Volker Sielaff: Fragen an den Yeti
Rezensionen/Lesetipp > Rezensionen, Besprechungen
Marco Sagurna
Volker Sielaff: Fragen an den Yeti. Gedichte. Berlin (Voland & Quist) 2026. 116 S. 22,00 Euro.
EINE TÜTE APRIKOSEN
„Ich sah den Yeti“ titelte einst das Boulevardblatt mit den vier Buchstaben über diese Begegnung und machte damit Auflage. Nun titelt ein Dichter sein Buch „Fragen an den Yeti“. Und es sei ihm die gleiche Auflage gewünscht. Höchst selten ist Gedichtbänden das Glück hoher Auflagen beschert – so selten wie Menschen Begegnungen mit einem Yeti –, aber nun gibt es Gründe. Mögen sich die Druckwalzen für diese Lyrik schwindlig rotieren.
Als der wohl berühmteste Bergsteiger der Welt, Reinhold Messner, vor genau 40 Jahren von seinem Zusammentreffen mit dem Yeti berichtete, gab es an dieser Begegnung im Himalaya wenig Zweifel. Dass der Südtiroler Extremsportler sein Leben außergewöhnlicher Triebkraft folgend gestaltet, ist klar. Aber sein Tun hat nichts Übersinnliches. Messner ist kein Spökenkieker, er macht seine Träume wahr: fokussiert, strukturiert und hartnäckig in unmittelbarer wie unnachgiebiger Natur. Seine Begegnung mit dem Yeti vertiefte er fortan auf tausenden Kilometern Erkundungstouren durch die Welt seiner Berge. Auch mir persönlich erzählte er davon. Ihm lauschen durfte ich, als ich mit Messner auf seiner Seilbahnstation der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover für einen Zeitungsbericht verabredet war.
Dass nun auch der
Dresdener Dichter Volker Sielaff den Yeti traf, dem er auf 108 Seiten seine
poetischen Fragen stellt, daran gibt es ebenso wenig Zweifel. Wer je mit beiden
über den Yeti sprach, der weiß, dies hier ist keine süffisante Bemerkung – weder
in die eine noch in die andere Richtung. Lyriker wie Bergsteiger sind
ausdauernd, diszipliniert, ernst-haft und unnachgiebig unterwegs. Die
Bergsteigerei macht sich wie die Lyrik auf verschlungene Pfade. Und beiden ist
dabei vertrautes Gelände so wichtig wie zu erkundendes. Zu entdeckendes. Und
beiden sind es diese besonderen Begeg-nungen, die sie begeistern wie antreiben.
Kein Wunder deshalb, dass sich nun für die frische Lyriksichtung des Yeti so außergewöhnlich
viele Leserinnen und Leser interes-sieren. In Neugier, die reich belohnt wird.
Aufbereitet für poetisch
Bewanderte wie für Unbelastete auf lyrischem Ausflug, resultiert der Lohn
dieses Buches auch aus den Früchten Sielaffs, die er von seinem London
Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2022 mitbrachte. „Das Frank-O’Hara-Gedicht“
etwa. Oder dass Sielaff „Sylvia Plath in Devon“ nachspürt. Mitfühlend,
anteilnehmend, mitleidend, liebend. Das ist so viel Nähe, dass die Abwechslung
guttut, auch auf alte „Helden“ zu stoßen, die nicht so stark herantreten: „Ich
spaziere die schmalen Straßen / der Vororte entlang. / Ich warte, dass ein Ball
/ mir unversehens vor die Füße springt.“ Aber „Die Helden sind längst tot / ihr
Ruhm verblasst“.
Blühenden Lebens dagegen
greift Sielaff nach uns mit dem Buch der von ihm verehrten Kollegin Wisława
Szymborska – mag ihr Lyrikband auch schon vor fast 70 Jahren erschienen sein.
Die Verehrung hier ist in den Buchtitel gelegt. Eine Hommage an die große
Dichterin und ihren bedeutenden Lyrikband „Wołanie do Yeti“ („Rufe an Yeti“)
von 1957. Aus „Rufe an Yeti“ wird „Fragen an den Yeti“ – Sielaffs dichterischem
Selbstverständnis nach dürfte dieser Verweis kaum mehr sein als ein
Ausrufezeichen, als ein Akzent. Es macht keinen Dunst, wenn jemand nichts weiß von
Szymborskas Lyrik. Aber Sielaff, er schreibt, auch weil er liest. So huldigt er
der Nobelpreisträgerin, aber für den Zauber, den sein eigener Buchtitel verströmt,
ist das unbedeutend.
