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Volker Sielaff: Die Eiszeitmaler

Gedichte der Woche
Volker Sielaff

Die Eiszeitmaler

Heute dachte ich nach über die Handnegative
der Eiszeitmaler.
Sie kauten die Kohle zu Krümeln in ihrem Mund,
dann spuckten sie die gespeichelte Farbe
mit Drachenmut auf die Höhlenwand.

Jedes Mal,
wenn du mir deine Skizzenbücher zeigst,
frage ich mich, wie alt die Linie sein mag, eine Erfindung
des Blicks dieser frühen Künstler. Die Eiszeitmenschen:

Hinter einem Felsvorsprung legten sie sich
auf die Lauer, bis das Wild aus seiner Deckung kam.
Manchmal warteten sie Stunden, sie hatten Zeit.
Den meisten von ihnen ging es um die Beute,
aber unter Tausend war einer, dem dié Schönheit
auffiel. Die Schönheit eines Bisons oder eines Hirsches.

Das Bild schuf sich Raum in seiner Vorstellung,
und er nahm es mit sich zum Feuer. Es ließ ihm keine Ruhe.
Seine Gedanken kreisten um Bison oder Hirsch,
ihre schöne Kontur. Mehr als ihm lieb war, spürte er
den unbändigen Willen, zu erschaffen.

Was wollte er von dem Tier: es stellen?
Wenn - dann nicht, wie die Jäger es taten!
Er wollte nicht Leben nehmen, sondern geben.
Etwas hinzufügen. Wieder und wieder
bezog er Wache an seinem Platz. In seiner Hand
ein Stück Kohle. Sein schneller, vergleichender Blick:
nicht anders als deiner, zwanzigtausend Jahre später.

Mit jedem deiner Bilder, so scheint mir,
setzt du seine Linien fort, folgst der Rückenpartie seines Bisons,
dem er im Fackelschein Leben einhauchte.

Wir wären traumlos ohne sie und deine Skizzenbücher: leer.


In Volker Sielaff: Barfuß vor Penelope. Gedichte. Dresden (edition AZUR im Verlag Voland & Quist) 2020. 112  Seiten. 19,00 Euro.


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