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Wolfram Malte Fues: Nora und das Puppenspiel

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Wolfram Malte Fues
Nora und das Puppenspiel

Nora Bossong, Jahrgang 1982, erklärt im «Freitag» vom 17. März die Geschmeidigkeit zur wesentlichen Eigenschaft ihrer Generation. Dieser Eigenschaft entspricht eine handlungsleitende Maxime, die der «Spiegel» von Ende März wie folgt zitiert: «Wir könnten mit einer Mischung aus Werte- und Realpolitik die Verantwortung übernehmen.» Politiker*innen übernehmen überall und jederzeit die Verantwortung für irgendetwas. Für die Antworten. Nichts weiter. Nach der Maxime insgesamt werden die europäischen Staatsgebilde seit knapp zweieinhalbtausend Jahren regiert, wobei die beiden Ingredienzien sich auf die mannigfaltigste Weise mischen und binden. Gegenüber dem russischen Diktator Putin dominiert beispielsweise in Europa momentan das Werte- das Realprinzip, gegenüber dem ägyptischen Diktator al-Sissi dominiert das Real- das Werteprinzip. Je nachdem. Je nach Lage der Dinge. Am Ende ihres vor kurzem im Ullstein-Verlag erschienenen Essays «Die Geschmeidigen. Meine Generation und der neue Ernst des Lebens» kommt Bossong zu dem präzisierenden Schluss: «’Wenn wir wollen, dass vieles sich ändert, müssen wir auch dafür sorgen, dass manches so bleibt, wie es ist’, könnte unser Leitsatz lauten.» Die Adenauer-CDU der frühen Bundesrepublik aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist zurück. Bei den heute 40jährigen. Last but not least: Man beachte in beiden Sätzen das regulierende «könnte». Vielleicht. Möglicherweise. Könnte, muss aber nicht. Nora Bossong meint ja nur.  Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Geschmeidigste im ganzen Land?


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