Sielaff versammelt uns
nicht vor seiner Bücherwand, um vor uns im Hauptseminar eines akademischen
Kolloquiums die Chiffren artistischer Schwurbellyrik zu knacken und bestaunen.
Wenn er uns aus dem Handapparat seines belesenen Lebens vorträgt, dann nimmt er
eines seiner geliebten Bücher in die Hand und stellt es uns vor: vom Sessel in
seinem Wohnzimmer aus, an seinem Küchentisch oder auf einem Spaziergang – egal
ob mit uns als lesende Ausflügler oder mit uns als kundige Literaten.
Sielaff spricht mit
seinem Buch, mit seinem Wesen. Das Wesen des Dichters spricht mit dem Wesen
seiner Schöpfung: Mit dem Yeti. Wo Szymborska ihren Yeti anruft, fragt Sielaff
den seinen. Und was ist sein Yeti alles! Sielaffs Poesiewesen nimmt allerhand
Strophenformen an, bringt mal viel, mal wenig auf die Waage, nimmt hier eine
prominente Gestalt an oder stellt dort eine intime vor. Sielaff will uns die
Leidenschaft seiner poetischen Expeditionen vermitteln. Impetus: mit besten
Empfehlungen.
Wir haben Teil am Leben
des Dichters. Etwa, wenn er mit Rolf Dieter Brinkmann korrespondiert: „Hier
steht ein Gedicht ohne einen Helden. / In diesem Gedicht gibts keine Bäume.
Kein Zimmer / zum Hineingehen und Schlafen ist hier in dem / Gedicht. Keine
Farbe kannst du in diesem / Gedicht hier sehen.“ Wo Brinkmann in dem (kurz nach
seinem Tod) 1975 bei Rowohlt erschienenen Jahrhundertbuch „Westwärts
1 & 2“ seine nicht enden
wollenden Antworten gibt, was „Ein Gedicht“ denn sei oder eben nicht sei, nimmt
Sielaff „Eine Tüte Aprikosen“ und stellt damit Fragen: „Muss man immer eine
erste Zeile haben, / um sich eine zweite ausdenken zu können? / Bin ich der Vater oder die Mutter dieses Gedichts? / Warum heißt
es, wie es heißt? / Was ist, wenn es auf
einmal groß wird? / Bin ich sein verbiesterter Priester oder / nur sein krummer
Kummerkasten? / Haben Zeilen Tasten? Schwarze oder / doch nur weiße? Strieze
ich mein Gedicht / oder bin ich gut zu ihm?“ Exponiert wie der Buchtitel, will
auch dieses Gedicht schon auf dem Umschlag gelesen sein, hinten. Botschaft: Ich
lese, also schreibe ich. Also bin ich. Ich bin, also lese ich. Also schreibe
ich. Und ich bin viel. Das war schon in der „Pubertät“ so: „In
der Schuldisko /
spielten wir KISS: / I was made
for lovin’ you.“
So
ist das – aber läuft ja nicht immer rund: „Ich machte die Ansagen, / du spultest fiebrig vor und zurück, / suchtest die Titel raus und
legtest auf. / In den Pausen stand ich herum / und sah den Mädchen hinterher.
// Ich hegte so meine Zweifel, / dass KISS recht hatten. / Jedenfalls, was mich
betraf.“
Keine Institutspoesie
schreibt Sielaff, er lässt sich nicht ein auf die pure Kunst zugeworfener Moden
und Aktualitäten. Die Dichte wie die Reichhaltigkeit seiner Dichtung komponiert
er autofiktional. Die Authentizität seiner lyrischen Spielräume ist jederzeit
spürbar. Und wir dürfen teilhaben, wenn ihm Allgemeingut begegnet – wie etwa
die Rockmusik von Kiss oder „Ein Bild in Oslo // Es
trägt Trauer der Schrei, /
weil ihm ein zu kurzes Leben beschieden. / Der Schrei ist geballte Ladung: /
ein Schneeball, ein Platzen in alle / Himmelsrichtungen. / Der Schrei ist / ein
Tier in Bedrängnis, / ohne Form, / ohne Rücken, / ohne Fell.
