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Wolfgang Matz: Vom Glück des poetischen Lebens

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Adela Sophia Sabban

Wolfgang Matz: Vom Glück des poetischen Lebens. Erinnerung an André du Bouchet, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet. Göttingen (Wallstein Verlag), 2022. 55 Seiten. 12,90 Euro.

Vom Glück poetischer Begegnungen


In einem schmalen Band, im März 2022 im Wallstein-Verlag erschienen, hat der Literaturwissenschaftler, Übersetzer und ehemalige Lektor des Hanser-Verlags Wolfgang Matz (*1955) seine Erinnerungen an André du Bouchet, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet vorgelegt. Den drei, jeweils einem der Dichter gewidmeten Abschnitten des Buchs (die über du Bouchet und Bonnefoy sind schon veröffentlicht, wurden für diesen Band aber überarbeitet und erweitert) steht eine kurze Einleitung zum persönlichen Verhältnis dieser drei untereinander voran, orientierende Bemerkungen beschließen das Ganze. Matz erkennt im Leben der drei Dichter ein „verbindende[s] Verständnis von Poesie, die mehr hervorbringt als Bücher; die auch etwas verwirklich soll wie ein poetisches Leben“ (S. 5). Damit verknüpft ist – das besagt der Buchtitel und darauf kommt Matz in jedem der drei Kapitel zurück – Glück: Glück einerseits für den einzelnen Dichter selbst (vgl. S. 33), andererseits aber auch für die Leser, die in der Poesie Ansprache finden (vgl. S. 14; 49). Einer dieser Leser ist Matz selbst; ihn zeichnen jedoch zwei besondere Erfahrungen bei dieser Poesie aus: Er hat gemeinsam mit Elisabeth Edl Werke von Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet ins Deutsche übertragen, und er ist, mit E. Edl, allen drei Dichtern persönlich begegnet. In Vom Glück des poetischen Lebens verknüpft Matz die Erinnerung an diese Begegnungen mit Gedanken zu den Werken der drei Dichter – Gedanken, die von einer tiefgehenden Kenntnis zeugen. Dabei erscheint das Erinnerte streckenweise unscheidbar als die gemeinsame Erinnerung von Matz und Edl, wiederholt ist von „wir“ die Rede, die Verwendung von „ich“ wird vermieden.

Zur Begegnung mit den Dichtern und ihren Werken – Dichter und Werk gingen in der Erinnerung in eins (vgl. S. 6) – schreibt Matz am Ende des dritten Kapitels, dass diese bewirke, dass man anders lebe (vgl. S. 49). Dies scheint als allgemein gültig verstanden zu sein, doch Matz schließt sich hier offenkundig selbst ein; auch erkennt er durch die Arbeit an den Übersetzungen einen veränderten Anspruch an das eigene Tun (vgl. S. 6). Wiederholt spricht Matz, fast nur wie nebenher, von der eigenen Übersetzerarbeit. Diese Textstellen sind erhellend. Sie geben nicht nur Einblick in die sich oft im Hintergrund abspielende Arbeit eines Übersetzers, sie zeigen auch den Übersetzer als Freund des Dichters. So erfährt man, dass Matz und Edl wiederholt bei Philippe Jaccottet in dessen Haus in Grignan zu Gast waren und dort zusammen an ihren Übersetzungen gearbeitet haben, auch, dass Matz und Edl die in Jaccottets Gedichten zutage tretende Landschaft um Grignan „erwandern“ (vgl. S. 37f.), schließlich, dass das Übersetzen des letzten Werks von Jaccottet, welches dieser im Sommer 2020 – wenige Monate vor seinem Tod im Februar 2021 – abschloss, für Matz und Edl auch eine Form des Abschiednehmens vom Freund bedeutete (vgl. S. 39).

Über die einzige Begegnung mit André du Bouchet schreibt Matz, wie diese – was oft durch persönliche Begegnungen geschehe – den Zugang zu du Bouchets Gedichten verändert habe, in diesem Fall auch deshalb, „weil du Bouchet für viele seiner so kompliziert wirkenden Sätze ganz handfeste, greifbare Erklärungen gab“ (S. 16).

In seiner Einleitung zitiert Matz aus der programmatischen Ankündigung der Zeitschrift L’Éphémère, an deren Gründung 1966 du Bouchet und Bonnefoy beteiligt waren, und an der auch Paul Celan mitwirkte. Es ist hier die Rede von einer „Annäherung an das Wirkliche, für die das poetische Werk nichts als das Mittel“ sei (S. 6). Matz greift dieses Zitat am Schluss erneut auf und leitet damit seine kurze Schlussbetrachtung ein (S. 51). Die Poesie der drei Dichter verweise auf die erfahrbare Welt, auf das Sichtbare, Greifbare: „hinter dem Gedicht steht jenes ‚Darüber-Hinaus‘, das unaussprechbar bleibt“ (ebd.). Jenes Erfahrbare, aber doch auch Unsagbare sind etwa Berg, Himmel, Stein und Baum; so ist die Landschaft von wesentlicher Bedeutung, und Matz lässt seinen Leser/seine Leserin das nachvollziehen, wenn er seine Erinnerung und seine Überlegungen mit eigenen Landschaftsbeschreibungen und Zeilen der Dichter verwebt.


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