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Wolfgang Schiffer: Das frühe Aufwachen

Gedichte der Woche
Wolfgang Schiffer

DAS FRÜHE AUFWACHEN


ich kenne dieses frühe Aufwachen
in einer Dunkelheit / als wollten sich
der Mond / die Sterne von der Erde entfernen /
seltener in einem Licht / das trauerfahl
vom nächsten Tag schon kündet

ich kenne dieses Rumoren im Kopf /
was habe ich getan? was muss ich heute tun? /
doch etwas ist anders heute /
heute geht mir alles ungeordnet durch den Sinn /
alles schreit / drängt sich vor / stülpt sich über /
der Schrecken der Gleichzeitigkeit überkommt mich /
die Grausamkeit des Gleichzeitigen /
es gibt keine ordnende Instanz / nicht draußen / nicht in mir

und dann / plötzlich ruhiger werdend / erinnere ich mich /
an die Landschaft früher / die Pappelreihen /
den Pappelschnee / die Weidezäune / die geköpften Weiden /
an Bäche / die der Regen anschwellen lässt /
bis sie über die Gräser / über die Weiden fluten
an Sumpfdotterblumen / an alles /
was an Bachrändern / was in Niederungen wächst
und wuchert / doch schlank / ja dünn wird im Winter
bei Frost / an den Flügel des Fischreihers / gefroren im Eis /
an die weißgefrorenen Äcker / an deren Krumen
sich die Krähe den Schnabel verpickt /
an den Ekel bei der Kommunion / wenn die Hostie /
die geschmacklose Pappe aus Mehl am Gaumen klebt /
Beißen bei Höllenfeuer verboten / denn Beißen hieße ja
den Leib Jesu Christi zerstückeln

doch warum gehe ich zurück in diese Landschaft /
der nicht der Argwohn der Menschen / doch längst
die Kühe / die Schafe / die Schweine verloren
gegangen sind? / in diese pappelstarre Weidentrauer? /
suche ich das Dorf meiner Kindheit als Trost /
im mir unübersichtlichen Heute / im Schrecken des Jetzt? /
gehe ich zurück / weil mir die Welt zu groß
geworden ist oder ich mir zu klein?

wäre es nicht besser / die Welt zu bereisen /
bevor sie untergeht / zum Beispiel Island / meine Insel /
zu beschreiben / das Licht / das den Himmel
noch höher hebt / als er eh schon über uns steht?

oder das Blatt eines Apfelbaums zu befühlen /
die pelzige Schale der dicken Bohnen /
sie zwischen den Fingerkuppen zu reiben
und sich zu fragen / ob das / was ich spüre /
noch dasselbe ist wie damals im Obstgarten als Kind?

ich kenne dieses frühe Aufwachen /
ich kenne dieses Rumoren im Kopf /
ich stehe auf und hoffe auf Linderung
in einem hellen Licht des Tags …


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