/ Körperlos ist er, der
Schrei. / Die kleinen Härchen innen / sträuben sich gegen den Orkan, / der rücksichtslos über sie
kommt. / Der Rufer versucht noch, / Atem zu holen, / er ringt schwer / nach
Luft. / Der Schrei / ist jetzt schon / nicht mehr da, / der Schrei / ist da nur
noch / ein Nichts, / das zittert.“
Wie es vielen von uns
auch ergehen könnte angesichts des wohl bekanntesten Gemäldes Edward Munchs, löst
dessen gemalte Poesie etwas aus in Sielaff. So viel, dass ihm diese Begegnung
selbst Poesie verursacht. Eine Geschriebene, die dem Gemalten standhält. Und
mehr: Die mit Buchstaben weitermalt.
So schaffen exponierte
Schöpfungen von Künstlerkollegen Sielaff‘sche Schöpfungen. Das sind erlebte Ausstellungsvitrinen
in Versen. Schön mitunter. Das Leben ist schön. Gewaltig schön. Und das Leben
ist nicht schön. Gewaltig unschön:
„Meine Mutter ist jeden Tag / einkaufen gegangen, sie
machte sich / dafür richtig zurecht, als ginge / sie zu einer Party. Nur die
Kittelschürze / behielt sie trotzdem an / unter ihrer Jacke. Das Brot //
kauften wir bei Bäcker Leunert. / Oben an der Ecke gab es einen / Konsum. Ein Kühlfach,
Kisten / mit Milch, abgefüllt / in Flaschen. Wieder zu Hause // aß sie die
Wurst gleich aus dem Papier, / ein, zwei Scheiben für den ersten Appetit. / Sie
war eine gute Partie, als mein Vater / sie kennenlernte: schlank, das Haar /
dunkel, glich sie einer spanischen / Infantin. Ich habe // ihr oft unrecht
getan, vergaß, / wie schön
sie einmal gewesen. / Als Teenager boxte ich aus Protest / ihren Arm. Ich
wollte nicht wahrhaben, / dass sie sich so gehen ließ. Sie hatte / wohl Kummer.
Mein Vater // versteckte sich den ganzen Abend / hinter dem Neuen Deutschland,
/ alle Jahrgänge. Wir hatten / gelbe Papierrollos im Schlafzimmer. // Im
Kleiderschrank verwahrte sie, / in einer weißen Handtasche, / das
Haushaltsgeld. Und ihre / alten Liebesbriefe. // In dieser Handtasche war
alles, / was sie im Leben besaß.“
Aus dem echten Leben des Dichters kommt diese „Weiße
Handtasche“ und er gibt sie uns preis als Allgemeingut. Als poetisiertes
Allgemeingut. Mütter wie Väter an sich sind Allgemeingut. Mehr oder weniger
betreffen sie alle – im Dasein wie im Fehlen. Sielaff zeigt seinen Alltag,
poetisiert schnörkellos. Wenn etwa in dem Gedicht über den Tod seiner Mutter,
Sielaff und die Trauernden aus seiner Familie nach dem gemeinsamen Schauen
einer Fernsehfolge des Krimis „Derrick“ wortlos zu Bett gehen, spüre ich mehr
Details dieses Trauertags, als sein Gedicht Buchstaben hat: „Als ich sie das
letzte Mal hätte sehen können, / habe ich sie nicht gesehen. Ich konnte mich /
auch nicht von ihr verabschieden. Niemand / hatte mir die Nachricht von ihrem
Tod übermittelt. // Mein Vater und seine zweite Frau holten mich ab. / Seltsam
betrübt nahmen sie mich am Bussteig / in Empfang.“
So überraschend wie
geschickt schreibt hier ein lebenserfahrener Virtuose, der keine Pose nötig
hat. Und dessen literarische Sprache Posen weder sucht, noch braucht. Für den
Yeti interessiert sich die Menschheit seit locker 200 Jahren. Und spürt ihm
nach aus vielerlei Gründen. An den Yeti hat Sielaff, an den Yeti haben wir alle
viele Fragen. Glasklar ist: Wir wollen ihn auch, den Yeti, „nicht finden, /
sondern gefunden werden.“ Und die „Hunde heben ein Bein, jagen Blättern und Vögeln nach.“