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Vít Malota: Kein Bild zu viel

Zeitzünder/Lyrik heute
VÍT MALOTA:
KEIN BILD ZU VIEL
(sechs Gedichte)
übersetzt von Patrik Valouch


1.
kein bild zu viel

ein spatz
nur einer

eine krähe
allein

eine pfütze
keine weitere

ein atemzug

wird denn der letzte so süß sein wie ein schluck wasser

mehr ist nicht nötig


2.
zuckerbestäubt

ungewohnt leicht
verzichtete er
auf sein letztes dessert
„bin voll“ murmelte er

dann wurde er rot
stand auf
riss sein maul auf
wurde blau
und kippte auf den boden

aus seinen haaren flocht man kränze
die die mädchen
aufs wasser ließen
sie wird sich nicht vermählen
sie wird einsam sterben


3.
druck

das atmen fällt schwer
er schleppt sich durch die gegend
ein anderer nur mit einem ruck
es herrscht ein schlechter druck

die beine tun weh
er rieb an den knien
jeden augenblick
droht es zu regnen

auf die geschwollen augen
rieb er eine salbe
und die bürste stieß er
in den brotlaib hinein

die stufen ging er auf-
wärts und schimpfte erbost auf
die regierung und auf
die dosis die verdammte dosis

jeder hat das was er verdient
und muss sich nicht den arsch abrackern wir
dagegen schuften und haben einen dreck
– es gibt keine arbeit!

die straßenbahnen fuhren nicht
ist ein streik los oder was
die leute standen
allein verwirrt herum

wir sollten auch streiken
sagte einer
und ein anderer schlug sich
den schädel am fahrplan auf

eine taube flog auf die erde
stieg feierlich in eine pfütze
schlug mit den flügeln
und blieb liegen

man kann auch zu fuß gehen
schließlich hat der mensch
fünf füße und
kopf schulter knie zehen

er stürzte durch die straßen
hielt dabei die beine fest
um sich nicht an flaschen-
scherben zu verletzen

der boden ist heiße lava
rief einer
und ein anderer prügelte auf ihn ein
bis aus den taschen sand herausrann

die leute fielen auseinander
einer nach dem anderen
wie kartenhäuser
an einem grauen tisch

ein altes gebäude
herausgeschlagene fenster
ein mit kippen
besäter boden

eine frau legte ihr kind
zwischen die stummel
um ihren bekannten zu schreiben
dass sich der zug verspätet

den ganzen tag starrten
sie dem anderen in die augen
es kam keine
antwort

…schlechter druck


4.
Nagel

hinten im Kopf
das blaue Licht einer kaputten Kontrolllampe

Vater und Sohn treiben auf dem Rücken
mit ausgestreckten Armen
und die blasse Sonne weilt über den Köpfen der Prozession

das Bildergewölbe krümmt sich
in einem einzigen Ton

hat Angst zu lauschen


5.
Ein Schmetterling

setzte sich auf den Rücken der Hand
und faltete seine Flügel

nichts weiter

er faltete nur seine Flügel,
als er sich auf den Rücken der Hand setzte


6.
die letzte

seit ihrem tod
ist alles anders
das haus gehört dem enkel
er hat schon zwei kinder
nur der opa bleibt
wird kleiner und kleiner
bis er zur bohne wird

wir gingen zum heiligen wasser
mit ihr wusch ich mir gesicht und augen
der einst freie weg
ist nun mit eichenbusch zugewuchert

es stand dort eins ein fünfstämmling
fünf bäume verbunden an der wurzel
einst stand sie dort
übrig blieb nur ein stumpf
größer als ein mensch
inmitten der waldblöße

nichts ist mehr übrig
und selbst der zerstörte weg
ist mit glattem asphalt übergossen

als junge sah ich
die eiche
die größte von allen
jahrhundertealt
man erzählte sich dass ein kerl aus dem dorfe
sie vor jahren gefällt hatte
und damit den ofen heizte
wo er sonst plastik verbrannte

wir suchten
viel weiter als sie hätte stehen können
viel weiter als ich mich erinnerte
wenn doch bloß ein stumpf übrig wäre
nichts
es wurde dunkel
nichts
es wurde dunkel
nichts
bis sie aus dem dunkel auftauchte
sie stand
der stamm platze auf aber
sie stand
ringsum zerbrochene äste
stark wie hochgewachsene bäume
sie stand

es gibt nichts mehr zu schreiben


Vít Malota (*1995): Dichter, Theaterschauspieler und Literaturkritiker.
Die ausgewählten Gedichte stammen aus: Bez obrazů navíc (Dobrý důvod 2021, dt. Kein Bild zu viel)
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