Direkt zum Seiteninhalt

William Shakespeare: Sonett 8 - 14

Werkstatt/Reihen

II. 8–14. SINGLENESS –– husbandry


Das zweite Septett zum Thema Procreation. Shakespeare reagiert auf den Petrarkismus der Zeitgenossen, indem er kanonische Concetti (conceits) aufnimmt und nutzt, sie aber vom Kopf auf die Füße stellt.
So argumentiert er in Sonett 8 mit der Musik, aber nicht als der melancholischen Sphäre eines Ennui (annoy), sondern als Inbegriff des Einklangs einer Ehe: the true concord of well tuned sounds / by vnions married, und stellt ihm seine selbstzerstörerische singleness gegenüber, in der er befangen sei: thou single wilt proue none.


Sonett 11, die Schwerlinie, um die herum die anderen Sonette gruppiert sind, nimmt den Faden auf, den Sonett 4 gelegt hat, und kehrt das memento mori um: As fast as thou shalt wane so fast thou grow’st / In one of thine. Das eine gehe so schnell wie das andere: And that fresh bloud which youngly thou bestow’st … Thou maist call thine, when thou from youth conuertest. Die ahmenden Sonettpaare kommen auf den Aspekt der Selbstvergeudung (1) zurück.
Vor allem aber beginnt der Dichter mit Sonett 10, sein eigenes Ich einzubeziehen und sich fast unmerklich in ein Liebesverhältnis zu dem jungen Mann hineinzureden.


8.

MVsick to heare, why hear'st thou musick sadly,
Sweets with sweets warre not, ioy delights in ioy:
Why lou'st thou that which thou receaust not gladly,
Or else receau'st with pleasure thine annoy?
If the true concord of well tuned sounds,
By vnions married do offend thine eare,
They do but sweetly chide thee, who confounds
In singlenesse the parts that thou should'st beare:
Marke how one string sweet husband to an other,
Strikes each in each by mutuall ordering;
Resembling sier, and child, and happy mother,
Who all in one, one pleasing note do sing:

Whose speechlesse song being many, seeming one,
Sings this to thee thou single wilt proue none.

Musik zu hören –– Freude stimmt uns froh,
und Süß stimmt süß –– warum Melancholie?
Nicht froh vernimmst du sie und liebst sie so?
Warum? Vernimmst du gern dein Ennui?
Wenn dieser Einklang, dieses Ton–mit–Ton–
Vermählte dir im Ohr zu schmerzlich klingt,
ists süße Strafe einem, der ja schon
allein für sich nicht seinen Part erbringt.
Zwei Saiten, die einander süß verbunden,
berühren eins das andere und klingen,
wie Vater, Kind und Mutter sich gefunden
und alle einig eine Note singen,

ein Lied, und ohne Sprache singts dir zu,
daß der nichts gilt, der einzeln lebt wie du.


9.

IS it for feare to wet a widdowes eye,
That thou consum'st thy selfe in single life?
Ah; if thou issulesse shalt hap to die,
The world will waile thee like a makelesse wife,
The world wilbe thy widdow and still weepe,
That thou no forme of thee hast left behind,
When euery priuat widdow well may keepe,
By childrens eyes, her husbands shape in minde:
Looke what an vnthrift in the world doth spend
Shifts but his place, for still the world inioyes it
But beauties waste hath in the world an end,
And kept vnvsde the vser so destroyes it:

No loue toward others in that bosome sits
That on himselfe such murdrous shame commits.

Verweinte Witwenaugen fürchtest du,
daß du dich selbst verzehrst und lebst allein?
Ah –– stirbst du kinderlos, dann kommts dazu:
Die Welt, ein Weib, wird deine Witwe sein,
wird um den Gatten trauern und beweinen,
daß du von dir kein Zeugnis hinterläßt,
wo jede Witwe doch im Aug der Kleinen
ein Bild des Gatten hat und hält es fest.
Was immer einer auf der Welt verschwende,
verschwindet nicht, ist immer noch von Wert;
die Schönheit –– so vergeudet –– hat ein Ende,
denn der sie nicht genutzt, hat sie zerstört.

Ein Herz, das solche Schande auf sich lädt,
ist ohne Liebe, da es sie verrät.


10.

FOr shame deny that thou bear'st loue to any
Who for thy selfe art so vnprouident
Graunt if thou wilt, thou art belou'd of many,
But that thou none lou'st is most euident:
For thou art so possest with murdrous hate,
That gainst thy selfe thou stickst not to conspire,
Seeking that beautious roofe to ruinate
Which to repaire should be thy chiefe desire:
O change thy thought, that I may change my minde,
Shall hate be fairer log'd then gentle loue?
Be as thy presence is gracious and kind,
Or to thy selfe at least kind harted proue,

Make thee an other selfe for loue of me,
That beauty still may liue in thine or thee.

Du liebst (du schämst dich kaum, es zuzugeben)
nicht einen, auch dich selbst nicht. Unverstand!
Du wirst geliebt, von vielen; aber eben
dies, daß du keinen liebst, liegt auf der Hand.
Du bist von mörderischem Haß besetzt,
stehst gegen dich nicht an zu konspirieren
und, statt das Haus zu hegen, wirst du jetzt
das schöne Dach noch vollends ruinieren.
Besinn dich, daß ich meine Meinung wandle!
Soll Haß denn schöner wohnen als die Liebe?
Geneigt und gütig, wie du auftrittst, handle,
erweise es dir selber, mir zuliebe!

Schaff dir ein zweites Selbst, laß dich erweichen,
daß Schönheit lebt –– in dir und deinesgleichen.


