling (gr. Psyché), den einige, der Orphik folgend, seit Pindar Seele nennen, die sich bewegt, stürmt und kommunizieren will und ihn oder andere im Erregungszustand aus der Bahn wirft oder beruhigt, wie die Schwingtür den Umschwung – in Brôcans Worten: „Bilder Musik Worte : In wechselnden Kombinationen // in dauerndem Kreislauf, auf der Suche nach Ähnlichkeit / (wg. Ahn und Ahnung) hat die Oberfläche leichtes Spiel, ich sehe / schwarzen Atem, in Schnee gehaucht, mineralische Insekten // wie Wind zu Gravitationszentren geballt,“ und so weiter in seiner „Erfindung des Unsichtbaren (1)“. Insgesamt sind es die Gedichte von Jürgen Brôcan, die das Gerüst der neuen Wortschau bilden, zusammen mit Texten von Daniel Klaus, Marlies Blauth, Kathrin Niemela, Diana Jahr, Stan Lafleur, Miriam Bruemmer, Barbara Schibli, Rolf Birkholz und anderen, auch den beiden Herausgebern, Johanna Hansen und Wolfgang Allinger.

In einigen Wort=Bildern nähern sich die beiden Hauptakteure dieser Ausgabe, Heek und Brôcan, fast synchron an, nehmen Bezug etwa auf das Symbol der Sonnenblume, die sich (bei van Gogh etwa in einem Bilderzyklus), entgrenzt nun in einem Vasentopf befindet. Brôcan sagt dazu:

und insgesamt muß in einem Elan gemalt werden,
in einem Schwung betrachtet, das Feld, die Reihe der Vasen,
untrennbar vielleicht auf dem Feld, nicht mehr im Auge,

diese Augen des Felds, lichtwärtig, bestrebt, wie
es unsere Seelen sein sollten, die mich ansehen, jetzt in der Vase
auf dem Tisch, auf dem Bild, und ein Feld vor mir ausmalen.
(Die Erfindung der Sonnenblume)              

Schwung und Leichtigkeit sind bekanntlich auch der Herausgeberin Johanna Hansen bei ihren optischen Darstellungen alles andere als fern. Ihre Art des farblichen Überfliegens von archetypischen Motiven, ihre routinierte Eleganz dabei, auch Narben und das Bedrohliche nicht zu kaschieren, bildet mittlerweile ein Markenzeichen. Deshalb wohl auch das Thema, sind die Leere, das Feld und die auf unser Bewusstsein übertragenen Eidola nach wie vor Abbilder der (wenn auch zum Teil vergessenen oder übertünchten) Urbilder der Kern, aus dem dieses Heft hervorgeht.

Wie zur Einstimmung zeigt schon zu Beginn Sylvia Geist, die Hauptautorin der vorherigen Ausgabe, ihre Übersetzung eines Gedichts aus dem Afrikaans von Charl-Pierre Naudé, das auf Deutsch „Zwei Diebe“ heißt, die eindringen in uns als Leere und als Bild, als Eindruck und Loch, als Lösung und Bindung – beide Seiten ein und derselben Münze zeigend, dies ein alchemistischer Prozess, genau genommen, der überall und immer zu gelten scheint. Aber auch abstößt, klar, weil Leichtigkeit nicht bloß Freude, sondern auch Schwermut hervorruft, eine Waage ist.


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