Wolfgang Schiffer: Altes Lebensgefühl, neu
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Wolfgang Schiffer
Altes Lebensgefühl, neu
(revisited 2026)
1
Er sehe sich manchmal als totes Kind in seinen Träumen.
Bisweilen auch verspüre er eine Fremdheit,
ein um sich selbst Herumspringen,
jetzt hier, jetzt da,
als habe ihn etwas aus der eigenen Haut verrückt.
Über einen toten Freund habe er sich sagen hören,
dieser sei in Urlaub gegangen vom Leben.
Seitdem sei er still geworden
und höre auch öfter dem Schweigen zu.
Wenn er dennoch erzählt,
so meist von seinen Träumen.
In einem dieser Träume, in einem Kindertraum,
so sagt er, habe er immer ein Dorf gesehen,
in Metern zu messen hinter der entferntesten Ortschaft,
die er auf Fahrradfahrten mit seinem Vater kennengelernt.
Aus seiner jetzigen Sicht spanischen Charakters oder
mexikanisch, staubig, gelb, auf einer Anhöhe eine große
weiße Kirche hinter einem freien Platz,
ein Summen und Zischen im ganzen Dorf wie
von vielen Stimmen, manchmal ein Geräusch wie Gesang,
dann eins wie Eisen auf Eisen, Hammer auf Amboss, wie Säge in Holz.
Ohne Menschen.
Die Geräusche, die sie verursachen,
seien alle schon dagewesen,
sie selbst jedoch nicht mehr.
Er ist sich sicher gewesen,
so endet er, dass nur er den Ort kannte.
Stille.
Spricht schon wer ein Requiem für die Erde.
Ich möchte mich einkugeln können wie der Igel
und wie Stacheln Worte erfinden gegen die Wirklichkeit.
Ich will mir nicht eingestehen,
dass mir das Vertrauen in mich fehlt.
2
Er verstehe nicht die Besessenheit,
mit der in einem anderen Traum ein Anatom in seinem
säuberlich aufgeklappten Leib herumwühlt,
als suche er nicht die Ursache für seinen Tod,
sondern einen Rest seines Lebens. Nichts,
so höre dann im Traum er selbst sich rufen,
nichts soll er finden,
weder das eine noch das andere.
Wenn er heute einmal,
seltener von Tag zu Tag, über die Wiesen gehe,
nur so, ohne vergrübelt zu sein in ein Problem,
vermute er zwar Absicht hinter seiner Gedankenlosigkeit,
aber es gäbe dann Augenblicke, da fühle er sich wohl.
Doch öfter diese Spaziergänge des Gegenteils, der Qual:
Da sei er sich sicher, während er zwischen Pappelreihen
voranschreite auf jenen Punkt des Weges zu,
an dem die Bäume so dicht nebeneinander,
dass kein Durchkommen,
da sei er sich sicher,
wenn man nur lange genug nachdenke,
alles untersuche,
alles erforsche,
so stelle sich heraus,
dass ohne Ausnahme alles,
was das Leben ausmacht und ermöglicht,
ihm zugleich in höchstem Maß gefährlich.
Dies sei seine Wahrheit,
aber in Gesprächen wage er sie nur zu sagen,
als ob er sich verplappert habe,
verplappert wie ein Kind.
3
Bisweilen sehe er sich aber auch auf einem hohen Berg stehen
und mit biblischer Geste ins Tal hinabrufen:
Es muss ein Gedanke sein in dieser Welt
zur Rettung eines gewissen Geschlechts,
der bislang noch nicht gedacht.