11.

AS fast as thou shalt wane so fast thou grow'st,
In one of thine, from that which thou departest,
And that fresh bloud which yongly thou bestow'st,
Thou maist call thine, when thou from youth conuertest,
Herein liues wisdome, beauty, and increase,
Without this follie, age, and could decay,
If all were minded so, the times should cease,
And threescoore yeare would make the world away:
Let those whom nature hath not made for store,
Harsh, featurelesse, and rude, barrenly perrish,
Looke whom she best indow'd, she gaue the more;
Which bountious guift thou shouldst in bounty cherrish,

She caru'd thee for her seale, and ment therby,
Thou shouldst print more, not let that coppy die.

Du pflanzt geschwind, wie du einmal entschwindest,
dies frische Blut der Deinen einem ein;
du tauschst die Jugend, die du jetzt empfindest;
das, was du weitergibst, das nenne Dein.
Hierin lebt Weisheit, Schönheit, jenes ‘Mehr’
und, fehlt es, Torheit, Altern. Man verfällt.
Dächt jeder so, die Zeiten liefen leer ––
nach sechzig Jahren abgetan die Welt.
Laß die verdorren, welche die Natur
–– gesichtslos, roh –– nicht reif gemacht zum Segen.
Sie gibt dies ‘Mehr’ den Allerbesten nur,
ein Pfund zu wuchern und ein Pfand zu hegen.

Sie schnitzte dich als Siegel. Siegle nun
in ihrem Namen, laß die Form nicht ruhn!


12.

VVHen I doe count the clock that tels the time,
And see the braue day sunck in hidious night,
When I behold the violet past prime,
And sable curls or siluer'd ore with white:
When lofty trees I see barren of leaues,
Which erst from heat did canopie the herd
And Sommers greene all girded vp in sheaues
Borne on the beare with white and bristly beard:
Then of thy beauty do I question make
That thou among the wastes of time must goe,
Since sweets and beauties do them–selues forsake,
And die as fast as they see others grow,

And nothing gainst Times sieth can make defence
Saue breed to braue him, when he takes thee hence.

Wenn ich vernehme, was die Uhr geschlagen,
den frohen Tag gesunken seh in Nacht,
wenn ich das Veilchen seh dem Lenz entsagen,
und übersilbert weiß die Lockenpracht;
wenn ich die Wipfel seh von Blättern kahl,
einst Schirm der Herde in den heißen Tagen,
und Sommers Grün zu Garben allzumal
gebunden auf der Bahre weggetragen
–– was gilt dann deine Schönheit, frage ich.
Auch dich versehrt die Zeit, auch du mußt gehn,
denn Reiz und Schönheit lassen sich im Stich
und sterben, wie sie anderes wachsen sehn.

Nichts widersteht dem Sensenschnitt der Zeit,
nimmt sie dich fort –– nur deine Fruchtbarkeit.


13.

O That you were your selfe, but loue you are
No longer yours, then you your selfe here liue,
Against this cumming end you should prepare,
And your sweet semblance to some other giue.
So should that beauty which you hold in lease
Find no determination, then you were
You selfe again after your selfes decease,
When your sweet issue your sweet forme should beare.
Who lets so faire a house fall to decay,
Which husbandry in honour might vphold,
Against the stormy gusts of winters day
And barren rage of deaths eternall cold?

O none but vnthrifts, deare my loue you know,
You had a Father, let your Son say so.

O daß du dir gehörtest! Aber dein
bist, Lieber, du nicht länger als –– am Leben.
Aufs Ende solltest du gerüstet sein
und deine Süße andern weitergeben.
Die Schönheit, die du nur gepachtet hast,
soll nie ein Ende finden, denn du wärst
nach deinem Tod du selber wieder –– fast,
wenn du in süßem Abbild wiederkehrst.
Wer läßt ein schönes Haus, das er in Ehren
erhalten kann, verfallen ohne Not,
anstatt dem Sturm des Wintertags zu wehren,
der dürren Wut, dem ewig kalten Tod?

Halt Haus! Willst deinen Vater du verkennen,
mein Lieb? Laß deinen Sohn auch dich so nennen!


14.

NOt from the stars do I my iudgement plucke,
And yet me thinkes I haue Astronomy,
But not to tell of good, or euil lucke,
Of plagues, of dearths, or seasons quallity,
Nor can I fortune to breefe mynuits tell;
Pointing to each his thunder, raine and winde,
Or say with Princes if it shal go wel
By oft predict that I in heauen finde.
But from thine eies my knowledge I deriue,
And constant stars in them I read such art
As truth and beautie shal together thriue
If from thy selfe, to store thou wouldst conuert:

Or else of thee this I prognosticate,
Thy end is Truthes and Beauties doome and date.

Nicht, daß ich Kenntnis von den Sternen pflück,
doch hab ich, denk ich, von den Sternen Kunde ––
zwar nicht, um gutes oder böses Glück
zu künden: Plagen, Dürren, Tag und Stunde;
ich kann auch nicht der einzelnen Minute
ihr Schicksal deuten: Donner, Regen, Wind;
und ob bei Prinzen ich Erfolg vermute
aus Prophetie, die ich am Himmel find.
Nein, was ich weiß, das steht in deinen Augen,
konstanten Sternen –– und was lese ich?
Daß Wahr- und Schönheit miteinander taugen,
gedeihen werden –– ändertest du dich.

Wo nicht, so wird, ich kanns prognostizieren,
dein Schicksalstag am Ende auch zu ihrem.



Aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow. (c) Passau (Karl Stutz Verlag) 2003.

Zurück zum Seiteninhalt